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Wie ein Vampir

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 9. April 2019

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Wie ein Vampier

Unsere Autorin, eine Frau Mitte dreißig, begibt sich auf Partnersuche. Über eine Dating-App lernt sie einen Mann kennen. Sie verfällt seiner manipulativen Kraft, dann wehrt sie sich. Und findet am Ende fast zwanzig Frauen, die beinahe an ihm zerbrochen wären.

Ich bin aufgeregt, als ich die App herunterlade. Dating mit Mitte dreißig. Per Tinder. Ist das peinlich? Ich komme noch aus der Zeit des analogen Kennenlernens. Aus der Zeit der verblinzelten Momente, der verhaspelten Sätze, der kurzen Berührungen, des Anstarrens und Wegschauens. Egal. Ich bin lange Single. Und nicht auf der Suche nach der großen romantischen Liebe. Sex würde mir für den Anfang reichen. Also: Warum nicht? So lerne ich Tim im Mai 2018 kennen.

Dass diese Geschichte mit Tim so enden wird, wie sie endet, das hatte ich früh gespürt, lange nicht wahrhaben wollen und am Ende doch kaum glauben können. Sicher liegt das auch an mir selbst, vielleicht sogar daran, wie Frauen heute sind. Es liegt auch an der Art, wie wir uns kennengelernt haben. Im Internet. Vor allem liegt es aber natürlich an ihm: Tim.

Ich habe mich bis dahin nie mit einem Tinder-Match getroffen, vor Tim verliefen alle Chats im Sand. Die Online-Konversation mit ihm ist lustig, er überschüttet mich mit Nachrichten, wir tauschen Nummern aus. Auf WhatsApp geht es weiter. Er schreibt, wie außergewöhnlich er mich finde, und nennt das zwischen uns eine „besondere Verbindung“. Ich bin geschmeichelt. Er sei Philosophie-Doktorand, Mitte dreißig und lebe seit 10 Jahren in München. Ich google Tim, so wie ich alle Tinder-Männer google. Liegt vielleicht an meinem Beruf, vielleicht ist es auch ein Sicherheitstick. Über Tim finde ich: nichts. Das wundert mich. Jemand, der promoviert, hinterlässt doch Spuren im Netz? Na gut, denke ich mir, nur den Vornamen in Kombination mit seinem Studienfach und seiner Universität zu googeln, ist ein bisschen optimistisch. Dennoch: Ich habe ein merkwürdiges Gefühl, kann es allerdings an nichts konkret festmachen. Tim ist zwar oft sehr vage in seinen Aussagen, aber auch nett, schlau und unterhaltsam. Wird schon passen.

Wir vereinbaren ein Treffen, davor möchte er telefonieren. Das finde ich gut, das wertet ihn irgendwie auf. Ich denke: Wenn ich seine Stimme unattraktiv finde oder er dummes Zeug redet, spare ich mir gleich die Zeit, ihn zu treffen. Aber wir telefonieren fast drei Stunden lang. Tim ist großartig. Als wir uns zum ersten Mal sehen, vergeht die Zeit wieder wie im Flug. Tim ist gut gekleidet, sein grau meliertes Haar und sein rotbrauner Bart sind teuer gepflegt. Er hat einen bestechenden Sinn für Mode und Stil. Ich will ihn wiedersehen.

Unser zweites Date läuft so gut, dass ich bei ihm übernachte. Eigentlich wollte ich das nicht. Das geht mir zu schnell. Aber Tim überredet mich. Mir gefällt sein Engagement. Wir schlafen wenig in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen wundere ich mich über die vielen WhatsApp-Nachrichten, die auf seinem Handy aufleuchten. Aus dem Augenwinkel sehe ich: nur Frauennamen. Da ist wieder dieses ungute Gefühl.

Wenn ich heute drüber nachdenke, frage ich mich: Warum habe ich mir nicht vertraut? Wieso habe ich mich selbst übergangen? Vielleicht auch, weil ich dachte, auf neuem Terrain zu sein, online, es online mit einer anderen Art des Kennenlernens zu tun zu haben, bei der womöglich andere Codes gelten. Ich habe mehr Irritationen akzeptiert.

