Er öffnet uns die Augen

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„Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich die Finanzindustrie zur weitaus größten Macht auf unserem Planeten entwickelt. Sie hat die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen. Ihre Gier zerstört unsere Lebensgrundlagen und gefährdet unsere Zukunft.“ Der Bestseller-Autor Ernst Wolff spricht Klartext.

Wenn wir uns in der Welt umschauen, stellen wir sehr schnell fest: Die politische Stimmung ist so schlimm wie schon lange nicht. Es gibt keine politische Bewegung, keine wirtschaftliche Veränderung, die einem Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen würde. Dafür gibt es bedrohliche Entwicklungen. Am schlimmsten dürfte wohl die Möglichkeit eines Krieges zwischen den USA, China und Russland sein, wobei der Iran als Anlass genommen werden könnte.

Vor rund 30 Jahren hat Europa einen geradezu euphorischen Taumel erlebt. Damals war es zu Mauerfall und Wiedervereinigung sowie zum Zusammenbruch der Sowjetunion gekommen. All das wurde als „Aufbruch in ein neues Zeitalter“ gefeiert. Ein sehr bekannter amerikanischer Soziologe japanischer Herkunft, Francis Fukuyama, hat damals ein Buch geschrieben, das in 16 Sprachen übersetzt und zum Weltbestseller wurde – „Das Ende der Geschichte“. Die Kernaussage: Der Untergang des Ostblocks habe gezeigt, dass sich totalitäre Systeme überlebt und der Liberalismus sowie die freie Marktwirtschaft weltweit endgültig gesiegt hätten. Was von nun an folgen würde, sei eine unendliche Periode des Friedens und des Wohlstands.

Ernst Wolff

Die Explosion der sozialen Ungleichheit

Heute wissen wir, dass diese Periode nur wenige Jahre gedauert hat. Es kam zu den Jugoslawienkriegen, die die schwersten Luftangriffe seit 1945 nach Europa zurückbrachten. Mit dem 11. September ereignete sich der schlimmste Terroranschlag, den die USA jemals erlebt hatten. Es folgten weitere Kriege, unter anderem in Afghanistan, im Irak, in Syrien und im Jemen. Es folgten Finanzkrise, Eurokrise und danach die größte Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Folge der Eurokrise war, dass Hunger, Armut und Obdachlosigkeit in nie gekanntem Ausmaß in Südeuropa Einzug hielten und damit die wichtigste Entwicklung in der Welt widerspiegelten, nämlich die Explosion der sozialen Ungleichheit.

Diese immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich ist dadurch gekennzeichnet, dass auf der einen Seite Hunger, Armut und Verelendung immer schlimmer um sich greifen, auf der anderen Seite aber Aktienkurse, Anleihenkurse und Immobilienmärkte zu immer neuen historischen Höchstständen aufbrechen und dafür sorgen, dass eine kleine Gruppe von Menschen immer wohlhabender wird. Wir sehen heute, dass einzelne Individuen über einen größeren Reichtum verfügen als früher die Sonnenkönige. Wir sehen, dass alleine Bill Gates (Microsoft-Gründer), Jeff Bezos (Amazon) und Warren Buffet (größter privater US-Investor) über ein Vermögen verfügen, das dem der Hälfte der US-Bevölkerung – 165 Millionen Menschen – entspricht. Während also die Mehrheit zu den Verlierern des Systems zählt, gibt es auch Gewinner in der gegenwärtigen Entwicklung: Gruppen von Personen, die vom wirtschaftlichen und vom sozialen Niedergang enorm profitiert haben und die aus praktisch allen Krisen und Kriegen als Sieger hervorgegangen sind.

Sieht man etwas genauer hin, dann stellt man fest: Hinter diesen Personen steht eine Macht, die mit Vorliebe im Verborgenen arbeitet – die Finanzindustrie. Sie ist zu einer Macht geworden, die wesentlich größer ist als alles, was die Welt bisher gesehen hat. Die Finanzindustrie dominiert heute alle Länder der Erde, egal ob es sich um rückständige Monarchien oder parlamentarische Demokratien handelt. Sie hat sich die Medien und die Politik weltweit unterworfen. Und hat es dabei geschafft, selbst nahezu unerkannt zu bleiben!

