Die Botschaften unserer Träume

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 28. Februar 2018

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Sechs Jahre seines Lebens verbringt der Mensch träumend.
In den nächtlichen Erlebnissen stecken viele unverständliche Botschaften, die nur darauf warten, entschlüsselt zu werden. Wenn dies gelingt, so versprechen Forscher, enträtseln sie die „Suchbilder unserer Seele“.

Mitte der 1880er Jahre litt der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson an einer schlimmen Schreibblockade. Sobald er seine Arbeit aufnehmen wollte, war sein sonst so lebendiger Geist vollkommen leer. Verzweifelt suchte Stevenson nach einem Ausweg – bis er bemerkte, dass seine Träume immer lebhafter wurden. Von da an schenkte er ihnen mehr Beachtung. Und siehe da: Es schien, als wollte etwas in ihm zu ihm sprechen. Bald schon träumte der Schriftsteller Szenen einer Geschichte, die er jeden Morgen aufschrieb. So entstand ein Roman, der als „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in die Literaturgeschichte eingehen sollte. Stevenson ist bei weitem nicht der einzige prominente Träumer. Unzählige Künstler, Wissenschaftler, aber auch Politiker ließen und lassen sich von den nächtlichen Erlebnissen inspirieren. Friedrich Kekulé erschien etwa eine Schlange, die sich in den Schwanz biss – die Struktur des Benzolrings! Wolfgang Amadeus Mozart berichtete immer wieder, dass ihm Melodien im Traum einfach „zugeflogen“ seien. Auch Paul McCartney träumte seinen Megaerfolg „Yesterday“ einfach in die Welt.

TräumenFoto: Matjaz Slanic/Getty Images RF

In unserem Alltag ist solcherart Spektakuläres selten. Im Gegenteil: Meistens erinnern wir uns nicht an den Inhalt – und wenn, dann tun wir ihn schnell als Unsinn ab. Auch für die Wissenschaft waren Träume lange Zeit nicht mehr als bloß Abfallprodukt des Schlafes, obwohl jeder, der aus einem intensiven Traum erwacht, instinktiv spürt, dass das nicht stimmt. Die nächtliche Reise mag uns fremd erscheinen, doch ahnen wir, dass sie uns etwas sagen will. Schamanische Kulturen sahen im Traum auch den Schlüssel zu Wirklichkeiten, die unserem Tagesbewusstsein nicht zugänglich sind. Für die australischen Ureinwohner bedeutet die Traumzeit noch heute die eigentliche Heimat des Menschen.

Botschaften der Götter

Die früheste nachgewiesene Aufzeichnung eines Traums stammt von den Sumerern vor mehr als 5.000 Jahren. Im Gilgamesch-Epos ist nachzulesen, wie der König orakelhaft immer wieder von seiner Gottmutter träumt. Auch im Talmud wird dem Traum gehuldigt: „Ein unverstandener Traum ist wie ein ungeöffneter Brief.“ Buddhas Berufung erfolgte ebenfalls, als er schlief. Die Nacht eignete sich auch dafür, Botschaften der Götter zu erhalten. Im antiken Griechenland etwa zogen sich Kranke dazu in einen eigenen Tempel zurück. Nach einem intensiven Vorbereitungsritual aus Fasten und Meditation fielen sie in einen tiefen Schlaf. Hier empfingen sie dann die erleuchtenden, heilenden Träume, die von Priestern gedeutet wurden.

Und dennoch verloren die Menschen allmählich den Bezug zum nächtlichen Universum. In Europa sorgte der Siegeszug des Christentums für ihr vorläufiges Ende, Träume wurden nun erstmals als böse und sündhaft betrachtet. Martin Luther predigte, dass es der Teufel sei, der die Bilder schicke. Göttliche Botschaften seien nämlich nur durch die Kirche zu erhalten!

Erst Sigmund Freud holte das Thema wieder aus seinem Schattendasein – aber nur, um es postwendend ins Schmuddeleck zu stellen: Er sah Träume in erster Linie als Mittel des Unterbewusstseins an, um unser inneres Sexmonster im Zaum zu halten. Erst sein berühmtester Schüler, C. G. Jung, gab den Träumen ihren alten, mystischen Charakter zurück.

Dass wir träumen, ist klar – es sind jede Nacht etwa zwei Stunden. Doch bei der Frage „Warum?“ scheiden sich die Geister. Speichert das Gehirn so die Erlebnisse des Tages ab? Verarbeitet es damit Gefühle, handelt es sich vielleicht doch nur um ein Zufallsprodukt des Schlafes? Oder ist es tatsächlich die Art, wie das Unterbewusstsein mit uns kommunizieren will?

Sind Träume nur Schäume?