Tim lebt in einem kargen WG-Zimmer. Es wirkt, als wohne hier jemand, dessen Koffer bei einem Flug nicht mitgekommen ist. Er erzählt, er sei voriges Jahr zu seiner damaligen Freundin Marie nach Berlin gezogen. Gegen Maries Stiefvater, der sie als Kind regelmäßig sexuell missbraucht habe, sei zu der Zeit ein Gerichtsverfahren gelaufen. Nach wenigen Wochen des Zusammenlebens sei Marie extrem eifersüchtig geworden, habe überall gefährliche Bekanntschaften gesehen und versucht, ihn zu isolieren. Als er zu Freunden nach München geflogen sei, habe sie seinen Rückflug storniert und die Beziehung aus dem Nichts für beendet erklärt. „Völlig durchgeknallt, die Alte“, sagt Tim. Seine Sachen habe sie ihm bis heute nicht zurückgegeben. Ich bin entsetzt. Marie muss fürchterlich sein.

Nachdem Tim und ich am Mittag auseinandergegangen sind, bombardiert er mich weiter mit WhatsApp-Nachrichten: Wie wunderbar das alles sei. Er könne gar nicht glauben, dass jemand wie ich auf Tinder ist. Das gehört zum Mythos Onlinedating: dass man einander versichert, hier im unromantischen Internet die Ausnahme zu sein. Ein kollektiver Gründungsmythos. Ich sei das größte Glück, das ihm seit einer Ewigkeit passiert sei. Erst bade ich in diesen Worten, dann denke ich: Hey, wir kennen uns erst seit ein paar Tagen, mach mal halblang! Aber Tim hört nicht auf, mich mit Gefühlsbekenntnissen zu überschütten.

Tim hat viel Zeit, er arbeitet nicht. Er sagt, er sei von seinem Job in der Gastronomie, den er zuletzt gehabt habe, seit Monaten krankgeschrieben, wegen einer zurückliegenden Narben-OP. In welchem Café er gearbeitet hat, sagt er nicht, er weicht aus. Ich wundere mich, wie er jetzt sein Geld verdient. Irgendwie ist das alles seltsam. Ich stelle viele Fragen zu seinem Alltag. Da kippt die Stimmung in den WhatsApp-Nachrichten. Tim wirft mir vor, diese besondere Beziehung mit meinem Misstrauen zu zerdenken. Ich solle das nicht mit dem Verstand angehen, sondern mit dem Herzen. In meinem Kopf ist es sehr laut, seitdem ich Tim nähergekommen bin, permanent. Ich schlafe zu wenig, rauche ununterbrochen, vergesse zu essen.

Tim und ich sind wieder verabredet, eine gute Woche ist seit unserem ersten Treffen vergangen, wir schreiben einander konstant Nachrichten. Vielleicht bin ich doch verknallt? Am Abend zuvor meldet er sich auf einmal nicht mehr. Am Morgen schickt er eine Nachricht: Mein Misstrauen mache ihn fertig, er fühle sich so ungerecht behandelt, dass er mich heute doch nicht sehen wolle. Er geht nicht ans Telefon. Ich will das klären, fühle mich schuldig. Vielleicht habe ich nach so langer Single-Zeit verlernt, wie Dating funktioniert? Vielleicht bin ich übervorsichtig, um nicht verletzt zu werden? Ich suche den Fehler bei mir: Ich weiß, ich bin eine laute Frau. In meinem Leben habe ich immer wieder gehört, dass ich zu viel von allem bin, zu neugierig, zu schnell, zu direkt, zu patent. Mit seinem Vorwurf, dass ich mich nicht hingebe, erwischt er mich an einer sensiblen Stelle. Ich will nicht zu stark für die Liebe sein. Ist das nicht das, was Frauen passiert, die erfolgreich sind, Geld haben und lernen, ihre Meinung zu sagen: dass sie verlernen, sich fallen zu lassen? Ich fahre spontan zu ihm. Tim freut sich, mich zu sehen, bleibt aber distanziert.

