Lasst Eure Kinder in Ruhe!

RELAX Magazin von Redaktion RELAX Magazin 8. März 2012

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Schon ganz kleine Kinder sollen „gefördert“ werden, so lautet der neue Trend in der Erziehung. Das ist blühender Unsinn: Die Kleinen geraten unter Druck, es kommt zu einem Vergleichswettbewerb – und zum Schaden an ihrer Entwicklung.

Nicht alle Kinder können wirklich Freude in ihrem Alltag erleben. Denn immer mehr Eltern schicken ihre Sprösslinge in Kurse und Trainingseinheiten, die Ursache dafür liegt in einer unterschwelligen Angst um deren Zukunft. Die Angst wird von den Medien im Verbund mit allerlei Psycho-Experten geschürt und von der allgemeinen Entwicklung noch dynamisiert – die fatalen Auswirkungen von Globalisierung und entfesselten Finanzmärkten auf unsere Arbeitsplätze sind für alle zu spüren. Deshalb fragen wir uns: Werden unsere Kinder einmal einen Job bekommen? Werden sie noch den Sozialstaat vorfinden oder nur mehr einen Trümmerhaufen davon? Die Aussichten sind düster.

Daher müssen Kinder, so denken Eltern nun immer häufiger, bestmöglich auf die Härten des Erwachsenenlebens vorbereitet werden. Auch und gerade auf unsere Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, deren psychopathische Züge gerade jetzt augenfällig werden. Welche Mutter atmet nicht insgeheim auf, wenn ihr Kind besser ist als ein anderes – schöner singt, alle Obstsorten auf Englisch kennt, fehlerfrei ein Klavierstück beherrscht? Offensichtlich macht genau diese Leistung das Kinde zu etwas, was es eigentlich ohnedies bereits ist, nämlich etwas ganz Besonderes. Und, sprechen wir es ruhig einmal aus: Das größte Stück von diesem vermeintlichen Glanz fällt damit auf die Eltern ab. Daher wird gefördert, was das Zeug hält.

Zusätzlich wächst das Interesse vieler Eltern an wissenschaftlichen Studien enorm. Der Glaube an die stets neuesten Erkentnisse der Wissenschaft verdrängt zunehmend die Intuition, die im Zusammenleben mit Kindern so bedeutsam ist. Der Blick auf das Kind, die Achtsamkeit von ehedem, wandert in die entgegengesetzte Richtung: weg vom Kind, hin zu Zahlen und Fakten, die freilich aus höchst unsicheren Quellen stammen und zudem medial aufgebauscht werden. Beinahe täglich lassen wir uns mit den ultimativen Theorien von Psychologen und Neurowissenschaftern abfüttern, die nahelegen, dass für eine optimale Entwicklung der Kinder schon so früh wie möglich etwas getan werden muss. Das führt zu seltsamen Auswüchsen, die zum Glück neuerdings auch Kritiker auf den Plan rufen. Und diese fordern: „Lasst eure Kinder in Ruhe!“

Ein Beispiel: Alexander soll in vier Monaten auf die Welt kommen. Er hat natürlich keine Ahnung davon, sondern schwebt behaglich im Fruchtwasser, schwelgt im Einssein mit seiner Mutter und kann bereits Geräusche unterscheiden. Doch plötzlich sind da stetig wiederkehrende Töne, die sich so ganz anders anhören. Was Alexander nicht weiß: Er wird gerade gefördert – mittels Musik-CD aus dem Supermarkt. Extra designt für ungeborene Genies, deren Gehirnentwicklung beschleunigt werden soll. Und wenn Alexander auf diese Weise ein Genie werden kann, dann haben die Eltern nichts dagegen.

Der Hintergrund: Die US-Psychologin Frances Rauscher entdeckte 1993 im Zuge einer Studie den sogenannten Mozart-Effekt. Bei einem Experiment schnitten Studenten bei der Lösung eines Intelligenztests besser ab, wenn ihnen Musik von Mozart vorgespielt wurde. Mit der Ruhe im Mutterleib, die im Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte bislang sozusagen ein Grundrecht des Fötus blieb, war es fortan vorbei. Hatte man bisher Kleinkinder zum Spielen von Geige und Klavier gebracht, gab es von nun an Förder-CDs zur Stimulation in der vorgeburtlichen Phase. Und so manche Mutter griff beherzt ins Regal, schließlich muss man doch bereits diese neun Monate nützen, das wäre ja – Wahnsinn – verlorene Zeit!