In der Wissenschaft dominierte lange Zeit die Ansicht, dass Träume nichts weiter als sinnlose Abfallprodukte des Schlafes seien. Unwillkürliche Hirnsignale, bar jeder Bedeutung. Doch inzwischen hat das Pendel umgeschlagen. Das Traum-Revival entstand aus purem Zufall: Bei der verzweifelten Suche nach einem Forschungsgegenstand verband der verkrachte Mediziner in spe Eugene Aserinsky 1953 die Elektroden eines ausrangierten EEG-Gerätes mit der Kopfhaut seines Sohnes, um dessen Schlafmuster zu studieren. Und schnell fiel ihm etwas Sonderbares auf. Zu bestimmten Zeiten während des Schlafes kam es zu plötzlichen Veränderungen der Gehirnströme, die so aussahen, als wäre er hellwach.

Aserinsky dachte, die Maschine sei defekt, und versank zunächst in Selbstmitleid: „Ich war verheiratet, hatte ein Kind und studierte seit 12 Jahren an irgendwelchen Unis herum, ohne einen Abschluss vorzuweisen. Ich war völlig am Boden zerstört.“ Doch in Wahrheit hatte Aserinsky die wichtigste Entdeckung in der Traumforschung gemacht: jene der sogenannte REM-Phase (Rapid Eye Movement). Etwa alle eineinhalb Stunden verfallen Schlafende in diesen Zustand: Das Herz schlägt schneller, Atemfrequenz und Blutdruck steigen, mitunter sind auch Anzeichen von sexueller Erregung festzustellen. Und ganz entscheidend: Die Augen wandern bei geschlossenen Lidern nahezu rasend schnell hin und her – die REM-Phase. Während der Tiefschlaf für die körperliche Regeneration sorgt, ist der REM-Schlaf vor allem für die Psyche wichtig. Hier treten auch die intensivsten Träume auf.

Mit dem Aufkommen der Schlafforschung hat auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Träumen eine bemerkenswerte Renaissance erfahren, besonders in der Psychologie. Für Brigitte Holzinger, die Leiterin des Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien, spielen die Gefühle beim Träumen eine ganz entscheidende Rolle. „Träume sind Gefühle in bewegten Bildern dargestellt“, resümiert Holzinger, die bereits seit rund drei Jahrzehnten auf diesem Feld forscht. Wer sich mit den Träumen auseinandersetze und sie lesen lerne, könne die Gefühle aus der Nacht bewerten und daran wachsen. Denn der Traum, so die Wissenschaftlerin, „ist so etwas wie eine kleine Psychotherapie.“

Inzwischen weiß man auch, dass Träumen für unsere Psyche überlebenswichtig ist. Schon 1960 führte der amerikanische Schlafforscher William C. Dement ein bahnbrechendes Experiment durch: Er hinderte acht Personen daran, zu träumen, indem er sie mehrere Nächte immer kurz vor der REM-Phase aufweckte. Schnell entwickelten die Probanden psychische Symptome wie Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen. Später wurden sie auch immer aggressiver oder litten unter Depressionen. Bald war Gefahr in Verzug, und das Experiment musste abgebrochen werden. Zum Vergleich wiederholte Dement den Versuch später noch einmal. Nun weckte er die Versuchspersonen aber erst, nachdem die REM-Phase vorbei war. Alle Teilnehmer blieben psychisch stabil.

Gegen die „Träume sind Schäume“-Auffassung spricht zudem eines der rätselhaftesten Phänomene der menschlichen Psyche: das luzide Träumen. Hier wird dem Träumenden plötzlich bewusst, dass er träumt. Die Bandbreite reicht dabei von schwachen Eindrücken bis hin zum vollkommenen Erwachen im Traum. Damit aber nicht genug: Anstatt wie üblich das Geschehen nur passiv mitzukriegen, kann man nun plötzlich den Traum nach seinem eigenen Willen verändern. Die Möglichkeiten sind dabei unbegrenzt. Durch das Weltall fliegen, ein Musikinstrument beherrschen, bislang unbewältigte Konfliktsituationen brillant meistern oder – wie bei vielen Klarträumern besonders beliebt – mit jedem Sex haben, den man will. Inzwischen gibt es auch erste Versuche mit luziden Träumern. Dabei zeigt sich immer wieder: Das Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen Tag- und Nachtwelt.

Träume richtig deuten

Die beste Methode, um den Wert von Träumen zu beweisen, bleibt aber immer noch, sie selbst zu erforschen. Wenn wir schon die Chance haben, Nacht für Nacht gratis eine auf uns zugeschnittene psychotherapeutische Sitzung zu absolvieren, sollten wir sie auch nutzen. Für den Traumforscher Günther Feyler sind Träume überhaupt „Suchbilder der Seele“, die uns durch die Wirren unseres Lebens lenken wollen. Für das Auswerten des nächtlichen Geschehens kann man laut Feyler auf Bücher oder Therapeuten getrost verzichten: Jeder Träumer ist selbst sein bester Deuter. Alles, was es braucht, ist anfangs ein wenig Geduld. Und schon bald versteht man die Strukturen seiner nächtlichen Sprache ziemlich deutlich. In der Regel hat man in einer Nacht zumindest drei verschiedene Träume. Diese behandeln meist dasselbe Grundthema von verschiedenen Seiten. Und sie liefern einen Lösungsansatz!