Einige Dinge bleiben merkwürdig. Immer, wenn wir irgendwo Kaffee trinken oder etwas essen, hat er versehentlich nicht genug Geld dabei oder seinen Geldbeutel vergessen. Ich zahle jedes Mal. Natürlich fällt mir das auf, aber natürlich will ich nicht, dass das ein Problem wird. Geld ist mir egal. Ich lege großen Wert auf meine Eigenständigkeit. Tim nährt mit seinem vergessenen Portemonnaie elegant mein Emanzipationsgefühl. Er hat auch stets einen Bezug zu allem Möglichen in meinem Leben. Als er zum Beispiel bei mir zu Hause Urlaubsbilder aus Thailand sieht, erzählt er, dass er nach dem Tsunami von 2004 bei den Aufräumarbeiten geholfen habe, so viele Leichen, schrecklich. Oh, ist das nicht eine Erfahrung, die einen lange mitnimmt? Er winkt ab. Ich spreche ihn nochmal auf seine Doktorarbeit an, möchte den genauen Titel wissen. Er lenkt ab. Spricht lieber über unsere Zukunft. Wie froh er sei, dass er endlich seine Seelenverwandte getroffen habe! Ich fühle mich geschmeichelt. Und überfordert. Mir geht das wirklich zu rasant, aber loslassen möchte ich auch nicht. Ich bin lange allein. Mir wird bewusst, wie sehr ich eigentlich nach einer festen Beziehung suche. Dass Tinder dafür wahrscheinlich der falsche Ort ist, war mir klar. Aber jetzt bin ich hier mit diesem Mann, der aufs Ganze geht. Dem muss ich doch eine Chance geben. Oder? Wieder verdränge ich das ungute Gefühl.

Eine Woche später treffe ich eine Freundin. Sie erzählt, dass sie sich mit einem Freund über mein Tinder-Date, von dem ich natürlich bereits viel berichtet habe, unterhalten hat. Der Freund wurde stutzig bei der Beschreibung „Philosophie-Doktorand“: Eine seiner Kolleginnen im Friseursalon, der ihm gehört, heule sich seit Wochen die Augen aus, weil sich ihr Freund, auch ein Philosophie-Doktorand, nicht mehr melde, mit dem sie seit Januar 2018 zusammen sei. Meine Freundin zeigt dem Friseur ein Foto meines Philosophie-Doktoranden. Es ist derselbe. Mir wird schlecht. Ich spreche Tim am Telefon darauf an. Er sagt, es handle sich lediglich um eine kurze Tinder-Affäre, die mehr wollte. Er habe es leider nicht sauber beendet. Aber das sei jetzt auch egal: Ich sei krankhaft eifersüchtig! Er wolle keinen Kontakt mehr! Liebeskummer fühlt sich mit 36 genauso an wie mit 16. Gleiches Herz. Gleicher Kummer.

Am nächsten Tag rudert Tim zurück: Es sei doch etwas so Besonderes zwischen uns. Daran müsse man festhalten. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich kein Problem damit habe, dass er vor mir andere Frauen hatte, von mir aus auch via Tinder. Aber dass ich seine Reaktion auf meine zufällige Entdeckung unverhältnismäßig finde. Er entschuldigt sich. Wir telefonieren lange und treffen uns am nächsten Tag.

Ich bitte ihn, einen HIV-Test zu machen, da flippt Tim aus. Nennt mich misstrauisch und hypochondrisch. Man könne meine infantile Art nicht ernst nehmen. Dann lenkt er wieder ein und verspricht, einen Test zu machen. Am nächsten Tag meldet er sich nicht. Am übernächsten Tag leuchtet auf meinem Handy auf: „Michèle, es ist vorbei. Das kann nie mehr gut werden. Du hast es kaputtgemacht mit deiner Eifersucht.“

Da habe ich aber schon genug Zeit gehabt, um meinen Kopf freizubekommen. Ich kenne diesen Mann seit nicht einmal drei Wochen. Seither ist alles ein Drama, ständig werden meine wunden Punkte berührt: meine Einsamkeit, mein Bedürfnis nach Schutz, ja sogar meine Angst, zu stark zu sein. Das ist nicht normal. Da stimmt etwas nicht.

Am Nachmittag treffe ich eine alte Freundin und erzähle ihr von Tim. Sie erzählt von einer Bekannten, der gerade das Gleiche mit einem Mann passiert sei. Erst große Begeisterung, dann plötzlich eine andere Frau, Abbruch mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Meine Freundin fragt: „Hast du ein Foto von ihm?“ Ich zeige ihr eins. Sie erkennt eindeutig Tim wieder. Ich frage mich, mit wie vielen Frauen dieser Mann geschlafen haben muss, dass ich in so kurzer Zeit Überschneidungen in zwei völlig unterschiedlichen Freundeskreisen finde. Ich schicke ihm eine Sprachnachricht, dass ich von dieser weiteren Frau weiß. Er antwortet mit Beschimpfungen. Ich stelle Handy und Festnetz aus.

Dennoch bin ich völlig verunsichert. Ich frage mich, ob ich beziehungsunfähig bin. Ob Tim doch recht hat, dass ich mit meinem Misstrauen jegliches gute Gefühl im Keim ersticke. Immer wieder sagte er, ich würde mir und ihm kein Glück gönnen. In meinem Kopf ist Chaos.

