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Die Superkraft der Zukunft

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 3. Februar 2020

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Die Superkraft der Zukunft

Das Smartphone und andere technische Geräte sind allgegenwärtig, ständig werden wir abgelenkt. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, nimmt ab. Man kann aber lernen, „unablenkbar“ zu werden, fokussiert zu bleiben. Bestseller-Autor Nir Eyal verrät, wie das geht.

Es gibt ein Buch, das Sie in den Regalen der meisten großen Technologieunternehmen wie zum Beispiel bei Facebook, Google, PayPal und Slack finden werden. Es wird auf Technologiekonferenzen und Firmenschulungen verteilt. Ein Freund bei Microsoft erzählte mir, dass der CEO, Satya Nadella, ein Exemplar hochhielt und es allen Mitarbeitern des Unternehmens empfahl. Dieses Buch – „Hooked: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen“ – war ein Bestseller des Wall Street Journal und gilt, während ich diese Zeilen schreibe, noch immer als das beste Buch in Amazons „Produkte“-Kategorie. Es ist eine Art Kochbuch mit Rezepten für menschliches Verhalten – also Ihr Verhalten. Technologieunternehmen wissen, dass sie uns immer wieder zu sich zurückholen müssen, um Geld zu verdienen, denn ihre Geschäftsmodelle hängen davon ab.

Ich weiß das so genau, weil ich die letzten zehn Jahre damit verbracht habe, die geheime Psychologie zu erforschen, mit der einige der global erfolgreichsten Unternehmen ihre Produkte so fesselnd gestalten. Jahrelang habe ich die Führungskräfte der Zukunft sowohl an der Stanford Graduate School of Business als auch am Hasso Plattner Institute of Design unterrichtet.

Beim Schreiben von „Hooked“ hatte ich die Hoffnung, dass Start-ups und sozial engagierte Unternehmen dieses Wissen nutzen würden, um Menschen bei der Entwicklung besserer Gewohnheiten zu unterstützen. Warum sollten die Technik-Riesen diese Geheimnisse für sich behalten? Sollten wir nicht dieselbe Psychologie nutzen, die Videospiele und Social Media so interessant macht, um Produkte zu entwickeln, die den Menschen dabei helfen, ein besseres Leben zu führen? Und ja, seit der Veröffentlichung von „Hooked“ haben Tausende Unternehmen das Buch genutzt, um ihren Nutzern zu ermöglichen, nützliche und gesunde Gewohnheiten zu entwickeln.

Das Gehirn gegen Ablenkungen rüsten


Wir wollen, dass unsere Produkte nutzerfreundlich, leicht zu bedienen und zudem gewohnheitsfördernd sind. Dass Unternehmen ihre Produkte ansprechender gestalten, ist nicht zwangsläufig ein Problem – das ist Fortschritt. Aber natürlich gibt es auch eine dunkle Seite. Wie bereits der Philosoph Paul Virilio schrieb: „Wenn du das Schiff erfindest, erfindest du gleichzeitig das Schiffswrack.“ Nutzerfreundliche Produkte und Dienstleistungen können einerseits ansprechend und leicht zu bedienen sein, aber andererseits Ablenkungen verursachen. Für viele Menschen können diese Ablenkungen außer Kontrolle geraten und ihnen das Gefühl geben, dass ihnen die Entscheidungsgewalt entrissen wird. Es ist leider Fakt, dass unser Gehirn heutzutage gegen Ablenkungen gerüstet sein muss, damit diese nicht zu manipulierenden Zeiträubern mutieren.

In diesem Buch werde ich aufzeigen, wie sich mein eigener Kampf gegen die Ablenkungen da draußen gestaltet hat und wie ich – oh, welch Ironie! – süchtig wurde. Aber ich werde auch berichten, wie ich diesen Kampf gewinnen konnte, und erklären, warum wir viel mächtiger sind als all die Tech-Giganten zusammen. Denn als Brancheninsider kenne ich deren Achillesferse – und Sie demnächst auch. Die gute Nachricht ist, dass wir die einzigartige Fähigkeit haben, uns an Bedrohungen anzupassen. Wir können Trainingsmaßnahmen ergreifen. Und ganz ehrlich: Haben wir eine andere Wahl? Nein, im Gegenteil! Wir haben keine Zeit, darauf zu hoffen, dass Regulierungsbehörden etwas unternehmen, und falls Sie einfach den Atem anhalten und darauf warten wollen, dass die Konzerne ihre Produkte irgendwann mit weniger Ablenkung gestalten, werden Sie wohl leider ersticken.

