"Es wird hässlicher"

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 4. März 2013

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In seinem neuen Buch „Mut zur Schönheit“ wettert ORF-Anchorman Tarek Leitner gegen die zunehmende Verschandelung der Lebenswelt. Und spricht damit vielen aus der Seele.

Herr Leitner, vor wenigen Monaten erschien Ihr Buch. Wie waren die ersten Reaktionen?

Ich habe mit dem Buch wohl einen Nerv getroffen, es sind sehr viele positive Reaktionen gekommen. Vielen ist erst beim Lesen des Buches aufgefallen, wie hässlich ihre Lebenswelt eigentlich ist. Und: Es gibt auch viele Anfragen, ob ich nicht „Ehrenobmann“ bei diversen Bürgerinitiativen sein will, aber das geht natürlich nicht. Ich will als Journalist weiterhin auf Entwicklungen aufmerksam machen.

Sie kritisieren, dass unsere Heimat immer hässlicher wird. Sind denn „hässlich“ und „schön“ nicht rein subjektive Bewertungen?

Nein, das lässt sich objektivieren. Man muss sich nur ansehen, wohin etwa Menschen auf Urlaub fahren wollen. Natürlich dorthin, wo sie es als angenehm, ästhetisch ansprechend oder behaglich empfinden: ein Stück unberührte Natur, ein schöner Strand. Es hat einen Grund, warum die Leute beispielsweise nicht nach Attnang-Puchheim auf Sommerurlaub fahren, obwohl es verkehrstechnisch so gut liegt. Wenn man eine angenehme Zeit verbringen will, sagt niemand: Diesmal fahren wir wohin, wo es so richtig schiach ist. Auch eine Umfahrungsstraße, in der ein Blechhallenungetüm neben dem anderen liegt, findet jeder hässlich. Außerdem übe ich in meinem Buch ja keine spezielle Architekturkritik, sondern thematisiere die zunehmende Verschandelung unserer tagtäglichen Lebenswelt, in der wir uns die meiste Zeit aufhalten müssen.

Wieso wird denn die Lebenswelt immer mehr verschandelt? Wäre es nicht in unserem ureigensten Interesse, dass wir uns in unserer Heimat wohlfühlen?

Meine Hauptthese ist, dass sich inzwischen alles dem Diktat der „Wirtschaftlichkeit“ unterordnet, selbst die Lebensqualität. Es gibt kaum einen Bürgermeister, der nicht großzügig den Bau von riesigen Lebensmitteldiskontern oder Baumärkten aus Geldern der öffentlichen Hand subventioniert, wenn er sich davon ein paar Arbeitsplätze verspricht. Dass diese Arbeitsplätze dann meist im Ortskern verloren gehen, wird dabei nicht bedacht. Das Argument der Wirtschaftlichkeit ist scheinbar auch so vernünftig, dass jede Hässlichkeit damit gerechtfertigt wird. Gewerbegebiete, die durch Umwidmung von Erholungsraum entstehen, werden von uns genauso hingenommen wie Straßen, die Gemeindegebiete brutal durchschneiden.

Jetzt wird natürlich schnell das Argument kommen, dass Sie sich als gut verdienender TV-Mann leicht darüber aufregen können, dass die Leute zum Diskonter gehen. Wäre der Bedarf nicht da, würde es die vielen Billigketten doch gar nicht geben, oder?

Natürlich habe ich mir während des Schreibens die Frage gestellt, ob man sich in einer Welt der Wirtschaftskrise, von Klimakollaps oder Kriegen mit der Schönheit der Lebensumgebung befassen kann. Und ich bin zum Schluss gekommen, wir müssen das tun, weil das zum einen Umweltschutz im engsten Sinne ist. Und zum anderen, weil sozial schwächer gestellte Personen viel mehr der Verschandelung ausgesetzt sind als die Bobo-Fraktion. Am Leben in den Latte-Macchiato-Zonen kann ein Großteil der Gesellschaft nicht teilnehmen. Sie halten sich in den Diskontzonen auf, wo großflächige Parkplätze den öffentlichen Raum prägen. Oder in Einkaufszentren: Die Lugner-City ist voll mit Jugendlichen, die dort ihre Freizeit verbringen. Aber ist das ein guter Platz, wo sich die Jugend entfalten kann? Außerdem kaufen doch nicht nur sozial schwächere Personen in Diskontern. Man muss sich nur einmal ansehen, welche Autos etwa vor Hofer/Aldi-Filialen stehen. Da geht es nicht ums Geld, sondern um das Gefühl, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Vielen fällt dabei gar nicht auf, in welch hässlicher Umgebung sie sich eigentlich befinden.

