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Die MILF-Mädchenrechnung

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 9. April 2019

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Die MILF-Mädchenrechnung

Sie sind so lüstern wie liebevoll, und sie sind im Kommen: attraktive Mütter, die trotz Elternrolle ihre Sexualität zelebrieren. Die Sexualpädagogin Katja Grach warnt jedoch vor dem neuen rotikideal: Das Bild der verruchten Mama sei in Wahrheit eine „MILF-Mädchenrechnung“.

Als die MILF das erste Mal in der Verkörperung der Mrs Robinson in dem Film „Die Reifeprüfung“ öffentlich in Erscheinung trat, sorgte das noch für einen handfesten Skandal. 1967 war die Mehrheit des Kinopublikums noch nicht bereit für jene ältere Frau, die einen deutlich jüngeren Mann verführte, um mit ihm eine reine Sexbeziehung zu haben. Dennoch traf der Streifen bereits damals wohl einen Nerv: Er spielte über 100 Millionen Dollar ein, erhielt einen Oscar und machte den blutjungen Dustin Hoffman zu einem Weltstar.

Danach wurde es zwar wieder ruhiger um die verruchten Mütter, doch im Hintergrund gewann der Typus immer mehr an Popularität, besonders in der Pornoindustrie. Und diese Industrie gab ihr schließlich auch den Namen „MILF“ – Moms I’d like to fuck. Also grob übersetzt: Mütter, mit denen ich nicht ungerne ins Bett ginge.

Inzwischen ist sie ein richtiger Pornostar. Auf den einschlägigen Seiten ist sie stets unter den Top-drei-Suchbegriffen. Alleine auf deutschsprachigen Portalen wird fast 50 Millionen Mal pro Jahr nach Luder-Moms Ausschau gehalten. Die Nachfrage ist derart groß, dass viele Darstellerinnen bei ihrem Alter schummeln – und sich älter machen! Notfalls werden aber auch Frauen Mitte 20 kurzerhand als MILF tituliert.

Dass es die versauten Mütter auch aus dem Bett herausschafften, verdankten sie abermals einem Film – und zwar dem frivol-doofen Teenie-Blockbuster „American Pie“. Darin verdreht Stifler’s Mom den Freunden ihres Sohnes gleich reihenweise die Köpfe. Im Gegensatz zur Mrs Robinson verstieß Stifler’s Mom nicht mehr gegen Konventionen – ganz im Gegenteil: Sie entsprach genau dem Zeitgeist. Die Figur wurde bald derart populär, dass sich ganze Fanclubs rund um die Parade-MILF bildeten.

Nach ihrem Auftritt in „American Pie“ eroberte die MILF auch die Populärkultur. Und legte dabei gleich ihr Porno­image ab: Medien titulierten plötzlich Promi-Frauen wie Heidi Klum, die schon kurz nach einer Geburt mit perfekter Figur und noch perfekterem jüngeren Liebhaber auftraten, als MILF. Dann wurde der Begriff generell zu einer eigenen Lifestyle-Bezeichnung von coolen heterosexuellen Mittelschichtmüttern. „Sie gebärt und zieht Kinder groß, während sie trotzdem das versaute Luder bleibt, das sie schon immer war. Sie bringt ihren Körper bereits nach der ersten Geburt schnellstmöglich in Form und sonnt sich in den Blicken anderer Mütter, Ehemänner und Pubertierender. Die Bezeichnung MILF wird zum verbalen Arschgeweih für ein Sexleben nach der Mutterschaft“, schreibt die Sexualpädagogin Katja Grach in ihrem Buch „Die MILF-Mädchenrechnung“.


