Helle Lichter, dunkle Zeiten

Lebenvon Christian Werner 1. Mai 2007

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„Licht am Tag“ im österreichischen Polittheater: gutes Casting, schlechter Auftritt. Das machtlose Publikum schreit jetzt „Buh“.

Licht am Tag stößt neuerdings auf geradezu sensationell breite Ablehnung: Drei Viertel der Autofahrer sind grundsätzlich dagegen. Dabei war das Gesetz doch mit wohlklingenden Verheißungen verbunden. Zum einen würde es ein jährliches Minus von 30 Verkehrstoten bewirken, zum anderen sollte dadurch das Unfallfahrerargument „Ich habe ihn nicht gesehen“ aus der Welt geschafft werden – als könnte sich dadurch eine Hauptursache für Unfälle, nämlich Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit, einfach in Luft auflösen.

Verheißungen, die in ihrer augenfälligen Vertrotteltheit wie Anti-Aging-Werbeaussagen der Wellnessindustrie klingen, denen aber dennoch viele auf den Leim gegangen sind. Nach 15 Monaten sind wir jetzt gescheiter. Denn nein, es zeigten sich keine positiven Effekte auf die Verkehrssicherheit. Ganz im Gegenteil, die Anzahl der Fußgängerunfälle ist dramatisch gestiegen. Für die Autofahrer folgten Mehrkosten von 80 Millionen Euro jährlich (Treibstoff, Glühlampen, ohne Strafgelder), für die Umwelt ein Plus von etwa 1,5 Prozent der rund 25 Millionen Tonnen an straßenverkehrsbedingten CO2-Emissionen pro Jahr. Überraschung?
Wen das überrascht, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, an die Ratlosigkeit der Bürger von Schilda ob der Finsternis in ihrem Rathaus zu erinnern. Denn all das war schon vorher sattsam bekannt. Etwa: Mehr Strom im Auto verlangt eben nach mehr Glühbirnen und mehr Treibstoff. Lampenauswechseln kann bei modernen Autos meist nur noch von Werkstätten durchgeführt werden und schlägt nicht selten mit 100 Euro und mehr zu Buche. Aus einem Liter Benzin werden durch Verbrennung 2,4 kg CO2 ...


Copyright: Die Presse/Peter Kufner

Eine kurze Rückblende: Schon in den 1960er-Jahren zeigten Flottenstudien in den USA, dass Licht am Tag nichts bringt. Doch es macht Sinn: Etwa in Skandinavien, das mehr oder weniger für sechs Monate des Jahres in ganztägiges Halb- oder Ganzdunkel versinkt. Und tatsächlich wurde es in Schweden 1972 verpflichtend vorgeschrieben, allerdings mit jenem Tag, an dem von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt wurde. Inzwischen wurde es längst auf die Wintermonate beschränkt.
Trotzdem planten Politiker 1995 in Österreich, Licht am Tag einzuführen. Nach Protesten von Augenärzten sowie von allen Autofahrerorganisationen winkte man jedoch ab. Zwei Jahre zuvor hatte übrigens der Deutsche Bundestag „auch nur die versuchsweise Einführung wegen enormer Kosten und hoher Umweltbelastungen“ – zusätzlich rund 1,5 Millionen Tonnen CO2– entschieden abgelehnt.

Seltsam: Zehn Jahre später greift Minister Gorbach das Thema erneut auf, eine Allianz aus dem plötzlich zum Befürworter mutierten ÖAMTC und dem von der Versicherungswirtschaft gesponserten – und vor allem von den Medien bislang für fast genauso unfehlbar wie der Papst für Katholiken gehaltenen – Kuratorium für Verkehrssicherheit stärkt ihm den Rücken. Augenärzte und VCÖ warnen vor schädlichen Auswirkungen, darunter Blendung, Reizüberflutung, Gefährdung von unbeleuchteten Verkehrsteilnehmern... Das Gesetz tritt im November 2005 in Kraft. Die Polizei, die wir Bürger eigentlich mit der Aufklärung und Verhinderung von Wohnungseinbrüchen und anderer Kriminalität beschäftigt wissen wollten, straft mit nie zuvor gesehenem Eifer.