Besonders schlecht kommen in Ihrem Buch auch die Umfahrungsstraßen weg. Was stört Sie denn so daran? Sind die nicht praktisch?

Umfahrungsstraßen wurden einst gebaut, um Fremde, die kein Interesse daran haben, im Ort stehen zu bleiben, fernzuhalten. Heute sind es Hybridräume voll mit hässlichen Lebensmitteldiskontern, Bettenburgen und Gebrauchtwarenhändlern. Inzwischen finden sich dort auch Ärztezentren, Apotheken und Optiker, weil diese Räume über mehr Frequenz verfügen als der Ortskern. Und während die Geschäfte an den Ortsrand wandern, sterben im Zentrum die alteingesessenen Wirtshäuser, Greißler, Schuster, Bäcker und Fleischhauer aus. Diese geschaffenen Hybridräume strahlen keinerlei Behaglichkeit aus, sie sind rein auf ihre Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Niemand will sich dort in Ruhe hinsetzen und einen Kaffee dort trinken. Man will seine Einkäufe erledigen und wieder fort. Seitens der Gemeinden wurde dem nie etwas entgegengesetzt, was über den naiven Appell „Fahr nicht fort, kauf im Ort“ hinausgegangen wäre. Daneben ist noch ein weiterer interessanter Aspekt zu beobachten: Seit Jahren wird aufgrund der Bedrohung durch eine angebliche „Landflucht“ immer mehr in die Infrastruktur der ländlichen Regionen investiert. Dadurch entsteht nicht nur eine Überversorgung, sondern zunehmend wieder Hybridräume, die weder Stadt noch Land sind. In diesen Räumen finden sich landwirtschaftliche Flächen umgeben von Parkplätzen und Bürokomplexen sowie Lagerhallen, die auf Einfamilienhäuser treffen. Bald müssen wir riesige Regionen als zusammenhängendes Siedlungsgebiet betrachten. Die Landschaft wird ein ununterscheidbarer Brei. In Europa hat man diese Entwicklung schon institutionalisiert und nennt sie Makroregionen.

Warum geht „Wirtschaftlichkeit“ offenbar grundsätzlich mit „Hässlichkeit“ einher?

„Behaglichkeit“ ist einfach keine Rechengröße. Im Gegensatz zu der früheren klassischen Eigentümerstruktur – Menschen, die meist mit der Ortschaft in einer persönlichen Beziehung standen – möchten heutige Investoren, die irgendwo auf der Welt sitzen, nur mehr möglichst viel Gewinn machen. Ob das Geschäft die Gegend verschandelt, ist ihnen egal. So wird bei der Planung die Zahl der Regale berücksichtigt, aber nicht, ob man einen Raum schafft, in dem man sich wohlfühlt. Räume, die Menschen als behaglich empfinden, müssen gewisse Kriterien erfüllen, diese stehen aber im Gegensatz zur reinen Funktionalität. Wir fühlen uns etwa in einer überschaubaren Umgebung wohl, die unserem natürlichen eingeschränkten Aktionsradius entspricht. Also eher bei einem kleinen Greißler als in einer Bettenburg. Unter der Sichtweise des maximalen Umsatzes werden sich Investoren dennoch für die Lagerhallen entscheiden.

Es werden aber nicht nur hässliche Räume erschaffen, sondern auch schöne zerstört. Sie kritisieren hier auch den Tourismus, dem die einst so wunderbare Welt der Alpen geopfert wird …

Bereits vor vielen Jahren waren die Alpenregionen natürlich nur mehr in kleinsten Teilen wirklich Naturlandschaft, das meiste war kultiviert. Doch wo in den 1960er Jahren vielleicht noch eine Seilbahn gebaut worden ist, muss die alpine Unterhaltungsindustrie heute ständig neue, weitergreifende „Highlights“ zur Verfügung stellen und entsprechend aufrüsten. Am Dachstein ragt etwa auf 2.700 Metern Höhe ein Stahlbetonungetüm über die senkrecht abfallende Felswand und bietet eine spektakuläre Aussicht. Doch dieses Panorama muss sich niemand mehr verdienen, indem er den Berg mühselig besteigt. Jeder Halbschuhtourist wird bequem mit der Seilbahn hingebracht. Und es reicht heute auch nicht mehr, einfach eine Attraktion zu haben, es wird nur mehr in Superlativen gesprochen: die längste Sommerrodelbahn, der Raiffeisen-Skywalk, der es ins „Guinness-Buch der Rekorde“ geschafft hat, der höchstgelegene Wanderweg.

