Heilsamer Schrecken

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 4. März 2013

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Kinder lieben alte Märchen. Zum Schrecken der Eltern sind diese aber meistens brutal, furchteinflößend und gnadenlos. Doch genau das macht sie so wertvoll.

Bis auf das Alte Testament der Bibel gibt es in der Literaturgeschichte wohl kaum ein Werk, dessen Inhalt so brutal anmutet wie die gesammelten Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. In „Schneewittchen“ etwa muss die böse Stiefmutter so lange mit glühenden Schuhen tanzen, bis sie stirbt, den neidischen Schwestern von „Aschenbrödel“ werden als Strafe von Vögeln die Augen herausgepickt, und in „Hänsel und Gretel“ wird die Hexe bei lebendigem Leib im Ofen verbrannt. Garniert wird die Gewaltorgie mit einer Mischung aus Sodomie, Sadismus, Inzest, Kannibalismus und schwarzer Magie. Kein Wunder, dass vielen Eltern beim allabendlichen Vorlesen die Worte in der Kehle stecken bleiben.

Die Frage, ob Märchen für Kinder geeignet sind oder nicht, spaltet bis heute Erziehungswissenschafter und Psychologen. Während Gegner hinter den Geschichten obszöne schwarze Pädagogik am Werk sehen, verweisen Befürworter auf beachtliche Therapieerfolge, bei denen dank Einsatz von Märchen selbst seelisch schwer gestörten Kindern geholfen werden konnte.

Dass den Kleinen heute überhaupt Märchen vorgelesen werden, ist eigentlich ein Zufall. Ursprünglich waren die überlieferten Geschichten nämlich für Erwachsene bestimmt. Erst als die Gebrüder Grimm 1812 die erste Auflage ihrer zweiteiligen Volksmärchensammlung unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“ herausbrachten, wurde den brutalen Erzählungen vor allem aus verlegerischen Überlegungen ein kindliches Mäntelchen umgehängt. Eine Tatsache, die selbst Jacob Grimm nicht ganz geheuer war: „Das Märchenbuch ist mir daher gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht“, wandte er sich an den deutschen Schriftsteller Achim von Arnim.

Bereits kurz nach Erscheinen der ersten Ausgabe der Hausmärchen hagelte es Kritik. Die geschilderten Grausamkeiten und sexuellen Eskapaden waren den bürgerlichen Lesern doch eine Spur zu heftig. Wilhelm Karl Grimm reagierte auf die Vorwürfe und brachte 1819 eine deutlich entschärfte, kindergerechte zweite Auflage heraus. Die Grimms sahen ihr Werk von nun an auch als „Erziehungsbuch“.

Mit ihrem pädagogischen Ansatz setzten sich die Gebrüder Grimm jedoch erneut in die Brennnesseln. Manchen Lesern wollte sich der erzieherische Wert von Ermordung und Verstümmelung von Kindern, von sadistischen Strafen für Bösewichter und generell von möglichst schrecklichen Todesarten einfach nicht erschließen. Die britische Militärregierung ließ nach dem Zweiten Weltkrieg kurzfristig sogar den Druck der Märchen verbieten, da sie einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den gesammelten Erzählungen der Grimms und den Gräueln in den Konzentrationslagern erkennen wollte.

Den fortschrittlichen Pädagogen in den 1960er Jahren waren die Märchen ebenfalls ein Dorn im Auge. Die Erziehungswissenschafter sahen in ihnen ein „grausames Instrument bürgerlicher Repression“ mit Hang zum Faschismus. Die Brutalität der Erzählungen hätte in Kinderzimmern nichts verloren.

Bei aller Sorge um das seelische Heil des Nachwuchses übersahen die eifrigen Pädagogen allerdings einen entscheidenden Aspekt: Die Kinder liebten die Märchen – und die Brutalität schien sie weder zu ängstigen noch zu verstören. Im Gegenteil: Sobald die Geschichten „gereinigt“ und verharmlost erzählt wurden, verloren die Kleinen schnell ihre Faszination daran.