Dann fällt mir diese verrückte Ex-Freundin aus Berlin ein, von der er erzählt hat. Er hatte mir sogar ihr Instagram-Profil gezeigt. Ich habe den Drang, sie auf diesem Weg zu kontaktieren. Kurz hadere ich. Es ist ja schon übergriffig. Ich schreibe ihr trotzdem. Die Frau antwortet sofort. Ich solle sie anrufen.

Es ist der Moment, wo ich etwas über diesen Mann Tim lerne, mehr von ihm erfahre, als er jemals wollte. Aber auch etwas über mich, über Frauen und über das, was Liebe anrichtet. Heute nenne ich diesen Moment die „Tinder-Peripetie“, angelehnt an die Begrifflichkeit der aristotelischen Dramenlehre. Man bezeichnet damit den entscheidenden Wendepunkt im Schicksal eines Menschen. Wenn Glück in Unglück umschlägt oder andersrum. In meinem Fall wird aus einem rasanten Tinder-Date in München ein flächendeckendes Drama in ganz Mitteleuropa. Marie ist der Anfang der Aufdeckung einer Lebenslüge. Und einer perfiden Lust an der Zerstörung von Frauen und ihrem Leben.

Marie, heute Ende zwanzig, lernt Tim im Sommer 2016 auf Instagram kennen. Ständig lobt er ihre Fotos. Spricht von großen Gemeinsamkeiten. Er habe gleich gewusst, dass sie etwas Außergewöhnliches sei. Zwischen ihm und ihr sei eine besondere Verbindung. Marie, die in Berlin lebt, besucht Tim Ende November 2016 in München. Er wohne noch mit seiner Ex-Freundin zusammen, sagt er, weil es in München so schwer sei, eine neue Wohnung zu finden. Jene Ex-Freundin sei verreist. Marie und er verbringen ein inniges Wochenende. Marie reist zurück. Danach meldet sich Tim plötzlich gar nicht mehr – oder ununterbrochen. Die beiden streiten sich oft, Marie geht das zu schnell, Tim erwartet zu viel Aufmerksamkeit. Sie bricht den Kontakt ab. Im Frühjahr 2017 meldet er sich wieder, bedauert, dass ihre Liebe keine Chance gehabt habe, und erzählt, dass er ständig an sie denke. Seine Ex-Freundin sei endlich ausgezogen.

Marie besucht ihn im Frühsommer wieder. In seiner Wohnung entdeckt sie Dinge, die ganz offensichtlich einer Frau gehören. Tim erklärt, er habe das Arbeitszimmer an eine befreundete Anwältin vermietet, um bei der Miete entlastet zu sein. Er habe Psychologie und Philosophie studiert, das Studium aber wegen eines lukrativen Jobs in der Marketingbranche abgebrochen. Er helfe diversen gastronomischen Betrieben in München und Innsbruck, ihre Gewinne zu maximieren. Aktuell arbeite er regelmäßig in Österreich an einem Projekt.

Das Projekt platzt angeblich, Tim möchte einen Neuanfang. Er zieht im Oktober zu Marie nach Berlin. Dort wirft er ihr bald vor, keine Zeit für ihn zu haben und mit ihrem Misstrauen die Beziehung zu zerstören. Er habe alles für sie aufgegeben. Er beginnt, sie in unpassenden Situationen zu begrapschen, und nennt sie verklemmt. Als sie sich wehrt, wirft er einen Schlüsselbund nach ihr.

Tim weist Marie immer wieder ohne Anlass darauf hin, dass sie seine Sachen nicht anfassen soll, und versteckt akribisch sein Handy. Eines Morgens aber vergisst er es am Ladekabel, als er duschen geht. Marie öffnet Tims WhatsApp. Das, sagt sie selbst, sei gegen ihre Natur. Ich bin Journalistin, ich bin gewohnt, dass Leute auch Dinge sagen, von denen sie glauben, dass man sie hören will. Soziale Erwünschtheit heißt das. Wissenschaftlern versaut das jede Studie. Aber als Marie das sagt, verstehe ich, dass er sie auch so verletzt hat wie mich. Sie dazu gebracht hat, anders zu sein, als sie wirklich ist. Ich glaube ihr. Und ihre Vermutung wird bestätigt: Sie liest eindeutige Nachrichten an eine andere Frau. An diesem Tag will Tim, lange geplant, nach München fliegen, um Freunde zu besuchen. Marie bringt ihn zum Flugsteig, um sicherzugehen, dass er wirklich an Bord geht. Als er in der Luft ist, sagt sie seinen Rückflug ab. Sie hatte seine Reise mit ihrer Kreditkarte bezahlt, deswegen kann sie stornieren.