Arschgeweih und Rosenbusch


Dennoch blieb der Begriff schwammig. Lediglich die Amerikanerin Sarah Maizes versuchte in ihrem – auch ironisch gemeinten – Buch „Got Milf?“, das MILF-Dasein genauer zu definieren. Demnach ist die Dame in den besten Jahren für jede Lage gerüstet: Sie trägt praktische Kleidung und ist dennoch perfekt gestylt, sie managt als geschickte Multitaskerin mit leichter Hand Job und Familie und hat stets ein liebevolles Ohr für ihre Kinder (mehr als eines, aber höchstens drei). Den Männern verdreht sie zwar die Köpfe – mehr aber meist nicht, denn sie hat ein aufregendes und dezent versautes Sexleben mit ihrem Ehemann. Sie ist also schlichtweg die perfekte Frau. Oder, wie Maizes schreibt: „MILFs sind wie Rosenbüsche. Wunderschöne, elegante, gesunde Rosenbüsche, die das ganze Jahr über rund um einen weißen Gartenzaun blühen.“

Die MILF hat auch ein böses Pendant, nämlich die durch und durch versexte Cougar. Darunter versteht man ebenfalls eine sexuell aktive Frau mittleren Alters, die allerdings kinderlos ist und auch keinerlei mütterliche Züge aufweist. Während das Liebesleben der MILF in geordneten Bahnen verläuft, gibt es bei den Cougars kein Halten mehr. Und ihre bevorzugte Beute sind junge, gutaussehende Männer. Für Maizes entspricht die Cougar gleich der „Hure des 21. Jahrhunderts“.

Dass viele Frauen mit der MILF liebäugeln, ist Grach zufolge nur zu verständlich – wenn auch nicht unproblematisch. „In einer Lebensphase, in der eine Dusche, ein warmer Kaffee oder die Möglichkeit, hinter verschlossenen Türen in Ruhe zu kacken, zum Luxusgut werden, wünscht sich eine Mutter schnell einen Funken des alten Lebensgefühls zurück. Dieses Lebensgefühl, in dem sie mehr war als ein Brutkasten, Milchstation, Aufräumerin, Taxi, Pflegerin. Egal, wie sehr sie die kleinen Menschen liebt, die aus ihr geschlüpft sind: Das Lebensgefühl ist ein anderes geworden – und zwar praktisch über Nacht. Dieses vermisste Lebensgefühl wird schwammig als ‚Frau bleiben‘ zusammengefasst – und dazu gehört, als sexuelles Wesen wahrgenommen zu werden und genau das auch auszuleben. Warum also keine MILF sein wollen? Das scheint wie ein Befreiungsschlag aus der Muttermythos-Misere. Doch zwischen dem Idealbild der MILF, die alles gebacken bekommt, sich dabei auch noch begehrenswert fühlt sowie Zeit für Sex hat, und der Realität klafft eine große Lücke“, so die Sexualpädagogin.

Was die MILF für viele so begehrenswert macht, ist, dass ihr ein Sexualleben zugestanden wird. Und das ist tatsächlich revolutionär: Denn das Abendland hat in seinen rund 2.000 Jahren Frauen – und ganz speziell Müttern – jede Begierde schlichtweg abgesprochen, vor allem das Christentum verteufelte die weibliche Sexualität. Priester und Schriftgelehrte waren wie besessen von einem madonnenhaften Frauenbild, das in der Anbetung der Jungfrau Maria gipfelte. Für dunkle Triebe war da kein Platz. Frauen hatten rein und ohne Begehren zu sein. Die weibliche Sexualität wurde ausgegrenzt: Nur Dämoninnen, Hexen und Amazonen trieben es ungehemmt. „Die Hexe verkörperte die Umkehr weiblicher Rollennormen: Statt zu schützen und zu nähren, vergiftete und tötete sie. Sie war die Kinderfresserin, die selbst nicht gebären konnte“, fasst die Historikerin Ingrid Ahrendt-Schulte zusammen. Männer mussten vor diesen verdorbenen Kreaturen selbstverständlich auf der Hut seien. Denn der sexuellen Ausstrahlung einer Hexe zu erliegen, konnte sie sogar ihren Penis kosten.