Und jetzt? Institutionelle Befürworter beharren auf ihrer Position, verharmlosen die Umweltbelastungen und zitieren gebetsmühlenartig alle möglichen Studien, um sinnvolle Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit zu dokumentieren. Fakt ist, dass wissenschaftliche Beweise fehlen und dass bestenfalls statistische Korrelationen zu finden sind, ganz nach dem Muster „Die Bevölkerung von Kreta nimmt überdurchschnittlich viel Olivenöl zu sich, erfreut sich aber auch an einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung. Folglich erhöht Olivenöl die Lebenserwartung.“

Korrelationen lassen natürlich alle anderer Faktoren – beispielsweise verbesserte Sicherheitseinrichtungen, geringere Kilometerleistung, bessere Versorgung von Unfallopfern – unberücksichtigt. Mit Erfahrungen und Denken wäre man wohl weiter gekommen.

Das ist zum Beispiel die Situation in der Schweiz: Dort ist das tödliche Unfallrisiko beinahe um die Hälfte geringer als in Österreich – ganz ohne Tagfahrlicht. Oder die Phänomene, die jeder von sich selbst kennt: Auf helle Lichtreize reagiert unser Auge mit einer Phase der „Abblendung“, also mit einem funktionellen Defizit. Auge und Wahrnehmung wandern innerhalb des Blickfeldes automatisch dorthin, wo eine Lichtquelle erscheint. Das „Restbild“ verdunkelt sich faktisch, die Aufmerksamkeit für Nichtbeleuchtetes nimmt stark ab. Licht am Tag gefährdet also alles, was nicht beleuchtet ist: Fußgänger, Radfahrer, Kinder.
Licht am Tag ist sinnvoll, aber nur für Motorräder. Denn wie ein gelber Leuchtstift auf einem schwierigen Text setzt es „Highlights“. Doch kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, einen gesamten Text zu „highlighten“. Warum macht das ein Politiker mit dem Straßenverkehr?

In seiner Skurrilität erinnert das Licht-am-Tag-Gesetz frappant an die Vorschriften über die Freisprecheinrichtungen und schrillen Pieptöne, die Lkw seit einigen Jahren beim Fahren im Retourgang aussenden müssen. Im Großstadtgetöse untertags sind sie kaum hörbar, schmerzlich laut werden sie dagegen um fünf Uhr Früh, wenn der 300 Meter entfernt liegende Supermarkt beliefert wird. Je nach Lage sind sie also überflüssig oder schädlich. Aber sie mussten gekauft werden.
Ähnlich ist das mit Freisprecheinrichtungen, die den Autofahrern aufgezwungen wurden: Erst nach sieben Jahren stellte sich heraus, dass sie sicherheitstechnisch keine Auswirkung haben, da die Hauptprobleme der Ablenkung (Wählen, emotionelle Belastung etc.) dadurch gar nicht gelöst werden. No na!

Mit Vernunft nicht nachvollziehbare Verhältnisse wie diese lassen bei vielen „Verschwörungsgedanken“ aufkeimen. Sicher ist jedenfalls, dass Licht am Tag sowohl Mineralölwirtschaft als auch Lampenindustrie beträchtliche Zusatzumsätze beschert. Und dass alleine in Brüssel zehn Mal mehr Lobbyisten – also von der Industrie bezahlte „Einflussnehmer“ – als Parlamentarier sitzen. Allerdings sollte man von politischen Entscheidungsträgern so etwas wie basales Denkvermögen, Verantwortungsgefühl und Realitätsnähe erwarten können.

An jenem Tag im Jahr 1972, an dem man in Schweden auf Rechtsverkehr umgestellt hat, ist es dort übrigens zu keinem einzigen Unfall gekommen. Das zeigt überdeutlich, dass es ohne Aufmerksamkeit keine Wahrnehmung gibt. Dass es in Sachen Verkehrssicherheit eigentlich um die Wahrnehmung ginge. Um die Wahrnehmungsfähigkeit aller. Sie müsste geschärft werden. Doch genau das Gegenteil passiert, die Reize um uns werden immer stärker. Doch je stärker die Reize werden, umso mehr steigen Stress und Aggressionen und geht die Aufmerksamkeit verloren. In 20 Jahren fahren wir dann wohl mit Fernlicht, Blaulicht und Folgetonhorn. Und alle werden nahezu blind und taub sein. Und die Alten werden sich wehmütig an die Zeiten erinnern, als man in der Stadt noch mit dem Standlicht gefahren ist – und vergleichsweise entspannt zu Hause angekommen ist.

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