Man müsste annehmen, dass man in die Natur geht, um Ruhe und Erholung zu finden. Zielt da das Angebot nicht an unseren Bedürfnissen vorbei?

Die Menschen suchen heute nicht mehr einfache Entspannung, sie wollen selbst beim Entspannen mit einer eigenen Infrastruktur unterhalten werden. Der Zukunftsforscher Peter Wippermann hat dafür den Begriff „Hochleistungsentspannung“ gefunden. Wir brauchen eine aufwendige Wasserwelt anstatt eines einfachen Sees und einen Coach, der einem das Handyabschalten als Anti-Burnout-Training verkauft. Viele Menschen sind tatsächlich bereit, für viel Geld nichts zu bekommen. Und so sieht unsere alpine Umgebung mittlerweile auch aus.

Viel Geld für nichts … Die „Wirtschaftlichkeit“ dringt ja immer tiefer in unser persönliches Leben ein, wie man auch an der Systemgastronomie sieht …

Als ich für das Buch recherchiert habe, habe ich erstaunt festgestellt, dass bereits die Hälfte des Umsatzes an Auswärts-Essen auf die Systemgastronomie fällt. Obwohl sich die Filialen der Fastfoodkette McDonald’s inzwischen verbessert haben, steht bei ihnen dennoch vor allem die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Die Restaurants sind infantilisierte Gebäude mit einem genormten Kinderspielplatz davor. Die Restaurants laden im Gegensatz zu einem alten Landgasthaus nicht zum Verweilen ein, sondern dienen der reinen Nahrungsaufnahme. In großer Aufholjagd befinden sich erschreckenderweise Restaurants in Möbel- und Supermärkten, wo ein Fünftel ausgegeben wird. Bei einem Großteil dieser Gäste ist es also nicht einmal eine bewusste Entscheidung, dort zu essen. Die riesige Markthalle bei Ikea wird etwa auf dem Weg zur Kassa in Kauf genommen, niemand geht dorthin, weil es schön ist, dort zu essen. Das Bedürfnis, seine Nahrung in einer ansprechenden und behaglichen Umgebung einzunehmen, wird der Funktionalität geopfert. Und selbst beim „Essengehen“ geht es inzwischen oft um das Gefühl, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Es gibt Pensionisten, die mit dem Auto vier Kilometer in den nächsten Möbeldiskonter fahren, nur um dort ein Menü um 3,90 Euro zu ergattern. Dass es dabei nicht eine Frage des Geldes ist, zeigt doch schon, dass sie ein Auto haben. Das traditionelle Dorfgasthaus kann bei einem Preis von 3,90 Euro jedenfalls nicht mithalten.

Kann diese Entwicklung hin zur Hässlichkeit denn überhaupt noch gestoppt werden?

Ich sehe, dass viele Leute die Verschandelung ihrer Umgebung nicht mehr hinnehmen. Auch wenn die Entwicklung sehr rasch geht, oft fällt es den Menschen aber nicht auf, wie sich ihre Lebensumgebung verändert. Vielleicht kann mein Buch den Blick für die Verschandelung des Landes schärfen. Die Vorstellung einer schönen Umgebung haben wir ja nicht verloren. Im Gegenteil, in den Medien und besonders in der Werbung wird sie uns ständig vor Augen geführt. Dort fahren etwa SUVs auf einsamen Landstraßen, während ich die Autos vor allem auf Parkplätzen vor Supermärkten sehe. Jeder Lebensmitteldiskonter bewirbt seine Produkte mit wunderschönen Bildern aus der jeweiligen Region. Unsere Rezeption von Schönheit ist aber auf das Erkennen eingeschränkt und verliert zunehmend das Erleben. Wir können nur hoffen und darauf hinwirken, dass Schönheit doch noch eine politische Kategorie wird. Uns muss klar werden, dass Fortschritt nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern auch Steigerung der Qualität unserer Lebensumgebung ist.

Zum Weiterlesen: Tarek Leitner: „Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“; Brandstätter, 22,50 Euro.

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