In Zukunft werden wir die Menschheit in zwei Gruppen teilen können: diejenigen, die ihre Aufmerksamkeit und ihr Leben von anderen kontrollieren und zwangssteuern lassen, und diejenigen, die sich stolz „unzerstörbar“ oder „unablenkbar“ nennen können. Und ja, das klingt absichtlich wie eine Superkraft! Seit Jahren wurden Sie auf sofortige Belohnungen konditioniert. Betrachten Sie also das Erreichen der Kunst, sich nicht ablenken zu lassen, als eine persönliche Herausforderung, um Ihren Geist zu befreien. Das Gegenmittel gegen Impulsivität ist Voraussicht. Vorausschauende Planung stellt sicher, dass Sie das Geplante auch wirklich durchziehen.

Ich liebe Süßigkeiten, ich liebe Social Media und ich liebe Fernsehen. Aber so sehr ich das alles liebe, wird diese Liebe doch nicht erwidert. Etwas Zuckerhaltiges nach dem Essen, zu viel Zeit mit einem Social-Media-Feed oder ein Netflix-Binge bis zwei Uhr morgens: alles Sachen, die ich einst aus reiner Gewohnheit tat. So wie der Verzehr von zu viel Junkfood zu gesundheitlichen Problemen führt, hat auch die übermäßige Nutzung von Smartphone, Tablet & Co. negative Folgen. Ich zum Beispiel stellte diese mobilen Geräte über die wichtigsten Menschen in meinem Leben – am schlimmsten war, dass ich sie über meine Tochter stellte und die Beziehung zu ihr gefährdete. Sie ist unser einziges Kind und für meine Frau und mich das tollste Kind der Welt. Eines Tages nahmen wir uns ein Mitmachbuch vor, das Väter und Töchter einander näherbringen soll. Wir sollten aufzählen, was der andere am liebsten mag. Wir sollten ein Papierflugzeug aus einer der Buchseiten falten. Und wir sollten beide die folgende Frage beantworten: „Wenn du eine Superkraft hättest, welche wäre es?“

Ich würde Ihnen gern verraten, was meine Tochter in diesem Moment gesagt hat – aber ich kann es nicht. Ich weiß es nämlich nicht, weil ich nicht wirklich da war. Ich war körperlich anwesend, aber mein Verstand war woanders. „Daddy“, fragte sie, „was wäre deine Superkraft?“ – „Hmm? Nur eine Sekunde. Ich muss nur ganz schnell was beantworten.“ Ich wies sie ab, weil ich mich um etwas, was damals wichtig schien, aber definitiv hätte warten können, auf meinem Smartphone kümmern wollte. Meine Augen klebten am Bildschirm. Die Finger tippten. Sie verstummte. Als ich wieder aufsah, war sie weg. Ich hatte gerade einen ganz besonderen Moment mit meiner Tochter vermasselt, weil etwas auf meinem Smartphone meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Digital Detox ist nicht die Lösung!


An sich wäre das keine große Sache, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass dies ein Einzelfall war. Ähnliche Szenen hatten sich schon unzählige Male abgespielt. Und ich bin nicht der Einzige, der Ablenkungen einst anderen Menschen vorzog. Einer der ersten Leser meines Manuskripts für dieses Buch erzählte mir, dass seine achtjährige Tochter auf die Frage, was ihre Superkraft wäre, geantwortet habe, sie wolle mit Tieren sprechen. Auf die Frage, warum, antwortete sie: „Damit ich jemanden zum Reden habe, wenn du und Mama keine Zeit habt, weil ihr am Computer arbeitet.“ Nachdem ich meine Tochter gefunden und mich entschuldigt hatte, beschloss ich, dass sich etwas ändern musste. Zuerst übertrieb ich es, weil ich überzeugt war, dass an allem diese ganze Technik schuld sein musste: Mein erster Lösungsversuch war also ein „Digital Detox“. Ich benutzte ein uraltes Klapphandy, sodass ich nicht in Versuchung geraten konnte, das E-Mail-Programm, Instagram oder Twitter zu öffnen. Aber es nervte, ohne GPS und die in meiner Kalender-App gespeicherten Adressen auszukommen. Außerdem höre ich gerne beim Spazierengehen Hörbücher und vermisste sie nun arg – ebenso wie all die anderen praktischen Dinge, die mein Smartphone konnte.

