Die Seher des Untergangs

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 6. Mai 2016

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Naturkatastrophen, Aufstände, totaler Crash der Weltwirtschaft und ein neuer Weltkrieg. Geht es nach diesen Sehern, dann stehen uns schlechte Zeiten bevor. Alles Unfug?

Als Anfang des Jahrtausends die Prophezeiungs-Internetseite j-lorbeer.de ans Netz ging, glaubten wohl nicht einmal die christlichen Betreiber so recht an ihre Inhalte. Inmitten einer goldenen Zeit, als man die großen Auseinandersetzungen der Welt überwunden glaubte, machten die gesammelten Aussagen von Sehern auch keinerlei Sinn. Denn fast unisono warnten sie vor einer fürchterlichen Wirtschaftskrise in Europa, vor sozialen Spannungen mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Großstädten in Deutschland, Italien und Frankreich sowie vor der brutalen Abschlachtung von Priestern. Entladen würde sich die aufgeheizte Stimmung schließlich in einem neuen, von Russland losgetretenen Weltkrieg, der an Brutalität alles in Schatten stellt, was die Menschheit jemals ertragen musste.
Im Jahr 2000 waren diese Szenen freilich fern jeder Realität, denn selten zuvor war die Welt ein so friedlicher Ort. Russland begann sich nach seinem Kollaps zwar wirtschaftlich wieder zu erholen, aber militärisch war es kein Faktor. Gleichzeitig erlebte die EU eine Glanzzeit, mehr und mehr Staaten drängten in die Völkerfamilie, deren Wohlstand nun für immer gesichert schien. Wirtschaftlich schlechte Zeiten kannte die junge Generation nur mehr aus Erzählungen von Eltern und Großeltern.
Alles änderte sich schlagartig, als am Morgen des 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers krachten und die USA mit ihren Verbündeten in einen nicht zu gewinnenden Krieg gegen den Terrorismus zogen, der einzelne Staaten in ein Trümmerfeld verwandeln sollte. Und seit Ausbruch der globalen Wirtschaftskrise 2008 lesen sich manche Prophezeiungen überhaupt wie Zeitungsberichte. Seit dem Vorjahr hat sich die soziale Lage verschärft. Nachdem Europa mehr als eine Million Asylwerber ohne Kontrollen einreisen ließ, wird bereits offen vor dem Kippen der sozialen Ordnung gewarnt.

