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Zeit für Sex

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 3. Februar 2020

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Sexzeit

Vergessen Sie Ginseng-Tabletten, Fischölkapseln, Sudoku und Kreuzworträtsel. Neuste Studien zeigen, dass Menschen, die oft Sex haben, besser abschneiden, wenn es um Leistungen ihres Gehirns geht. „Ein Grund, warum wir uns in die Betten stürzen sollten“, sagt die 61-jährige Romanschriftstellerin Kathy Lette.

Stimmt schon, die besten Dinge im Leben sind gratis: Lachen, Gehen, Reden, Frischluft und Orgasmen. Tatsächlich verhält es sich mit dem Sex fast wie mit dem Sauerstoff: Kein Thema – bis er fehlt.

Wissenschaftler ermuntern Paare mittleren Alters dazu, Sex nicht zu vergessen, da er gut für das Gedächtnis sei … Verzeihung, wo war ich gerade stehengeblieben?

Doch ernsthaft: Vergessen Sie Ginsengtabletten, Fischölkapseln, Sudoku und Kreuzworträtsel! Denn neuste Studien zeigen, dass Menschen, die besonders oft Sex haben, im Durchschnitt um zwei Prozent besser abschneiden, wenn es um kognitive Leistungen wie etwa die visuelle und verbale Kompetenz und andere Hirnfunktionen geht.

Hurra! Ein weiterer guter Grund, warum wir uns in die Betten stürzen sollten. Denn, um ein Sprichwort abzuwandeln: „Enthaltsamkeit ist eine Zier, doch öfter kommt man ohne ihr.“

Bluttest und Einverständniserklärung


Ja, ich gestehe es: Ich liebe Sex. Ich mag Sex, wenn ich traurig bin. Ich mag Sex, wenn ich fröhlich bin. Ich mag Sex morgens, abends, zu Wasser und zu Lande. Ich mag stundenlangen Tantra-Sex. Ich mag den Quickie auf dem Küchentisch. Davon abgesehen, mag ich Sex nur, wenn ich richtig, richtig geil bin.

Wenn ein Sommer sehr heiß ist und die Leute so spärlich bekleidet sind, wächst unsere Lust auf den Horizontal-Tango. Doch nicht allein #MeToo hat uns aus dem Takt gebracht. In unserer hypersexualisierten Gesellschaft haben junge Leute Angst vor Intimität bekommen. Sie haben nicht nur viel später Sex, als das bei ihren Eltern der Fall war, mittlerweile ist so viel von „einvernehmlichem Geschlechtsverkehr“ die Rede, dass ohne Bluttest, Curriculum Vitae und eine schriftliche Genehmigung gar nichts mehr läuft.

Aber auch Erwachsene tun sich schwer. Typen, die ich als sexuelle Kleptomanen kennengelernt hatte, haben ihr Viagra ins Klo gespült und ihre Handschellen an den Nagel gehängt. Mittlerweile könnte selbst der Papst was von ihnen lernen in Sachen Zölibat. Laut stöhnen sie, man wage keine Frau mehr auszuführen, ja nicht einmal den geringsten Flirt.

Hollywood, so heißt es, flirtet mit dem Gedanken, das Flirten zu verbieten. Um unangemessenes Verhalten zu unterbinden – unterbinden, ha! –, hat Netflix für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Regeln aufgestellt: Umarmungen sind kurzzuhalten, Kolleginnen dürfen nicht nach ihren Telefonnummern gefragt werden, beim Drehen darf niemand länger als fünf Sekunden angeschaut werden. Sonst ist es – im Wortsinn – augenblicklich vorbei mit der Karriere.

Gibt es einen Ausweg? Aber sicher: Damenwahl. Statt sich ständig als Gejagte zu ängstigen, sollten die Frauen selbst auf die Jagd gehen. Wäre dies nicht gottgewollt, warum sonst hätte er uns dann mit Push-up-BHs gesegnet?

Von der Pubertät an werden Mädchen gewarnt, Männer stürzten sich auf alles, was ein Loch und einen Puls habe. Ihren Liebesschwüren zum Trotz seien Männer nicht viel mehr als wärmesuchende Penisraketen, die sich der Bodenkontrollstation entzogen hätten.

Hundert Jahren Feminismus zum Trotz werden Töchter immer noch dazu erzogen, möglichst still und zurückhaltend zu sein und sich „für den Richtigen“ aufzusparen. Doch weil man unseren Lustorganen nicht schon von weitem ansieht, wenn sie am Schwellen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir Frauen keine fleischlichen Bedürfnisse empfänden. Ein Blick auf das Sixpack von Hugh Jackman oder Chris Hemsworth genügt, und uns läuft der Sabber so sehr runter, dass der Teppich davon shampooniert wird.