Der Haken bei der Sache: Der Mozart-Effekt konnte nie wiederholt werden. Sprich: Es gibt keinerlei Beweise, dass er wirklich existiert. Dennoch werben Onlineanbieter für eine solche CD: „Inzwischen ist wissenschaftlich erwiesen, dass Babys, die Klassik hören, intelligentere Menschen werden, als Babys, denen man Rockmusik vorsetzt.“ Und wer bitte, will kein intelligenteres Kind? Da sind doch die 14,90 Euro auf jeden Fall gut angelegt, da brauchen wir gar nicht weiter zu überlegen.

Kaum geboren, geht es munter weiter: Stimulationsreize ohne Ende. Alexander wird überallhin mitgenommen, sei es in ein überfülltes Lokal oder auf eine Flugshow. Als Alexander krabbeln kann, folgt sogleich das erste Lernspielzeug. Klingende Bausteine, Seifenblasengerät mit einem speziellen Mundstück, das die Muskulatur für das Sprechen trainiert, ein Früchte-Memory mit passenden synthetischen Gerüchen, über deren weitreichende Folgen für Geschmackssinn und Gesundheit man gar nicht nachdenken will. Jedenfalls: kein Spielen mehr, das ohne ein vorher festgelegtes Ziel, ohne Zweck, auskommt. Alexander spielt mit diesen Sachen, ja. Der kleine Mann kennt es allerdings auch nicht anders. Und so macht er mit, klar.

Aber dann kommt er in den Kindergarten. Endlich andere Kinder, mit denen man auf alle erdenklichen Arten kommunizieren kann – das ist wunderbar für Alexander. Er geht gerne in den Kindergarten. Die Kindergartenpädagogin macht sich dennoch Sorgen, was Mama schnell beunruhigt: Alexander sei oft unwillig, sträube sich gegen die Fördermaßnahmen, er werde dann laut oder verstecke sich. Man müsse ihn erst motivieren – wieder so ein Zauberwort der Erziehungstheorie!

Warum das so ist, wusste der deutsche Pädagoge Wolfgang Bergmann. Der 2011 verstorbene Erziehungswissenschafter kritisierte in seinem Buch „Lasst eure Kinder in Ruhe!“ den Förderwahn im Kindergarten. Eindringlich warnte er vor den Konsequenzen: „Schon in Kindergarten entsteht ein unheimlicher Vergleichswettbewerb, die Kinder geraten enorm unter Druck.“

Sie werden aus ihrer Versunkenheit im spielenden Miteinander herausgerissen und müssen stattdessen die Fördermaßnahmen der Pädagoginnen über sich ergehen lassen – was Wunder, wenn sie protestieren? Dass man solcherart gezwungene Kinder dann erst „motivieren“ muss, liegt wohl auf der Hand. Und zeigt gleichzeitig, dass hier mit großem Aufwand präzise am Ziel vorbeigeschossen wird.

Der wichtigste Prozess in der Entwicklung eines Kindes ist die „Weltbegreifung“, wie es Wolfgang Bergmann formuliert. Das Erobern der Umwelt, wie etwa das kindliche Aufgehen im Be-Greifen einer Blume: wie sie riecht, wie sie sich anfühlt, der Unterschied zwischen Blüte und Stengel. Die Farben, der Größenunterschied zwischen mir und der Blume, und noch schier unendlich vieles mehr. Was lernt das Kind dabei nicht alles, und das ganz von selbst!

weinendes Kind mit schminke im Gesicht

Doch das ist offenbar nicht genug – hier muss man Eingreifen – professionell, nach den modernsten Erkenntnissen, versteht sich. Und so werden die Kleinen im Kindergarten oft in dieser Weltbegreifung gestört, um gefördert zu werden. Zumeist mit Inhalten, die außerhalb der kindlichen Realität liegen, also völlig abstrakt sind. „Hände weg“, fordert Bergmann daher zu Recht, „Hände weg von allem, was sich nicht organisch aus der jeweils aktuellen Erfahrungswelt der Kinder entfalten lässt.“

Was Alexander betrifft: Er kann mittlerweile alle wichtigen Tiere am Bauernhof auf Englisch aufsagen – nur berührt hat er noch nie eines. Dafür fehlt es seiner Mutter an Zeit – und dem Kindergarten an Organisationswillen!