9/11-Anschläge im Detail vorhergesagt

Über Nacht hat sich auch die Sicht auf die Prophezeiungen geändert. Denn in vielen der gesammelten „Schauungen“ beginnt der Anfang vom Ende tatsächlich mit einem Angriff auf New York, der mitunter in verblüffenden Details geschildert wird. Ein Kremser Bauer, der sich hinter einem Pseudonym versteckte, da seine Visionen selbst ihm unheimlich waren, beschrieb dem Autor Wolfgang J. Bekh folgendes Szenario: „Bei der Zerstörung New Yorks sah ich hingegen Einzelheiten, die man mit dem Auge niemals wahrnehmen könnte. Es war auch die Lauffolge um ein Vielfaches langsamer. Ich sah diese Stadt in allen Einzelheiten. Da fiel ein dunkler Gegenstand auf einer sich stets krümmenden Bahn von oben herab. Gebannt starrte ich diesen Körper an, bis er barst. Zuerst waren es Fetzen, dann lösten sich auch diese auf. In diesem Moment begriff ich immer noch nicht, was geschehen war. Der erste Sprengkörper explodierte einige Häuser weiter hinter einem größeren, mit der Breitseite am Meer stehenden Haus, die anderen vom Meer aus gesehen, etwas südlicher dahinter. Die Häuser fielen nicht um oder in sich zusammen, sondern sie wurden meist als ganzes vom Explosionsherd weggeschoben. Sie zerrieben sich dabei förmlich von unten her. Von vorne hatte es den Anschein, als würden sie näherkommend im Erdboden versinken.“ Bekh veröffentlichte dieses Zitat in seinem Buch „Das dritte Weltgeschehen“ – im Jahr 1980!
Für Menschen von heute haben Prophezeiungen in etwa das Renommee von Zeitungshoroskopen. Bestenfalls unterhaltsam, aber eigentlich nimmt sie niemand ernst. Dieser schlechte Ruf kommt nicht von ungefähr: Immer wieder blamieren sich selbsternannte Propheten mit Prognosen, die nicht eintreffen. Der sonderbarerweise sehr prominente US-Rundfunkprediger Harold Camping hat etwa bereits mehrmals das Ende der Welt vorhergesehen – und auch lauthals in seinen Rundfunksendungen verkündet. Das erste Mal rechnete er für 1994 mit einer Apokalypse. Als diese dann nicht eintraf, verschob er das Datum auf den 21. Mai 2011. „Wir können also sicher sein, dass die ganze Welt, mit Ausnahme der bis jetzt Erlösten (die Erwählten), unter Gottes Gericht steht und zusammen mit der ganzen Erde ausgelöscht wird“, versicherte er seinen Anhängern. Als das Jüngste Gericht erneut ausblieb, korrigierte er abermals auf einen todsicheren Termin: den 7. Oktober 2015.
Die deutsche Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) überprüfte 2014 insgesamt 90 öffentlich verkündete Prognosen von Hellsehern und Astrologen. Das Fazit: Ausnahmslos alle waren falsch.
Dennoch zieht sich Prophetie wie ein Seidenfaden durch die Geschichte der Menschheit. Zwischen Herrschern, Hellsehern und Astrologen gab es in den vergangenen 3.000 Jahren oft enge Beziehungen – angefangen bei den alten Germanen, Griechen und Römern über das Mittelalter und die Renaissance bis hin zur Gegenwart. In der Antike hatte die Prophetie überhaupt eine staatstragende Rolle. Im alten Griechenland war es etwa undenkbar, eine wichtige Entscheidung wie etwa für einen Kriegseintritt zu fällen, ohne ein Orakel zu befragen. In Tibet gab es bis zu seiner Annexion durch China im Jahr 1950 ein eigenes offizielles Staatsorakel, das in der Exilregierung des Dalai Lama übrigens immer noch einen fixen Platz hat.