Zu Hause findet Marie in seinen noch unausgepackten Kartons Unterlagen vom Jugendamt. Tim hat demnach ein Kind im Teenageralter, für das er nie Unterhalt bezahlt hat. Offenbar ist sein Name das Einzige, was an ihm stimmt. Seine Geburtsurkunde liegt obenauf. Bis heute ist sie auch das Einzige, was an ihm nicht infrage zu stellen ist. Der Rest ist die ganze Bandbreite von Lebensfehlern, Lügen und einem geistigen Gefängnis. Marie entdeckt auch eine ärztliche Diagnose über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die Tim attestiert wurde, nachdem er sich vor ein paar Jahren selbst in die ambulante Psychiatrie hatte einweisen lassen. Er schuldet der Krankenkasse und verschiedenen Ärzten wohl mehrere zehntausend Euro. Miete zahlt er bei Marie nicht.

Marie zeigt Tim wegen Betrugs und sexueller Nötigung an. Das Verfahren gegen Maries Stiefvater hat es nie gegeben, sexuell missbraucht wurde sie auch nicht. Mehreren Aufforderungen, seine Sachen bei ihr abzuholen, kommt er nicht nach. Die meisten Möbel, die er mitgebracht hat, gehören einer Ex-Freundin von ihm. Marie macht sie ausfindig, sie heißt Bianca. Marie sagt, ich solle diese Bianca auch einmal anrufen, das sei eine sehr harte Geschichte. Zuerst aber gibt sie mir Leilas Nummer.

Es ist, als hätte jemand Säure über mein Herz geschüttet. Es tut nicht mehr weh. Ich bin nur wütend. Das, was Tim macht, ist eine moderne Form von Heiratsschwindelei. Heute, im Tinder-Zeitalter, nennt sich das „Love Scamming“. Auch in Deutschland häufen sich diese Fälle, seit es Tinder, Bumble, OkCupid und Instagram gibt. Zu leicht ist es, ein Scheinleben zu erfinden. Schnell ist so ein Profil mit interessanten Eigenschaften ausgefüllt. Aber das muss man doch merken? Nein, bei der Dreistigkeit der Beschönigungen und Lügen, die Tim an den Tag legt, hat man gar keine Zeit dazu, draufzukommen. Sein Tempo ist atemberaubend. Der Künstler Hape Kerkeling sagte mal über seine Rolle des Horst Schlämmer: „Das Wichtigste, was ich gelernt habe: Dreistigkeit siegt. Man muss einfach nur Dinge behaupten – und schon hat man gewonnen.“ Bei Kerkeling klingt das zynisch, aber lustig. Das, was Tim macht, ist nicht lustig.

Schon während des Telefonats mit Marie weiß ich wenigstens: Ich bin nicht verrückt. Tim hat versucht, auch mich psychisch zu zerlegen, hörig zu machen, zu manipulieren, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin und was geschieht. Und das in nur drei Wochen. Ich bin entsetzt. Über mich. Über ihn. Dann telefoniere ich mit Leila.

Leila, heute Mitte dreißig, lernt Tim 2015 auf Tinder kennen. Sie haben eine lockere Affäre, treffen sich unregelmäßig über ein Jahr hinweg. Tim erzählt, er habe Philosophie studiert, aber abgebrochen. Ein lukrativer Job in Zürich habe ihm diese Entscheidung leicht gemacht. Er würde aber gerne noch Physik studieren. Leila ist türkischstämmig. Oft hat sie das Gefühl, sich als Frau mit Migrationshintergrund beruflich doppelt beweisen zu müssen. Im Nachhinein, sagt sie, scheint es, als habe er diesen wunden Punkt gleich erkannt: Sie möchte ernst genommen werden. Er macht ihr immer wieder Komplimente zu ihrem Job als Anwältin.