Neben dieser staatlich verordneten Förderung geht es für Alexander zu Hause weiter, sozusagen buchstäblich aus Leibeskräften: Klavier an Montag und Donnerstag, dienstags und freitags Lerngruppe und Schwimmen, musikalische Früherziehung am Mittwoch. Alexanders Mutter ist zunehmend gestresst, sie muss Arbeit, Transfers und Freizeitgestaltung ihres Kindes unter einen Hut bringen. Aber: all das auch bezahlen. Unterm Strich kommt da schon einiges zusammen.

Mami bemüht sich, mit Alexander ins Gespräch zu kommen, während sie wieder einmal zum Schwimmkurs hetzen. Aber sie ist müde, kann nicht wirklich zuhören. Sie lächelt zwar pflichtbewusst, jedoch geistesabwesend. Alexander versteht das nicht, aber er weiß nicht, was er sagen soll. Liebevolle Zuwendung, und um nichts anderes geht es Kindern, bekommt er eigentlich nur, wenn er gut im Schwimmen und in Klavier ist, und Mama freut sich sehr, wenn er hin und wieder der Beste ist.

Als Alexander in die Schule kommt, wird alles noch anstrengender – nicht nur der Terminplan. Denn jetzt sind nicht gute Leistungen gefragt, nein. Jetzt muss er sehr gut sein. Schließlich soll aus dem Kind ja einmal etwas werden. Außerdem müssen sich die vielen Kurse ja auch bezahlt machen. Alexander muss auch hier Leistung erbringen. Und weil Kinder ihre Eltern nun einmal lieben, egal, was diese ihnen antun, möchte er all das Unmögliche auch zu Mamas Zufriedenheit absolvieren.

Im Gymnasium geht es in diesem Modus weiter, doch schon im zweiten Jahr meldet sich der Klassenvorstand bei den Eltern: Alexanders Leistungen hätten rapide abgenommen, er antworte nicht mehr, wenn er etwas gefragt würde. Jetzt fällt es auch Alexanders Mutter auf: Ihr Sohn hat sich verändert, ist still, häufig krank. Seit kurzem braucht es viel Überzeugungsarbeit, damit er seine Freizeitkurse weiter besucht. Auch in die Schule mag er nicht. Ja, selbst das Aufstehen in der Früh klappt nur mehr mit nervtötenden Diskussionen. Alexanders Mutter ist ratlos: Was hat mein Kind bloß?

Die Antwort des behandelnden Arztes wiegt schwer: ein drohendes Burnout. So wie Alexander ergeht es vielen Schülern: Jedes dritte Kind über zehn Jahren leidet massiv unter Stress, allein in Österreich droht rund 60.000 Schülern ein Burnout, der im schlimmsten Fall bis zu Depressionen und Suizidgedanken führen kann. Zumeist aber halten die Kinder und Jugendliche dem Druck einfach nicht mehr stand. Sie flüchten dann in Aggression oder komplette Leistungsverweigerung. Begleitet wird dies bei Mädchen übrigens eher mit Magersucht, bei Buben mehr durch Suizidversuche. Der Weg aus dieser Situation ist langwierig. Ein Arzt muss aufgesucht, eine Therapie begonnen werden. In Alexanders Fall führt diese wahrscheinlich in eine psychosomatische Klinik. An Tennis, Schwimmen oder Klavierspielen ist natürlich nicht mehr zu denken.

Wir brechen hier ab. Natürlich ist Alexanders Fall erfunden. Doch er steht für viele Kinder, die unter dem Förderwahn unserer Leistungsgesellschaft zu leiden haben. Nicht nur die Entwicklung des Kindes auf geistiger und emotionaler Ebene kann dadurch beeinträchtigt werden, auch die Gesundheit steht längerfristig auf dem Spiel. Dabei könnte Förderung so einfach sein, ganz ohne gequälte Kinder und abgehetzte Eltern. Denn die Basis jedes selbstbewussten, leistungs- und beziehungsfähigen Menschen ist einfach – Liebe. Lieben Sie Ihr Kind! Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich mit ihm, zeigen Sie ihm die Welt, beantworten Sie seine Fragen, seien Sie selbst neugierig. Vertrauen Sie auf Ihr Kind und auf seine Entwicklung. Und verlieren Sie nie den liebevollen Blick. Dann haben Sie das Wichtigste für seine Zukunft schon getan!

Zum Weiterlesen: Wolfgang Bergmann: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung. Kösel-Verlag, München 2011, 14,99 Euro.

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