„Wir haben die Dreiklassen-Medizin“

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 8. März 2012

Thumbnail

Ein prominenter Primararzt packt aus: Über viele Jahre arbeitete er im Gesundheitswesen, er gilt als exzellenter Kenner seiner Branche. Im Interview spricht er über die Macht der Pharmakonzerne, über das teuer gewordene Sterben, den missbräuchlichen Einsatz von Antibiotika und andere Verirrungen in unserem Gesundheitssystem. Der Experte möchte anonym bleiben – aus gutem Grund!

Herr Professor, beginnen wir mit einer provokanten Frage: Sollen wir überhaupt zum Arzt gehen?


Das ist eine durchaus berechtigte Fragestellung. Es gibt eine Studie eines Schweizers namens Fischer, die zu folgenden Ergebnissen kommt. Dreißig Prozent der Patienten gehen zum Arzt, weil sie einfach beunruhigt sind: Die Schwester, der Bruder, der Vater haben irgendeine Krankheit, und sie wollen wissen, ob sie selber auch gefährdet sind. Weitere dreißig Prozent haben schlicht einen ruinösen Lebensstil: Sie sind übergewichtig, sie rauchen, sie trinken zu viel, bewegen sich nicht oder alles zusammen. Denen kann der Arzt in Wahrheit nicht helfen, denn sie ändern ihren Lebensstil nicht. Ein weiteres Drittel ist zwar akut krank, würde aber ohnehin von selber wieder gesund werden. Da geht es um die ganz normalen viralen Infekte, die sinnloserweise häufig mit Antibiotika behandelt werden.

Es gibt das böse Wort: Je dümmer der Arzt, umso breiter das Antibiotikum, das er verschreibt …


Ja, genau. Jedenfalls liegen laut Fischer nur bei zehn Prozent der Arztbesucher wirklich gefährliche Erkrankungen vor, die schnell diagnostiziert und behandelt werden müssen. Das führt zu dem Umkehrschluss, dass es bei neunzig Prozent der Patienten völlig egal ist, was der Arzt tut, Hauptsache, er schadet ihnen nicht. Fischer hat wohl nicht ganz unrecht.

Diese Angst um unsere Gesundheit ist die Grundlage für das Florieren einer riesigen Branche, die in Deutschland und in Österreich größtenteils über die Sozialversicherung finanziert wird. Um wie viel Geld geht es da?


In Wahrheit ist die Sozialversicherung der größte Konzern Österreichs. Alles zusammengerechnet kommt man auf einen Jahresumsatz von 48 Milliarden Euro und rund 10.000 Beschäftigte, davon arbeitet die Hälfte in der Verwaltung. Rund vierzig Prozent des Geldes wird für Spitäler aufgewendet, dreißig Prozent für Arzthonorare, zwanzig Prozent für Arzneimittel, etwa 1,5 Milliarden Euro fließen in die Verwaltung.

Aber doch nicht jeder rennt ständig zum Arzt …


Richtig. Achtzig Prozent der Sozialversicherten brauchen nichts und zahlen ihre Beiträge, damit zwanzig Prozent alles bekommen, was sie brauchen. Das letzte halbe Jahr eines Menschen ist das teuerste. Üblicherweise kosten wir in dieser Phase unseres Lebens noch einmal so viel wie die ganzen Jahre davor. Der Sterbeprozess ist sehr, sehr teuer geworden. Aus ethischen Gründen kann man freilich schwer sagen: Sie haben einen metastasierenden Krebs und Sie werden ohnehin sterben, also kriegen Sie keine Behandlung mehr. Die Versicherung besteht eben lebenslang, wir bekommen immer alles, was notwendig ist zur Krankenbehandlung, ob es ein Herzschrittmacher oder eine Organtransplantation ist.

Unser Gesundheitssystem ist sehr dezentral organisiert. Welche Folgen hat das zum Beispiel in Hinblick auf die Pharmaindustrie?


