Im Kampf gegen Satan

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 4. März 2013

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Der Teufel ist mitten unter uns, sagt die katholische Kirche. Wie nie zuvor setzt der Papst auf Teufelsaustreibungen. 3.000 Exorzisten will er ins Gefecht schicken.

Es heißt, die größte Lüge des Teufels ist es, der Welt vorzugaukeln, dass es ihn gar nicht gibt. Der katholischen Kirche kann „das Tier“ aber nichts vormachen: Unter dem amtierenden Papst Benedikt XVI. wird ein Heer von Priestern zu Exorzisten ausgebildet, um gegen die satanische Macht in den heiligen Krieg zu ziehen.

Wenn Don Gabriele Amorth sein tägliches Vaterunser mit der Bitte „Und erlöse uns von dem Bösen“ beendet, dann ist das nicht einfach so dahingesagt. Obwohl der Priester mit dem Bulldozergesicht bereits 86 Jahre alt ist, nimmt er noch beinahe täglich den Kampf mit Satan auf. Insgesamt mehr als 70.000 Teufelsaustreibungen will der oberste Exorzist des Vatikans bereits erfolgreich durchgeführt haben.

Seinen Erzählungen zufolge hat der rüstige Streiter Gottes im Laufe der Jahre die verschiedensten Gesichter Satans gesehen: Besessene, die bizarre körperliche Verrenkungen vollziehen, zarte Frauen, die solche Körperkräfte entwickeln, dass sie selbst von gestandenen Männern nicht mehr gebändigt werden können. Menschen, die plötzlich Fremdsprachen beherrschen, die sie niemals gelernt haben. Manchmal erbrechen die Betroffenen sogar Metallstücke. „Ich habe mehr als zwei Kilo Metallteile, die Menschen ausgespien haben, lange Nägel, Rasierklingen. Diese Dinge materialisieren sich in dem Moment, wo sie aus dem Mund herauskommen“, behauptet Amorth in einem Interview.

Was sich auf den ersten Blick wie das Drehbuch eines schlechten Horrorfilms liest, ist die tatsächliche Lehrmeinung der katholischen Kirche. Obwohl der Teufel heute für die meisten Priester eher ein Schmuddelkind ist, das man entweder ignoriert oder als Allegorie für das Böse abtut, boomt der Exorzismus, als hätte es das Zweite Vatikanische Konzil (zur Modernisierung der Kirche) nie gegeben.

Hatte der Papst aus Polen, Johannes Paul II., noch 200 Priester offiziell zu Teufelsaustreibern bestellt, will sein Nachfolger Benedikt die Zahl nunmehr auf 3.000 erhöhen. Und es gibt Berichte darüber, dass Benedikt im Rahmen einer Generalaudienz auf dem Petersplatz zwei Männer von Dämonen befreit hat.

Jesus ist Vorbild

Bei der Ausübung ihrer umstrittenen Riten können sich die Exorzisten auf ein richtungsweisendes Vorbild in der christlichen Lehre berufen: Jesus höchstpersönlich treibt im Neuen Testament gleich mehrfach den Teufel aus. Dabei war er so erfolgreich, dass er bald von anderen Bekämpfern Satans beschuldigt wurde, selbst mit bösen Mächten unter einer Decke zu stecken. Jesus konterte diese Unterstellung allerdings mit dem Hinweis, dass es für einen Dämon unmöglich sei, einen anderen Dämon auszutreiben.

Dem Katechismus der Katholiken zufolge ist Satan auch tatsächlich keine Metapher für das Böse, sondern ein absolut reales, wenn auch geistiges Wesen. Einst war er einer von den Abertausenden von Gott mit freiem Willen erschaffenen Engeln, der Herr soll ihn sogar ganz besonders geliebt haben. Anfangs war Luzifer auch glücklich und gut, dann erlag er allerdings der Versuchung und erhob sich mit anderen Engeln gegen die Herrschaft Gottes. „Die Teufel und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott von ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber selbst durch sich böse“, heißt es in dem Lehrwerk.