Okkulte Berater für westliche Staatsmänner

Und auch westliche Politiker zogen und ziehen gerne okkulte Berater hinzu. Der ehemalige französische Staatspräsident François Mitterrand ließ sich etwa nicht nur bei der französischen Volksabstimmung im Jahre 1992 zum Maastrichtvertrag von der Astrologin Elizabeth Teissier beraten, auch während des ersten Kriegs gegen Saddam Hussein konsultierte er sie gleich mehrmals am Tag. Auch das Ende des Kalten Krieges hatte übernatürliche Unterstützung: Ex-US-Präsident Ronald Reagan war erst dann dazu bereit, seinem sowjetischen Counterpart Michail Gorbatschow zu vertrauen, nachdem der das Okay der Astrologin seiner Gattin Nancy hatte. Auch Napoleon, Rasputin, Kaiser Wilhelm II., Winston Churchill, Josef Stalin und Konrad Adenauer sollen derartige Berater gehabt haben.
Mitunter gibt es auch Personen, die vielleicht tatsächlich so etwas wie ein „Zweites Gesicht“ haben. Einer war Alois Irlmaier, der von 1894 bis 1959 in Bayern gelebt hat. Der Mann war von typisch bayrischer Statur, ebensolchem Auftreten und strammer Katholik. Gefragt war der Brunnenbauer weniger wegen seines handwerklichen Geschicks, sondern aufgrund seiner Gabe, Wasseradern im Boden aufzuspüren. Es wird berichtet, dass er dazu nicht einmal eine Rute gebraucht hat. Trotz dieser Feinfühligkeit wäre er bestenfalls als komischer Kauz in Erinnerung geblieben, wäre er seit dem innigen Betrachten eines Marienbildes nicht plötzlich von Visionen heimgesucht worden. Vor seinem inneren Auge tauchten Szenen auf, die ihm so wirklich erschienen wie die Realität, die ihn umgab. „Ich seh’ es ganz deutlich“, beteuerte er immer wieder.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Irlmaier zu einer lokalen Berühmtheit, da er offenbar vorhersehen konnte, welche Wohngebiete bombardiert werden. Verzweifelten Ehefrauen gab er immer wieder Auskunft über den Verbleib ihrer Männer und Söhne, die in den Krieg gezogen waren. Bald standen die Leute Schlange, an Spitzentagen empfing Irlmaier bis zu 100 Personen. Über den Seher wurde nun auch in Lokalblättern berichtet.
Das Treiben des Mannes war indes nicht allen geheuer. Ein Pfarrer, der sich über die „abergläubischen Weiber“ aufregte, zeigte Irlmaier nach dem Krieg schließlich wegen Gauklertums an, es kam zu einem Gerichtsprozess. Doch gerade deswegen gilt Irlmaier für Gläubige als Vorzeigeprophet: Denn er wurde freigeprochen – und zwar unter denkwürdigen Umständen. Um seine Fähigkeiten zu beweisen, beschied Irlmaier bei seiner Verhandlung dem Richter, er solle bei sich zuhause anrufen. Dort würde gerade seine Ehefrau bekleidet mit einem roten Kleid einen fremden Mann empfangen und mit diesem frühstücken. Der Richter lies sich das nicht zweimal sagen. Er schickte den Gerichtsdiener an, sich das Gesagte bestätigen zu lassen. Und tatsächlich stimmte es: Der fremde Mann entpuppte sich als alter Bekannter des Richters, der ihn besuchen wollte und dann mit dessen Frau gemeinsam frühstückte. Sie trug dabei ein rotes Kleid. Der Richter sprach Irlmaier daraufhin mit folgendem Urteil frei: „Die Vernehmung der Zeugen hat so verblüffende, mit den bisher bekannten Naturkräften kaum noch zu erklärende Zeugnisse für die Sehergabe des Angeklagten erbracht, dass dieser nicht als Gaukler bezeichnet werden kann.“
Noch heute sorgte Irlmaier für Schlagzeilen, denn neben Angaben über vermisste Personen oder zeitnahen Ereignissen hatte er auch Visionen von der Zukunft Deutschlands und Europas, die sich heute beängstigend real lesen. Zuerst, so sagte er, kommt ein Wohlstand auf, wie man ihn noch nie gesehen hat. Das Erblühen der Wirtschaft geht aber mit einem massiven Glaubensabfall und einem Niedergang der Sittlichkeit einher. Und der Reichtum währt nicht ewig: Eine große Inflation trifft Europa, eine große Zahl fremder Leute strömt zudem ins Land. Das System kollabiert, Aufstände folgen. Dann überfällt Russland über Nacht den Westen.

Die Zukunft: alles andere als rosig

Alois Irlmaier steht mit seinen Aussagen nicht alleine. Es gibt zahlreiche schriftliche Überlieferungen von Menschen, die Zukunftsvisionen gehabt haben wollen. Oft waren es Geistliche wie Hildegard von Bingen oder der stigmatisierte italienische Pfarrer Pater Pio. Doch auch einfache Bauern oder Handwerker, die selbst nicht einmal schreiben konnten, ließen ihre Schauungen aufzeichnen. Und auch wenn diese Personen an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten lebten, finden sich in ihren Offenbarungen doch erstaunliche Parallelen. Dies fiel dem Autor Stephan Berndt auf, als er zufällig auf verschiedene Privatoffenbarungen stieß. Ihn faszinierten die gleichlautenden Aussagen derart, dass er systematisch rund 5.000 Prophezeiungen von 250 Personen erfasste und damit so etwas wie einen Fahrplan für die Zukunft schrieb. Und die ist alles andere als rosig.
Die Zusammenfassung sieht in etwa so aus: Im Frühsommer eines Jahres X befindet sich Europa in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Mit dem Versprechen einer besseren Zukunft werden der Bevölkerung mehr und mehr wirtschaftliche Opfer abverlangt. Die Menschen sind desillusioniert, Politiker gelten gemeinhin nur noch als Lügner und Verräter.
In diese trübe Grundstimmung fällt der Ausbruch eines neuen Nahostkrieges, der das Potenzial hat, den gesamten arabischen Raum in Brand zu setzen. Die Welt ringt um Frieden. Während dieser Zeit steigert sich die Unzufriedenheit in vielen Ländern Europas zu offenem Aufruhr. Wegen der stetig größer werdenden Zahl von Arbeitslosen sind die Sozialkassen ausgehöhlt, die Steuern werden drastisch erhöht. Wer noch Arbeit hat, trägt eine nie dagewesene Abgabenlast.
In Italien kommt es zu den ersten bürgerkriegsartigen Ausschreitungen, Frankreich und Deutschland folgen. Auf dem Balkan setzten neue Kampfhandlungen ein. Bei einer Friedenskonferenz rund um diesen Balkankonflikt wird ein hoher russischer Politiker bei einem Attentat getötet. Unmittelbar darauf stoßen russische Truppen vor und fallen über Nacht in Serbien ein. Der Dritte Weltkrieg hat begonnen.