In Österreich leben nur 8,4 Millionen Menschen, aber wir leisten uns ein Gesundheitssystem in Form eines fast unglaublichen Fleckerlteppichs. Es gibt nicht nur neun verschiedene Einkaufsorganisationen der Länder, sondern auch jene der privaten Krankenhäuser, der Ordensspitäler usw. Dem gegenüber stehen mächtige Pharmakonzerne, die nach dem Prinzip „Teile und herrsche!“ arbeiten. Deshalb gibt es selbst innerhalb dieses kleinen Landes unterschiedliche Medikamenten-Einkaufspreise zwischen Vorarlberg und Wien. Sogar die Kommunikation über Einkaufspreise unter den Bundesländern ist höchst mangelhaft.

Können Sie uns beschreiben, wie die Preisbildung bei Medikamenten funktioniert?


Wenn ein Mittel von der Europäischen Arzneimittelagentur in London zugelassen wird, kommt als nächstes die Frage: Was soll es wo kosten? Innerhalb der Europäischen Union gibt es enorme Preisunterschiede bei Medikamenten. Die Pharmakonzerne haben in den einzelnen Ländern ihre Niederlassungen, die versuchen, einen möglichst hohen Preis durchzusetzen. Bei den Preisverhandlungen kommen dann immer zwei blödsinnige Ausreden: Erstens, das Medikament kann nicht billiger angeboten werden, weil die Konzernmutter das verbietet. Zweitens: Was wollen Sie denn, das ist der EU-Durchschnittspreis. Beides sind keine Sachargumente.

Wie funktioniert das in Österreich?


Es beginnt damit, dass eine Pharmafirma ein Präparat dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger verkauft. Abnehmer ist in diesem Fall die Heilmittelevaluierungskommission (HEK). Dort sitzen unter anderem Vertreter der Pharmaindustrie und der Apothekerkammer; der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat aber die Stimmenmehrheit. Ist das Präparat sehr teuer, dann werden Regeln erfunden, wann es verschrieben werden darf.

Was für Regeln?


Es gibt zwei Arten von Medikamenten: Jene, bei denen der Arzt alleine entscheidet, und solche, bei denen er auf jeden Fall die Sozialversicherung fragen muss, bevor er sie verschreibt. Die Sozialversicherung muss binnen einer halben Stunde antworten, sonst gilt das Präparat als bewilligt. Alle anderen Medikamente darf der Arzt grundsätzlich verschreiben, er muss aber mit stichprobenartigen Kontrollen rechnen, ob die Regeln für die Verschreibung eingehalten wurden. Das Problem ist nun: Es gibt keine Sanktionen! Wir wissen, dass etwa die Hälfte der Ärzte nicht regelkonform verschreibt, aber es passiert nichts. Das System ist auf Goodwill aufgebaut, es gibt sozusagen am Gartentor ein Schild „Achtung, gefährlicher Hund“, aber in Wirklichkeit ist da nicht einmal ein Dackel.

Und deshalb wird die Ärzteschaft so von der Pharmaindustrie umworben?


Die Pharmaindustrie verfügt über gewaltige Marketingbudgets, und ihre Vertreter sind straff organisiert: Die oberste Schicht geht zu den Primarii, dann gibt es welche, die die Abteilungsleiter besuchen, und schließlich gibt es eine Crew, die zu den niedergelassenen Ärzten geht und dort versucht, ein Medikament populär zu machen.

Läuft das in ganz Europa nach demselben Muster ab?


Nein. Die Pharmaindustrie teilt Europa in drei Regionen ein: England und Skandinavien gelten als „evidence belt“, also als „Nachgewiesenheitsregion“. Das heißt, wenn der Medikamentenhersteller mit guten wissenschaftlichen Studien aufwarten kann, dann ist er im Geschäft. Deutschland, Österreich und die Schweiz gelten dagegen als der „eminence belt“, als Zone der Eminenzen: Man muss die Päpste eines Fachgebietes zu einer von der Pharmaindustrie gesponserten Consensus-Konferenz in einer sehr attraktiven Hauptstadt mit einem schönen Abend- und einem Damenprogramm einladen. Und wenn die Eminenzen in der Folge sagen, dieses Mittel ist gut, dann kann man verkaufen. Die unteren Ränge der Ärzteschaft werden zusätzlich zur Verkaufsförderung in billigere Regionen eingeladen wie Skiathos oder Las Palmas. Dann gibt es die dritte Zone, Ost- und Südeuropa, sie gilt als „garlic belt“, also als Schmuddelregion. Dort muss man die Ärzteschaft schlicht mit als Kongressen verkauften schönen Einladungen in Luxushotels „abfüttern“. Die Grenze zwischen dem Eminenzen- und dem Bestechungsgebiet verläuft aber in Wahrheit mitten durch Wien.