Nach dieser Sünde wurde den rebellischen Engeln umgehend die göttliche Gnade entzogen. Die einstigen strahlenden Himmelswesen verwandelten sich dadurch zu hässlichen Gestalten der Finsternis, die in ihrer selbstgemachten Hölle für alle Ewigkeit gequält werden. Hass und Peinigung regieren. Würden sie sich der Liebe Gottes öffnen, dann könnten sie sogar noch gerettet werden, doch die hasserfüllten Kreaturen trotzen voll Zorn und Unnachgiebigkeit der Einladung auf Versöhnung.

Den Menschen könnte das Schicksal der aufsässigen Engel eigentlich ziemlich egal sein, gäbe es da nicht ein kleines, unangenehmes Detail: Da die Dämonen reine Geister ohne Körper und Seele sind, benützen sie mitunter menschliche Körper, um sich in der Welt zu manifestieren.

Wer wird Opfer?

Doch wie wählt Satan die Opfer seiner dämonischen Kräfte aus? Laut Theologen wie Amorth gibt es beim Menschen keine grundsätzlichen angeborenen Charakteristika, die ihn für eine Besessenheit besonders anfällig machen würden. Glücklicherweise ist sie auch nicht ansteckend: Man kann also durchaus mit seiner vom Teufel besetzten Frau weiter das Bett teilen, ohne dass man selbst zum Beelzebuben wird. In der Regel, so heißt es, haben Besessene dem Teufel entweder durch ein okkultes Ritual selbst die Türe geöffnet, oder jemand anderer hat einem – etwa durch eine Verwünschung – Satan an den Hals gehetzt.

Doch nicht nur „böse“, sondern oft auch ausgesprochen gläubige Menschen werden von Satan heimgesucht. Für die katholische Lehre ist dies absolut kein Widerspruch, denn gerade spirituell besonders fortgeschrittenen Personen kann eine Besessenheit als letzte Prüfung Gottes auferlegt werden. So schreibt etwa der Heilige Johannes Chrysostomos: „Besessene Personen können aus ihrem Leiden einen zweifachen Nutzen ziehen. Erstens können sie heiliger und anständiger werden; zweitens können sie sich nunmehr makellos vor dem Herrn präsentieren, da sie die Schulden für ihre Sünden schon hier auf Erden bezahlt haben.“

Vier Formen der Besessenheit

Für den Betroffenen manifestiert sich das Böse in verschiedenen Ausprägungen. Relativ gut kommt man noch mit einer „infestatione“ (Umsessenheit) weg. Darunter versteht man die Anwesenheit eines Dämons an einem Ort oder Gegenstand. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Spukhaus. Das Phänomen kann sich auf verschiedenste Art und Weise zeigen: unerklärliche Laute, mysteriöse Schritte, lautes Gelächter oder Schreie, plötzlicher Temperatursturz, das Verschwinden und Wiederauftauchen von Gegenständen an einem anderen Platz, das Spüren einer Präsenz unsichtbarer Geister … Auch Türen und Fenster, die sich von selbst öffnen und schließen, sowie frei im Zimmer herumschwebendes Geschirr gehören dazu. Für einen Exorzisten ist derlei Firlefanz Kleinkram – eine einfache Haussegnung und eine Messe auf dem Grundstück, und das Problem sollte gelöst sein.

Kritischer für den Betroffenen wird es, wenn er sich mit einer sogenannten Belästigung („oppressio“) konfrontiert sieht. Dabei wird das Opfer von Dämonen mit rätselhaften Schlägen drangsaliert. Bei einigen Menschen erscheinen zudem sonderbare Zeichen oder Buchstaben auf der Stirn, während andere behaupten, von einer unsichtbaren Kraft die Treppe hinuntergestoßen worden zu sein. Speziell Heilige wurden im Laufe ihres Lebens Opfer solcher Attacken. Das schäbige Ziel der Dämonen: Die Menschen sollen in Isolation und Verzweiflung getrieben werden, damit sie sich von Gott abkehren. Der Exorzist rät in diesem Fall zu eifrigem Weiterbeten.

