Frauen außer Rand und Band

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 6. Mai 2016

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Die Zeiten der Unterdrückung sind vorbei. Eine neue Generation von Frauen zelebriert ihre Sexualität. Gleichzeitig herrscht ein gnadenloser Schönheitskult, der Frauen wie nie zuvor auf ihre sexuelle Attraktivität reduziert. Über Bitches, Milfs und Sugars.

Der Diani Beach am Indischen Ozean in Kenia zählt mit seinem türkisen Wasser und dem malerisch weißen Sand zu den schönsten Stränden der Welt – und zu einem Zentrum des Sextourismus. Doch sind es nicht wohlbeleibte ältere Herren, die hier auf der Suche nach jungem Frischfleisch lustwandeln. Es sind wohlbeleibte ältere Damen aus den reichen westlichen Industriestaaten. Die Seniorinnen genießen freilich nicht nur den spektakulären Ausblick, Ziel ihrer Blicke sind vor allem die jungen, muskulösen Einheimischen, die Kenya Boys.
Galt das lustvolle Treiben am Diani Beach anfänglich noch als Geheimnis, das sich versteckt hinter den Fassaden gehobener Hotels und stilvoller Apartments abspielte, so gibt es heute keinerlei Scham mehr. Die meist sehr wohlhabenden Frauen nehmen sich offen, was ihnen gefällt – und sie sind auch bereit, dafür zu zahlen. Für die jungen Männer ist es indes nicht selten der einzige Ausweg, den Armutsverhältnissen in diesem Land zu entkommen.
Die wilden Seniorinnen sind freilich nur die Spitze des Eisbergs. Einer neuen Generation von Frauen, die den Umgang mit ihrer Sexualität völlig neu definiert hat. Nachdem sie in der Arbeitswelt immer mehr Terrain gegenüber den Männern gutgemacht haben, eroberten sie nun auch das Begehren. Nach Jahren der Rücksichtnahme und des Verzichts stellen sie ihre eigene Lust in den Mittelpunkt.
Ihre neue Macht wirkt für viele Frauen wie ein Aphrodisiakum. „Meine Phantasien begannen, als ich in meiner Firma immer höher aufstieg. Ich war selbst schockiert, aber Konkurrenz mit Männern begann mich zu erregen. Ich stellte mir vor, dass ich mit dem Mann Sex habe. Im Bett machten wir einen Ringkampf, bei dem der Gewinner dann beim Sex oben war“, schildert eine 29-jährige Karrierefrau, die in dem Buch „Women on Top“ von der Feministin Nancy Friday zitiert wird.

Und diese Frauen stehen auch öffentlich zu ihrem neuen sexuellen Selbstbewusstsein. Madonna etwa inszeniert sich auch noch mit 60 Jahren als geiler Vamp, die Nachwuchs-Skandalnudel Miley Cyrus simuliert auf der Bühne der MTV Music Awards sogenannten Doggy-Style-Sex. Und in den Buchgeschäften stapeln sich Titel über „freche Frauen“. Selbst in den harmlosesten Frauenzeitschriften finden sich Tipps zum schmerzfreien Analverkehr, während in der Mode längst der Porno-Chic Einzug gehalten hat.
Der Trend wirkte sich natürlich auch auf das Liebesleben aus. Laut einer deutschen Studie benutzen gleich dreimal so viele Frauen Sexspielzeuge, etwa Vibratoren, wie noch vor 20 Jahren – fast 40 Prozent sollen es sein. 36 Prozent geben sich gerne Fesselspielen hin, und 20 Prozent stehen auf sexuelle Rollenspiele. 44 Prozent schauen gemeinsam mit dem Partner auch schon einmal Pornovideos.
Auf wie viele Liebhaber es eine Frau heute bringt, ist nicht gänzlich klar. Laut Erhebungen sind es im Schnitt 7,5. Doch die Forscher sind da sehr skeptisch. Denn im Gegensatz zu Männern, die in Sachen Liebesleben gerne übertreiben, neigen die Damen dazu, die Zahl herunterzuspielen. One-Night-Stands werden etwa meist gar nicht mitgezählt. Einen ehrlichen Einblick gab indes eine Kolumnistin des Magazins „Cosmopolitan“: „Ich bin nicht stolz auf meine ungefähr 50 Männer, aber ich möchte auch keinen von ihnen missen. Weil mich alle zusammen zu der Frau gemacht haben, die ich heute bin.“
Die neue Freiheit will sich natürlich nicht einsperren lassen. Die Ehe ist längst nicht mehr so attraktiv wie früher. War eine Braut bei ihrer ersten Hochzeit noch vor 20 Jahren durchschnittlich 24,5 Jahre alt, so sind es heute 32,3 Jahre. Inzwischen wird auch fast jede zweite Ehe auch wieder geschieden – im überwiegenden Fall auf Drängen der Frauen.



