Beruhigend: der Mohn

Kochenvon Anna Neustein 29. August 2017

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Gemeinsam mit Mohn sollte man am besten auch gleich Zahnseide mitverkaufen. Oder zumindest einen Warnhinweis für Grins-Selfie-Süchtige auf der Packung aufbringen. Dem Mohn gefällt es schließlich, vor allem in gemahlener Form, im Mund ganz gut; vor allem die Zahnreihen haben es ihm angetan, hier spielt er gern Verstecken. Das ist aber auch schon das einzige, was man ihm vorwerfen kann.

Mohn, dieses so eindeutig mitteleuropäische Lebensmittel und eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, verdient vielmehr eine oder gleich mehrere Liebeserklärungen. Das dachte sich auch der Verleger Hubert Krenn, der mit seinem Team das Buch „Mohn-Klassiker. Die besten Rezepte aus Europa“ herausgebracht hat. Was Artemis, der römische Senator Petronius Arbiter oder Kleidermacher aus Mykene mit Mohn zu tun haben, ist darin auch zu lesen, interessiert uns aber weniger als die Ideen, was man mit Mohn in der Küche machen kann (offenbar ist es aber für jeden Verleger heute undenkbar, auf Wikipedia-Historisches zu verzichten).

Wir blättern weiter zu jenem Kapitel, in dem Blaumohn, Graumohn und Weißmohn vorgestellt werden und beispielhaft ein paar Mohngerichte. Wir lesen Mohnsterz, Mohnknödel, Mohnnockerl, Mohnnudeln, Mohnflecken, Mohntorten, Mohnniegelen ... Und schon sind wir ganz eingelullt von der beruhigenden Wirkung des deutschen Worts Mohn. Mohn. Moohn. Mooooohn. Ganz anders würde es Lesern einer englischen Version gehen: Geradezu aufputschend wirkt das englische Wort poppy seeds!

Der Rezeptblock des mit Liebe und Feingefühl fotografierten Buchs startet mit Füllungen aus Mohn, sieben an der Zahl. Ob für Strudel, Kipferln, Tascherln oder Knödel, mit Apfel und Vanille, mit Kirschen, mit Birne ... Und wie gut passt hier der Hinweis auf die mögliche Verfeinerung mit Birnenschnaps: Alkohol, vor allem der gute alte Inländerrum oder Sliwowitz, plus Mohn sind traditionell ein gutes Gespann. Weitere Rezepte, viele mit Herkunftsangabe versehen: Aus Ungarn kommen sowohl Flódni, ein Apfel-Mohn-Walnusskuchen jüdischen Ursprungs, der übrigens mit langem o und ohne d ausgesprochen wird, als auch die hübschen dreieckigen Hamantaschen. Aus der Ukraine stammen der dekorative Klosterhüttchenkuchen aus einem Sauerrahmteig mit Weichsel- und Mohnfülle sowie Kutja, eine traditionelle Weihnachtsspeise aus Zartweizen, Nüssen, Mohn und getrockneten Früchten. Polen steuert Kolocz Slaski bei, einen Streuselkuchen mit Mohn, Mandeln und Kokos, und Österreich wartet – natürlich! – mit seinen berühmten Mohnnudeln auf. Die auch wieder irgendwie böhmischen Ursprungs sind. Mohn bleibt eben völkerverbindend.

Rezepte im PDF Format:
Klosterhüttchenkuchen
Topfenkuchen
Ungarische Beigli
Waldviertler Mohnzelten

Hubert Krenn:
Mohn-Klassiker. Die besten Rezepte aus Europa

Krenn Verlag, 160 Seiten
19,95 Euro


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