Schlammschlachten im Namen der Liebe

Schlammschlachten

Nicht in allem, wo Wellness draufsteht, steckt tatsächlich Entspannung drin. Und so gerät ein gemeinsames Relax-Wochenende mitunter zum heiklen Parcours zwischen Stutenmilchbad, Saunatemperatur und Sole-Anwendungen.

Sie.

An sehr guten Tagen gibt sich der Mann an meiner Seite romantisch, dann sagt er Sätze wie: „Nichts schmeichelt einem Mann so sehr wie das Glück seiner Frau.“ Dazu gibt es manchmal Blumen – oder, zu besonderen Anlässen, ein W-Wo. Was das ist? Nun, mit dieser Abkürzung wird im Hause Kuhn/Hufnagl der Begriff „Wellness-Wochenende“ so entschärft, dass am Ende jeder daraus machen kann, was er sich persönlich darunter vorstellt. Weil er „ganz sicher nie mehr irgendwas macht, wo Wellness draufsteht“.

Zugegeben, er ist da etwas traumatisiert. Seit damals, als wir im Rahmen von drei Paar-Wellness-Tagen dazu angeleitet wurden, uns gegenseitig in einer engen, dampfigen Kabine mit farbigem Gatsch die Chakren (oder so) einzuschmieren. Irgendwann saßen wir da und starrten einander an – er mein orangefarbenes Dekolleté und die beigegrünen Oberschenkel, ich seinen goldigen Nabel und die roten Tupfen rund um die Augen, in denen ein einziger Hilferuf abzulesen war: Hol mich hier raus! Die für den nächsten Tag geplante „Vegane Schoko-Massage“ für zwei sagten wir ebenso ab wie das Stutenmilchbad-Tête-à-Tête an Klangschalensymphonie. Seit damals muss ich sehr behutsam mit dem Thema „Erholung“ umgehen, zumal sich unsere Vorstellungen, wie diese auszusehen hat, sowieso grundlegend unterscheiden.

Zwei unterschiedliche Welten

Entspannungsurlaub lässt sich aus seiner Sicht vor allem an folgenden drei Dingen festmachen: Viel und gut essen. Fein trinken. Sowie den ganzen Tag auf einem Golfplatz darüber sinnieren, wie man die Flugbahn des Balls optimieren könnte. Eine mathematische Parabel, übrigens, die wenig Kommunikation mit der Ehefrau zulässt, die ihn dann mit überflüssigen Bemerkungen wie, Herrliche Luft, stimmt’s? aus der Fassung bringt. Dazu kommt: Das Wasser, in dem er zu planschen gedenkt, darf auf keinen Fall warm sein, weil: „Wäh!“ Hingegen sollte die Sauna, in der er Entspannung sucht, so heiß sein, dass man auf seinem Popsch Spiegeleier braten könnte. Sehr viel Öl bei der Massage? Geht gar nicht, das würde ihn an das Mayonnaisesalat-Trauma seiner Kindheit erinnern, besser, man fragt nicht. Auch der Idee eines Fastenwochenendes kann er wenig abgewinnen: „Bitte, warum soll ich Geld für nichts ausgeben und einen Abend lang in drei Erbsen herumstochern?“ Also fühlt er sich belästigt, wenn ich ihm mit warmem Getreidebrei und dampfendem Kräutertee gegenübersitze, während er sich bereits das zweite Omelett, „aber bitte mit doppelt Käse und dreifach Speck“ bestellt, zum Erstaunen des Personals.

Und dennoch wagen wir alle Jahre wieder den Versuch, in getrennten Welten gemeinsame Tage zu verbringen. Während er über den Rasen rast, kleinen, weißen Bällen beim Fliegen zuschaut, liege ich im wohltemperierten Wasser, transpiriere in einer mäßig warmen Sauna, bade in Öl und freue mich beim mittäglichen Stochern in Erbsen auf das abendliche Viergangmenü mit ihm. Wo wir einander zuprosten (ich mit Karottensaft, er mit kräftigem Veltliner) und darüber plaudern, was wir tagsüber erlebt haben. Ja, das Leben ist, was man daraus macht – das gilt auch für wunderbar gemeinsame W-Wos.

Er.