Doch wenn es um Sex geht, verrät sich die Doppelmoral unserer Gesellschaft schon in der Sprache: Ein sexuell aktiver Mann gilt als Prachthengst, Herzensbrecher oder Casanova; eine Frau, die ähnlich interessiert ist, wird als Schlampe, Nutte, Flittchen oder alttestamentarische Hure abgetan. Nach wie vor sind Männer auf Jungfrauen aus. Flüstert ein neuer Liebhaber auf dem Höhepunkt der Leidenschaft: „Bin ich dein erster Mann?“, so haucht sie in jedem Fall: „Ja, natürlich“ – und fragt sich insgeheim: „Warum fragt ihr Männer eigentlich immer den gleichen Blödsinn?“

Meine streng wissenschaftlichen Forschungen unter Cocktails trinkenden Freundinnen haben ergeben, dass Frauen genauso geil wie Männer sind. Penisse sind wie Schneeflocken: Keiner gleicht dem anderen. Und wir Heterofrauen mögen alle. Wir mögen sie in allen Formen und Formaten. Die schlanken, ranken, eleganten. Die dicken Saftwurzeln. Die tiefhängenden Revolverheldendinger. Die knubbeligen Champignons. Die Rundköpfe. Die Kapuzenträger. Die Fleischwurst-mit-zwei-Eiern-Lunchpakete. Wir mögen sie lang, stramm und schussbereit. Wir mögen sie scheu und schrumpelig an einem kalten Wintermorgen. All diese männlichen Ängste wegen der Größe! Nicht Frauen leiden an Penisneid, wie Sigmund Freud behauptet hat, sondern Männer: „Ist meiner groß? Ist er der größte?“ Dabei ist uns Frauen die Einstellung viel wichtiger.

Mit der Grillzange


Auf Freuds berühmte Frage: „Was will das Weib?“, antworten wir: „Wir mögen Penisse, die sagen: ‚Hallo! Mensch, bin ich froh, dich zu sehen!‘“ Die einzigen Penisse, die wir nicht mögen, sind solche, die als Machtinstrumente geschwungen werden von Frauenhassern wie Harvey Weinstein und Bill Cosby.

Natürlich kommt es auch vor, dass Frauen der Sex verleidet wird. Ein Kind zu gebären, macht dem Sexleben einer Frau den Garaus, was wohl damit zu tun hat, dass ihr Lustorgan zum fünf Kilometer breiten Geburtskanal ausgeweitet wird. Sitzsäcke, Wassergeburten und Harfengeklimper hin oder her: Eine Geburt läuft nach wie vor darauf hinaus, dass dir ein Arzt sein Knie auf die Brust setzt, deine Beine spreizt und sich drin mit einer Grillzange zu schaffen macht. All das Gedöns von wegen „vorehelichen Geschlechtsverkehrs“ – wie steht es denn mit dem „ehelichen Geschlechtsverkehr“? Sobald Kinderlein da sind, bedeutet „Kreativität im Bett“ für die meisten Ehepaare: stricken während der Abendnachrichten.

Selbst wenn man Lust auf Sex hat, erweisen sich Kinder als wirkungsvolle Anti-Aphrodisiaka: Jedes Mal, wenn du zur Sache gehen willst, wacht das Baby auf oder kommt der Kleine angewackelt. Deshalb mein Sextipp für junge Eltern: Vaseline. Auf der Türklinke. Klingt ungut, aber dann kriegen sie die Tür nicht auf.

Doch will eine erschöpfte berufstätige Mutter überhaupt Sex? Nun, ihre Lieblingsstellung ist die Hündchenstellung: Er bettelt wie ein Hündchen, und sie stellt sich tot. Das rührt daher, dass unsere Generation geglaubt hat, „alles haben zu können“. Stattdessen „tun wir alles“. Obschon wir Frauen 50 Prozent der Berufstätigen stellen, machen wir nach wie vor 99 Prozent der Hausarbeit und Kinderpflege. Hat eine Frau den ganzen Tag gearbeitet, ist heimgerast, um das Abendessen zu kochen, den verschwundenen Turnbeutel für den nächsten Tag aufzuspüren, bei den Schularbeiten zu helfen, Wäsche zu waschen, zu bügeln und Gutenachtgeschichten zu erzählen – und sinkt nun endlich ins Bett, dann fantasiert sie nur noch von einem: vom Schlafen. Umso größer ist deshalb der Schock, wenn sie gerade am Wegdämmern ist, und plötzlich spürt sie die Hand.