Weiter geht es Schlag auf Schlag: Die Rote Armee dringt schnell nach Westen vor, die deutsche Bundeswehr ist völlig überrumpelt, es gibt kaum Gegenwehr. Die deutschen Kräfte konzentrieren sich auf eine Verteidigungslinie am Rhein und können die Russen stoppen. Zu diesem Zeitpunkt ist das gesamte Gebiet östlich des Rheins und nördlich der Donau unter russischer Kontrolle. Die russische Armee kommt zwar zu stehen, verfügt aber weiterhin über eine enorme Schlagkraft.

Eine Prise Science-Fiction

Der Rhein wird zum Fluß des Schicksals. Überschreiten die Russen den Rhein, so heißt es, dann ist Frankreich verloren. Die westliche Allianz greift daher zu einer verzweifelten Aktion. Sie schickt eine Staffel von Flugzeugen los, die, beginnend an der Ostseeküste, bis nach Prag und von dort weiter Richtung Südosten, einen breiten Streifen derart chemisch verseuchen soll, dass Bodentransporte nicht mehr möglich sind. Das Vorhaben gelingt. Der Westen kann die russischen Truppen allmählich wieder zurückdrängen. Den Russen wird klar, dass eine Niederlage drohen könnte. Bis zu dem Zeitpunkt werden keinerlei Atomwaffen eingesetzt, da die Angst vor einem Gegenschlag überwiegt. Doch nun ist Russland derart in der Defensive, dass es mit Atomwaffen die Versorgungswege des Westens angreift.
Krieg, Atomwaffen, Giftcocktails sind eigentlich schon übel genug, doch nun kommt auch noch eine Prise Science-Fiction hinzu: Über dem umkämpften Europa erscheint plötzlich ein gleißend strahlender Himmelskörper, der kurzzeitig sogar die Sonne überstrahlt. Kaum ist er verschwunden, senkt sich eine dunkle Wolke über die Erde und es wird Nacht. Die Luft ist angereichert mit Staub, und wer ihn einatmet, kommt zu Tode. Überleben ist nur in geschlossenen Räumen möglich. Diese Finsternis dauert drei Tage. Und nicht nur Europa ist betroffen, sondern auch andere Weltteile. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung stirbt. In den verschiedensten Prophezeiungen ist übrigens kein Einzelergebnis derart häufig, derart detailliert und mit so hohem Übereinstimmungsgrad beschrieben.
Wer überlebt hat, kann allmählich aufatmen – nur noch einige extreme Erdbeben, gigantische Flutwellen und orkanartige Stürme sind zu überstehen, bevor der Horror abebbt. Die extremen Wetterphänomene gehen zurück, die Kriegstreiber in Russland sind ausgeschaltet. Aus dem ehemaligen Feind wird ein Partner. Die USA sind aufgrund enormer Naturkatastrophen so stark geschwächt, dass sie keinerlei Einfluss mehr auf Europa ausüben können. Die Menschen sind geläutert. Der Raubtierkapitalismus weicht einem sanfteren Wirtschaftsmodell, die Menschen finden zu einer neuen Religiosität. Wegen der schlechten Erfahrungen mit der Demokratie regiert in Deutschland wieder ein Monarch, der allerdings gewählt wird.
Ist der Blick in die Zukunft möglich?