Für Frauen hatte dies zur Folge, dass ihre Sexualität in das stark regulierte Korsett der Ehe und Mutterschaft gezwängt wurde. Den Höhepunkt dieser spießigen Moral fand das viktorianische England mit dem Ideal des „Engel des Hauses“. Frauen wurde hier unterstellt, überhaupt keine sexuellen Regungen zu haben. Anstatt körperlicher Triebe wurde vielmehr das Herz der Dame befriedigt, Beischlaf diente für sie nur zum Zweck der Fortpflanzung. Ihre erotische Aufgabe in der Ehe bestand vor allem darin, den Mann in Stimmung zu bringen. Ganz getraut dürften die prüden Engländer ihrem Konzept aber nicht haben: Bis zur Hochzeitsnacht blieb jeder Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht – auch mit dem künftigen Ehemann – strikt verboten.

Erst mit der 68er-Bewegung mit ihrem Kampf für sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung gelang es den Frauen, dieses Korsett allmählich loszuwerden. Dank der Antibabypille konnten sie nun auch selbst darüber entscheiden, ob sie Nachwuchs wollten oder nicht. Jetzt waren sie erstmals in der Lage, rein aus Spaß mit Männern ins Bett zu gehen.

Die Mütter blieben aber vorerst weiterhin asexuelle Wesen. Noch bis vor wenigen Jahren brachte man nur junge Frauen mit Sexualität in Verbindung, während über Elternsex lieber geschwiegen wurde. Bis zum Erscheinen der MILF. Plötzlich wurden aus den Madonnen die neuen Sexgöttinnen.


Alles Schlampen – auch Mutti


Dass die MILF vor allem bei jungen Männern so hoch im Kurs steht, überrascht. Denn aus rein evolutionsbiologischen Gründen müssten sie sich eigentlich auf Frauen in der Blüte ihrer Gebärfähigkeit stürzen. Leider gibt es jedoch kaum ernsthafte Untersuchungen darüber. Lifestyle-Zeitschriften führen gerne an, dass ältere Frauen schon alleine wegen der Erfahrung besser im Bett sind und auch genau wissen, was sie wollen. Zudem würden sie weniger klammern als Jüngere. Doch greift das wohl ein wenig kurz. Was die MILF so begehrenswert macht, ist, dass sie zwei bisher unvereinbare Wesenszüge in sich vereint: Sie ist zugleich Heilige wie auch Hure. „Früher waren alle Schlampen außer Mutti, jetzt sind alle Schlampen – auch Mutti“, bringt es Katja Grach auf den Punkt.

Dass dies so eine Anziehungskraft auf Männer hat, hat vor allem einen Grund: MILFs sind sexuell ungefährlich. Sie wollen keine Kinder und keine Beziehung, aber verheißen die versautesten Stunden – in einer liebevoll-mütterlichen Atmosphäre. Der Psychologe Michael Petery schreibt: „Für viele junge Männer ist die Fantasie vom Sex mit einer reifen Frau vor allem deshalb interessant, weil sie hier dem Stress eines selbstgesetzten Männlichkeitsideals entkommen, mit dem sie sich bei jüngeren Frauen erheblich unter Druck setzen: nämlich dem Gefühl, als richtiger Mann immer der aktive Teil, Liebhaber und Verführer sein zu müssen. Ein solches Idealbild birgt immer die Gefahr des Scheiterns. Die unterschwellige Angst vor einer Abfuhr oder davor, in der eigenen Unerfahrenheit als lächerlich dazustehen, ist ständige Begleiterin und Kehrseite des Macho-Ideals. In der Begegnung mit der älteren Frau sind die jungen Männer dagegen selbst der umworbene Part, behutsam eingeführt in die Welt des Sex – von einer Frau mit Erfahrung. Hier kann nichts schiefgehen, hier hat der Sex eine Leichtigkeit, wie sie mit gleichaltrigen Mädchen kaum erlebt werden kann.“

Auch Grach sieht in der Kombination von Mutter und Sex das Reizvolle an der MILF: „Möglicherweise ist es auch ein bisschen ‚Mama wird’s schon richten‘ oder eine Sehnsucht nach einer Führung, bei der sich der Mann fallen lassen kann, mit in dieser Fantasie verwoben. Vielleicht ist der MILF-Hype im Porno auch nur die andere Seite der Medaille von Fifty Shades of Grey“, wie sie der taz sagte.