Freispruch für das Märchen

Der Freispruch für die Märchen kam dann ausgerechnet von einem Mann, der die Gräuel der Konzentrationslager am eigenen Leib erfahren hatte. Nach einem Jahr in den KZs Dachau und Buchenwald gelang es dem gebürtigen Österreicher Bruno Bettelheim, 1939 in die USA zu emigrieren. Wegen seiner Behandlungserfolge bei Kindern erlangte der Psychoanalytiker dort schnell Berühmtheit. Sein mächtigstes Werkzeug bei der Therapie: die Kraft der Märchen.

Während Tiefenpsychologen Märchen bereits in den 1970ern generell wie Träume deuteten, zeigten die dunklen Geschichten für Bettelheim noch viel mehr: Dank der jahrhundertealten Tradition gaben sie einen ungeschminkten Einblick in die universelle Psyche des Menschen. „Nur wenn ein Märchen das bewusste und unbewusste Verlangen vieler Menschen enthält, wird es immer wieder erzählt“, argumentierte der renommierte Analytiker. Die Geschichten seien wohl „unrealistisch“, auf einer archaischen Ebene des Menschen allerdings „nicht unwahr“.

Besonders die düsteren Aspekte des Seelenlebens von Kindern finden sich verschlüsselt in den Erzählungen. Nach dem Analytiker toben in Märchen orale und ödipale Konflikte ebenso wie phallische und gewalttätige Phantasien. Es herrscht Furcht vor Sex und Kastration, es geht um Erniedrigung durch andere und um Selbstdestruktion. Und wie ein roter Faden zieht sich eine der tiefsten Ängste des Menschen durch die Settings: die Furcht vor Trennung und Tod.

Das Böse nicht verleugnen

Das geniale an den tradierten Volksmärchen ist, dass sie das Böse nicht schönreden oder verleugnen, aber dennoch immer ein gutes Ende nehmen. Wie ein Sicherheitsnetz begleitet es das Kind beim Abtauchen in die seelischen Abgründe des Menschseins. Die Psychologin Ingrid Riedel erinnert sich im Vorwort des Buches „Das Böse im Märchen“: „Für mich fiel die Zeit, in der ich Märchen las, mit dem Erlebnis der Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges zusammen. Im Luftschutzkeller, während die Bomben ringsum einschlugen, als die Angst um alles ausbrach, was damals meine Welt ausmachte, da las ich Märchen, auch grausame Märchen – gegen die Angst. Sie halfen mir, weil sie das Böse kannten, weil sie es nicht verkleinerten und beschönigten, und weil sie dennoch Kräfte dagegenzusetzen wussten, die stärker waren als das Böse, weil sie den Umgang mit solch rettenden und den Bann lösenden Mächten kannten und zeigten.“

Kinder lernen laut Bettelheim durch Märchen auch ihre eigenen destruktiven Charakteranteile anzunehmen und zu kanalisieren. So erleben die Kleinen ihre Mütter beispielsweise nicht nur als gut, sondern mitunter auch als böse. Dieser Gefühlsumschwung erweckt ein Schuldbewusstsein. Kann das Kind seinen Hass und seine Schuld nun etwa auf die böse Stiefmutter von Schneewittchen projizieren, wirkt deren Todestanz in glühenden Schuhen befreiend.

Und gerade diese brutalen Strafen, die Eltern oft abschrecken, sind für das Kind absolut notwendig. Im Gegensatz zu Erwachsenen kennen die Kleinen kein Mitleid mit den Bösen, sondern sie fürchten sich vor ihnen. Je schwerer die Konsequenzen für den Tunichtgut sind, umso sicherer fühlt sich das Kind. Bei aller Grausamkeit werden die Märchen bei der Beschreibung der Gewalt übrigens niemals explizit. Die Schmerzen und der Todeskampf werden in kaum einer Geschichte beschrieben, es fließt in den allermeisten Fällen nicht einmal Blut. Entscheidend ist nur, dass das Böse aus der Welt ist.