Wenn sich die beiden treffen, gehen sie fast immer zu ihr. Tim überschüttet sie entweder mit Nachrichten oder meldet sich lange nicht oder nur knapp. Die Ähnlichkeiten zu Maries und meiner Geschichte sind frappierend. Irgendwann beichtet er Leila, dass er eigentlich eine Freundin habe. Die Beziehung sei schon lange vorbei, aber diese Bianca habe psychische Probleme und sei eine Trinkerin. Da ist es wieder: „Völlig durchgeknallt, die Alte!“ Er sei nur so lange bei Bianca geblieben, um sie vor sich selbst zu schützen. Jetzt könne er nicht mehr, er habe sich getrennt. Auch weil er gemerkt habe, wie wichtig ihm Leila und diese besondere Verbindung seien. Immer sind die Frauen verrückt, ich schäme mich, dass ich ihm genau das geglaubt habe. Diese Geschichten, in denen Frauen klischeehaft sind.

Leila zieht bei Tim ein. Sie ist schon länger Single und findet, Mut gehört zur Liebe dazu. Sobald sie eingezogen ist, fasst er sie nicht mehr an. Straft sie mit Schweigen. Wirft ihr vor, keine Zeit für ihn zu haben, will sie aber auch nie begleiten, wenn sie mit Freunden ausgeht. Leila sucht den Fehler bei sich, wird aber auch misstrauisch. Ständig hängt er am Handy.

Sie beginnt, Bilder von sich und ihrer Familie nach einem bestimmten Muster im Wohnzimmer aufzustellen. Jedes Mal, wenn sie übers Wochenende weg war, stehen diese Bilder falsch da, anders. Als hätte sie jemand weggeräumt und dann wieder aufgestellt. Auch findet sie leere Weinflaschen. Tim trinkt nicht. Zu groß ist seine Sorge, sagt er, die Kontrolle zu verlieren. Im Nachhinein ist das klar: Wer betrunken ist, kann an einem ausgeklügelten Lügenkonstrukt nur schwer festhalten. Irgendwann fällt Leila ein Hartz-IV-Bescheid auf Tims Namen in die Hände. Plötzlich ergibt alles Sinn. Leila trennt sich.

Beim Auszug findet sie ein Notizbuch mit Frauennamen, dazugehörigen Stadtteilen und Kurzanalysen ihrer Persönlichkeiten. Tim führt Buch über seine Liebschaften, damit er nicht durcheinanderkommt. Leila zeigt Tim an, weil er sie um viel Geld gebracht hat. Doch das Verfahren wird eingestellt: Leila kann nicht beweisen, dass sie ihm Geld geliehen und ständig die Miete vorgeschossen hat. Die Miete wurde – mit ihm abgesprochen – von ihrem Konto abgebucht, alles, was sie ihm sonst lieh, gab sie ihm in bar. Am Ende unseres Telefonats mailt Leila mir Biancas Nummer.

Ich bin fassungslos. Tim macht das mit System. Eine Freundin leiht mir ein Buch, das mir noch mehr die Augen öffnet: „Psychopath Free“ von Jackson MacKenzie. Darin werden gleich zu Beginn 30 Merkmale aufgelistet, an denen man Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkennt. Alles passt auf Tim.

Gespräche mit Psychologen und Ärzten bestätigen meine Vermutung. Menschen wie Tim höhlen die Identität ihres Opfers durch ständiges Infragestellen und Schuldzuweisungen systematisch aus. Dabei stellen sie sich selbst immer über andere. Ihnen fehlt jegliche Empathie. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung resultiert aus einer Not: der Not, sich selbst nicht genug zu sein. Durch Überhöhung, Hochstapelei und Degradierung anderer kompensieren die Betroffenen das. In Beziehungen überschütten sie ihren Partner zuerst mit Aufmerksamkeiten, Komplimenten, Dauerkontakt. Sobald sich der Partner auf die Beziehung fest eingelassen hat, beginnt die Zerlegung. Sie haben ein gutes Gespür für die Wünsche und Bedürfnisse des anderen und machen ihn sich gefügig, indem sie diese entweder im Überfluss geben oder aber komplett verweigern.

Diese Form der Persönlichkeitsstörung könne nicht geheilt werden, sagen Experten. Ganz kurz habe ich Mitleid mit Tim. Diese Axt, die da offenbar sein Gehirn spaltet, wird dort immer stecken bleiben. Er wird nie erfahren, wie sich Liebe und Mitgefühl anfühlen. Wie schön und warm das Leben ist, wenn einen die richtige Person im Arm hält. Dann sagt eine Ärztin, die sich mit dieser Art Persönlichkeitsstörung schon sehr lange beschäftigt, zu mir: „Frau Loetzner, Sie brauchen mit ihm kein Mitleid zu haben. Verzeihen Sie lieber sich selbst.“ Ich nicke stumm. Und weiß doch, das wird ungleich schwerer.

