"Beim Pool messen wir auch mit dem Maßband nach"
"Beim Pool messen wir auch mit dem Maßband nach"
Seit 27 Jahren testet Christian Werner Wellnesshotels.
Klingt entspannt, ist aber harte Arbeit. Was ein Profitester mitbringen muss – und was ein exzellentes Hotel.
Interview: Johannes Dudziak – 3. April 2026, 15:33 Uhr.
Christian Werner, 67, volles braunes Haar, ovale Brille mit dezentem Rahmen, schelmisches Grinsen, testet seit 27 Jahren Wellnesshotels – und hat dabei gelernt, dass Erholung oft mit erstaunlich einfachen Dingen beginnt.
Als ich nachmittags in den Redaktionsräumen des „Relax Guides“ im 8. Bezirk in Wien ankomme, hat Christian Werner eine Stärkung vorbereitet. Es gibt belegte Schwarzbrote von Trześniewski, einer Wiener Institution. Besonders die mit Rührei und Speck seien hervorragend, erklärt mir Werner. Als ich ihm gestehe, dass ich kein Rührei mag, essen er und seine Mitarbeiter die Brote einfach selbst.
ZEITmagazin: Herr Werner, in Ihrem Relax Guide testen Sie Wellnesshotels in Deutschland, Österreich und Südtirol. Wie sind Sie dazu gekommen? Brauchten Sie Entspannung?
Christian Werner: Ich bin in Wien in eher einfachen finanziellen Verhältnissen aufgewachsen, wir waren sechs Kinder. Der Gedanke, einmal in einem Hotel zu übernachten, war für uns ziemlich fern. Gerade deshalb haben mich Hotels früh fasziniert. Schon als Student habe ich es so gemacht: Wenn ich unterwegs war, habe ich fünf Tage im Auto geschlafen und mir dafür einen Tag in einem guten Hotel geleistet. Lieber einmal richtig als sechs Tage in irgendeinem Zweisternehaus. Dazu kam, dass ich mich schon damals gern massieren ließ. Meine Freunde gingen Tennis spielen, ich ging lieber zur Massage. Sie haben nicht verstanden, warum ich mich massieren lasse, und ich habe nicht verstanden, warum man Tennis spielen will. Entscheidend war außerdem ein Erweckungserlebnis in Österreich. Dazu muss man wissen: Ich mochte das Land lange nicht besonders.
ZEITmagazin: Wieso nicht?
Werner: Vielleicht im bernhardschen Sinn (gemeint ist der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, Anm. d. Red.) – dieses Katholische, dieses leicht Autoritäre, das hat mich abgestoßen. Ich wollte immer weg, nach England, Frankreich, Italien, später nach Amerika. In den Neunzigerjahren bin ich viel gereist.
ZEITmagazin: Was haben Sie gemacht?
Werner: Erst spät bin ich zum ersten Mal wirklich intensiv durch Österreich gereist. Als Journalist habe ich mich auf Medizin und Gesundheit spezialisiert und für ein Magazin eine große Serie über Österreich als Kurland gemacht: über Thermen, Heilvorkommen, Quellen. Ich war monatelang unterwegs und völlig erstaunt, was es dort für tolle Landschaften, Orte und Menschen gibt. Daraus ist langsam die Idee entstanden, einen Wellnessführer zu machen. Restaurantführer gab es, normale Hotelführer auch, aber die waren in diesem Bereich wenig aussagekräftig. Also dachte ich: Dann mache ich es eben selbst.
ZEITmagazin: Seit der Gründung des Relax Guides 1999 ist die Zahl der Wellnesshotels explodiert. Was ist für Sie beim Testen eines Hotels das Wichtigste?
Werner: Zunächst muss man verstehen: Ein Hotel ist ein lebendiges System. Das ist kein BMW-Motorblock, den man einmal testet und dann ist das Ergebnis immer gleich, ob Dienstag um elf Uhr oder Sonntag um 18 Uhr. Wenn der Koch krank ist, wenn im Housekeeping fünf Leute fehlen oder wenn das Haus nur zu dreißig Prozent ausgelastet ist statt voll belegt, dann verändert das alles. Und zweitens: Man kann nie völlig objektiv sein. Wer ein Hotel beschreibt, bringt immer auch sich selbst mit ein, die eigene Wahrnehmung, das eigene Gefühlsleben. Das ist für unsere Tester die größte Herausforderung: zu verstehen, dass sie Teil der Beobachtung sind. Das Hotel ist nichts völlig Getrenntes von uns.
ZEITmagazin: Und trotzdem arbeiten Sie mit klaren Kriterien?
Werner: Absolut. Für uns ist die Lage in der Natur zentral. Natur ist das wichtigste Mittel, um aufzutanken. Dann kommt gutes Essen – nicht Chichi, sondern gute Produkte, echte Kochkunst. Das kann auch eine sehr einfache Küche sein. Auch im Zimmer geht es nicht um goldene Wasserhähne oder Luxus um des Luxus willen, sondern um ein Ambiente, in dem man auflebt. Niedrige Räume, schlechte Luft, überladenes oder kaltes Interieur – all das spürt man sofort. Dazu kommen Preis-Leistung und natürlich die Infrastruktur.
ZEITmagazin: Wonach schauen Sie bei der Hotelinfrastruktur?
Werner: Hat das Hotel einen Day-Spa-Bereich, einen Lady-Spa-Bereich, einen Naturbadeteich, ein Thermalfreibecken, ein Freibecken nur im Sommer, ein Thermalhallenbad, ein Hallenbad oder einen FKK-Pool? Ist die Temperatur im Pool angenehm oder kalt? Gibt es eine Außensauna, ein Dampfbad, eine Infrarotkabine, eine Aufgusssauna, TCM, medizinische Check-ups, einen Arzt, Burn-out-Prävention, Detox, Fasten und so weiter? Sind die Saunen bis spätabends geöffnet, sodass man kurz vor dem Schlafengehen noch einmal in die Sauna gehen kann? Und ist der Pool morgens geöffnet, sodass man direkt nach dem Aufstehen reinspringen kann? Gibt es Möglichkeiten zum Laufen und Joggen? Wie viele Fitnessgeräte stehen zur Verfügung? Wie viele Liegen gibt es pro Gast? Wie groß ist der Pool wirklich? Das messen wir auch mit dem Maßband nach. Gibt es das Angebot für Leute, die nicht im Hotel wohnen, ein Day Spa zu buchen? Das ist ein großer Minuspunkt, denn in Hotels ist die begrenzte Anzahl an Liegen meistens das große Problem.
ZEITmagazin: Hat sich Ihr Blick auf Wellness in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Werner: Vor 27 Jahren ... Weiterlesen »