So positiv die sexuelle Befreiung der Mütter ist, das MILF-Phänomen geht mit einem hohen Preis einher: Die Attraktivitätstyrannei, unter der bisher vor allem junge Frauen zu leiden hatten, betrifft nun auch die älteren. Sie müssen nun nicht nur perfekte Mütter und Karrierefrauen, sondern auch noch sexuell heiß sein. „Wer diesen Katalog nicht schafft, ist unsexy – ein Heimchen am Herd, eine Glucke, eine Rabenmutter, eine ewig jammernde Alleinerzieherin, eine frustrierte untervögelte Feministin, ein Flittchen, eine Cougar, erbärmlich, verbittert, fett, hässlich, unter mangelnder Disziplin leidend und/oder eine Versagerin“, so Grach.

Dabei hat das Leben vor allem von jungen Müttern nur wenig mit dem MILF-Universum gemein. Mit entzündeten Brustwarzen, vollgekotztem Pullover und tiefen Augenringen kann man nicht unbedingt den Männern den Kopf verdrehen. Meistens sind die Frauen schon froh, wenn es in der eigenen Partnerschaft wieder wenigstens ein paar erotische Momente gibt. Hier wirkt das Bild der MILF tatsächlich wie ein Hohn.

Die MILF hat auch nicht unbedingt die Gleichberechtigung unter Partnern im Sinn: „Sie bietet scheinbar die Komplettlösung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Anerkennung, Beziehung und Attraktivität. Dabei schultert sie alle To-dos auf den Rücken der Mütter. Sie sind nun für alles zuständig. Und was ist mit den Männern?“, fragt Grach zu Recht.

Außerdem ist sie inzwischen zu einem – absichtlich unerreichbaren – Produkt geworden. Ganze Wirtschaftszweige bombardieren die neue Zielgruppe mit Werbung für Utensilien, die Muttis Platz auf der Attraktivitätsskala nach oben pushen sollen. Es gibt MILF-Smoothies, Fitnessprogramme und Diä­ten bis hin zu ganzen Modelinien. „Und so bringt auch die MILF gutes Geld für die Schönheits-, Unterhaltungs- und Pornoindustrie. Sie bietet Brot und Spiele und reicht dem antifeministischen Backlash die Hand. Die MILF hat nichts mit sexueller Freiheit zu tun, sondern mit Kalkül. Eine MILF-Mädchenrechnung eben“, resümiert Katja Grach.

Doch was nun, Mutti? Sollen Frauen wieder zu biederen Heimchen werden? Keinesfalls – sie sollen aber auch nicht in die MILF-Falle tappen. Grach rät vielmehr zu radikaler Selbstliebe: „Was wäre, wenn wir die MILF und all die anderen Bewertungsrahmen einfach mal beiseiteschieben und uns sowie den Menschen rundherum einfach so viel wie möglich gönnen? Begehen wir den radikalsten Akt überhaupt: Nehmen wir uns heraus, nicht beliebt sein zu wollen. Das bedeutet nicht, dass wir alles dafür tun, um uns bei anderen unbeliebt zu machen. Stattdessen lassen wir den Drang hinter uns, es allen recht machen zu wollen – dem Job, der Beziehung, der Elternschaft, dem Schönheitsideal, den eigenen Eltern.“

Das kann etwa damit beginnen, einen unpassenden Besuch bei den Schwiegereltern abzusagen oder mit unrasierten Beinen zum Yoga zu gehen. Wer es ein bisschen radikaler will, dem gibt Grach folgenden Tipp: „Lassen wir am Damenklo doch ein einziges Mal einen lauten Furz und verweilen anschließend nicht in der Kabine, bis alle anderen die Toilette verlassen haben.“


Zum Weiterlesen: Katja Grach „Die MILF-Mädchenrechnung: Wie sich Frauen heute zwischen Fuckability-Zwang und Kinderstress aufreiben“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 14,99 Euro.

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