Wird man von einer Bedrängnis („obsessio“) heimgesucht, ist schön langsam Schluss mit lustig. Die „dämonische Versuchung“ hat nämlich zumeist einen intensiven und anhaltenden Angriff auf den Geist des Opfers zur Folge. Die Betroffenen leiden an unkontrollierbaren, völlig irrationalen Zwangsvorstellungen. Als letzter Ausweg, so wird ihnen von den Dämonen eingeflüstert, kann sie nur ein Pakt mit Satan von ihrem Leiden befreien. Der Ratschlag des Profi-Austreibers klingt ein bißchen so wie beim Konsumentenschützer: Nichts unterschreiben und Hilfe beim nächstgelegenen Exorzisten aufsuchen.

Die wohl bekannteste Form des Phänomens ist gleichzeitig die unangenehmste: die dämonische Besessenheit („possessio“). Dabei übernimmt der Teufel zeitweise die Kontrolle über einen Menschen und spricht und handelt durch ihn ohne dessen Wissen. Das Opfer verfällt dabei in eine Art Trance und kann sich danach nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist, als Satan das Kommando übernommen hat. Die Symptome der Betroffenen ähneln tatsächlich jenen, wie man sie aus dem Film „Der Exorzist“ kennt: körperliche Verrenkungen, Reden in Sprachen, die man niemals gelernt hat, und Kenntnisse über die geheimsten Privatangelegenheiten von Anwesenden. Manchmal spricht Satan selbst in tiefer, verzerrter Stimme voller Hass und Zorn aus seinem Opfer. Hier hilft nur mehr eine Austreibung nach allen Regeln der Kunst.

Bei der Austreibung greifen die Satansbekämpfer zu ihrer mächtigsten Waffe, dem „großen Exorzismus“. Die Formeln und Gebete dafür finden sich im „Rituale Romanum“, das 1614 das erste Mal erschienen ist. Die derzeit gültige Fassung ist die erst 1998 überarbeitete Version „De exorcismis et supplicationibus quibusdam“. Dabei wird einerseits die Hilfe Gottes für den Besessenen erfleht, andererseits befiehlt der Exorzist dem Dämon, im Namen Christi aus seinen Opfern zu weichen. Für einen Volldurchlauf des Rituals braucht man 45 bis 60 Minuten. Manche Teufelsaustreiber wählen deshalb bei weniger schweren Fällen die Kurzform: „Ich treibe Dich aus, Du Geist der Fälschung!“

„Ich sah entsetzliche Dinge“

Der US-Journalist Matt Baglio hat für seine Reportage „Die Schule der Exorzisten“ Teilnehmer an der Exorzistenausbildung des Vatikans über ihre Erlebnisse befragt. Und die Priester erzählten Schauerliches: „Ich sah entsetzliche, wirklich entsetzliche Dinge. Als das Mädchen an einer Stelle während der Austreibung wild um sich schlug und laut kreischte, sprangen ihre normalerweise geschlossenen Augen auf, sie drehte sich um und blickte mich an. In ihren Augen konnte ich dann diesen Hass sehen, solch einen reinen Hass, dass es mich wirklich sehr schwer traf.“ Während des Rituals spürten der Priester und sein Mitseminarist außerdem unerklärliche Schläge gegen ihre Schienbeine.

Doch damit nicht genug: Gegen Ende der Teufelsaustreibung fing das Mädchen an, Unmengen von Sperma, verbunden mit einem widerlichen Gestank, zu erbrechen. „Ich war zu Tode erschrocken. Mir wurde klar, dass Dämonen wirklich existieren und dass der Teufel nicht diese Kasperlpuppe mit Hörnen ist, wie wir sie in Comics sehen und darüber lachen. Ich musste meine sämtlichen theologischen Vorstellungen von Grund auf revidieren, die bis zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen oberflächlich gewesen waren. Mir wurde erst jetzt bewusst, dass wir alle von einem Feind bedroht werden.“

Tod nach Teufelsaustreibung

Im 21. Jahrhundert ist die Praxis der Teufelsaustreibung klarerweise extrem umstritten. Dazu hat nicht zuletzt der Fall „Anneliese Michel“ beigetragen, die 1976 nur 23-jährig an den Folgen extremer Unterernährung gestorben ist. In den Monaten vor ihrem Tode haben katholische Priester mehrmals den „großen Exorzismus“ an ihr vorgenommen.