Foto: C. Lyttle/Corbis RF

Sexuelle Allesfresser

Doch kommt die neue sexuelle Offenheit der Frauen von ihnen selbst oder wird sie ihnen nur übergestülpt – von der medialen Sexualisierung aller Lebensbereiche? Sexforscher haben auf diese Frage inzwischen eine ziemlich eindeutige Antwort: Unter der Fassade von Verboten, Vorschriften, Moral und Anstand lauert tatsächlich ein „sexueller Allesfresser“.
Wie es zugehen könnte, zeigt schon ein Blick auf unsere nächsten Verwandten im Tierreich: die Schimpansen und Bonobos. Während ihrer fruchtbaren Tage haben Affendamen gleich bis zu 50-mal am Tag Sex, meistens mit mehr als 10 verschiedenen Männchen. Die Männchen müssen sich auch nicht gerade mächtig anstrengen, an die Weibchen heranzukommen. Es reicht, den erigierten Penis zur Schau zu stellen und an ein paar Zweigen zu rütteln. Die Sexpraktiken sind ürbigens breit gefächert, ganz besonders stehen die Affenweibchen dabei auf weibliche Artgenossinnen. Bietet sich die Gelegenheit zu einer Lesbennummer, dann kann das Männchen so viel an Zweigen rütteln, wie es mag, es kriegt keine Chance, zumindest nicht in diesem Moment.
Doch nicht nur, dass die Affendamen unersättlich sind, sie sind sozusagen auch noch ausländerfeindlich – zumindest wenn es um Frauen geht. Bringt man ein neues Weibchen in ein Gehege, wird es von den Konkurrentinnen so lange gejagt, bis es stirbt. Handelt es sich um ein Männchen, so zeigen sie hingegen ausgeprägten Appetit auf etwas Neues.
Genau diese promiskuitive Bonobo-Dame, so vermuten Forscher, steckt auch in den Frauen – wenn auch verschüttet durch Jahrtausende an Unterdrückung durch das Patriarchat. Wie stark die kulturelle Prägung vom tatsächlichen Geschehen zwischen den Beinen abweichen kann, bewies die kanadische Sexualforscherin Meredith Chivers bei einer Untersuchung. Dafür zeigte sie sowohl Männern als auch Frauen eine bunte Mischung von Porno-Clips. Darin zu sehen waren Männer und Frauen in allen Varianten und Stellungen, Schwulen- und Lesbenszenen, Männer und Frauen bei der Selbstbefriedigung, Gruppensex und zu guter Letzt sogar noch Zwergschimpansen bei der Fortpflanzung.

