Die Wahrheit über das Traumschiff

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 8. März 2012

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Kreuzfahrten boomen. Und sie machen glücklich – wenn man die gröbsten Irrtümer vermeidet und das richtige Schiff bucht. Ein kleiner Ratgeber über die typischen Schwachpunkte von Schiffsreisen.

Schiff
Foto: Seadream Yacht Club

Gibt es eine Urknalltheorie der Kreuzfahrt?


Ja, gibt es. Am Anfang aller Kreuzfahrten standen leere Schiffe. Die großen Passagierdampfer, die vor allem Auswanderer von Deutschland nach Amerika brachten, lagen in den Wintermonaten still. Das brachte den Hamburger Reeder Albert Ballin auf die Idee, sie für reine Vergnügungsreisen einzusetzen. Dafür musste man die Schiffe natürlich mit Komfort ausstatten. Das erste Kreuzfahrtschiff der Welt, die Augusta Victoria, brach im Herbst 1891 mit betuchter Klientel zu einer zweimonatigen Vergnügungsreise in den Orient auf. Ballin sollte seine Reederei namens Hapag später zur zeitweise größten der Welt machen. Das Reisen auf See wurde bald zu einem Vergnügen der Reichen und Schönen, und Kreuzfahrten avancierten zum Inbegriff des luxuriösen, unerschwinglichen Reisens. In den 1990er Jahren änderte sich das vor allem durch amerikanische Reedereien, die um eine völlig andere, neue Kundschaft warben: Die Schiffe wuchsen ins Gigantische, und die Reisen wurden billig angeboten, das Publikum jünger, die Seereise verwandelte sich in ein Massenprodukt.

Wie heißen die größten Schiffe der Welt?


Den ersten Platz teilen sich die Oasis of the Seas und die Allure of the Seas, die je 5.400 Passagiere befördern können. Es folgen die Norwegian Epic (4.631 Passagiere) und dann auf dem dritten Platz drei gleichgroße Schiffe: die Freedom of the Seas, die Liberty of the Seas und die Independence of the Seas (je 3.600 Passagiere). Die berühmte Queen Mary II folgt mit 2.592 Passagieren erst auf dem vierten Platz.

Kommt es auf die Größe an?


Große Schiffe offerieren vergleichsweise billige Kreuzfahrttickets, bieten sehr professionelle, tolle Shows und bewegen sich sehr stabil durch die See. Das Publikum ist meist relativ jung, es sind viele Familien mit Kindern an Bord, und es wird viel Abwechslung geboten. Nachteile gibt es natürlich auch: Man bewegt sich immer in Menschenmassen. Egal ob beim Ein- oder Aussteigen, ob bei Landausflügen oder am Swimmingpool, Anstellen ist erste Urlauberpflicht. Gegessen wird fast immer in Schichten, zum Beispiel von 18 bis 20 Uhr. Länger bei einem Glas Wein hocken geht nicht, weil die nächsten Gäste schon hungrig auf den Platz warten. Trotzdem bieten die Riesenschiffe ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Dennoch gilt in der Kreuzfahrtbranche die Devise: Small is beautiful. Echte Luxusschiffe sind fast immer relativ klein. Unter den Großen zählt nur die Queen Mary II zu den luxuriösen Schiffen.

Was hat ein Luxusschiff, was die billigen nicht haben?


Größere Kabinen, besseren Service, besseres Essen, vor allem aber ein sehr entspanntes Urlaubserlebnis. Am Pool muss man keine Liegen mit Handtüchern belegen, und am Buffet muss man sich auch nicht drängeln. Wenn man vom Landausflug zurückkehrt, erwarten einen vor den Anlandungsbooten oder den Bussen nicht lange Menschenschlangen, sondern ein Glas Champagner und exquisiter Service. Anders als Diskonter-Schiffe, die auch an billigen Stellen anlegen (zum Beispiel in einem Industriehafen), ankern Luxusschiffe oft an schönen Plätzen und bringen ihre Passagiere mit kleinen Beibooten an Land. Billigschiffe stehen nicht immer, aber häufig weit weg von einer Landausflugsdestination, damit die Passagiere gezwungen sind, die Exkursionen zu buchen, weil ein selbstorganisiertes Taxi zu mühsam oder zu teuer wäre. Außerdem: Da man ortsunkundig ist und keine Ahnung über die tatsächlichen Entfernungen hat, sitzt einem bei privaten Landausflügen stets die Angst im Nacken, das Schiff zu versäumen.

Sind Kreuzfahrtpassagiere wirklich alle uralt?


Auf Luxusschiffen kann man sich sicher mit 45 herrlich jung fühlen, weil die Passagiere meist jenseits der 60 sind. Auf den preiswerten Riesenschiffen schaut man mit 45 schon ziemlich alt aus, besonders dann, wenn die Teens um Mitternacht in die Borddisco drängen, während man selber nur mehr chillen oder im Bett abhängen möchte. Auf den Segelschiffen, die zum Anschauen – nicht in puncto Komfort – am schönsten von allen sind, findet man hingegen viel mittelalterliches, eher sportlich interessiertes Publikum, oft Menschen, die selbst segeln und einmal gerne auf einem richtigen großen Viermaster die Meere durchkreuzen wollen.

