Genuss mit Grenzen

Lebenvon Christian Werner 1. März 2005

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Warum ist Lust überhaupt ein Laster? Wer hat das erfülltere Leben – der Asket oder der „Lüstling“?

Der Asket hat es bekanntlich nicht leicht – der wollüstige Mensch aber auch nicht. Beide sind getrieben von Leidenschaften – der Asket verzichtet bis zur Selbstaufgabe und erreicht dafür größtes Wohlbefinden. Der wollüstige Mensch dagegen findet keine Erfüllung, ganz gleich, welchen sexuellen Praktiken und Genüssen er sich auch aussetzt.

In unserer Wohlstands- und Spaß-Gesellschaft kehrt die Lust auf Askese zurück – mindestens jeder vierte Österreicher und Deutsche reduziert nach Feiertagen und in der vorösterlichen Fastenzeit seinen Fleisch- und Alkoholkonsum.

Klosterurlaube sind ausgebucht, Fastenkurse und Meditationsangebote heiß begehrt. Versenkung, Reinigung und Horizonterweiterung heißen die Praktiken einer neuen Askese. Der Aschermittwoch der Wohlstandsgesellschaft scheint angebrochen, dem jahrzehntelangen Karneval will nun eine Fastenzeit folgen. Doch die asketische Revolte gegen die Massenkultur ist eine Verzweiflungstat. Auch Sackleinen und Rohmilch lassen das heimatlose Selbst nicht zur Ruhe kommen. Weder Extremsportarten noch Erlebnisurlaube bieten mehr als einen flüchtigen Kick. Und Fitnessgeräte und Nulldiät mögen vielleicht von der Schwere des Körpers befreien – doch alle Anstrengung und Enthaltsamkeit mündet nicht in die ersehnte Leichtigkeit des Seins.

Das Bedürfnis nach Differenz und Exklusivität läßt sich offenbar im Konsum nicht mehr befriedigen. Der Asket wird zum heimlichen Ideal des Wohlstandsbürgers: Nicht im Außen, sondern im Innen, nicht in den Waren, sondern im Wahren sucht er nun sein Heil.

Epikur, der philosophische Gegenspieler Platons (341 – 270 v. Chr.), meinte: Es ist nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne dass man vernunftgemäß, schön und gerecht lebt, noch vernunftgemäß, schön und gerecht ohne lustvoll zu leben. Wer dies nicht besitzt, der kann nicht lustvoll leben.

Moderne Hedonisten sollten sich von Epikur belehren lassen: Skeptische Distanz zu den Bedürfnissen, die sich aus Werbung, Mode und Prestige speisen – eine aufgeklärte Lebenshaltung eben – sie bedingt den Genuss. Grenze, Maß und Reduktion sind Konditionen jener Seelenruhe, die Epikur vorlebte.

Glauben Sie uns: Auch in der Askese kann man Lust verspüren – man muss es nur ausprobieren.

Buchtipps

Axel Michaels: Die Kunst des einfachen Lebens
Eine Kulturgeschichte der Askese, Verlag C.H. Beck
Preis: 11,90 Euro


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Andrea Brown: Sex oder Liebe?
Deutscher Taschenbuch Verlag
Preis: 12,00 Euro


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Reimer Gronemeyer: Die neue Lust an der Askese
Rohwolt Berlin
Preis: 9,50 Euro


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