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Im Tal der teuren Autos

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 3. Februar 2020

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Im Tal der teuren Autos

In Italiens Motor Valley, zwischen Parma und Bologna, werden viele der teuersten Flitzer der Welt in Kleinserien gebaut: Ferrari, Lamborghini, Maserati, Pagani, Ducati. Ein Paradies für Autofans, Liebhaber alter Städte, aber auch für Gourmets. Hier findet man das derzeit beste Restaurant der Welt, hier ist die Heimat des Parmaschinkens, des echten Balsamico, des Lambrusco und des Parmigiano Reggiano. Bella Italia vom Feinsten!

Signore Anselmo Chiarli ist ein eleganter, höflicher Herr mit grauen Haaren, der gerade über den Hof seines wunderbaren Weinguts schlendert. Der Gutsbesitzer könnte sich mühelos einen neuen Ferrari kaufen, er tut es aber nicht. Denn Herrn Chiarlis Leben dreht sich hauptsächlich um das feine Perlgeräusch beim Einschenken eines guten Lambrusco.

20 Millionen Flaschen jährlich produzieren Signore Chiarli und sein Bruder von dem für die norditalienische Emilia-Romagna typischen, kräftig perlenden Rotwein. „Das Weinmachen ist kein Geschäft wie jedes andere“, sagt Herr Chiarli lächelnd, „es ist eine Leidenschaft, una grande passione.“ Seinen besten Lambrusco namens „Fondatore“ hat der britische Wine Spectator erst vor wenigen Monaten auf die Liste der weltweit aufregendsten 100 Weine gesetzt. Aber mehr noch als die Auszeichnung freut den Lambrusco-König, dass die fünfte Generation der Chiarlis schon in den Startlöchern steht, um das seit 1860 bestehende Weingut zu übernehmen.

Das ist das Wunderbare an Italien: dieser Mix aus Tradition und Moderne, aus historisch gewachsenen Stadtzentren und kühnem modernen Design. Keine 20 Minuten vom Weingut der Chiarlis entfernt kann man das Lebenswerk eines Mannes bewundern, der in den 1920er Jahren Testfahrer für Alfa Romeo war. Sein Name: Ferruccio Lamborghini. Er liebte Motoren, hatte im Weltkrieg II bei der Luftwaffe als Mechaniker gedient und erkannte bald seine unternehmerische Chance: den damaligen Mangel an Traktoren in Italien. Aus ausrangiertem Militärgerät baute der in Modena Geborene, dessen Bildung nur aus vier Jahren Volksschule bestand, seine ersten Traktoren und wurde in der Folge mit seinen Landmaschinen steinreich. So reich, dass er sich einen Ferrari leisten konnte. Wie aber kam es, dass der Traktorbauer Lamborghini begann, Sportwagen zu bauen? Historiker meinen: durch Demütigung.

Lamborghini fand nämlich, dass sein Ferrari erstens zu laut und dass zweitens die Kupplung einfach Mist sei. Es kam zu einem folgenschweren Treffen. Der unzufriedene Ferrarifahrer Lamborghini empfahl dem renommierten Sportwagenfabrikanten Enzo Ferrari, bessere Autos zu bauen. Der wiederum meinte, von einem dahergelaufenen Traktorfahrer lasse er sich nichts sagen. Daraufhin – so wird erzählt – entschloss sich Lamborghini wutentbrannt, selbst zur Tat zu schreiten. 1962 begann er in Sant’Agata, einem Dörfchen unweit von Modena, eigene Sportwagen zu produzieren. Er verpasste ihnen ein vielsagendes Logo: einen Kampfstier. Anfangs belächelt und verspottet, gelang es ihm bald, Ferrari Paroli zu bieten. Frank Sinatra kaufte sich einen Lamborghini mit Leopardenfellinterieur und erklärte, einen Ferrari fahre einer, der etwas sein wolle, einen Lamborghini hingegen einer, der schon jemand ist.

Heute wird hier der drittteuerste Sportwagen der Welt gebaut: der Lamborghini Veneno Roadster. Mit seinen 740 PS ist er für rund vier Millionen Euro zu haben. Günstiger ist hingegen der Eintritt in das Lamborghini-Museum plus Werksbesichtigung. Es ist eine ungewöhnliche Fabrik, nämlich so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Fahrerlose Wägelchen bewegen sich wie von Geisterhand durch die Hallen, und die Arbeiter sehen aus wie Raketentechniker.