Anneliese Michel stammte aus einer strenggläubigen katholischen Familie in Franken in Deutschland. Das hochintelligente Mädchen ging mehrmals die Woche in die Messe, besuchte eine Rosenkranzgebetsgruppe und schlief zur Sühne auch schon einmal auf dem Fußboden.

Während eines Krampfanfalls, Anneliese war damals gerade 15 Jahre, biss sie sich plötzlich in die Zunge. Die Ärzte diagnostizierten eine Temporallappenepilepsie und verschrieben ihr das Medikament Carbamazepin. Trotz der Behandlung verschlechterte sich ihr Zustand drastisch. Sie brachte sich selbst schwere Verwundungen bei, auf ihrem Körper zeichneten sich die Wundmale Christi ab, und sie verweigerte die Nahrungsaufnahme. Auf Tonbandaufzeichnungen ist zu hören, wie Anneliese Michel mit tiefer, verzerrter Stimme spricht und immer wieder spontane Schreie und unflätigste Beleidigungen ausstößt.

Die tiefgläubigen Eltern waren überzeugt davon, dass ihre Tochter besessen war, und suchten Hilfe bei Exorzisten. Der damalige Würzburger Bischof Josef Stangl genehmigte die Teufelsaustreibung, wenige Monate später war Anneliese tot. Zuletzt wog sie nur noch 31 Kilo. Im Zuge eines Gerichtsverfahrens wurden sowohl die Eltern als auch der Priester wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassung“ verurteilt.
Psychiater sämtlicher Konfessionen warnen seitdem vor den kirchlichen Teufelsaustreibern. Die Betroffenen seien nicht besessen, sondern psychisch krank. Tatsächlich können Leiden wie Schizophrenie, Hysterie, Epilepsie, Paranoia, Tourette-Syndrom oder multiple Persönlichkeiten sehr schnell als „dämonisch“ ausgelegt werden, wenn einem das entsprechende medizinische Rüstzeug fehlt. Über fliegende Teller und Ähnliches hat sich die Schulpsychiatrie freilich noch niemals den Kopf zerbrochen.

Dumme Dämonen?

Die Exorzisten wehren sich naturgemäß gegen diese Kritik. Meist würden die Betroffenen überhaupt erst ihre Hilfe suchen, wenn ihnen die Schulmedizin keine Hilfestellung bieten konnte. Zudem überprüfen sie mit einer Reihe von Tricks, ob tatsächlich eine Besessenheit vorliegt. So werden die Personen mit normalem anstatt mit Weihwasser angespritzt oder es wird ihnen ein lateinischer Prosatext anstatt eines Gebetes aus dem „Rituale Romanum“ vorgelesen. Reagieren die Betroffenen dann, so ist klar, dass die Besessenheit durch einen Dämon reine Einbildung gewesen ist. Doch eine Frage drängt sich dabei schmerzlich auf: Wie dumm müssen Dämonen eigentlich sein, wenn sie diesen doch etwas plumpen Schachzug nicht durchschauen?

Ein Ende des Exorzismus-Trends ist nicht in Sicht, was gleichzeitig für die katholische Kirche nicht ganz unpraktisch ist, schieben Theologen wie Amorth doch selbst die vielen Missbrauchsfälle Dämonen in die Schuhe. Alles Übel im Vatikan gehe letztlich auf satanische Einflüsse zurück. Das klingt nach einer schlechthin genialen Ausrede. Und zeigt ganz nebenbei, dass sich Kirche und Teufel gegenseitig irgendwie brauchen.

Zum Weiterlesen: Matt Baglio: „Die Schule der Exorzisten. Eine Reportage“; Sankt Ulrich Verlag, 19,90 Euro.

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