Der Medikamentenkonsum steigt seit Jahren. Warum dämmen Selbstbehalte diese Entwicklung nicht ein?


Weil der Selbstbehalt niedrig ist und Großpackungen fördert. Man zahlt in der Apotheke fünf Euro zehn, egal, ob es sich um eine Klein- oder eine Großpackung handelt. Der Patient sagt daher schon beim Arzt verständlicherweise: Verschreiben Sie mir bitte die größere Packung. Beträchtliche Mengen an Medikamenten liegen so in den Haushalten in irgendwelchen Laden und Schuhschachteln und verderben. Die Arzneien werden dann irgendwann weggeworfen und gelangen schließlich wieder über die Flüsse in den Nahrungsmittelkreislauf sowie letztlich in den Organismus. Das ist fatal, und dabei entstehen für das Gesundheitssystem enorme Kosten.

Wie kaufen die Krankenhäuser ihre Medikamente ein?


In den Spitälern ist der Einkauf meistens nicht in den Händen der Ärzte, sondern der Verwaltung. Die Pharmafirmen geben dort aber durchaus großzügig Rabatte und Muster her. Im Gegenzug finden sich diese Medikamente dann als Behandlungsvorschlag auf den Spital-Entlassungspapieren. Die Patienten gehen damit zu ihrem Arzt und pochen darauf, dass er es ihnen weiter verschreibt und nicht ein billigeres Generikum.

Bleiben wir beim Thema Krankenhaus. Woran verdient ein Spital?


Die Spitäler arbeiten nach dem leistungsorientierten Krankenhaus-Finanzierungssystem, bei dem sie für diagnostische und therapeutische Leistungen Punkte beziehen. Ein Spital mit mehr Punkten kriegt auch mehr Geld. Ein Spital verdient also dann, wenn es zu möglichst teuren Diagnosen kommt und möglichst kurze Liegedauern hat. Früher war der Spitalstag das Maß aller Dinge. Damals hat man die Patienten möglichst lang im Krankenhaus liegen lassen, weil das ein Geschäft war. Ein guter Patient war einer, der relativ lang liegt und nichts braucht. Heute will man den Patienten schnell entlassen und Leistungen möglichst auslagern.

Wie ist es möglich, dass ein Spital Leistungen auslagern kann?


Wenn Sie sich für eine Operation anmelden, wird von Ihnen eine Narkosefreigabe von einem Internisten, ein Lungenröntgen und ein präoperatives Laborergebnis verlangt, alles Dinge, die nicht das Spital zahlen muss. Nach der Operation werden die Patienten oft schon entlassen, obwohl die Narben noch nicht fest sind und die Nähte noch liegen. Bei alten Menschen wird dann meist von den Angehörigen versucht, möglichst schnell einen Rehabilitationsaufenthalt genehmigt zu bekommen, den die Sozialversicherung zahlt.

Oder nehmen wir Behandlungsserien, die im Krankenhaus kontrolliert werden müssen, zum Beispiel sehr teure Rheuma-Infusionen. In solchen Fällen versucht das Spital die Sache auszulagern, indem man dem Patienten ein Privatrezept mit auf den Weg gibt. Der muss damit zur Sozialversicherung gehen, dann zur Apotheke und schließlich wieder ins Spital. Es ist eines der vielen Fouls, bei denen nur versucht wird, Kosten auszulagern.

Dafür bekommt man im Spital als Patient meistens gleich eine Infusion.