Um keine Zeit mit zu vielen Zeitungsartikeln online zu verschwenden, abonnierte ich die Printausgabe. Ein paar Wochen später schaute ich die Nachrichten im Fernsehen – mit einem fein säuberlichen Stapel ungelesener Zeitungen neben mir. Um beim Schreiben konzentriert zu bleiben, kaufte ich mir ein Textverarbeitungsprogramm ohne Internetanschluss aus den 1990er-Jahren. Wann immer ich mich jedoch an den Schreibtisch setzte, ging ich irgendwann zum Bücherregal und blätterte durch Bücher, die nichts mit meiner Arbeit zu tun hatten. Irgendwie ließ ich mich – auch ohne die Technik, von der ich dachte, sie sei die Ursache des Problems – immer wieder ablenken.

Die moderne Internettechnologie zu verbannen funktionierte nicht. Ich ersetzte lediglich eine Ablenkung durch eine andere. Ich erkannte, dass wir für ein bewusstes, zielgerichtetes Leben nicht nur das Richtige tun, sondern auch das Falsche lassen müssen – also das, was uns vom Weg abbringt. Wir alle wissen, Kuchen ist schlimmer für unsere Hüfte als ein gesunder Salat, ebenso wie zielloses Scrollen durch Social-Media-Feeds nicht so bereichernd ist wie die Zeit mit realen Freunden. Um bei der Arbeit produktiver zu sein, dürfen wir keine Zeit verschwenden. Wir wissen also bereits, was zu tun ist. Aber wir wissen noch nicht, wie wir uns weniger oder gar nicht mehr ablenken lassen.

In den letzten fünf Jahren und mithilfe der wissenschaftlich fundierten Methoden bin ich nun produktiver, körperlich und geistig fitter, besser ausgeruht und erfüllter in meinen Beziehungen als je zuvor. Dieses Buch handelt von dem, was ich gelernt habe, als ich die wichtigste Fähigkeit für das 21. Jahrhundert entwickelte: Ich lernte „unablenkbar“ zu werden – und Sie können das auch.

Die Ablenkung kommt von innen


Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass die Ablenkung von innen kommt. Sie können nichts als „Ablenkung“ bezeichnen, wenn Sie nicht wissen, wovon es ablenkt. Sie werden lernen, Ihre Zeit mit Bedacht zu planen, auch wenn Sie dann lieber den neuesten Klatsch und Tratsch oder einen aufregenden Liebesroman lesen. Denn Zeit, die Sie verschwenden wollen, ist keine Zeitverschwendung. Während Technologieunternehmen verschiedene Signale wie Pings, Klingeltöne und Vibrationen auf Smartphones nutzen, um Ihr Verhalten zu manipulieren, sind externe Trigger nicht allein auf Ihre digitalen Geräte beschränkt. Sie sind überall um uns herum – von Keksen, die uns aus dem Küchenschrank anlachen, bis hin zu einem überaus gesprächigen Mitarbeiter, der uns vom eiligen Projektabschluss abhält. Zwar ist es wichtig, externe Trigger loszuwerden, aber Pakte sind eine bewährte Methode, um Sie zurückzuhalten und sicherzustellen, dass Sie das, was Sie sich vorgenommen haben, auch wirklich durchziehen. Mit der alten Taktik der Zusagen gegen die neuen Herausforderungen der Moderne.