Während der Szenen sollten die Probanden selbst mittels Tastatur die Stärke ihrer Erregung bewerten. Doch damit nicht genug. Um zu untersuchen, was sich tatsächlich untenherum abspielte, wurden sowohl Männer als auch Frauen mit Sensoren ausgestattet, die die Durchblutung der Geschlechtsorgane messbar machte. Das Ergebnis der Männer war wenig überraschend. Es zeigte, dass sie tatsächlich so einfach gestrickt sind wie angenommen: Heterosexuelle Männer wurden durch Heteroszenen, Lesben und masturbierende Frauen erregt. Homosexuelle Männer ließ der Anblick von Frauen in allen Varianten kalt, dafür stieg die Durchblutung rasant, sobald ein Mann involviert war. Es gab auch kaum Abweichungen zwischen der Eigenbewertung mittels Tastatur und dem tatsächlichen Messergebnis. Die Männer standen dazu, was sie geil fanden.
Völlig anders war es bei den Frauen: Bewusst gestatteten sie sich nur bei gezeigten Heteroszenen und allenfalls ein wenig bei Lesbensex, Erregung zu empfinden. Doch die objektive Messung zwischen den Beinen ergab ein völlig anderes Bild. Während der Kopf ruhig blieb, wurde die Vagina offenbar von sämtlichen Szenen erregt. Selbst von den Zwergschimpansen! Das Fazit der Forscherin: Während Männer mehrheitlich auf nur eine Spielart von Sex fixiert sind, ist die weibliche Libido offenbar ein „Allesfresser“.
Das Ergebnis ist spektakulär. Und wirft alle bisherigen Annahmen völlig über den Haufen. Seit jeher behaupten Forscher nämlich, nur Männer seien ausgesprochen promiskuitiv, weil sie ihren Samen an möglichst viele Frauen verteilen wollen. Frauen wiederum seien monogam veranlagt und auf der Suche nach dem einen guten Mann. „Das wird bis heute erzählt, obwohl die Beweislage dafür bestenfalls begrenzt ist. Wir stützen uns auf Vorurteile, die wir endlich einmal hinterfragen sollten. Unsere Gesellschaft ist nicht so liberal, wie wir denken: Wenn es um Sex geht, gestehen wir Männern sehr viel mehr Freiheiten zu als Frauen. Den Gedanken, dass auch eine Frau wilden, heißen Sex mag, blenden wir einfach aus – er passt nicht in unser Weltbild“, sagte der Autor des Buches „Die versteckte Lust der Frauen“, Daniel Bergner, in einem Interview mit der Frauenzeitschrift „Für Sie“.

Heilige und Hure

War die bisherige sexuelle Zurückhaltung der Frauen in Sachen Sex also nur kulturell bedingt? Vieles spricht dafür, denn tatsächlich wurde insbesondere der wilde Teil weiblichen Begehrens Jahrtausende lang brutal unterdrückt. Es reicht schon ein kleiner Blick in die – durchwegs von Männern geschriebene – Sexualgeschichte, um das zu belegen.
Die Aufzeichnungen lassen zwar weniger auf die tatsächlichen Gelüste der Frauen schließen, sie liefern aber dafür einen ziemlich guten Beleg für die psychische Verfassung der Autoren. Der dunkle, animalische Teil weiblichen Verlangens wurde offenbar derart gefürchtet, dass er den „anständigen“ Frauen schlichtweg abgesprochen wurde. Sigmund Freud sollte dieses Phänomen später einmal den Heilige-Hure-Komplex nennen. Dabei werden Frauen von Männern entweder als heilige reine Madonnen oder als triebhafte Huren betrachtet.
In der europäischen Antike verharrte man noch relativ unbefangen. Ovid beschied Frauen sogar, dass sie beim Sex neunmal mehr Lust empfänden als Männer. Um ein Kind zu zeugen, so war man damals überzeugt, sei auch ein „Zittern“ der Frauen notwendig. Sprich: Sie mussten zum Orgasmus kommen. Doch mit dem Siegeszug des Christentums war es mit den Orgasmen vorbei. Die weibliche Sexualität wurde verteufelt und verdrängt. Priester und Schriftgelehrte ließen nur mehr ein madonnenhaftes Frauenbild gelten, das in der Anbetung der Heiligen Jungfrau Maria gipfelte. Die asexuelle reine Maria kannte kein Begehren, sie musste sich nicht einmal beschmutzen, um ein Kind zu zeugen. An der Stelle von Josef erledigte das ganz einfach der Heilige Geist.