Ich rufe Bianca an. Als Tim erstmals Bianca auf Instagram kontaktiert, ist sie noch minderjährig. Ein Jahr lang schreiben sie einander viel, er macht ihr Komplimente. Tim hält Bianca mit Textnachrichten so auf Trab, dass sie sich von Freunden und Familie entfernt. Er bestätigt ihr ständig, dass sie besonders reif sei für ihr Alter und dass ihr Umfeld sie nicht sehe. Nach dem Abitur zieht sie zu ihm nach München, in seine WG. Mit zwei Koffern. Ihre Familie ist skeptisch, lässt sie aber gehen. Bianca kommt aus einem harmonischen Elternhaus. Mutter und Vater vertrauen ihr, wollen sie ihre Erfahrungen machen lassen. Sie sucht mit ihm gemeinsam eine neue Wohnung für sie beide. Bianca kümmert sich ununterbrochen um ihn, er kann monatelang nicht arbeiten. Zwei Jahre lang zahlt sie die Miete von 1.200 Euro fast allein, hat als Studentin zwei Nebenjobs. Tim arbeitet nie.

Immer wieder hat sie das Gefühl, Tim betrüge sie. Erst denkt sie, sie sei paranoid. Dann stellt sie ihm ähnliche Fallen wie Leila. Sie beginnt, ihre Schuhe in einer bestimmten Reihenfolge im Flur zu platzieren. Oft sind sie, wenn sie nach Hause kommt, weggeräumt. Sie findet fremde Haare im Bett, ausgetrunkene Weinflaschen, wenn sie über Nacht weg war, eindeutige Nachrichten auf seinem Handy. Sie stellt ihn zur Rede, Tim streitet alles ab.

Im Frühjahr 2017 trennt sich Bianca nach drei Jahren Beziehung. Er beschimpft sie. Als sie das Haus verlassen will, nimmt er ihr Schlüssel und Handy weg und sperrt sie eine ganze Nacht – mit ihm – in der Wohnung ein. Zu diesem Zeitpunkt ist Bianca zwanzig Jahre alt, Tim Anfang dreißig. Ein Alkoholproblem hatte sie nie – eine Erfindung von Tim, um sie schlechtzumachen. Bianca zieht aus und zeigt ihn wegen Nötigung an. Das Verfahren wird eingestellt: Aussage gegen Aussage.

Ich erstelle für uns vier Zufallsfreundinnen eine WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Aufs Maul“. Ich bin irre wütend, dass jemand wie Tim immer wieder davonkommt. In der Chat-Gruppe vergleichen wir Chat-Verläufe und rekonstruieren erst die vergangenen zwei, dann fast 10 Jahre. Die gleichen Sätze, die gleichen Tricks, die gleichen Vorwürfe. Aber es gibt auch Momente von grotesker Komik in unserem Gruppen-Chat. Lange sparen wir das Thema Sex aus. Zu ekelhaft fühlt es sich an, mit so einem Mann geschlafen zu haben. Dann schreibt eine von uns: „Können wir hier bitte auch mal über intime Details sprechen?“ Eine andere: „Ich dachte schon, nur ich finde einiges merkwürdig.“ Wir sind an einem Punkt, an dem wir lachen können. Immerhin. Und noch besser: Tim scheint ein ganz trophäenhaftes Beuteschema zu haben. Die drei Frauen sind klug, gebildet, witzig und erfolgreich in ihrem Job. Ich reihe mich nicht in eine Ansammlung von naiven Dummchen ein.

Ich mache zusammen mit diesen drei 15 weitere Frauen ausfindig, die Tim um viel Geld und ihren halben Verstand gebracht hat. Nur Bianca, Leila und Marie erlauben mir, meine Gespräche mit ihnen für diesen Artikel zu nutzen. Sie wollen nicht, dass ihre Cousine, ihre Freundin, ihre Tochter eines Tages das nächste Opfer ist. Den anderen Geschädigten ist es zu peinlich, dass sie auf diesen Hochstapler reingefallen sind. Am liebsten wollen sie die ganze Tim-Episode aus ihrem Leben streichen. Ihr Geld sehen sie eh nie wieder, Tim bezieht Hartz IV, offenbar immer noch.

