Die wahren Ursachen der Wirtschaftskrise

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 25. Februar 2014

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Die Faulheit der Südländer und die Gier werden von Politikern und Massenmedien gerne als Ursachen der Wirtschaftskrise genannt. Doch in Wahrheit waren es die Regierungen selbst, die den Banken mit großzügigen Gesetzen jene Dinge erlaubten, für die man zuvor noch ins Gefängnis ging. Eine Rückschau ins Herz des Finanzkapitalismus.

Wie kommt es, dass die Banken zu den Herren der Welt wurden, dass das Finanzkapital die wirtschaftliche Stabilität ganzer Nationen unterminieren kann? Machen wir uns einmal auf den Weg dorthin, wo unser tägliches Leben entscheidend mitbestimmt wird, von Menschen, die wir weder kennen noch jemals gewählt haben: in das größte Finanzzentrum Europas. Man findet es in London, im ultramodernen Stadtteil Canary Wharf. Hier arbeiten in 30 Bürotürmen rund 90.000 Finanzmanager: Banker, Fondsverwalter, Händler, Währungsspezialisten, Wirtschaftsprüfer, Spekulanten. Um hier etwas zu werden, werden bedingungslose Loyalität und totaler Einsatz gefordert. Als Grundbaustein einer Karriere gilt die Eignung als „One Nighter“, besser noch als „Two Nighter“. Das hat nichts mit Sex zu tun. Es bedeutet, zwei Nächte hintereinander durchzuarbeiten. Dabei geht es immer um Geld, um immer mehr Geld. Und die Hoffnung, selbst aufzusteigen zu jener Kaste der Finanzbranche, die schwindelerregend viel Geld verdient.

Im Gegenzug wird kritisches Denken nicht geduldet, auch wenn das Wertesystem noch so bizarr erscheinen mag. Und das sieht zum Beispiel so aus: Aktien von Coca-Cola sind sicherer als Anleihen der USA. Danone-Aktien sind sicherer als Frankreich-Anleihen. Firmen müssen einzig der Maxime der Gewinnmaximierung dienen. Banken dürfen – das haben die Regierungen so vorgesehen – Dinge tun, die normale Bürger niemals dürften. Sie haben zum Beispiel durchschnittlich nur acht Prozent Eigenkapital, dürfen aber 100 Prozent verleihen. Das Geld, das sie gegen Zinsen vergeben, holen sie sich nicht nur vom Sparbuch der kleinen Sparer, sie borgen es sich gegenseitig. Fiktiv natürlich. In Form von schwerelosen Computerdaten. Die Kredite der europäischen Banken untereinander übersteigen derzeit 6.000 Milliarden Euro. Ganz legal. Schulden sind der Rohstoff der Bankenindustrie.

Die Börsen spielen wieder Casino

Dann sind da noch die ebenso mächtigen wie intransparenten Rating-Agenturen. Sie werden von jenen Firmen bezahlt, die sie beurteilen sollen. Ganz objektiv und unabhängig natürlich. Hat da irgendjemand ein Problem damit?

„Gier ist gut. Gier ist richtig“, hat Gordon Gecko gesagt, der für die Finanzbranche vorbildhafte, völlig skrupellose Finanzhai aus dem Filmklassiker „Wallstreet“ aus 1987. Gier schafft Wunder. Eine Firma, die noch nie profitabel war, die noch nie einen Cent Gewinn erwirtschaftet hat, kann 18 Milliarden Dollar wert sein. Sie glauben, das gibt es gar nicht?

Aber ja. Fünf Jahre nach dem Ausbruch der größten Finanzkrise seit den dreißiger Jahren spielen die Börsen wieder Casino. Twitter geht an die Börse, hurra! Eine Website, die 200 Millionen nicht zahlende User hat, 2.000 Leute beschäftigt und seit der Gründung rote Zahlen schreibt, muss doch ein wirtschaftlicher Riese sein oder zumindest werden, glauben gerade jetzt zahllose Anleger. Der beim Börsengang im November erzielte Wert der verkauften Twitter-Aktien betrug das Dreißigfache des Umsatzes: 18 Milliarden Dollar. Irrsinn, oder?