Die Finanzindustrie verdankt das vor allem der Tatsache, dass die meisten Menschen ihre Wirkungsweise nicht verstehen. Sie meinen, dass es sich dabei um einen Teilbereich unserer Gesellschaft handelt, den der Normalbürger nicht zu verstehen braucht, weil er ihn ohnehin nicht durchschauen kann. Diese Haltung hat allerdings fatale Folgen.

Derart von Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit begleitet, hat es die Finanzindustrie im vergangenen Jahrhundert geschafft, die Welt in zwei Weltkriege zu stürzen, zahllose weitere Kriege vom Zaun zu brechen, die Welt auf Kosten der in Krisengebieten lebenden Menschen zu destabilisieren und die eigene Herrschaft zu festigen. Aber wer genau ist diese Finanzindustrie? Wer steht dahinter, und wie ist es ihr gelungen, den Rest der Welt vollständig zu unterjochen?

Die Oberhoheit über das Weltfinanzsystem

Werfen wir dazu einen Blick auf die Geschichte, beginnen wir im Sommer 1944 in Bretton Woods, einem Dorf an der Ostküste der USA. Hier trafen sich die Delegationen von 44 Ländern, um eine globale Finanzordnung festzulegen. Allerdings hätten 42 dieser Länder ihre Vertreter gar nicht zu schicken brauchen, denn es hatte zuvor dreijährige Geheimverhandlungen zwischen den USA und Großbritannien gegeben, in denen die Grundzüge des Abkommens bereits festgelegt waren. Der Kern war, dass der US-Dollar als Leitwährung eingeführt und damit weltweit jeder Markt für die Amerikaner geöffnet wurde. Das verschaffte den USA gegenüber allen anderen Ländern einen Wettbewerbsvorteil, den davor niemals ein Land gehabt hatte. Die US-Zentralbank, die Fed, erhielt damit mehr Macht als alle anderen Zentralbanken der Welt, und den Banken der Wall Street wurde damit die Oberhoheit über das Finanzsystem der gesamten Welt verschafft.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Im Jahr 2000 hielten die Zentralbanken der Welt 70 Prozent ihrer Währungsreserven in Dollar. Diese Dollars können aber nur von der US-Zentralbank gedruckt werden. Indem die USA neue Dollars drucken, machen sie sich selber reicher, gleichzeitig aber verarmen sie den Rest der Welt. Denn je mehr Dollars gedruckt werden, d­esto weniger ist der einzelne Dollar wert. Auf diese Weise ist die gesamte Welt abhängig von der Finanzpolitik der Fed.

Um diese Übermacht vollends zu verstehen, müssen wir noch einmal einen Schritt zurück in der Geschichte machen: Bezeichnenderweise beginnt das US-Finanzsys­tem im Wilden Westen, der im 19. Jahrhundert von immer größeren Einwandererströmen erobert wurde, was zu einem der größten Völkermorde der Geschichte führte – quasi ganz nebenbei wurden 800 Indianerstämme, ihre Kulturen und Lebensgrundlagen vernichtet. Aber die Einwanderer haben mit ihrer Masse auch dafür gesorgt, dass riesige Konzerne entstanden, und zwar in der Öl-, Stahl- und Bauindustrie. Diese Konzerne haben sich untereinander einen brutalen Wettkampf geliefert, das Geld dafür wurde in großem Stil über Kredite finanziert. Das wiederum hat dazu geführt, dass die damaligen Banken die ganz großen Gewinner dieser Entwicklung wurden.

Einer der wichtigsten Namen von damals ist John Pierpont Morgan, dessen Bank – J.P. Morgan – Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren hundert Vorständen von Konzernen gesessen ist. Diese Banken, die nach und nach immer mehr Macht an sich gerissen haben, waren in den USA relativ verhasst, weil die Familien, denen sie gehörten, in Saus und Braus lebten, während sehr viele der Einwanderer mit Armut, Hunger und sehr schlechten Lebensbedingungen zu kämpfen hatten.

Geheimes Treffen auf Jekyll Island

Doch diese Banken wollten noch sehr viel mehr, nämlich nichts weniger als die Gründung einer Zentralbank und damit das Monopol zum Gelddrucken! Dazu trafen sich die sechs wichtigsten Wall-Street-Banker und zwei Politiker im Spätherbst 1910 auf Jekyll Island – unter falschem Namen und angeblich zur Entenjagd. Die sechs Banker verkörperten übrigens etwa ein Viertel des damaligen Weltvermögens.