Angst muss man freilich keine haben, selbst wenn es mitunter heftig oder beängstigend zugehen sollte. Auch wenn Szenen auftauchen, in denen jemand stirbt, man verfolgt wird oder nackt vor Arbeitskollegen steht: Es ist nicht real – und auch kein Blick in die Zukunft. Es ist vielmehr ein inneres Theaterstück, das eine Botschaft hat. Um sich leichter an die nächtlichen Reisen erinnern zu können, hat Feyler folgende Ratschläge aufgelistet:


  • Nehmen Sie sich am Abend, bevor Sie einschlafen, fest vor, sich am Morgen an Ihre Träume erinnern zu können.

  • Legen Sie Stift und Papier oder einen Recorder neben Ihr Bett und schreiben Sie nach dem Aufwachen sofort auf, woran Sie sich erinnern können. Wenn Sie die Bilder nicht in Worten ausdrücken können, zeichnen Sie, was geschehen ist.

  • Gehen Sie Ihren Traum noch einmal im Geiste durch, wenn Sie gerade beim Aufwachen sind. Achten Sie darauf, wie Sie sich fühlen. Kommen Sie mit einer traurigen, fröhlichen, sentimentalen, belustigten, frustrierten, aufgewühlten oder energiegeladenen Stimmung in Ihr Tagesbewusstsein zurück? Diese Stimmung ist ein erster wichtiger Hinweis, da Träume vor allem über Gefühle mit uns kommunizieren.

  • Verlieren Sie nicht die Geduld. Nehmen Sie sich immer wieder vor, sich an die Träume zu erinnern. Schreiben Sie jedes noch so kleine Erinnerungsstück auf. Auch wenn sie Ihnen auf den ersten Blick völlig unwichtig erscheinen. Oft tauchen mehr und mehr Fragmente aus Ihrem Unterbewussten auf, wenn Sie sich darauf konzentrieren.

Meist ergeben sich schon beim Aufschreiben erste Einsichten, die sich einfach richtig anfühlen. Wenn Sie Ihren Szenen allerdings eher ratlos gegenüberstehen, dann spüren Sie einmal nach, wie Sie sich in dem Traum gefühlt haben, welche Stimmung der Traum hatte. Korrespondiert diese Stimmung mit Problemen und Gefühlslagen in Ihrem derzeitigen Leben?

Bedenken Sie, dass alles, jede Person, jeder Gegenstand, jeder Ort, ein Produkt Ihrer eigenen Psyche ist. Wenn es Personen gibt, die eine Hauptrolle einnehmen, fragen Sie sich, was dieser Mensch Ihnen sagen will. Was verbinden Sie mit dieser Person? Bewundern Sie etwas an ihr? Lehnen Sie etwas an ihr ab? Welche Beziehung haben Sie zu dieser Person?

Versuchen Sie dann, Ihren Traum zu deuten. Geben Sie jeder Szene eine Überschrift, die das Traumgeschehen in einem Satz zusammenfasst. Fragen Sie sich, ob es in Ihrem Traum Lösungsvorschläge gibt. Gibt es eine Botschaft an Sie? Eine Aufforderung, neue Charaktereigenschaften zu entwickeln oder eine alte abzulegen? Es ist eine Lösung in Ihrem Traum versteckt, nur kann diese nicht immer analytisch gefunden werden. Sie offenbart sich eher in Stimmungen und Gefühlen.

Schreiben Sie einfach alles auf, was Ihnen zu dem Traum einfällt. Lassen Sie Ihren Gedanken und Einfällen freien Lauf. Ihre Eindrücke müssen auf den ersten Blick auch nicht mit den Szenen in Verbindung stehen. Beachten Sie, dass die Träume eher symbolisch zu deuten sind. Wenn sich eine Lösung richtig anfühlt, dann ist sie das meist.
Wie überall gilt auch hier, dass mit Übung alles immer besser gelingt. Wenn Sie Ihren Träumen mehr Aufmerksamkeit schenken, dann wird Ihr Inneres dieses Angebot nur zu gerne nützen und vermehrt mit Ihnen auf diesem Weg kommunizieren. Die Botschaften werden so immer besser verständlich.

Und wenn Sie Glück haben, erkennen Sie während eines Traumes, dass Sie träumen. Kaufen Sie sich dann ein Schloss und verbringen Sie darin eine Nacht, mit wem immer Sie wollen. An diesen Traum werden Sie sich sicher erinnern.



Zum Weiterlesen: Günther Feyler „Träume, Suchbilder der Seele“, Hermann-Bauer-Verlag; Dylan Tuccillo und Jared Zeizel „Klarträumen: Träume bewusst steuern, die Kreativität beflügeln, Probleme lösen“, Goldmann-Verlag; Brigitte Holzinger „Der luzide Traum: Forschung und Praxis“, Facultas.

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