Bald standen Frauen unter Generalverdacht. Sorgte doch schon Eva, die Urmutter aller Sünde, durch die geschickte Verführung von Adam dafür, dass die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden. Der erste Kirchenvater Tertullian sah in den Frauen demnach auch „die Einfallspforte des Teufels“. Der dunkle Aspekt weiblicher Sexualität blieb natürlich weiter bestehen. Nur wurde er nun fatalerweise in „Hexen“ projiziert, für die Komplexe des Klerus mussten sie oft mit ihren Leben bezahlen. Männer wurden vor den verdorbenen Kreaturen ausdrücklich gewarnt. Wenn sie der sexuellen Ausstrahlung einer Hexe erlägen, würde diese sie „glatt“ – also ohne Genitalien – zurücklassen.
Die Wissenschaft war freilich nicht weniger dumm. Französische Anatomen des 17. Jahrhunderts vertraten etwa die Ansicht, dass sich die Klitoris bei zu viel Aufmerksamkeit zu einem ausgewachsenen Phallus verwandelt. Dieses Gemächt würden die Mann-Frauen dann umgehend dazu benutzen, Frauen zu missbrauchen.
Für die Frauen hatte dies die Folge, dass ihre Sexualität in das sichere und stark regulierte Korsett der Ehe gezwängt wurde. Wobei seitens des Klerus sogar die Häufigkeit des Beischlafs reglementiert wurde: dreimal pro Monat bei einer Woche Pause während der Menstruation. Selbst die ersten Feministinnen des 19. Jahrhunderts stimmten noch in diesen Kanon mit ein. „Die Reinheit der Frau ist der ewige Damm, gegen den die Fluten der sinnlichen Natur des Mannes branden“, schrieb etwa die Amerikanerin Eliza Farnham. Ohne diese weibliche Blockade würde fatale Unordnung herrschen. Der englische Gynäkologe und Sexualforscher William Acton kam zu dem Schluss, dass „zum Glück für die Gesellschaft die Mehrzahl der Frauen von sexuellen Gefühlen jeglicher Art kaum behelligt wird“.
Die erste staatlich verordnete sexuelle Freiheit gab es ausgerechnet im Terrorregime der Nationalsozialisten. Die positive Bewertung weiblicher Sexualität hatte aber freilich weniger mit Frauenbefreiung als mit Machtpolitik zu tun. SS-Chef Heinrich Himmler fürchtete etwa, dass Deutschland mit zu wenig Kindern von Russen und Asiaten „einfach über den Haufen gerannt wird“. Deshalb sollte nicht nur jede verheiratete deutsche Frau mindestens vier Kinder gebären, auch ledige Damen sollten Adolf Hitler Nachwuchs schenken – natürlich nur, sofern sie gesund und „rassisch unbedenklich“ waren.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Sexualmoral – wohl auch aus nachträglicher Ablehnung des Naziregimes – in all ihrer Spießigkeit wieder zurück. „In dieser pornofreien guten alten Zeit wachten Eltern, Lehrer und Mitschüler Seite an Seite mit den Zensoren und Berufstugendbolden der Adenauer-Ära über die Unschuld der (vor allem bürgerlichen) Mädchen. Die Keuschen selbst durften wegen einer möglichen Gefährdung des Hymens nicht einmal Tampons benutzen. Kaum eine wagte ihre Unschuld vor dem Abitur aufs Spiel zu setzen, denn der Preis konnte hoch sein. Über Verhütungsmittel wussten die Gymnasiastinnen nichts, wohl aber über gleichaltrige Sünderinnen, die vom Vater verprügelt und von der Mutter Hure geschimpft wurden. Gehört hatte man auch von solchen, die die Schule verlassen mussten oder gar im Umstandskleid von der Polizei aus dem Unterricht abgeführt wurden, zum Schutz der Sittlichkeit ihrer Mitschüler. Das Gros der Knaben litt nicht minder unter Angst vor den bösen Folgen der Onanie, mit denen Großväter, Väter und Kirchenmänner noch immer drohten“, berichtet die Schriftstellerin Ulrike Heider.