Wir sind mitten in Italiens berühmtem Motor Valley gelandet. Aufgefädelt wie auf einer Perlenschnur findet man zwischen Parma, Modena und Bologna vier legendäre Rennstrecken (wie zum Beispiel Imola) und sieben weltberühmte Motorenikonen wie Ferrari, Lamborghini, Maserati, Pagani und auch den Motorradhersteller Ducati. Es ist das Land des Slow Food ebenso wie das Land der Fast Cars. 11 spannende Automuseen und 19 eindrucksvolle Kollektionen lassen hier die Herzen von Enthusiasten höherschlagen.


Im Tal der teuren Autos

Alljährlich im Mai ist die Emiglia-Romagna zudem der Hauptschauplatz des schönsten Autorennens der Welt: der Mille Miglia. Man sagt, man könne bei diesem großartigen Oldtimerrennen zwischen Brescia und Rom und retour, bei dem im Vorjahr 450 Wagen dabei waren, den Reichtum der Besitzer praktisch schon am Geruch des Auspuffs erkennen. Es ist in der Tat ein „Schaurennen“ der Millionäre, denn ein Rennen im eigentlichen Sinn ist es längst nicht mehr. Heute geht es bei der Mille Miglia nur um das Vergnügen. Bei den frühen Rennen zwischen 1927 und 1957 war das freilich ganz anders: Die schnellsten Fahrer bewältigten die 1.800 Kilometer (1.000 Meilen) in rund 10 Stunden. Heute lassen sich die betuchten Automobilisten gute drei Tage Zeit. Der Sieg ist nichts, sehen und gesehen werden hingegen alles.

Wir aber machen uns auf den Weg nach Maranello, 18 Kilometer von Modena entfernt, wo motorbegeisterte Besucher eine auch architektonisch beeindruckende Kultadresse finden: das Enzo-Ferrari-Museum. Es handelt sich um eine mehr als ungewöhnliche Kombination: Neben dem aufwendig restaurierten Geburtshaus von Enzo Ferrari aus dem 19. Jahrhundert breitet sich ein futuristischer Bau aus, dessen knallgelbes, geschwungenes Dach dem Kofferraum eines Ferraris nachempfunden ist. Auf 2.500 Quadratmetern kann man dann in einer Welt aus alten und ganz neuen Ferraris schwelgen und in einem Video der Geschichte des Firmengründers folgen.

Unweigerlich stellt man sich irgendwann die Frage: Warum sind Italiens Luxusautobauer allesamt ausgerechnet zwischen Parma und Bologna zu finden? Der Grund ist – mit großer Wahrscheinlichkeit – höchst simpel, auch wenn er bereits mehr als 2.000 Jahre zurückliegt. Damals bauten die Römer eine Straße vom norditalienischen Piacenza bis ins heutige Rimini: die Via Emilia. Römerstraßen – sie wurden gepflastert und hatten einen 100 Zentimeter tiefen Unterbau – waren echte Qualitätsarbeit und trotzten dem Zahn der Zeit. So auch die Via Emilia, die pfeilgerade von Parma nach Bologna führt.

In den Frühzeiten des Automobilbaus, als es noch kaum Rennstrecken für Testfahrzeuge gab, war so eine gerade, damals weidlich wenig befahrene Straße quasi ein Geschenk des Himmels an die Unternehmer. Zugleich war die gute Infrastruktur auch Anreiz für andere Industrien. Im Motor Valley findet man zum Beispiel das Zentrum der italienischen Fliesenindustrie genauso wie den größten Pastahersteller des Landes, Barilla. So kam es, dass die Emiglia-Romagna zu einem der reichsten Landstriche Europas wurde.

Kein Wunder also, dass man das derzeit beste Restaurant der Welt genau hier findet. Laut der „World’s 50 Best Restaurants List“, die seit 2002 weltweit erstellt und alljährlich in London verlautbart wird, ist die Osteria Francescana im Herzen von Modena die ungeschlagene Nummer eins. Auf 12 Tischen mit sorgfältig gebügelten Tischtüchern und eindrucksvoll poliertem Tafelsilber überrascht Küchenchef Massimo Bottura mit Gerichten, die Italiens Produkte und Landschaften wie moderne Kunstwerke widerspiegeln sollen.

Bottura ist natürlich auch ein Meister des Marketings. Nicht selten tragen doch Kunstwerke – ebenso wie Gerichte – ziemlich phantasielose oder gar plumpe Namen. Nicht so bei Meister Bottura, wo man als Gast etwa eine Vorspeise wählen kann, die sich „Ein Aal, der den Po hinaufschwimmt“ nennt. Hauptgänge heißen beispielsweise „Dieses kleine Schweinchen ging zum Markt“ oder „Wir überlegen noch, welchen Fisch wir servieren“. Wer sich das Auswählen ersparen will, kann sich für 290 Euro ein zwölfgängiges Degustationsmenü gönnen.