Wie gut sind Landausflüge?


Wer anspruchsvolle Exkursionen erwartet, wird meist enttäuscht. Egal ob Billigdampfer oder Luxusschiff, die Agenturen an Land, welche die Ausflüge durchführen, sind meist dieselben. Ein wichtiger Treiber bei Ausflugsbuchungen ist die Befürchtung vieler Passagiere, bei einem Trip auf eigene Faust am Ende das Schiff zu verpassen. Letzteres kommt aber sehr selten vor.

Wie groß ist ein kleines Schiff?


Eine kleine Luxusyacht wie etwa die französische L’Austral verfügt über 132 Kabinen. Im Vergleich dazu die Oasis of the Sea über 2.706. Das macht dann beim Buffet doch einen gewissen Unterschied. Leider auch beim Preis, aber Luxuspassagiere finden prohibitiv hohe Preise meist gar nicht übel, weil sie so unter sich bleiben und sich nicht mit Otto Normalverdiener den Platz an der Bartheke oder im Beauty-Salon teilen müssen. Ein großer Vorteil kleiner Schiffe ist auch, dass sie oft winzige Häfen ansteuern können, an die die Kapitäne der Ozeanriesen nicht einmal denken dürfen. Die sind dann zumeist malerisch gelegen und wunderschön anzusehen, was man nicht unbedingt von jedem Industriehafen sagen kann.

Welche Kabine sollte man buchen?


Kommt drauf an: Wenn Sie leicht seekrank werden, unbedingt eine Kabine in der Mitte des Schiffes. Wenn es aber irgendwie leistbar ist, dann unbedingt eine Kabine mit Balkon. Das bedeutet frische Luft! Ohne Balkon sind Sie dagegen die ganze Reise lang der Klimaanlage ausgeliefert, denn Bullaugen lassen sich bestenfalls nur im Film, aber in der Wirklichkeit niemals öffnen.

Machen Kreuzfahrten glücklich?


Mit Sicherheit nur, wenn man das richtige Produkt gebucht hat. Kinder werden sich auf kleinen Luxusschiffen langweilen, und Individualisten werden einen Schiffsurlaub auf engen Decks mit 3.000 Amerikanern als Strafexpedition empfinden. Auch Luxus ist übrigens kein Glücksgarant. Dazu dürfen wir eine kleine Geschichte servieren: Edward Francis Hutton, ein sehr erfolgreicher Börsenmakler an der Wallstreet, ließ sich 1931, also im Jahr der tiefsten amerikanischen Depression, die luxuriöseste Yacht der Welt erbauen. Man taufte sie später Seacloud. Huttons Frau Marjorie, selbst sehr vermögend, mietete während des Schiffbaus ein Lagerhaus in Brooklyn, um die edle Innenausstattung – Badewannen aus Carraramarmor und Armaturen aus massivem Gold – maßstabgerecht auszuwählen. Aber aller Luxus zwischen Monaco und Hawaii nützte nichts. Die Ehe der Huttons hielt trotz Luxusyacht nicht lange. Die Seacloud gehört heute übrigens einer Gruppe von Hamburger Kaufleuten und dient wie ihre Schwester, die Nachbau-Seacloud II, als Luxus-Kreuzfahrtschiff.

Hat jedes Schiff genügend Rettungsboote?


Die Titanic verfügte nur über zwanzig Retttungsboote (für die Passagiere der Ersten Klasse) statt der erforderlichen 63. Erst nach ihrem Untergang im Eismeer wurden weltweit geltende strenge Regeln eingeführt, die sicherstellen, dass jeder Passagier im Notfall seinen Platz findet. Am ersten Tag jeder Seereise muss übrigens auch jeder Kreuzfahrttourist eine kurze Rettungsübung mit Schwimmweste machen.

Macht früh buchen Sinn?


Nein. Die Reedereien neigen dazu, kurz bevor die Anker gelichtet werden, die verbliebenen Kabinen zu verschleudern. Die Traumpreise zum Traumschiff gibt es also erst kurz vor der Abfahrt. Sinn macht Frühbuchen nur bei kleinen Expeditionsschiffen auf speziellen Routen wie etwa durch die Antarktis, weil man eventuell keine Kabine mehr kriegt, wenn man zu lange wartet.

Stimmt es, dass Kreuzfahrten boomen?


Absolut. Das sieht man an den enormen Wachstumsraten. Seit 1980 wuchs die Anzahl der Passagiere jährlich durchschnittlich um 7,4 Prozent. Schätzungen zufolge sind 2011 rund 19 Millionen Kreuzfahrtpassagiere unterwegs, die etwa 30 Milliarden Dollar für dieses Vergnügen ausgeben. Das Kreuzfahrtgeschäft wird von amerikanischen Reedereien dominiert, was nicht wundert, denn siebzig Prozent aller Kreuzfahrtpassagiere sind Nordamerikaner.