Zum Vergleich: Der Software-Konzern SAP mit 66.000 Mitarbeitern und fünf Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2012 wird nur mit dem 4,5-Fachen seines Umsatzes bewertet. Sie schütteln den Kopf? Dann wären Sie, das müssen wir Ihnen jetzt leider sagen, für Canary Wharf ungeeignet, denn eigenständiges Denken kostet hier den Job. Dafür können schon mittlere Chargen bis zu 100.000 Euro verdienen. Im Monat. Es ist übrigens möglicherweise auch Ihr Geld. Anlegergeld.

Aber erlauben wir uns einen Moment lang zu träumen. Ein Tagtraum. Stellen wir uns vor, die wichtigsten Finanzmanager der Welt würden sich in einem kleinen Saal des schicken Four Season Hotels Canary Wharf auf ein Gläschen Champagner treffen, vielleicht auf einen Dom Perignon White Gold Jeroboam, die Flasche zu 30.000 Euro. Gründe zum Feiern gibt es viele.

Zum Beispiel, dass die Steuerzahler weltweit die Zockerbanken mit aberwitzigen Milliardenbeträgen gerettet haben, während die Eigentümer und die Gläubiger (Anleger) dieser Banken fast nirgends bluten mussten. Das kleine Irland etwa musste 70 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufnehmen, um seine Banken zahlungsfähig zu halten. Dafür wurden die Ausgaben radikal gekürzt, was zu dramatisch steigender Arbeitslosigkeit und der größten Auswanderungswelle seit der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert führte. Die Anleger der irischen Banken, die sich übrigens vornehmlich in Deutschland und Frankreich befinden und Wert auf Anonymität legen, haben allerdings keinen Cent verloren.

Aber kehren wir zurück in unseren magischen Saal, in dem sich die Top-Finanzmanager der Welt zuprosten. Es sind großteils dieselben Herren, die die große Finanzkrise 2008 zwar verursachten, aber jetzt wieder dick im Geschäft sind. Wie viel diese illustre Schar im Jahr 2012 zusammen verdient hat, möchten Sie gerne wissen? Das sagen wir Ihnen, die renommierte britische Financial Times hat es zusammengerechnet: Es waren 95 Milliarden Dollar. Noch einmal: 95 Milliarden für ein kleines Grüppchen von Anzugträgern. Damit könnte man Irland sofort sanieren, aber welch lächerlicher Gedanke!

Schauen wir uns zum Beispiel Herrn Lloyd Blancfein an, den Chef der US-Bank Goldman Sachs. Obwohl die Gewinne seiner Bank im Jahr 2010 um 37 Prozent zurückgingen, erhöhte sich das Gehalt des Vorstandschefs 2011 um das Dreifache. Und weil man damit ja wirklich nicht leben kann, wurde die Sache im Jahr 2012 noch ein bisserl aufgestockt. Herr Blancfein erhielt eine 75-prozentige Gehaltserhöhung und erfreut sich nun eines üppigen Jahressalärs von 21 Millionen Dollar. Wir erinnern uns: Goldman Sachs war einer der Haupt-Dealer im Geschäft mit jenen Schwindelpapieren, die die Finanzkrise auslösten, und verkaufte noch im Jahr 2007 um 155 Milliarden Dollar toxische Anleger-Wundertüten – sehr gerne und vor allem auch an europäische Banken.

Die Chefs des Versicherungskonzerns AIG, der wegen seiner weltweiten Finanzverflechtungen als gefährlichste Firma der Welt bezeichnet wurde, erhielten trotz der nur mit 150 Milliarden US-Steuergeldern abgewendeten Pleite für ihre Leistung einen Bonus mit auf den Weg, von dem Durchschnittsverdiener nicht einmal träumen könnten: 165 Millionen Dollar. Extra.