Das stimmt. Spitalsärzte ordnen anfangs gerne Infusionen an, damit der Patient das Gefühl hat, es geschieht was. Die Frage ist, was denn da in die Venen gelangt: Ist es nur ein isotonisches Vitaminpräparat oder ein echtes Medikament? Ein Krankenhaus wird versuchen, Leistungen zu forcieren, die finanziell hoch bewertet werden. Für das Anlegen von Infusionen erhält ein niedergelassener Arzt übrigens eine Menge Geld, daher sind Infusionen auch in Arztpraxen sehr beliebt.

Wenn Sie ein neues Hüftgelenk bräuchten, würden Sie sich lieber in einem öffentlichen oder einem privaten Spital behandeln lassen?


Ich persönlich würde mir in einem Privatspital kein Hüftgelenk einsetzen lassen. Erstens, weil ich den ökonomischen Druck dort auf den Arzt fürchten würde. Und zweitens, weil ich auf eine eingespielte Mannschaft Wert lege. Ich sage es jetzt sehr polemisch: Es soll schon vorgekommen sein, dass Kinder deshalb durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, weil der natürliche Geburtstermin mit dem Opernbesuch des Arztes kollidiert wäre.

Können Sie uns die Sache mit dem ökonomischen Druck erklären?


Alles was im Körper verbleibt, von der Augenlinse bis zum künstlichen Gelenk, muss der Spitalserhalter bezahlen. Aus diesem Grund könnte es natürlich sein, dass die Geschäftsführung eines Krankenhauses zu einem billigeren Hüftgelenk oder Herzschrittmacher drängt, obwohl aus ärztlicher Sicht vielleicht ein teureres besser wäre. Das trifft vor allem auf kleine Privatkrankenhäuser zu.

Ist die gefürchtete Zweiklassenmedizin schon Realität?


Wir haben keine Zweiklassenmedizin. Wir haben eine Dreiklassenmedizin. Die unterste Gruppe sind die normalen Kassenpatienten, die mittlere Gruppe sind die, die als Privatpatienten zahlen, die dritten sind die, die jemanden kennen. Wenn man das Gefühl hat, man muss unter dem Tisch zahlen, damit man früher zu einer gesetzlich garantierten Leistung kommt, dann ist etwas faul.

Warum sind Reformen etwa im Spitalsbereich so schwierig?


Krankenhäuser sind Landessache und haben einen historisch gewachsenen Standort. Es gibt welche, die in Postkutschendistanz existieren. Rund um Wien zum Beispiel Korneuburg, Stockerau, Gugging, Klosterneuburg, Baden, Mödling. Zu einer Spitalsreform braucht man die Länder. Die Landeshauptmänner aber fürchten den Gegenwind bei einer Schließung, nicht nur wegen der verlorenen Arbeitsplätze, sondern es geht auch um den Verlust von politischem Einfluss. Der lange Arm des Landeshauptmanns reicht ja in die Spitäler hinein, wo dann gilt: wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing. Und obwohl der Landeshauptmann das Sagen hat, trägt das jeweilige Bundesland keineswegs die gesamten Kosten für das Spital. Die Sozialversicherung zahlt zum Beispiel bis zu vierzig Prozent mit, hat aber absolut keinen Einfluss.

Kommen wir zu den Arztpraxen. Häufig wird bemängelt, dass der Arzt nicht genügend Zeit für den Patienten aufbringt. Warum honorieren die Krankenkassen eigentlich nicht den Zeitfaktor?


Das liegt an den Honorarkatalogen. Das sind über Generationen von der Ärztekammer und den Krankenkassen ausgehandelte Werke, die festlegen, was bezahlt wird: Die Spritze ins Gelenk, die Spritze unter die Haut, das EKG, das alles wird mit Punkten bewertet und schließlich entsprechend honoriert. Die Zeit an sich, die ein Arzt seinem Patienten widmet, wäre natürlich auch etwas wert, wird aber nicht bewertet. Warum? Weil es für eine Standesvertretung äußerst gefährlich wäre. Weil man sonst irgendwann sagen könnte, wie viel eine Minute beim Arzt eigentlich kostet. Weiters könnte man dann aufgrund der Anzahl der Patientenbesuche und der täglichen vier oder fünf Stunden, die der Arzt in seiner Ordination verbringt, knallhart ausrechnen, dass der Arzt im Schnitt nur drei oder vier Minuten Zeit pro Patient aufwendet.