Vorgetäuschtes Vorspiel


Männer machen Horrorfilme mit Titeln wie „Psycho“ oder „Shining“. Der Schrecken müder Mütter heißt die Hand: Unaufhaltsam kommt sie über das Fixleintuch gekrochen. Es sieht ganz so aus, als glaube der Herr Gemahl – der den ganzen Abend kein Wort an seine Frau gerichtet, geschweige denn beim Geschirrspülen geholfen hat –, sie sei jetzt in Stimmung, es sich von ihm besorgen zu lassen. Tatsächlich ist sie in Stimmung, es ihm zu besorgen: mit einem Tranchiermesser.

Doch davon spürt er offensichtlich nichts. Hektisch drückt er auf ihrer Klitoris herum, als sei diese ein Liftknopf und er zu spät für eine Sitzung. „Geh zu Fuß!“, würde die Müde am liebs­ten sagen. Da wird immer darüber gesprochen, dass Frauen Orgasmen vortäuschen. Wie aber steht es mit dem Vortäuschen eines Vorspiels durch die Männer? Apropos Vorspiel: Nichts ist erregender für eine arbeitende Mutter als der Anblick ihres Mannes bei der Hausarbeit. Außerdem ist wissenschaftlich erwiesen, dass noch keine Frau ihren Mann erschossen hat, während er staubsaugte.

Immerhin: Nach gründlicher Befragung von Freundinnen in den Fünfzigern und Sechzigern habe ich erfahren, dass die Lust auf Sex wieder aufflammt, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Sex in der Ehe, das ist so ähnlich, wie wenn Sie vergessen haben, dass Sie die Scheibenwischer auf „Intervall“ gestellt hatten. Sie haben nicht mehr daran gedacht – und schwupp!

Es gab einiges Aufsehen und Stirnrunzeln, als neulich zu lesen war, in Altersheimen grassierten Geschlechtskrankheiten. Dank Hormonbehandlungen und Viagra und weil sie keine unerwünschten Schwangerschaften mehr befürchten noch sich ewig binden müssen, scheinen Alte mehr Sex zu haben als die Millennials mit ihren fließenden Gendergrenzen und ihren Ängsten vor Einvernehmen. Und sie haben noch viel mehr Sex als erschöpfte jüngere Ehepaare.

Erinnern wir uns: Sex ist gut für das Gedächtnis. Vergessen wir also nicht, oft genug Sex zu haben. Was nun das Zeitalter von #MeToo betrifft, so ist die Lage wie folgt: Weil die Männer etwas zurückhaltender geworden sind und die Frauen das Heft in die Hand nehmen, stehen Romantik, Liebeswerben und Sinnlichkeit endlich wieder auf dem Menü. Pornowebsites haben sexuellen Begegnungen die Erotik gründlich ausgetrieben.

Immer mehr junge Männer klagen über Erektionsprobleme – weil echter Sex nicht den Pornoszenarien entspricht, zu denen sie seit der Pubertät masturbieren. Und die Erwartung, die gleichen Oscar-würdigen Orgasmen und leistungssportlerischen Verrenkungen wie weibliche Pornostars bringen zu müssen, hat bei Frauen zu Versagensängsten geführt, wie wir sie seit den obligatorischen Volkstanzstunden in der Primarschule nicht mehr gespürt haben.

Leben wir in einer Genitaldiktatur?


Seien wir ehrlich: Eine rasierte Scham mag zunächst durchaus sexy wirken, aber sobald die Haare nachwachsen, sieht sie aus wie ein von Elektroschocks aufgeschreckter Hochflorteppich. Fischnetzhöschen können im Schritt zu Scheuerspuren führen, die man schlecht als Folgen harter Hausarbeit wegerklären kann. Und Handschellen? Tut mir leid, die sollten Sie seinlassen, es sei denn, Sie arbeiten als Agent für Scotland Yard.

Was nun die Sadomaso-Szenen in Fifty Shades of Grey betrifft, so spreche ich wohl vielen Frauen aus dem Herzen, wenn ich sage, dass ich nicht geschlagen werden möchte – auch nicht beim Monopoly oder beim Scrabble. Die schärfste Schlafzimmerfantasie so mancher müder Mama ist, dass ihr Mann seine Unterhose aufliest und auf einen Stuhl legt.

Die sexuelle Befreiung kann ganz schön bedrückend sein: Haben wir auch die korrekten Orgasmen – vaginale, klitorale, multiple? Leben wir in einer Genitaldiktatur? Romantik, Verehrung und Leidenschaft tragen entschieden mehr zu umwerfendem Sex bei als ein Penis, der streng nach dem Sexhandbuch verfährt.

Also, zieht hinaus in die lauen Nächte und legt flach, was flachgelegt werden will. Aber vergesst eines nicht, Jungs: Was eine Frau im Bett am liebsten will, ist Frühstück.

Kathy Lette ist eine australisch-britische Bestseller-Autorin. Sie hat bisher 16 Romane geschrieben. Zuerst erschienen in der Weltwoche. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bodmer.

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