Ausbruch aus dem Korsett

Erst durch die 1968er-Bewegung mit ihrem Kampf für sexuelle Freiheit, Selbstbestimmung und Feminismus gelang es den Frauen, ihr sexuelles Korsett abzulegen. Doch wäre die Befreiung nicht von Dauer gewesen, hätte nicht ein entscheidender Wandel in der Gesellschaft stattgefunden. Die Männer verloren nach und nach ihre Macht. Dank eigenem Arbeitsplatz wurden Frauen wirtschaftlich unabhängig und waren nicht länger auf einen Versorger angewiesen. Dank der Verbreitung der Anti-Baby-Pille konnten sie nun auch selbst darüber entscheiden, ob sie Nachwuchs wollten oder nicht. Erstmals waren sie in der Lage, rein aus Spaß mit Männern ins Bett zu gehen.
Der absolute Durchbruch des promiskuitiven Lebenswandels wurde schließlich 1998 in Form einer TV-Sendung mit dem Namen „Sex and the City“ quasi weltwelt propagiert. Die Serie sorgte anfangs wegen des völlig offenen Umgangs mit Sex für jede Menge Aufregung, bei den Frauen schlug sie aber ein wie eine Bombe. Tatsächlich wurde eine ganze Generation von dieser Serie geprägt. Im Mittelpunkt standen Sex, Männer, Affären und Beziehungen.
„Sex and the City“ fand allerdings ein letztlich doch sehr überraschendes Ende. Denn nach schier unzähligen Eskapaden landeten die Protagonistinnen allesamt in traditionellen Beziehungen. Nicht die sexuelle Freiheit war die ersehnte Erfüllung, sondern der Mann und die Kinder. Vielleicht ahnten die Schreiber der Storys aber auch voraus, dass sich die sexuelle Befreiung bald in eine ungesunde Richtung entwickeln könnte. Denn längst hatten sich Medien, Werbung, Unterhaltungsindustrie und Mode auf den „sexy“ Trend gestürzt – und ihn zu einem entmenschlichten Porno-Tsunami aufgeblasen. Aus jungen Damen wurden „Bitches“, aus Müttern „Milfs“, und selbst Omas mussten noch als „Sugars“ Begehren wecken. Den Wert einer Frau bestimmte plötzlich nur ihre sexuelle Attraktivität.
„Wo man hinschaut und hinhört: Sex, Sex, Sex – kein Tag ohne. Ob Kunst, Theater, Medien, Musik, öffentlicher Raum, überall werden wir mit nackten Tatsachen bombardiert. Die allgegenwärtige Sexualisierung der Gesellschaft entwickelt sich zu einem sexuellen Supergau und stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Was einst nur im Pornobereich stattfand, hat Einzug in alle gesellschaftlichen Bereiche gehalten“, kritisiert die deutsche Kulturanthropologin und Sexualforscherin Ingelore Ebberfeld.

Zudem werden inzwischen Schönheitsideale hochgehalten, die ohne Schönheitsoperationen, Essstörung und Photoshop niemals zu erreichen wären. Doch eine Vielzahl von Frauen versucht mitzuhalten: Daten der American Society of Plastic Surgeons zeigen einen Anstieg der jährlichen Rate an Botox-Injektionen um 388 Prozent, der Fettabsaugungen um 115 Prozent und der Po-Liftings um 283 Prozent. 300.000 Frauen ließen sich in den USA alleine im Jahr 2014 die Brust vergrößern.
Der Wahnsinn hat auch bereits Todesopfer gefordert. Carolin Wosnitza, die sich in der Pornobranche als „Sexy Cora“ einen Namen machte, ließ sich ihre Brüste binnen nur vier Jahren von der Größe B auf F „aufblasen“. Medial wurde sie dafür gefeiert und sogar mit einem Einzug in den Big-Brother-Container belohnt. Dies dürfte „Sexy Cora“ zu mehr angespornt haben. Mit nur 23 Jahren legte sie sich für ihren Traumbusen – bislang Größe G – noch einmal unters Messer. Die Operation endete tragisch: Durch einen Fehler der Anästhesistin erlitt die junge Frau eine Hirnlähmung und starb kurze Zeit später.
Einer Untersuchung der American Psychology Association zufolge wirkt der Schönheitswahn besonders auf junge Frauen verheerend. Mädchen beginnen, sich selbst zu sexualisieren. Sie sehen ihren Körper nur mehr als Objekte der Begierde anderer. Ihr Selbstwert wird alleine dadurch bestimmt, wie nahe sie dem unerreichbaren Schönheitsideal kommen. In TV-Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“ werden mit diesem Trend auch noch gute Geschäfte gemacht.
Die tragischste Folge ist natürlich der Anstieg an diagnostizierten Essstörungen bei Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren. Forscher sind mittlerweile überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem medial vermittelten Schönheitsideal und dem Verbreitungsgrad der Krankheiten gibt. So zeigte etwa eine Studie auf den Fidschi-Inseln, dass sich dort, nachdem das westliche Fernsehen eingeführt wurde, die Essgewohnheiten und die Einstellungen junger Mädchen zu ihrem Körper binnen drei Jahren komplett verändert haben.
Nicht alle Folgen der Sexualisierung sind sichtbar. So zeigen mehrere Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen medial vermittelter Sexualisierung und niedrigem Selbstwert, negativer Stimmung und depressiven Symptomen. Außerdem zeigen Mädchen, die häufig Bildern von idealisierten Körpern ansehen, oft Anzeichen von Ängstlichkeit sowie von Scham- und Ekelgefühlen gegenüber dem eigenen Körper.

