Griechenland wie damals

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 9. April 2019

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Skyros - Foto: Karl Riffert

Wir erzählen Ihnen die Geschichte von Skyros nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Bitte nicht weitersagen! Denn diese abgelegene griechische Insel mitten in der Ägäis, die keiner kennt, ist mindestens so schön wie Santorin – allerdings ohne Touristenmassen!

Es ist ein geheimnisvolles Eiland mitten in der Ägäis, von dem es heißt, man könne dort in einer sonst schon verschwundenen Welt landen. Es heißt Skyros und zählt 3.000 Einwohner sowie 70.000 Schafe und Ziegen. Auf ihm leben die kleinsten Pferde Griechenlands, und nirgendwo soll es besseren europäischen Hummer geben als hier. Auf Skyros ist der schönste Mann Englands begraben. Und in der griechischen Mythologie war die Insel der Zufluchtsort des jungen Achilles, bevor er nach Troja aufbrach.

Skyros gehört zu den nördlichen Sporaden, einer Gruppe von 122 kleinen Inseln und Felseneilanden, und dass es bislang nicht auf den gängigen Karten des Massentourismus verzeichnet ist, hat zwei Gründe: erstens die Sturheit seiner Bewohner, ihre Insel weitgehend so zu belassen, wie sie ist, und zweitens die griechische Armee, die einen kleinen Stützpunkt auf Skyros unterhält und wohl eher ungestört bleiben möchte. Und so zieht es nur ein paar tausend Touristen pro Jahr auf die Zeitreise-Insel. Ein Wunder, denn Griechenland erlebt gegenwärtig einen ungeheuren Tourismus-Boom. 32 Millionen ausländische Touristen kamen im Vorjahr nach Hellas, vor 20 Jahren waren es noch 6,2 Millionen. Einzelne Destinationen erleben einen regelrechten Touristen-Tsunami, einen zerstörerischen Übertourismus. Wie etwa Santorin, das auf seinen 76 Quadratkilometern zuletzt 5,5 Millionen Nächtigungen pro Jahr verzeichnete – die hohen Wogen von Kreuzfahrttouristen, die zu Tausenden täglich über die steilen Stufen in die Stadt branden und sie überfluten, gar nicht mitgerechnet. Wie ein Wunder also, dass Skyros davon verschont blieb.


Skyros - Foto: Karl Riffert

Yin-und-Yang-Insel


Wir sind im Landeanflug, und man sieht sehr schön, dass Skyros so etwas wie eine Yin-und-Yang-Insel ist: Der Norden, in dem nahezu alle Insulaner wohnen, ist grün und fruchtbar und voller wohlriechender Aleppokiefern. Der Süden hingegen zeigt sich von karger, felsiger Schönheit. Man sieht aus der Luft auch jenen kleinen Marmorsteinbruch, der seit der Antike berühmt ist. Für die Hadriansbibliothek in Athen wurde Skyros-Marmor eingesetzt, genauso wie für das Woolworth-Building in New York, das mit seinen 241 wolkenkratzenden Metern bis 1930 als höchstes Gebäude der Welt galt.

Jetzt setzen die Räder auf und ich habe das Gefühl, mitten in den 1970er Jahren gelandet zu sein – damals, als die ersten Touristen Griechenland entdeckten. Der Flughafen ist nur ein kleines Häuschen, ich bin natürlich der einzige Passagier hier, und wahrscheinlich wird Demis Roussos gleich „Goodbye, my love, goodbye“ singen. Auf dem Weg zu meinem Quartier beäugen mich zahlreiche neugierige Ziegen und Schafe, zuweilen auch Schäfer, die wie aus der Zeit gefallen scheinen und die alle seltsame Schuhe tragen, die sie selbst aus alten Autoreifen fertigen. Meine kleine Unterkunft, die sich Studios Antigoni nennt, liegt im Örtchen Magazia, wo sich auch die einzige Verkehrsampel der Insel befindet, die allerdings von den Einheimischen meist ignoriert wird. Bald sitzt eine kleine Runde mit Katerina zusammen, der Besitzerin, die früher ein Antiquitätengeschäft in Athen hatte und sich demnächst scheiden lassen wird. Es gibt Wein und Gebäck, aber weder Ouzo noch Retsina, den viele Griechen in Wirklichkeit gar nicht mögen. „Im Winter ist es hier trist“, sagt Katerina, „wer kann, flieht dann von der Insel. Aber im Sommer ist es ein Paradies. Es gibt herrliche Buchten mit kristallklarem Wasser und wer will, kann auch in den duftenden Kiefernwäldern wandern.“