Allerdings: Um die drei bedeutsamsten kulinarischen Schätze der Region – den echten Balsamico, den Parmesankäse und den Parmaschinken – mit Genuss zu erkunden, muss man nicht unbedingt in die Welt der Chichi-Küche eintauchen. Es genügt der Besuch eines kleinen Delikatessengeschäfts in der Altstadt von Modena, gleich beim Dogenpalast, in der Via Farina 75. Über dem Eingang ist hier zu lesen: „Premiera Salumeria Giuseppe Giusti“, es handelt sich um den ersten Salamiladen Modenas. Da wir nicht in Dubai oder Manhattan sind, ist dieses Delikatessenparadies auch richtig alt. Es wurde im Jahr 1605 eröffnet und ist nur ein kleiner Teil eines Unternehmens, das nun schon seit unglaublichen 17 Generationen in den Händen einer Familiendynastie ist. Giusti ist nicht nur der älteste Salamihersteller der Stadt, sondern auch die älteste Acetaia, also Balsamico-Manufaktur, Modenas. Und das heißt etwas, ist doch Modena die Welthauptstadt für Balsamico-Essig. Also Essig, der nicht wie üblich aus Branntwein oder Wein fabriziert wird, sondern aus eingekochtem Traubenmost. Natürlich nicht aus irgendeinem Traubenmost von irgendwo, sondern aus dem Most der weißen Trebbiana-Trauben, die auf den Hügeln rund um Modena wachsen.

Die Schatzinsel der Balsamico-Hersteller ist die Gegend um Castelvetro, wo man seit Jahrhunderten eine spezielle Rebsorte für Balsamico-Essig kultiviert. In Modena setzen viele Bewohner selbst Balsamico-Essig an, der in einem Fässchen dann mindestens zwanzig Jahre reifen sollte. Vielfach hochgehaltene Tradition ist es jedenfalls, dass Eltern und nahe Verwandte bei der Geburt eines Kindes ein Fass Balsamico ansetzen. Ist der Sprössling erwachsen, dann gibt es ein wertvolles Essiggeschenk, für das man im Handel bereits ein kleines Vermögen zahlen würde.

Nicht ganz so lange dauert die Reife beim Parmigano Reggiano, dem würzigen Hartkäse, dessen Heimat ebenfalls die Landschaft zwischen Parma und Bologna ist. Schon nach einem Jahr kann man ihn getrost essen, nach 24 Monaten gilt er bereits als vecchio (alt). Die Topqualität lässt man hingegen 72 Monate reifen, das nennt sich dann extra stravecchione.

Wir sind inzwischen in der dem Feinschmecker-Paradies Giusti angeschlossenen winzigen Hosteria gelandet, wo man auf nur vier Tischen und zu moderaten Preisen das Beste aus der Emilia-Romagna serviert bekommt. „Mama“ Morandi arbeitet in der Küche, Cecilia, die Tochter des Hauses, bringt den ersten Gang: hauchfein geschnittenen, drei Jahre gereiften Parmaschinken, dazu einen Lambrusco von Chiarli. Ach, das Leben kann so schön sein! Und dieses Land ist selbst ohne Meer ganz einfach bella Italia!


Die Wiegen der Boliden: fünf Kultstätten für Motorfans

  1. Ferrari-Museum Modena (17 Euro)
  2. Lamborghini-Museum Bologna (20 Euro, inkl. Werksbesichtigung 75 Euro)
  3. Pagani-Museum und Werk in San Cesario Sul Panaro (18 Euro, inkl. Werksbesichtigung 50 Euro)
  4. Maserati-Showroom und Werk in Modena (30 Euro)
  5. Ducati-Museum und Werk in Borgo Panigale (15 Euro, inkl. Werksbesichtigung 45 Euro)

Für Feinschmecker: die fünf Must-sees der Region

  1. Osteria Francescana. Derzeit bestes Restaurant der Welt. Reservierung nötig. Via Stella 22, Modena
  2. Salumeria & Hosteria Giusti. Nur vier Tische, Reservierung nötig. Via Farini 75, Modena
  3. Acetaia Giusti. Das beste Balsamico-Museum mit Führung. Strada Quattro Ville 155, Modena
  4. Weingut Chiarli. Im Reich des Lambrusco. Via Belvedere 4, Castelvetro di Modena
  5. Museo del Prosciutto di Parma. Alles über die alte Kunst des Parmaschinkenmachens. Via Bocchialini 7, Langhirano bei Parma

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