Stellen Sie sich die unglaubliche Macht vor, wenn Sie Ihre Absichten verwirklichen können. Wie viel effektiver wären Sie bei der Arbeit? Wie viel mehr Zeit könnten Sie mit Ihrer Familie verbringen oder die Dinge tun, die Sie lieben? Wie viel glücklicher wären Sie dann? Wie wäre das Leben, wenn Unablenkbarkeit Ihre Superkraft wäre? Sie müssen lernen, Ablenkungen zu vermeiden. Um das Leben zu leben, das Sie wollen, müssen Sie nicht nur das Richtige tun, sondern auch das Falsche unterlassen. Das Problem liegt tiefer als nur in der Technik. Unablenkbarkeit bedeutet nicht, ein Technikfeind zu sein. Sie müssen die wahren Gründe verstehen, warum Sie gegen Ihre eigenen Interessen handeln.

Die alten Griechen überlieferten einst die Geschichte eines ständig abgelenkten Mannes. Im Englischen ist der Begriff für etwas Wünschenswertes außerhalb unserer Reichweite nach ebendiesem Mann benannt: „tantalising“ (verlockend). Die Geschichte besagt, dass Zeus seinen Sohn Tantalos zur Strafe in die Unterwelt verbannte. Dort watete dieser in einem Wasserbecken, einen Ast voller reifer Früchte über seinem Kopf baumelnd. Der Fluch wirkte zunächst also positiv, aber als Tantalos eine Frucht pflücken wollte, bewegte sich der Ast von ihm weg, immer knapp außerhalb seiner Reichweite.

Und als er sich bückte, um das kühle Wasser zu seinen Füßen zu trinken, wich es zurück, sodass er seinen Durst nie stillen konnte. Es war also offenbar Tantalos’ Strafe, sich nach Dingen zu sehnen, die er begehrte, aber nie greifen konnte. Man muss es den alten Griechen lassen: Allegorien waren ihre Stärke. Eine bessere Beschreibung des menschlichen Zustands ist wohl kaum möglich. Wir „greifen“ ständig nach etwas: mehr Geld, mehr Erfahrungen, mehr Wissen, mehr Status, mehr Zeug. Die alten Griechen dachten, dies sei lediglich ein Teil des Fluchs, ein fehlbarer Sterblicher zu sein, und nutzten diese Geschichte, um die Macht unserer unablässigen Begierden aufzuzeigen.

Stellen Sie sich eine Linie vor, die alles einteilt, was Sie im Laufe Ihres Tages tun. Auf der rechten Seite stehen die positiven Dinge, auf der linken die negativen. Rechts befindet sich also der Antrieb (englisch „traction“, aus dem Lateinischen von trahere, „ziehen“). Diese Handlungen führen uns zu dem, was wir im Leben wollen. Dem gegenüber steht die Ablenkung (engl. distraction), also das Gegenteil des Antriebs. Im Lateinischen ist es aus der gleichen sprachlichen Wurzel abgeleitet und bedeutet „Abziehen des Geistes“. Ablenkungen sind also Stolpersteine auf dem Weg zu unserem angestrebten Leben.

All unsere Verhaltensweisen, egal ob antreibend oder ablenkend, werden durch interne oder externe Trigger ausgelöst. Interne Trigger leiten uns von innen heraus an. Wenn unser Magen knurrt, suchen wir uns etwas zu essen. Wenn uns kalt ist, einen Mantel zum Aufwärmen. Und wenn wir traurig, einsam oder gestresst sind, einen Freund oder eine geliebte Person. Externe Trigger wollen uns per Wink mit dem Zaunpfahl vorschreiben, was wir als Nächstes tun sollten – wie die Pings, Klingeltöne und Vibrationen, die uns auffordern, unsere E-Mails zu checken, eine Nachricht zu öffnen oder einen Anruf entgegenzunehmen. Externe Trigger können aber auch andere Personen sein, wie Kollegen, die an unserem Schreibtisch vorbeilaufen. Oder auch Objekte wie der Fernseher, dessen bloße Anwesenheit im Raum zum Einschalten drängt. Ob nun durch interne oder externe Trigger ausgelöst, ist die resultierende Tat entweder auf das eigentliche Ziel (Antrieb) oder eben falsch ausgerichtet (Ablenkung). Antrieb hilft uns dabei, unsere Ziele zu erreichen; Ablenkung führt uns von ihnen weg. Es war schon immer eine Herausforderung, dass unsere Welt so konzipiert ist, dass wir auf verschiedene Weisen abgelenkt werden können. Allem voran geschieht dies heutzutage durch das Smartphone, aber letztlich ist es lediglich die neueste Hürde für unsere Konzentration. Früher beschwerten sich die Menschen über den Fernseher, der wohl Gehirnzellen zum Schmelzen brachte. Davor waren es das Telefon, die Comics oder das Radio. Obwohl einiges davon im Vergleich zu heutigen Ablenkungen vielleicht langweilig erscheint, sind sie Teil unseres Lebens – und werden es immer sein. Aber irgendwie fühlt es sich heutzutage anders an.