Foto: Le Ventre Législatif (The Legislative Belly) by Honoré Daumier/Corbis

Neue Regeln machten alles möglich

Dass all dies möglich ist, liegt nicht an individueller Gier allein, sondern an einer grundsätzlichen Regeländerung des Systems, die seit den 1980er Jahren stattfindet. Sie hat dazu geführt, dass heute Top-Manager in US-Unternehmen 300-mal so viel verdienen wie ihr schlechtestbezahlter Mitarbeiter, während noch in den 1970er Jahren ein Verhältnis von etwa 1 zu 30 typisch war.

Die radikale Änderung der Arbeitswelt liegt nicht nur an der Globalisierung oder an technologischen Neuerungen, sondern am politischen Sieg marktradikaler Ideen, die wieder zu einer Einkommensverteilung wie im 19. Jahrhundert führt. Und die große Finanzkrise, die uns seit fünf Jahren in Atem hält, wurde verursacht durch die Abschaffung fast aller in den 1930er Jahren nach dem letzten Crash geschaffenen Regulierungssysteme. Genauso wie durch Bilanzierungspraktiken, für die man einst ins Gefängnis ging, die von den Regierungen praktisch aller Länder allerdings während der vergangenen 15, 20 Jahre wieder erlaubt wurden. Dies ermöglichte börsennotierten Unternehmen – natürlich auch den Banken –, durch Tricksereien scheinbar ihr Eigenkapital zu erhöhen, um damit im Finanz-Casino höher pokern zu können. Fazit: Bilanzen haben heute weniger mit Fakten als mit Fantasy zu tun.

Die deutsche Commerzbank führte dies kürzlich drastisch vor Augen. Sie meldete für 2011 sowohl einen Gewinn von 638 Millionen Euro als auch einen Verlust von 3,6 Milliarden Euro. Unglaublich, oder?

Fiktive Gewinne vortäuschen ganz legal

Wie das möglich ist? Durch zwei total verschiedene Bilanzierungssysteme. Nach den Regeln des (alten) Handelsgesetzbuches („HGB“) wurde so bilanziert, wie es früher Gesetz war, dabei kam ein großer Verlust heraus, denn für einen Gewinn müsste die teilverstaatlichte Bank für die stille Einlage des Staates in Höhe von 1,9 Milliarden Euro Zinsen zahlen. Banker zahlen doch dem Staat keine Zinsen! Also rechnet man sich die Bank arm.

Aber wenn man auf den internationalen Kapitalmärkten auftreten will, muss man stark dastehen, damit die Aktienkurse hoch und die Renditeerwartungen für Anleger verlockend bleiben. Also schönrechnen. Nach den neuen Bilanzierungsregeln („IFRS“), die spätestens seit 2007 in Europa gesetzlich erlaubt wurden, konnte mit ein paar Kniffen ein satter Gewinn gezaubert werden.

Ähnliches machte in Österreich etwa die Erste Bank. Sie korrigierte 2011 wie beiläufig ihre Bilanz von einem rekordhaften Milliardengewinn auf 800 Millionen Verlust. Das börsennotierte Institut hatte jahrelang spekulative Finanzderivate im Wert von 5,2 Milliarden Euro nicht in den der Öffentlichkeit zugänglichen Büchern abgebildet.

Das beste Mittel der Bilanzkosmetik ist das Konzept des „fair value“. Vermögenswerte werden dabei nicht wie nach dem alten deutschen oder österreichischen Bilanzrecht nach dem Anschaffungswert taxiert, sondern nach dem aktuellen Marktwert. Der ist aber bei Immobilien, Tochterfirmen oder Sachanlagen meistens nur nach der Methode Daumen mal Pi zu ermitteln. Gewinn oder Verlust werden so zu einer trügerischen Zahl, die keine realistische Beurteilung eines Unternehmens mehr zulässt.