Das Gute bei schlechten Prophezeiungen ist, dass man sie mit dem Etikett „unmöglich“ locker zur Seite schieben kann. Auch vonseiten der Wissenschaft gibt es auf die Frage, ob es so etwas wie Seher gibt, bestenfalls ein mitleidiges Lächeln. Versuche zum Thema Präkognition sind Mangelware, wohl nicht zuletzt deshalb, weil man sich damit als Professor umgehend ins wissenschaftliche Aus katapultierte.

Einer der wenigen, der sich des Themas dennoch angenommen hat, war der durchaus angesehene Psychologe Daryl Bem, ein emeritierter Professor der Cornell University. Gleich in mehreren Versuchen will der Wissenschafter eindeutige Belege für Hellsehen gewonnen haben. Unterstützt wurde er dabei vom größten Motivator des Menschen: vom Sex.
Bem platzierte bei seinem Versuch etwa 100 Teilnehmer vor Computern. Auf den Monitoren waren jeweils zwei angedeutete Bilder, die mit digitalen Vorhängen verdeckt waren. Die Probanden mussten nun raten, hinter welchem der beiden Vorhänge ein Bild versteckt war. Was sie dabei allerdings nicht wussten, war, dass zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt kein Bild hinter dem Vorhang war. Erst nach ihrer Entscheidung wurde von einem Computerprogramm vollkommen zufällig in eines der beiden Kästchen ein Pornofoto hochgeladen.
Damit wollte der Psychologe belegen, dass Menschen sexuelle Reize vorausahnen können, um damit einen Vorsprung bei der Fortpflanzung zu haben. Tatsächlich gab es bei den erotischen Abbildungen auch eine Trefferquote von 53,1 Prozent. Bei neutralen oder romantischen Bildern lag die Quote hingegen leicht unter 50 Prozent. Für Bem war damit belegt, dass wir wohl derart sexfixiert sind, dass wir ihn sogar erahnen können.