Skyros - Foto: Karl Riffert

Eines der schönsten Dörfer der Ägäis


Ich will auch wandern, aber nicht im Wald, auch nicht am Strand von Magazia, sondern durch einen Ort, den die Einheimischen nur „Chora“ nennen, was man vielleicht mit „die Stadt“ übersetzen könnte. Eigentlich ist es ein Dorf, das wie die Insel heißt, Skyros, und zwar eines der absolut schönsten Dörfer der Ägäis. Ein terrassenförmig angelegtes Labyrinth aus weißen Häusern, sorgsam versteckt auf der Rückseite eines Berges, damit es die Piraten nicht sehen konnten. Es gibt keine Autos, aber wunderbar verwinkelte Gässchen und ganz oben auf dem Berg die Reste einer venezianischen Festung sowie ein tausend Jahre altes Kloster.

Ich spaziere durch Chora, übrigens eine auf vielen griechischen Inseln gebräuchliche Bezeichnung für das Ortszentrum. Ich lasse mich treiben, treffe in einer Taverne einen Hirten, der kurzerhand sein Pferd mitgebracht hat, und lande schließlich auf der Terrasse der Dorfbar „Olive“, wo ich mich ein wenig in die griechische Mythologie vertiefen will.

Der berühmteste Held der Insel ist Homers Achilles, über dessen erdichteten Aufenthalt auf Skyros mehr als 30 Opern geschrieben wurden. Die Sage ist tragisch und pikant zugleich. Weil eine Prophezeiung besagt, dass Achilles in Troja sterben werde, bringt ihn seine Mutter in Sicherheit, an den Hof des Königs von Skyros. Um Schwierigkeiten mit dem König, der hübsche Töchter hat, zu vermeiden, kommt Achilles allerdings als Mädchen verkleidet. „Some like it hot“ auf Altgriechisch also. Natürlich verliebt er sich in eine der Töchter, aber die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung, denn es gibt noch eine zweite Prophezeiung. Darin heißt es, ohne Achilles sei der Krieg gegen Troja nicht zu gewinnen. Und so macht sich Odysseus, Homers großer Held, beruflich König von Ithaka, auf den Weg nach Skyros. Er findet Achilles trotz seiner Verkleidung und nimmt ihn mit in den Kampf gegen Troja, wo Achilles, wie prophezeit, stirbt. Die schöne Insel Skyros konnte Achilles nicht vor seinem Schicksal bewahren, hat ihm aber vielleicht die schönste Zeit seines Lebens beschert.


Skyros - Foto: Karl Riffert

Das Kloster auf Skyros


Aber genug der alten Sagen. Ich mache mich auf den Weg zu einem echten, leibhaftigen Eremiten und wandere durch ein wunderliches Gewirr von engen Gassen und Treppen hinauf zum Kloster Agios Georgios. Dort lebt seit 33 Jahren Pater Gerondios, hoch über der Stadt, Gott nahe und, wie es scheint, voll innerer Zufriedenheit. „Ich trat als 17-Jähriger in das Kloster am Berg Athos ein“, erzählt der Eremit. „Irgendwann hieß es dann, ich solle doch für ein paar Tage auf das Kloster auf Skyros aufpassen. Daraus ist dann doch ein etwas längerer Aufenthalt geworden.“

Im Innenhof des Klosters, das nach dem Erdbeben 2001 schwer beschädigt und mittlerweile wieder schön renoviert wurde, hat Gerondios sein künftiges Grab in einen bunten Gemüsegarten verwandelt. „Karotten und die Ewigkeit, das ist eine gute Kombination“, findet der bärtige Mönch und sagt zum Abschied verschmitzt: „Sie denken sicher, mein Leben ist schwer, so ganz allein hoch am Berg. Aber glauben Sie mir, im Vergleich mit der Ehe ist das Eremitenleben sehr einfach.“