Das Geld fließt in unserem Wirtschaftssystem wie ein großer Fluss majestätisch dahin. In guten Zeiten badet man darin, in schlechten versickert der Fluss plötzlich. Den Banken geht dann das Geld aus, Unternehmen bekommen keine Kredite mehr, die Bürger halten ihr Geld aus Angst vor all dem zusammen und geben nichts aus, was wiederum zu hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Nachfrage an Gütern führt. Ein scheinbar unaufhaltbarer Express-Zug in die Krise. Warum aber ist der Fluss 2008 so plötzlich ausgetrocknet?
Die Antwort ist die Geschichte eines amerikanischen Alptraums. Ende der 1970er Jahre wurden die Einkommen der Unter- und Mittelklasse in den Vereinigten Staaten praktisch eingefroren, die private Verschuldung stieg daraufhin drastisch. Weiter wie früher zu leben war eben für viele nun nur noch mit Schulden möglich. Das Phänomen verschärfte sich durch den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO, der zu einer Überschwemmung der westlichen Märkte mit chinesischen Waren und zu einer Entindustrialisierung der USA und europäischer Länder führte. Mit der gleichzeitigen Deregulierung der Arbeitsmärkte führte auch dies zu sinkenden oder stagnierenden Reallöhnen breiter Bevölkerungsschichten.

Dem gegenüber stand der uramerikanische Traum vom eigenen Haus. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Immobilienbranche – getragen vom Bevölkerungswachstum – eine Säule der US-Wirtschaft. Gekauft wird auf Kredit, den man von lokalen „Saving and Loans“-Banken – früher nach traditionell strengen Regeln – bekam.

Gesetze ermöglichen Milliardenschwindel

Doch in den 80er Jahren wurden in den USA die wichtigsten Sicherheitssysteme des Bankensystems, die nach dem großen Crash 1933 eingeführt worden waren, außer Kraft gesetzt. Das war die Grundlage für den Milliardenschwindel mit Subprime-Luftpapieren. Der begann damit, dass die Anbieter von Immobilienkrediten umstellten, von Qualität auf Quantität: Massengeschäft mit armen Kunden statt wenige Kunden mit guter Bonität. Mortgage Brokers, Kreditmakler also, die selbst keinerlei Qualifikationen erbringen mussten, nicht einmal ein Vorstrafenregister, verhökerten nun aggressiv Immobilienkredite an schlecht verdienende Schwarze und Latinos, an arme Alte und Behinderte, selbst an Arbeitslose ohne jedes Einkommen. Nunmehr wurde kein Gehaltsnachweis mehr verlangt, und selbst der, der schon einmal einen Kredit nicht zurückgezahlt hatte, bekam ohne Probleme Geld.

10 Jahre lang ging das so, und der Effekt war ein wundersames Ansteigen der Immobilienpreise. Boomzeit. Käufer, die sich ihre Häuser im Grunde gar nicht leisten konnten, brauchten eine Zeitlang überhaupt kein Geld. Das ging so: Wenn jemand 100.000 Dollar Kredit für ein Haus aufgenommen hatte und der Wert dieser Immobilie wegen des Booms ein Jahr danach auf 120.000 Dollar gestiegen war, dann rief die Bank an und bot 20.000 Euro Kredit an. Damit zahlte dann zum Beispiel ein einkommensloser Kreditnehmer seine Raten problemlos ab. Mehr noch, er fühlte sich reich dabei. Es war eine Wundertüte. Damit die Preise ständig stiegen, brauchte man immer neue Käufer. Es wurden also an immer ärmere Menschen Kredite vergeben. Eine richtige Falle für die Armen, die bald alles verlieren sollten – außer ihre Schulden.

Die Finanz-Büromenschen in der Canary Wharf und in der Wallstreet nannten diese Arme-Leute-Kredite „Ninja“-Darlehen. Ninja stand für „no income, no job, no assets“. Doch die Immobilienpreise stiegen weiter, alles war gut, Gier war gut. Aber irgendwann gab es da einfach keine Neukäufer mehr. Und ein Brandbeschleuniger kam noch dazu: Die US-Notenbank machte sich ab Juni 2004 zunehmend Sorgen um die hohe Inflationsrate und erhöhte kontinuierlich die Leitzinsen. Damit stiegen auch die Hypothekenzinsen, und viele der wenig zahlungskräftigen Neo-Hausbesitzer konnten die Raten nicht mehr bezahlen. Es erwischte übrigens auch Gutverdiener, die in den Boomzeiten einen vermeintlichen Wertgewinn ihrer Häuser für neue Kredite verpfändet hatten. Der Immobilienmarkt brach auf breiter Front ein.