Gibt es so etwas wie den RELAX Guide der Meere?


Aber ja. Der Kreuzfahrtführer, dem man weltweit am meisten vertraut, wird seit 27 Jahren von dem ehemaligen Schiffsmusiker Douglas Ward herausgegeben und heißt „Berlitz Cruise Guide“. Er ist inzwischen so etwas wie die Bibel für informationssüchtige angehende Kreuzfahrer. Für die aktuelle, 720 Seiten dicke Ausgabe 2012 wurden 285 Schiffe getestet.

Welche Kreuzfahrtschiffe sind die besten der Welt?


Laut Douglas Ward ist die MS Europa, ein Luxusliner der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, das beste Kreuzfahrtschiff der Welt – und das seit zwölf Jahren in Serie! Auf den Plätzen 2 und 3 folgen die Seadream II und die Seabourn Quest.

Inwieweit stimmt die Traumschiff-TV-Serie mit der Wirklichkeit überein?


Ja eh ziemlich. Gut, die Sache mit den attraktiven Single-Männern, die sich regelmäßig und dann sogar unsterblich in allein fahrende (und äußerst wohlhabende) weibliche Passagiere verlieben, müssen wir dementieren. Auf klassischen Kreuzfahrten findet man fast nur Paare und einige allein reisende Damen. Manche Schiffe wie etwa die MS Europa beschäftigen sogar eigene „Gentlemen Hosts“, früher nannte man sie auch Eintänzer, die die Einsamkeit von Single-Damen zerstreuen sollen. Auch die irgendwie fast beschäftigungslos wirkende Crew des Traumschiffs, die einander in tiefer Freundschaft verbunden ist, weicht wohl geringfügig von der Realität ab. In Wirklichkeit sind die meisten Kreuzfahrtschiffe Orte, an denen schwer geschuftet wird und wo spottbillige Arbeitskräfte aus der Dritten Welt 18-Stundentage abdienen und das mindestens sechs Monate am Stück ohne einen einzigen freien Tag. Zudem ist die Welt der Traumschiffe in der Regel streng rassistisch organisiert: Die obersten Führungskräfte sind meist Weiße, während man bei den eigentlichen Matrosen kaum noch einen Europäer findet.

Wenn man noch nie eine Kreuzfahrt gemacht hat, womit sollte man beginnen?


Wählen Sie eine küstennahe Route ohne lange Anreise auf einem preiswerten Schiff mit einer Kabine mit Balkon, zum Beispiel von Venedig nach Dubrovnik und zurück.

Ich fürchte, ich werde leicht seekrank. Was soll ich tun?


Tabletten gegen Seekrankheit machen zwar müde, wirken aber sehr effektiv, so man sie rechtzeitig genommen hat, also ehe man im Dauerkotz-Modus angelangt ist. Meiden Sie im Übrigen Transatlantikrouten und berüchtigte Stellen wie das Kap Hoorn. Und wählen Sie eine Reisezeit, die eine möglichst glatte See verspricht. Zum Beispiel im Mittelmeer den Sommer. Am besten, Sie buchen eine Flusskreuzfahrt. Das ist auch schön, und kaum jemand leidet an Übelkeit, außer vielleicht am Nil. Will man dort dem Fluch des Pharao zuverlässig aus dem Weg gehen, hilft nur ein Fünfstern-plus-Schiff – fünf Sterne genügen in der Regel leider nicht – und eine hoch dosierte Medikation aus Coca Cola, schwarzem Tee und Soletti.

Was sind denn eigentlich die schönsten Kreuzfahrtrouten?


Das ist wohl Geschmackssache, aber diese fünf Routen sind einfach wunderschön:

  1. Von Bergen nach Trondheim mit dem Postschiff entlang norwegischer Fjorde.

  2. Von Vancouver nach Whittier entlang der Küste von Alaska (schneebedeckte Berge, Wasserfälle, Gletscher, Grizzlybären).

  3. Die Antarktis, zumeist ab oder bis Ushuaia, Argentinien (unvergessliche Eiswelt).

  4. Von Tahiti nach Bora Bora (die unglaubliche Schönheit Französisch-Polynesiens begeisterte Seefahrer schon immer).

  5. Die Adria von Venedig nach Dubrovnik (schon die Ausfahrt vorbei am Markusplatz ist sensationell).


Wie kann man möglichst viel Kreuzfahrt für ganz wenig Geld bekommen?


Last Minute in der Nebensaison buchen und das noch beim Diskonter oder direkt auf der Website der Reederei. Dann gibt es Angebote wie diese: eine 17-tägige Kreuzfahrt von Dubai nach Venedig inklusive Flüge um weniger als 1.600 Euro. Oder eine einwöchige Winter-Kreuzfahrt durchs Mittelmeer (natürlich Vollpension, aber mit eigener Anreise) ab 299 Euro. Selbstverständlich gibt es für so wenig Geld nur fensterlose Innenkabinen.

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