Optimismus für das spätere Leben

Doch nicht nur der unausweichliche Untergang des Bösen stärkt die kindliche Seele, sondern auch der Triumph des Helden am Ende der Geschichte. Die Kleinen lernen so, sich dem Leben mit Optimismus zu stellen. „Jedes Märchen ist ein Zauberspiegel, in dem sich gewisse Aspekte unserer inneren Welt und der Stufen spiegeln, die wir in unserer Entwicklung von der Unreife zur Reife durchleben müssen“, wusste Bruno Bettelheim.

Die Eltern müssen auch keine Angst davor haben, dass der Nachwuchs im Erwachsenenalter die Stiefmutter plötzlich in glühende Schuhe zwingt. Alle Erfahrungen des Psychoanalytikers zeigten, dass Kinder im späteren Leben wesentlich realitätsbezogener agieren, wenn sie sich einst ungestört in der Phantasiewelt aufhalten durften. „Viele junge Menschen, die heute plötzlich in Drogenträumen der Welt zu entfliehen suchen, irgendeinem Guru nachfolgen, sich der Schwarzen Magie verschreiben, wurden vorzeitig gezwungen, die Wirklichkeit in der Art der Erwachsenen zu sehen“, warnte Bettelheim.

Die Lieblingsmärchen-Therapie

Wer Kindern Märchen vorliest, wird schnell bemerken, dass die Kleinen manche Geschichten besonders gerne hören. Bereits in den 1960er Jahren haben Psychoanalytiker vermutet, dass die Lieblingsmärchen die aktuellen Entwicklungskonflikte in der Seele des Sprösslings widerspiegeln. Doch es blieb eine Annahme. Es mussten noch rund 50 Jahre vergehen, bis die italienische Kinderpsychologin Verena Bertignoll diese These in einer Versuchsreihe untermauerte.

Bei ihrem Versuch bat die Psychologin neun Kinder zwischen sechs und zehn Jahren vor laufender Kamera, ihr das gerade aktuelle Lieblingsmärchen zu erzählen. Das Ergebnis war eindeutig: „Eigene Ängste und Befürchtungen wurden genauso auf die Gestalten der Märchen projiziert wie aggressive Emotionen und Wünsche.“ Sobald sich Abschnitte der Geschichten mit dem eigenen Innenleben überlagerten, schmückten die Kinder die Erzählungen aus, fügten Teile hinzu, ließen welche weg oder gerieten ins Stocken.

Ein interessantes Versuchsdetail war, dass sich Kinder, die ähnliche Probleme hatten, auch die gleichen Märchen aussuchten. Zwei der jungen Probanden begeisterten sich vor laufender Kamera für die Geschichte „Der Wolf und die sieben Geißlein“, und beide identifizierten sich mit dem kleinsten Geißlein, das – als die Mutter außer Haus ist – als einziges nicht vom bösen Wolf gefressen wird, weil es sich im Uhrkasten verstecken konnte. Wie sich später herausstellte, hatten beide Kinder Angst, von ihrer Mutter verlassen zu werden.

Für Bertignoll ist das Resümee eindeutig: „Das Lieblingsmärchen hat diagnostischen Wert. Es bietet ein Bild auf die eigene Geschichte.“ Und auch sie bricht eine Lanze für die Brutalität in den Märchen. Diese würde den Kindern dabei helfen, Lösungsansätze für Grundprobleme wie Angst, Einsamkeit, Aggression und Tod zu entwickeln. Hingegen sind die meisten modernen Storys dafür ungeeignet – und zwar gerade wegen ihrer Harmlosigkeit!
Untersucht man die Märchenfiguren genauer, wird man überrascht feststellen, dass diese gar nicht so leicht eindimensional in „gut“ und „böse“ eingeteilt werden können. Besonders der Held oder die Heldin muss oft selbst zu durchaus drastischen Mitteln greifen, um gegen Widersacher zu bestehen. In „Hänsel und Gretel“ wird etwa die Hexe durch eine List ins Jenseits befördert. Gretel spielt ihr vor, dass sie nicht wisse, wie man in den Ofen kriecht. Als es die böse Frau ihr ungeduldig zeigt, braucht das Mädchen der Alten nur mehr einen Stoß zu versetzen und die Türe zu schließen.