Zeit ist keine konstante Größe

Die Arbeit wurde in der renommierten Fachzeitung „Journal of Personality and Social Psychology“ publiziert, stieß aber – gelinde formuliert – innerhalb der Kollegenschaft auf wenig Gegenliebe. Wissenschafter der Universität Amsterdam überprüften die Daten erneut und sahen darin keine eindeutigen Beweise für Präkognition. Der Parapsychologenkritiker Ray Hyman nannte die Versuche gegenüber der New York Times gar „eine Peinlichkeit für den gesamten Forschungszweig“.
Das vernichtende Urteil wurde aber vielleicht ein bisschen vorschnell gefällt. Denn das, was wir gemeinhin Zeit nennen, ist viel mysteriöser, als es uns unser Alltagsbewusstsein vorgaukelt. Wir gehen davon aus, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft klar voneinander getrennt sind und sich Zeit in einer steten Richtung von einer Vergangenheit in Richtung Zukunft bewegt. Bei diesem Modell ist es natürlich vollkommen unmöglich, in die Zukunft zu sehen. Doch dieses Modell hat ein gravierendes Problem: Es ist völlig falsch.
Seit Albert Einstein gilt es als wissenschaftlich unbestritten und belegt, dass Zeit alles andere als eine konstante, objektive Größe ist, sondern von vielen Faktoren abhängt. Ein Faktor ist etwa die Geschwindigkeit: Je schneller sich ein Objekt bewegt, umso langsamer verstreicht für dieses Objekt die Zeit. Bei Lichtgeschwindigkeit vergeht überhaupt keine Zeit mehr. Zur Anschauung ein Beispiel: Ein Zwillingspaar lebt auf der Erde. Während sich einer der beiden anschickt, Astronaut zu werden, wählt sein Bruder den Beruf des Gärtners. Der Astronaut nimmt nun an einem waghalsigen Projekt teil. Er ist der erste Mensch, der mit Lichtgeschwindigkeit die Erde umkreist, und zwar gleich 20 Jahre lang. Bei seiner Landung wäre sein Bruder nun 20 Jahre älter, er selbst allerdings so gut wie gar nicht gealtert. Dieses bizarre Phänomen ist freilich kein Hirngespinst, sondern lässt sich wissenschaftlich nachweisen. „Für uns gläubige Physiker hat die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion“, meinte Einstein am Ende seines Lebens.
Heute wird bereits ernsthaft darüber diskutiert, dass es so etwas wie Zeit in Wahrheit gar nicht gibt. Eine Annahme, die auch von spirituellen Systemen, etwa im Buddhismus, vertreten wird. Verschiedene Wissenschafter gehen heute eher davon aus, dass wir in einem „Block-Universum“ leben. In diesem Universum vergeht überhaupt keine Zeit, sondern alles ist in einem endlosen Jetzt gleichzeitig da. Zeit verstreicht lediglich subjektiv für uns, da unser Bewusstsein nicht in der Lage ist, dieses ewige Jetzt wahrzunehmen. Es muss dieses Jetzt daher in Teile zerlegen, die es nacheinander wahrnimmt. Man kann diesen Vorgang in etwa mit dem Film auf einer DVD vergleichen. Der Film ist zu jedem Zeitpunkt als Ganzes auf der DVD enthalten, aber wir können ihn nur durch Abspielen bewusst wahrnehmen. Diese Vorstellung wurde auch von dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Norman Spinrad in „The Weed of Time“ aufgegriffen. Darin hebt ein außerirdisches Kraut die Illusion der Zeitlichkeit auf: Isst man es, so hat man sein ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod vor Augen.

Dieses Modell wäre zumindest eine Erklärung für Prophetie: Auch ohne ein Kraut zu essen, durchbrechen aus unbekannten Gründen gewisse Menschen die Schranken ihres Alltagbewusstseins. Damit wäre auch verständlich, wieso Genies wie Leonardo da Vinci Zeichnungen von Objekten anfertigen konnten, die es erst 500 Jahre später geben sollte – Atompilz inklusive.

Naht das Ende?

Falls es sich bei Prophetie nun tatsächlich um mehr als Spinnerei handelt, dann steht die menschliche Zivilisation vor einem Abgrund. Tatsächlich bereiten sich gegenwärtig in den USA und in Europa Zehntausende auf die letzten Tage der Menschheit vor. Während die einen auf die Kraft von Jesus setzen, vertrauen andere lieber auf Gold, Waffen und ein sicheres Versteck.
Doch nicht einmal die Seher selbst sind davon überzeugt, dass ihre Visionen wahr werden müssen. Der 1999 verstorbene spirituelle Lehrer und Seher – er war übrigens leitendender ZDF-Redakteur – Karl Schnelting erklärte es so: „Alle apokalyptische Prophetie hat einen Doppelcharakter. Sie ist Warnung und Voraussage. Wenn sie als Warnung Erfolg hat und eine Umkehr bewirkt, braucht sie als Voraussage keinen Erfolg zu haben; ihr eigentlicher Zweck ist, dass sich durch das Ernstnehmen der Warnung die Erfüllung der Voraussage erübrigt.“ Allerdings wird die Chance, ein angekündigtes Ereignis zu vermeiden, umso geringer, je näher es zeitlich herangerückt und je globaler es ist. In etwa so, wie ein schwerer Tanker auf See eine längere Strecke braucht, um zu stoppen oder den Kurs zu ändern.

Hoffen wir also, dass die Prophetie tatsächlich das ist, was ihr die herrschende Wissenschaft unterstellt: blanker Unsinn.



Zum Weiterlesen: Stephan Berndt: „Prophezeiungen zur Zukunft Europas und reale Ereignisse“, Reichel-Verlag, 15,90 Euro.

Foto: Imagedepotpro/Getty Images RF

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