Die neue Treue

Inzwischen scheint es, als habe der irre Trend seinen Höhepunkt überschritten. Besonders Jugendliche, die mit diesem Sex-Lifestyle aufgewachsen sind, lehnen ihn zunehmend ab. Anstatt bindungsloser freier Liebe setzen sie wieder auf konservative Werte. Laut Jugendbarometer 2014 träumen 80 Prozent vom eigenen Haus, 71 Prozent wünschen sich eine Familie mit Kindern, 97 Prozent wollen verantwortungsbewusst leben und handeln, und 98 Prozent der Befragten halten Treue und Ehrlichkeit hoch. Wichtig sind neben einem guten Familienleben verlässliche Freunde. Möglichst viele sexuelle Erfahrungen zu machen, ist hingegen nur mehr für 36 Prozent wichtig.
Ebenso zunehmend warten Jugendliche auch auf den richtigen Partner, bevor sie das erste Mal Sex haben. Der Anteil der deutschen 14-jährigen Mädchen, die bereits Erfahrung mit Geschlechtsverkehr hatten, sank im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2005 von 12 auf sieben Prozent, bei den gleichaltrigen Burschen von 10 auf vier. Bei 17-jährigen Mädchen reduzierte sich der Anteil von 73 auf 66 Prozent, bei gleichaltrigen Burschen blieb er mit 65 Prozent nahezu konstant.
Langsam sickert auch durch, dass mit den „Bitches“, „Milfs“ und „Sugars“ vielleicht nicht gerade die besten aller Frauenbilder auf dem medialen Podest stehen. Inzwischen haben mehrere Studien bewiesen, dass vor allem Menschen mit einem schlechten Selbstwertgefühl, mit starken narzisstischen oder neurotischen Persönlichkeitszügen und großer depressiver Veranlagung besonders promiskuitiv sind, da sie einer ständigen Bestätigung von außen bedürfen. Personen mit starkem Selbstbewusstsein neigen hingegen dazu, bei ihrer Partnerwahl wählerischer zu sein.
Dass das Pendel wieder in eine andere Richtung schlägt, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich. Im Sex-Tsunami ging nämlich eine wichtige Tatsache verloren: Es gibt im Menschen ein tief verwurzeltes Verlangen nach Bindung, wir fühlen uns schließlich nicht im Swingerclub, sondern in einer harmonischen Partnerschaft am wohlsten.


Zum Weiterlesen: Ingelore Ebberfeld: „Der sexuelle Supergau: Wo bleiben Lust, Scham und Sittlichkeit?“, Westend, 22,99 Euro. Daniel Bergner: „Die versteckte Lust der Frauen: Ein Forschungsbericht“, Albrecht Knaus Verlag, 16,99 Euro. Nancy Friday: „Women on Top“, Simon & Schuster, 25,93 Euro.

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