Die Dilettanten-Küche

Kochenvon Anna Neustein 3. März 2014

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„Es gibt kaum eine Branche, die so von Selbstverwirklichung und mangelnder Professionalität geprägt ist, wie die Gastronomie“, sagte unlängst ein Erfolgsgastronom im Gespräch mit dem RELAX Guide. Und tatsächlich – bisweilen hat man das Gefühl, dass jeder Zweite ein Lokal eröffnen möchte, als der Lebenstraum schlechthin. Wie viel Arbeit dahinter steckt, wie viel finanzielles und persönliches Risiko, wird gern ausgeblendet. Man möchte doch so gern Gastgeber sein, Möbel für sein Lokal aussuchen, Geschirr, Musik und Blumenschmuck, und täglich mit Kreide die aktuellen Gerichte auf eine schicke schwarze Schiefertafel schreiben. Vor einem Jahrzehnt noch waren Quereinsteiger als Gastronomen die Ausnahme. Heute scheint es fast umgekehrt: Wer weiß, wie diese Branche funktioniert, lässt meistens die Finger davon.

Auch der Kochbuchmarkt ist ein Abbild des Dilettantismus geworden: Foodblogger-Bücher überschwemmen den Markt. Man ist jung, kocht gern, schreibt gern launige Textchen und weiß, wie der Auslöser einer kleinen Kamera funktioniert. Man weiß, was ein Blog ist, und hat genügend Facebook-Freunde, um für die Verbreitung der eigenen Textchen zu sorgen. Also wird die kleine Küche in der Zweizimmerwohnung zum semiberuflichen Experimentierfeld umfunktioniert – und schon darf man sich Foodblogger nennen. Und ehrgeizige Foodblogger werden irgendwann – fast wie das Amen im Gebet – zu Kochbuchautoren.

Um fortan alles andere als selbst entwickelte „Rezepte“ wie Datteln im Speckmantel (gibt es wirklich irgendjemanden, der nicht weiß, wie man diese macht?) oder Toastbrotstreifen, belegt mit Räucherlachs, unters Volk zu bringen. Urheberrechtlich mag sich niemand zuständig fühlen, wenn eine Anleitung für Pizza mit schwarzen Oliven veröffentlicht wird, dieses Gericht gehört niemandem, der Einspruch erheben könnte. Die Frage ist vielmehr: Wer braucht solche Rezepte in Buchform? Wer eine derart stinknormale Pizza selbst backen will, ist mit drei Google-Klicks genauso gut bedient. Dass man Rezepte für den privaten Gebrauch archiviert, ist normal. Aber nicht alles, was ich selbst gerne nach der Arbeit koche, interessiert die Öffentlichkeit.

Man könnte aus dem nagelneuen, typisch persönlich und im Ikea-Du-Stil kommentierten Foodblogger-Kochbuch „Because you are hungry“ auch andere Rezepte herausgreifen, allein: Man kennt sie schon alle. Risotto mit Pilzen, kleine Quiches oder Spaghetti mit Tomaten, Käse und Basilikum. Nur: Wollen wir dafür wirklich ein Kochbuch kaufen?

Rezepte im PDF Format:
Rezepte

Antonia Kögl, Benedikt Steinle:
Because you are hungry

Edition Styria, 176 Seiten,
19,99 Euro



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