Nachts ist der Himmel über Skyros voller Sterne. Und tagsüber, wenn ich mit dem Mietwagen gemächlich auf weitgehend leeren, schmalen Straßen die Insel erkunde, zeigt sie sich mit zahlreichen Kapellen und voll mit Ziegen, vor denen man sich beim Fahren hüten muss. Im grünen Norden von Skyros schlängle ich mich durch Zedern-, Pinien- und Kiefernwälder, vorbei an duftenden Kräutern wie Rosmarin, Oregano und Thymian, die wild am Straßenrand wachsen.

Heute will ich eine junge Frau treffen, die der Liebe wegen auf diese Insel kam – zu einem Pferd und zu einem Mann. Marion Auffray ist bezaubernd, gerade mal 30, stammt aus der Normandie und lebt schon seit sieben Jahren auf der Insel. Und das auch im Winter. Sie hat sich verliebt, erst in einen Griechen, dann in die Pferde von Skyros, in die halbwilden Skyros-Ponys. Diese einzigartige Pferderasse lebt seit 1.600 Jahren hier und das karge, harte Leben hat sie buchstäblich schrumpfen lassen. Skyros-Ponys werden nur gut einen Meter groß und es gibt weltweit nur mehr 400 davon. Etliche werden in Schottland gezüchtet, zwei Drittel aber leben noch immer auf Skyros. Früher wurden sie im Sommer von den Bauern gefangen und zur Feldarbeit genutzt. Im Herbst ließ man sie dann wieder frei. Heute sind sie zu einer Attraktion für Touristen geworden.


Skyros - Foto: Karl Riffert

Ich könnte noch von den schönen Stränden erzählen, übrigens auch welche mit Sand, vom herrlich sauberen Wasser oder von den spektakulären Meereshöhlen Pentelaki und Diatryptiti. Aber ich verweile lieber noch ein wenig bei der Statue eines nackten Mannes, der hoch über Skyros nahe der kleinen Agia-Triada-Kirche – sehr zum Missfallen der Geistlichen – seit 1930 eine wunderbare Bleibe gefunden hat. Das umstrittene Kunstwerk stellt den Dichter Rupert Brooke dar, der als schönster Mann Englands galt – jedenfalls laut dem irischen Dichter William Butler Yeats – und nur 27 Jahre alt wurde. Brooke ist bei uns wenig bekannt, bei den Briten hingegen Kult. Er führte als wohlhabender Literat ein äußerst ungewöhnliches Leben. Der „junge Apoll“ war von Frauen umschwärmt, aber auch Männern nicht abgetan, befreundet mit Berühmtheiten wie dem Everest-Bergsteiger George Mallory, dem Ökonomen John Maynard Keynes oder Schriftstellern wie Virginia Woolfe und Henry James. Er sprach fließend Deutsch und lebte auch in München und Berlin, wo er im Café Größenwahn Sonette dichtete. Es verschlug ihn aber auch in die Südsee, wo er mit einer Tahitianerin ein Kind zeugte. Sein Ende war profan. Er starb als Soldat 1915 an einem Mückenstich in der Ägäis auf einem Schiff, dessen Kapitän ihn kurzerhand auf Skyros in einem Olivenhain begraben ließ.

So kann es gehen. Wie fein ist dagegen, abends in Linaria, dem kleinen Hafen von Skyros, zu flanieren und im besten Restaurant, bei Psariotis, Tintenfisch, Hummer oder die Fische zu genießen, die sich in der Früh noch im Meer getummelt hatten. Es ist Griechenland wie früher – einfach schön!

Reisetipp:

Der zu Ruefa gehörende Spezialveranstalter Intertravel offeriert vom 9. Juni bis 29. September 2019 wöchentlich Charterflüge mit Austrian Airlines in Kombination mit Unterkunft und Frühstück. Preisbeispiel: eine Woche in den Studios Antigoni inklusive Flug in der Hochsaison ab 995 Euro pro Person. Buchbar in Ruefa-Reisebüros oder online auf www.ruefa.at.

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