„Ich bin doch nicht deppert“, habe ich gesagt. „Sei nicht so fad, das ist vielleicht lustig“, hat sie gesagt. Darauf ich: „Wellness mit Motto? Mit mir fix nicht.“ Darauf sie: „Aber du bist bei Erotikthemen doch sonst nicht so ablehnend.“ An diesen Dialog musste ich später denken, als meine Frau und ich Hand in Hand auf einer Scheibe lagen. Nackt. Und sich plötzlich aus Deckendüsen ein Schlammregen über uns ergoss. Dann begann sich die Scheibe langsam zu drehen, stellte sich einmal links auf, einmal rechts auf, einmal oben, einmal unten, wieder links, rechts, oben, unten. Mit dem Effekt, dass sich die Liebste und ich fühlten wie in einer Pfanne geschwenkte Schlammkoteletts. Die vermeintlich innovative Idee: Wir sollten einander unter kaum kontrollierbaren Umständen wahrnehmen, berühren und zu fassen versuchen. In Wahrheit rutschten und kugelten wir hilflos wie betäubte Seelöwen umher und hielten unsere glitschigen Körper nur deshalb fest, um nicht von der Scheibe zu plumpsen. Erotik also. Oder doch eher ein Erlebnis so sinnlich wie Schüttelfrost am Bärenfell vor dem Kaminfeuer. Das einzig Prickelnde dieses Miteinanders war das Bier danach, verbunden mit dem Kuhn’schen Eingeständnis, dass wir dem Ungeheuer von Wellness ins Auge geblickt haben. Da wussten wir allerdings nicht, was dem Schlamassel noch alles im Namen der Paar-Belebung folgen sollte.

Gemeinsam getrennte Wege gehen

Das Konzept „Wälze dich in den zweiten Ehefrühling“ hat sich jedenfalls nicht durchgesetzt, weil sich das Spa-Rad eben nicht neu erfinden lässt und die Erde auch in Wohlfühloasen keine Scheibe ist. Daher bleibt mein Credo: Für mich bitte eine Runde Golf, eine Sauna, eine Nackenmassage, ein Schnitzerl und ein Achterl Veltliner – schon bin ich glücklich. Ein Gefühl, das allerdings stark beeinträchtigt wird, wenn gnä Kuhn mit einem sonderbar verklärten Blick von der gefühlt siebenstündigen Lomi-Lomi-Nui-Behandlung zurückkehrt und aussieht, als hätte sie am Grund einer Ölwanne nach dem Sinn des Lebens gesucht. Und das mir, der schon aus der seelisch-geistigen Balance kippt, wenn vom Frühstückssemmerl ein Honigtropfen auf dem Finger landet. Sie jedoch verbucht ihr lominöses Dasein nach dem Motto „Glanz oder gar nicht“ ernsthaft als Genuss. Wie das Liegen im überheizten Sprudelbecken, das Sitzen im unterheizten Dampfbad und das Herumstehen im Yogastudio (oder was auch immer sie dort tut). Und sie hat komischerweise auch nichts dagegen, sich mit zig anderen Bademantelmenschen und Schwitzfiguren in Ruheräumen zu versammeln, um dort bei einer geschätzten Raumtemperatur von 45 Grad zu dösen, angeblich entspannt. Während in mir an so einem Ort lediglich das Verlangen wächst, die Produzenten von Wellnesstempelmusik einen ganzen Tag lang einzusperren, wo sie ihren eigenen Klavier-Harfe-Panflöte-Arrangements lauschen müssen – bis sie verzweifelt nach Bäumen rufen, die sie in ihrem Wahnsinn am liebsten fällen wollen, statt sie zu umarmen. Aber was tut ein Mann nicht alles für die Liebe? Und so werden wir sicher schon bald wieder durch ein Relax-Refugium spazieren, um dort gemeinsam getrennte Wege zu gehen. Ganz ohne Schlammschlacht.


Zu den Autoren: Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl sind tatsächlich verheiratet – und schreiben jeden Sonntag die SIE/ER-Kolumne „Paaradox“ in der Tageszeitung KURIER. Daraus entwickelten sie im Jahr 2014 ein Lese-Kabarett. Das aktuelle Programm „Schatzi, geht’s noch?“ ist – sofern es die Lage erlaubt – im Wiener Rabenhof Theater zu sehen.

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