Tims typisches Date funktioniert so: Am Tag Kaffee trinken, am Abend in eine Bar gehen, die möglichst nicht in der Münchner Innenstadt liegt, damit man niemandem begegnet, danach bei der Frau übernachten und mit ihr am nächsten Tag an die Osterseen fahren. Dort erzählt er, dass das sein besonderer Ort und er noch nie mit einer Frau hier gewesen sei. Um aktuelle und frühere Liebschaften zu kontrollieren, richtet er Fake-Profile ein: Er startet unter falschem Namen Chats und versucht so herauszufinden, was die Frauen gerade machen. Er überwacht sie – auch die Verflossenen, um zu sehen, ob sie ihm auf die Schliche kommen. Er chattet, mailt und tindert den ganzen Tag. Am liebsten sitzt er auf der Bank auf dem Grünstreifen vor dem Haus, in dem er wohnt. Da hat er noch W-Lan, seine Handykosten muss er im Blick behalten. Würde das Smartphone gesperrt, hätte er nichts mehr zu tun.

In seinen angeblichen Biografien taucht immer wieder das Philosophiestudium auf, wahlweise Physik oder Psychologie. Dass ich ihn zu Beginn unserer Liaison nicht googeln konnte, ist klar: Tim hat alles aus dem Netz gelöscht, was Hinweise auf seine tatsächliche Vita geben könnte. Bis auf ein leeres Xing-Profil und einen ebenso rudimentären Facebook-Account gibt es nichts – außer sein wohlkuratiertes Instagram-Profil, auf dem er sich als hipper Philosophie-Doktorand und Musik-Nerd zelebriert. Um Frauen mit seinem Physikwissen zu beeindrucken, hat er Harald-Lesch-Folgen auswendig gelernt. Für Belege seiner psychologischen Kennerschaft zitiert er aus der US-Serie „Lie to Me“. Woher ich das weiß? Als die Beziehung zu ihm beendet war, sah ich mehrere Folgen der Serie – und erkannte ganze Satzfragmente wieder. Unsere Chat-Gruppe bestätigt meinen Verdacht. Bianca erzählt, er sei süchtig nach dieser Serie gewesen, Leila sagt das Gleiche über Harald Leschs „Kosmos“.

Tim hat nie eine Universität besucht. Er hat gar kein Abitur. Wir Frauen in der Chat-Gruppe haben wirklich alles zusammengetragen, was wir finden konnten. Um diese Chronologie zusammenzupuzzeln, halfen uns die vielen Unterlagen, die er bei Marie, Bianca und Leila zurückließ. Aber auch die Gespräche mit den Frauen, die hier nicht auftauchen wollen.

Bis heute lässt Tim nicht davon ab, uns in unregelmäßigen Abständen zu kontaktieren und uns zu drohen – oder zu schmeicheln. Wir ignorieren das.

Einmal konfrontierte ich ihn, nachdem es zwischen uns vorbei war, damit, dass ich weiß, dass er nie studiert hat. Tim hat mich angeschrien: Ich würde spinnen! Wer sich mit Persönlichkeitsstörungen auskennt, sagt, es würde nicht helfen, Tim darüber zu informieren, was wir jetzt über ihn wissen. Das erfundene Studium, die angebliche Bankkarriere, die Schulden, die Arbeitslosigkeit, das Kind, für das er nichts bezahlt.

Marie heißt nicht Marie, auch Bianca und Leila heißen anders. Und Tim heißt nicht Tim. Seinen echten Namen könnte ich hier nicht erwähnen, ohne dass mir juristische Folgen drohen. Wie gern würde ich schreiben: Liebe Frauen, trefft euch nie mit dem Mann namens … ! Es liegen und lagen gegen Tim laut diversen Frauen mehrere Anzeigen wegen Nötigung, Betrug, Falschaussage und Verleumdung vor.

Ich habe durch Tim viel über mich gelernt. Ich weiß jetzt, wo meine wunden Punkte sind – und was ich suche. Viele der Frauen, die ich traf, hatten seit Tim keinen Partner mehr. Angst, Unsicherheit und Enttäuschung sind noch lange da, nachdem er verschwunden ist. Ich habe nicht aufgehört zu daten. Aber ich bin vorsichtiger. Tim ist nun eben Teil meiner Geschichte. Und ich will mit meiner Offenheit auch zeigen, dass er mich genauso wenig gebrochen hat wie Marie, Leila und Bianca. Mein Herz ist nicht kaputt.


Anmerkung: Michèle Loetzner hofft, dass sich auf diesen Beitrag hin noch weitere Frauen melden, denen es ähnlich ergangen ist. Zuschriften erreichen Loetzner über unsere Adresse redaktion@relax-guide.com. Von dem Honorar für diesen Artikel fuhr sie übrigens mit Marie, Bianca und Leila in den Urlaub.

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