Informationsreichtum und Aufmerksamkeitsarmut


Die Masse der verfügbaren Informationen, die Geschwindigkeit, mit der sie verbreitet werden, und die Allgegenwart der neuen Inhalte auf unseren Geräten haben zu einem Trio infernale der Ablenkung geführt. Wer Ablenkung suchet, der findet. Aber was ist der Preis all dieser Ablenkungen? Dazu schrieb der Psychologe Herbert A. Simon im Jahr 1971: „Der Informationsreichtum bedeutet einen Mangel an etwas anderem, nämlich eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Forscher proklamieren seit jeher, dass Aufmerksamkeit und Konzentration die Basis der menschlichen Kreativität und Blütezeit sind. Im Zeitalter der zunehmenden Automatisierung sind die gefragtesten Aufgaben diejenigen, die Kreativität, neue Lösungen und menschlichen Einfallsreichtum erfordern. Das wiederum klappt aber nur, wenn wir uns auf eine anstehende Aufgabe konzentrieren können. Gesellschaftlich betrachtet sind enge Freundschaften das Fundament unserer psychischen und physischen Gesundheit. Einsamkeit ist laut Forschungsergebnissen gefährlicher als Fettleibigkeit. Aber können wir überhaupt enge Freundschaften pflegen, wenn wir ständig abgelenkt sind? Denken wir auch mal an unsere Kinder. Wie können sie sich gut entwickeln, wenn sie sich nicht lange genug konzentrieren können, um sich zu entfalten? Was für ein Vorbild sind wir für sie, wenn sie statt unserer fürsorglichen Gesichter nur Scheitel über Geräten sehen, weil wir auf Bildschirme starren?

Der Fluch des Tantalos


Kehren wir nochmal zu Tantalos zurück. Was genau war sein Fluch? Waren es der ständige Hunger und Durst? Nicht wirklich. Was wäre passiert, hätte er einfach aufgehört, nach den Früchten und dem Wasser zu greifen? Er befand sich schließlich in der Hölle und tote Menschen brauchen kein Essen und Wasser, stimmt’s? Der Fluch ist demnach nicht, dass Tantalos für alle Ewigkeit nach etwas außerhalb seiner Reichweite greifen muss, sondern die Ignoranz gegenüber seiner viel größeren Torheit. Tantalos’ Fluch ist, dass er nicht erkannte, dass er nichts davon braucht. Das ist die wahre Moral dieser Geschichte. Sein Fluch ist auch unser Fluch. Wir werden angehalten, nach Dingen zu greifen, die wir angeblich brauchen – was aber nicht stimmt. Wir müssen unsere E-Mails nicht sofort ansehen und beantworten oder auf die neuesten Nachrichten reagieren.

Glücklicherweise können wir uns – im Gegensatz zu Tantalos – von unseren Gelüsten distanzieren; sie als das erkennen, was sie sind, und letztlich etwas gegen sie unternehmen. Unternehmen sollen innovativ unsere sich wandelnden Bedürfnisse befriedigen, unsere Probleme lösen, aber wir als Verbraucher müssen uns auch die Frage stellen, ob bessere Produkte wirklich unser Leben verbessern. Es wird immer Ablenkungen geben, aber der Umgang mit ihnen liegt in unserer Hand. Wenn wir das machen, was wir uns vornehmen – dann sind wir unablenkbar. Unablenkbare Menschen sind so ehrlich zu sich wie zu anderen. Wenn Sie sich um Ihre Arbeit, Ihre Familie, Ihr körperliches und geistiges Wohlbefinden kümmern wollen, müssen Sie lernen, wie Sie unablenkbar werden können.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: Nir Eyal „Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen“, Redline Verlag, 19,99 Euro.

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