Wertlose Papiere einfach neu verpackt

Doch bevor es so weit war, tat sich noch eine andere Wundertüte auf: Schuldverschreibungen gegen Kreditausfall. Der Versicherungskonzern American Insurance Company und andere Firmen packten solche Absicherungen von Krediten miesester Bonität in ein Packerl, gemeinsam mit anderen Ausfallversicherungen etwa für Studentenkredite, Kreditkarten und so weiter, und verwandelten dieses in ein verbrieftes Wertpapier, das gehandelt werden konnte. Das war wichtig, denn so konnten die Geber von Immobilienkrediten ihre offenen Forderungen in den Bilanzen löschen. Was jetzt noch fehlte, war ein Gütesiegel der Rating-Agenturen. Deren hochqualifizierten Spezialisten fiel angeblich rein gar nichts auf, und die Branchenriesen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch bewerteten 90 Prozent der Ramschpapiere mit der Bestnote, dem Triple A.

Anmerkung: Die amerikanischen Rating-Agenturen konnten übrigens bislang jeder Klage entkommen, dies mit einem originellen Argument: Ihre Bewertungen seien ja keine finanztechnischen Handlungen gewesen, sondern nur Meinungen. Und es gelte ja das Recht auf Meinungsfreiheit. Die Richter zeigten dafür jedenfalls Verständnis.

Doch zurück zum Ablauf der Ereignisse: Die Rating-Agenturen steckten also mit den Investmentbanken unter einer Decke und beflügelten den Absatz. Bald griffen auch europäische Banken gierig zu, große Institute ebenso wie kleine Landesbanken. Damit niemand blöde Fragen stellen konnte, lagerten Europas Banken diese scheinbar renditeträchtigen Wertpapiere in Tochtergesellschaften aus. So waren sie aus den Bankbilanzen verschwunden, und Tochtergesellschaften etwa in Irland konnten und durften die nationalen Bankaufsichten gar nicht überprüfen. Es war ein Bombengeschäft. AIG konnte seine Gewinne vervierfachen, musste dabei aber gleichzeitig bei zwei Milliarden Dollar Eigenkapital ein 800-mal höheres Ausfallrisiko übernehmen. No risk, no fun. Sie denken jetzt, die Aufsichtsbehörden hätten da was merken müssen. Bei so einer Kleinigkeit? Lächerlich.

Das Unheil nahm seinen Lauf. Aber noch wenige Tage vor dem Crash erhielten – unglaublich, aber wahr – die drei Hypothekenbanken AIG, Fanny Mac und Lehman Brothers noch die Bestnote: AAA. Bald sollte alles in Rutschen kommen. Weil Banken heute weltweit miteinander verflochten sind, kann der Sturz einer großen Bank alles in den Abgrund reißen. Wäre AIG pleitegegangen, wäre das weltweite Finanzsystem zusammengebrochen. Aber hallo, ist doch alles gut ausgegangen: Mit dem Geld der kleinen Leute und der Durchschnittsverdiener wurden die Banken weltweit gerettet, allein in den USA waren es unfassbare 700 Milliarden Dollar.

Es war ein Déjà-vu-Erlebnis. 1929 in Neuauflage. Auch damals kostete zum Beispiel die Rettung und Sanierung der deutschen Großbanken rund 900 Milliarden Mark. Geld, das fehlte, um die entstandene Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, die letztlich Adolf Hitler an die Macht brachte.

Aber wie konnten die Erfahrungen der großen Depression der 1930er Jahre vergessen werden, wie konnte man sämtliche gesetzlichen Sicherungen des Systems herausschrauben? US-Präsident Franklin Delano Roosevelt, gewählt 1933, brachte gleich am Beginn seiner Amtszeit ein Gesetz durch, das die Trennung von Sparkassen und Investmentbanken vorschrieb, und gründete die erste amerikanische Börsenaufsichtsbehörde. Das System wurde damals wirklich sicherer. Der jahrzehntelange Wohlstand nach dem Krieg basierte darauf.