Gretel macht sich also die bösen Absichten der Hexe zu eigen, wendet sie gegen die Frau und entkommt so der Gefahr. Damit kann Gretel aber nicht länger das „reine, unschuldige“ Kind sein. Denn um die Kannibalismus-Pläne der Frau überhaupt begreifen zu können, muss sie selbst entsprechend böse Züge in sich tragen – wenn auch unbewusst. Um ihren Bruder zu retten, muss das Mädchen das Böse in sich zulassen.

Das Thema zieht sich auch durch Erzählungen, in denen ein unreifer Prinz in die weite Welt zieht, um schließlich als weiser König zurückzukehren. Der Held muss erst die Welt in ihrer ungeschminkten Brutalität kennenlernen, eine Reihe von Abenteuern bestehen, selbst kämpfen, schwindeln und mitunter sogar töten, um reif für die Krone zu werden.

Begegnung mit dem Schatten

Tiefenpsychologen sprechen hier von einer Begegnung mit dem eigenen Schatten. Auf seinem Weg zur Selbstverwirklichung muss sich der Mensch zuerst all jenen Anteilen seiner Persönlichkeit stellen, die er aus Scham in die tiefsten Abgründe seiner Seele verbannt hat und die ihm daher nicht länger bewusst sind. Die Rückeroberung der verdrängten Eigenschaften kann etwa durch eine Psychotherapie geschehen, oder der Schattenanteil tritt einem in Form von anderen Menschen entgegen. Der ewige „nette Kerl“, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird sich so lange über die Gewalt von anderen beschweren – bis er gelernt hat, die eigenen brutalen Aspekte in seine Gesamtpersönlichkeit zu integrieren.

Bei der Arbeit mit dem „Schatten“ können gerade Märchen nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene extrem wertvoll sein. Aufgrund ihrer Abstraktheit machen es einem die Geschichten leicht, sich mit den eigenen Abgründen auseinanderzusetzen bzw. sie überhaupt einmal zu erkennen. Manchmal reicht es auch, sie einfach nur zu lesen und auf sich wirken zu lassen.

Die Integration der verdrängten Persönlichkeitsanteile führt letztlich zu einer Versöhnung mit der Welt – und es entsteht eine „neue Ethik“, wie sie von dem Psychiater und C.-G.-Jung-Schüler Erich Neumann gefordert wurde: „Die eigene Schattenseite ist auch die Schattenseite der Menschheit, und die Versöhnung mit den Schattenseiten ist eine Versöhnung mit dem Allerhässlichsten der Menschheit, aber auch eine Erklärung des Einverständnisses mit dem Wesen des Menschen mitsamt seinen dunklen Seiten. Die neue Ethik verlangt, dass wir einsehen, wo wir schattenhaft agieren, etwa grausam, böse, asozial, und dass wir uns damit versöhnen. Leitbild dieser neuen Ethik ist Integration. Die Gegensätze in unserer Psyche sollen vereint werden. Das Individuum soll nicht gut sein um jeden Preis, aber es soll echt, autonom, gesund und schöpferisch sein – alles Resultate, wenn wir den Schatten integrieren und in die eigene Verantwortung nehmen.“

Zum Weiterlesen: Bruno Bettelheim: „Kinder brauchen Märchen“; Deutscher Taschenbuch Verlag, 11,90 Euro. Verena Bertignoll: „Kinder lieben Märchen. Eine sozialpsychologisch-qualitative Studie“; Studienverlag, 29,90 Euro. Ingrid Riedel: „Das Böse im Märchen“; Herder (erste Auflage vergriffen, gebraucht ab 4,00 Euro). „Grimms Märchen“ (Vollständige Ausgabe), Anaconda, 20,35 Euro.

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