Ist das wirklich so?


Früher galt die Faustregel: Wenn ein Arzt 1.000 Krankenscheine pro Quartal sammeln konnte, war es eine gute Praxis. Die Spitzenverdiener schafften bis zu 2.000 Krankenscheine. Solche Scheinzahlen lassen sich natürlich nur erzielen, wenn man als Arzt mit der Zeit knapp umgeht. Der Arzt ist selbst oft unzufrieden, weil er nicht honoriert kriegt, wenn er sich für den Patienten Zeit nimmt und sich abstrudelt. Er vergisst aber, dass der Leistungskatalog ein historisch gewachsenes Produkt von Verhandlungen zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung ist.

Das Gefühl, wie am Fließband behandelt zu werden, treibt Patienten ja auch zu Heilpraktikern und Alternativmedizinern, die sowohl Zeit haben als auch Hoffnung verbreiten, wo die Schulmedizin schon kapituliert hat. Wie denken Sie über die Alternativmedizin?


Wenn man heute auf die Methoden der Schulmedizin aus früheren Epochen blickt, kommt einem das entsetzlich vor. Im Barock zum Beispiel glaubte man fest, Krankheit sei ein Stoff, den man durch Aderlass, durch Erbrechen, durch Klistieren, durch Schwitzkuren aus dem Körper entfernen müsse. Die Schulmedizin hat damals Menschen reihenweise getötet. Samuel Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, stammt aus jener Zeit. Er war ein Mensch des Barock, der vor Mozart geboren wurde. Die Homöopathie war damals im Vergleich zur Schulmedizin eine menschliche Methode, weil sie dem Patienten die Chance gab, die ärztliche Behandlung zu überleben.

Heute ist Alternativmedizin ein Bereich, den auch Ärzte betreiben, weil er nicht preisgeregelt ist und weil es die Leute wollen. Große Studien vernichten die Alternativmethoden, aber das, was die Alternativmedizin kann, ist, Zeit und Hoffnung zu geben. Der Alternativarzt nimmt sich richtig viel Zeit, die auch finanziell honoriert wird, baut ein Vertrauensverhältnis auf und präsentiert sich als Helfer. Das mögen die Patienten, auch wenn er nicht wirklich helfen kann.

Neben der alternativen Medizin erlebt auch die ästhetische Chirurgie einen Boom. Wie sehen Sie da die Entwicklung?


An und für sich ist die plastische Chirurgie der klassische Zweiteingriff, zum Beispiel um nach einer Unfallverletzung durch einen Sekundärangriff etwas zu verbessern. Was wir heute sehen, ist die Geschäftemacherei mit der ästhetischen Chirurgie. Das hat sich zu einem echten Problem für die Sozialversicherungen entwickelt. Ich finde, wenn mir meine Nase nicht recht ist, wenn einer Frau ihre Brust zu klein ist oder ihr der Bauch nach drei Geburten nicht mehr gefällt, dann sollten solche Operationen nicht aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden. Tatsächlich ist aber eine ganze Branche, die mit diesen Dingen blendend verdient, damit beschäftigt, der Sozialversicherung solche Kosten aufzuoktroyieren. Aber dafür ist die Solidargemeinschaft nicht da. Dazu kommt: Meistens haben die Patienten ja eher ein psychisches, ein Selbstwertproblem. Und so wie sie gerne ausschauen würden, werden sie auch nach vielen Schönheitsoperationen nie aussehen.

Nehmen wir an, Sie wären Gesundheitsminister und hätten die Macht, echte Reformen durchzusetzen. Was würden Sie tun?


Bei den Medikamenten würde ich die Rezeptgebühren nach dem Nutzen und nach der Packungsgröße in fünf Stufen prozentuell staffeln. Die höchste Gebühr wäre für Lifestyle-Präparate zu zahlen, bei lebensnotwendigen Medikamenten wäre es der niedrigste Satz.