Es waren Margaret Thatcher und ihr amerikanischer Freund Ronald Reagan, die die Schleusen der Finanzspekulation weit aufrissen. Viele Nachahmungstäter folgten. Bill Clinton etwa liberalisierte als seine letzte Amtshandlung den Terminhandel mit Rohstoffen. Seither dürfen Lebensmittelpreise mit aberwitzig hohen Spieleinsätzen in die Höhe getrieben werden.

Aufsichtsbehörden ohne Kontrolle

In den 1980er Jahren bekamen die Banken per Gesetz die Möglichkeit, viel Geschäft in ausländische Tochtergesellschaften auszulagern, die von den Aufsichtsbehörden nicht mehr kontrolliert werden konnten. Eine ganz neue Schattenwelt gigantischen Ausmaßes entstand. Hedgefonds wurden zu den wichtigsten Zockern im Finanz-Casino.

Hedgefonds sind Finanztriebtäter, die mit wahnwitzig großen Hebeln Wetten auf die Zukunft abschließen. Und wenn ein Hedgefonds Pleite macht, muss er nicht einmal Konkurs anmelden. 2012 machten diese Zockervehikel 28 Milliarden Gewinn, mehr als die sechs größten Banken der Welt.

Die neue Finanzwunderwelt, in der dank Deregulierung so ziemlich alles erlaubt war, was bis in die 1980er Jahre verboten war, machte erfinderisch. Große Versicherer boten Wetten („Derivate“) an, dann Wetten auf die Wetten, dann Wetten auf die Wetten auf Wetten und so fort. Spitzenmathematiker wurden angeheuert, um die richtigen Preise für Wetten auszurechnen, sodass die Bank stets gewinnt. Die Herren Black und Scholes erfanden eine Preisformel, die übermenschliche Renditen versprach wegen ihres starken Hebels. Doch letztendlich geht es immer nur um Fortschreibungen der Zukunft mit dem Wissen der Vergangenheit. Was aber, wenn sich die Spielregeln grundsätzlich ändern? Und was, wenn unwahrscheinliche Ereignisse doch eintreten, die eigentlich nur alle 100.000 Jahre eintreten sollten? Das nennt man dann einen Schwarzen Schwan. Ein solcher Schwan kann Millionen arbeitslos machen und wie ein Schwarzes Loch gigantische Vermögen versenken.

Wir sind wieder zurück in London, in der Canary Wharf bei unserem Tagtraum von der Kaste der unfassbar viel verdienenden, Sekt trinkenden Finanzmanager. Haben sie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Vor wenigen Monaten wurden Telefonmitschnitte irischer Banker im Magazin Rolling Stone veröffentlicht. John Bowe, ein Spitzenmanager der Anglo Irish Bank, die mit sieben Milliarden Euro aus Steuergeldern gerettet wurde, sagt in dem Telefonat zu seinem Chef, er habe sich die Milliardensumme „aus dem Arsch gezogen“. Sie habe mit dem Bedarf des Geldhauses an frischem Kapital gar nichts zu tun. Und er fügt dann lachend hinzu, man werde die Milliarden zurückzahlen, wenn wir das Geld haben, „also nie“.

Werden uns die Regierungen mit scharfen Sicherheitsvorkehrungen vor den Bankstern retten, etwa mit einer klaren Trennung von Banken für kleine Sparer und Zockerinstituten, mit drastischen Transparenzregeln, mit der Zähmung der Hedgefonds? Pessimisten würden sagen: Selbstverständlich. Sobald die Politiker sich trauen, gegen die mächtige Finanzlobby, die ihre Wahlkämpfe finanziert und sie am Ende ihrer Politikerkarriere mit guten Jobs versorgt, anzutreten. Also nie. Aber das ist reine Schwarzmalerei. Wird schon alles gut werden. Bis zum nächsten Mal …

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