Bei den Spitälern sollte man die Macht der Länder brechen. Das würde zu einer Konsolidierung der Standorte und der Angebote führen. Es kann doch nicht sein, dass teure Großgeräte nur wenige Kilometer voneinander entfernt angeschafft werden, nur weil eine Landesgrenze dazwischen liegt.

Und bei den Ärzten würde ich eine leistungsgerechte Honorierung entwickeln, die auch den Zeitfaktor berücksichtigt. Also weg von einer Liste technischer Leistungen wie bisher.

Ist unser Gesundheitssystem überhaupt noch finanzierbar?


Durchaus. Um das System auch in Zukunft zu finanzieren, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens die Beitragserhöhung. Würde man die Beiträge nur um ein Zehntelprozent erhöhen, wäre sofort Geld in der Kasse, ohne dass es die Leute merkbar belasten würde. Der Nachteil: Sobald mehr Budget da ist, wollen alle mehr Geld. Die Ärztekammer, die Pharmakonzerne und so weiter. Da muss man also vorsichtig sein.

Die zweite Möglichkeit sind Selbstbehalte. Selbstbehalte bedeuten die Entsolidarisierung nach unten. Die sozial Schwachen leiden darunter stärker als Gutverdiener. Für den Bezieher einer Mindestpension sind siebzig Euro viel Geld, für einen Manager ein Klacks.

Die dritte Möglichkeit wäre die Erhöhung der Höchstbemessungsgrundlage, das heißt, die höheren Einkommen müssten mehr zahlen. Das ist die Entsolidarisierung nach oben, die zu Protesten der Besserverdienenden führt, die für die gleiche Leistung künftig mehr berappen müssten.

Was sollte man also tun?


Alles hat sein Für und sein Wider. Ich denke, man sollte alle drei Möglichkeiten in weiser Abstimmung zueinander gezielt verwenden. Bei bestimmten Leistungsarten wie etwa bei Medikamenten wären höhere Selbstbehalte sinnvoll. Bei anderen Leistungsformen wäre eine Erhöhung der Bemessungsgrundlage gerechtfertigt, und für manche Bereiche wäre eine Beitragserhöhung sinnvoll. Man kann zum Beispiel einer Bevölkerung, die immer älter wird, nicht sagen, ihr kriegt alle ein Pflegegeld, aber ihr müsst nicht mehr dafür bezahlen.

Wäre die Bevölkerung dazu bereit?


Meiner Meinung nach garantieren die Sozialversicherung und unser Gesundheitssystem mit all seinen Schwächen den Frieden im Land. Nicht das Bundesheer und nicht die Polizei. Wir wissen, was wir zu verlieren haben, wir wissen, dass wir im Alter und im Krankheitsfall sicher versorgt sind. Darum sind bei uns soziale Konflikte nie so scharf wie anderswo.

Und wären die Player im Gesundheitssystem auch zu Einsparungen zu bewegen?


Ja, schon, aber nur, wenn es die anderen betrifft. Das Lieblingsprinzip ist hier jenes des heiligen Florian, und das lautet: Ich bitte dich, heiliger Florian, verschon mein Haus, zünd’ andere an.

  • Heilendes Wasser aus heiligem Boden

    von Christian Werner am 16. Oktober 2019

    Trend-News

    Nicht viele Hotels besitzen das Privileg, ihre Gäste mit Thermalwasser aus eigener Quelle verwöhnen zu können. Auf einer kleinen, sonnigen Anhöhe über dem [...]

    Thumbnail
  • Gesundheit durch Achtsamkeit

    von Christian Werner am 16. Oktober 2019

    Trend-News

    Seit über 80 Jahren sprudelt heißes, heilendes Schwefelwasser aus den 1.000 Meter tiefen Bad Füssinger Thermalquellen. Im einzigen biologisch zertifiziertem [...]

    Thumbnail

Top Angebote

  • Österreich
  • Deutschland
Alle Wellness Angebote
RELAX Guide Österreich und Deutschland

Der neue RELAX Guide 2020

Google Rating 5 5 Sterne

Mehr als 2.400 Häuser in Österreich, Deutschland und Südtirol wurden anonym getestet, die besten kritisch kommentiert und mit Lilien ausgezeichnet.

Jetzt bestellen Newsletter anmelden