Das geheime Banker-Treffen auf Jekyll Island war erfolgreich. 1913 wurde die Fed, die Federal Reserve, als Kartell mit privaten Eigentümern gegründet. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollte sich das System für die US-Banken zu einer wahren Goldgrube entwickeln: Sie vergaben an alle kriegsführenden Staaten Europas hohe Kredite.

Im Jahre 1916, also im dritten Jahr des Krieges, wurde US-Präsident Woodrow Wilson noch als „Friedenspräsident“ gewählt, weil er im Wahlkampf versprochen hatte, die USA aus dem Krieg herauszuhalten. Wenige Monate später sind dann die USA dennoch in den Krieg eingetreten. Denn bis Anfang 1917 sah es so aus, als würde Deutschland den Krieg gewinnen, aber das wäre für die Banken, die ihr Geld früher oder später wieder zurückhaben wollten, fatal gewesen, da Deutschlands Gegner in Summe wesentlich höhere Kredite hatten als Deutschland selbst. Die amerikanische Armee wurde daher eingesetzt, um den bislang siegreichen Deutschen die Niederlage beizubringen. Es gab natürlich vorher eine große Anti-Deutschland-Kampagne in den USA, mit Filmen wie etwa „Der Kaiser, die Bestie von Berlin“ wurde die Stimmung gegen die Deutschen als die Kriegsverantwortlichen angeheizt.

Nach Kriegsende wurde in Versailles festgelegt, dass Deutschland an England, Frankreich und Italien Reparationszahlungen leisten sollte. Das wurde dem Volk so verkauft, dass Deutschland eine schwere Schuld auf sich geladen hatte und nun Wiedergutmachung leisten sollte. In Wirklichkeit aber flossen diese Gelder über England, Frankreich und Italien sofort zurück in die Tresore der amerikanischen Banken, weil diese Länder ja hohe Kredite aus den USA zu bedienen hatten.

Danach kam es zur Weimarer Republik und zur großen Hyperinflation. Doch Inflationen geschehen nicht einfach so, Inflationen werden gemacht, und zwar von den Zentralbanken. Die Zentralbank der Weimarer Republik hatte einen entscheidenden Grund dafür, diese Inflation herbeizuführen. Denn Deutschland hatte den Krieg zu einem großen Teil mit Kriegsanleihen finanziert, die deutsche Regierung war also bei der eigenen Bevölkerung hoch verschuldet. Eine Hyperinflation bedeutet ja, dass das Geld völlig entwertet wird und dass dann gewisse Schulden sehr einfach zurückzuzahlen sind.

Die großen Banken kaufen 10.000 kleine auf

1929 kam es zum Wall-Street-Crash, zum bislang größten Börsencrash der Geschichte. Oft wird er so dargestellt, als sei er wie ein Naturereignis und völlig überraschend gekommen, doch dem ist nicht so. Die amerikanische Zentralbank hat damals ganz bewusst die Zinsen erhöht, sodass Gläubiger ihr Geld wieder zurückgefordert haben. Auf diese Weise haben die großen Banken mithilfe der Fed, die sie ja vorher gegründet hatten, dafür gesorgt, dass es zu diesem Crash kommt. Die Folge dieses Crashs war, dass in den USA 10.000 kleine Banken zusammengebrochen sind und von den großen Banken aufgekauft werden konnten.

Die hemmungslose Gier und die fehlende Moral der Wall Street zeigten sich in den folgenden Jahren ganz besonders in den Geschäften mit Hitler-Deutschland. Ein Beispiel: 1929 kaufte General Motors Opel, den damals größten deutschen Autohersteller, und verkaufte in der Folge 15.000 Lastwagen mit dem Namen „Blitz“ an die deutsche Wehrmacht, damit die­se mit den Lastern in Polen einrücken konnten.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die einstige Weltmacht Großbritannien hoch verschuldet und wirtschaftlich völlig am Boden, die USA hingegen hatten in den Zeiten des Wilden Westens und der beiden Weltkriege einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Die USA besaßen die stärkste Wirtschaft, waren die größten Gläubiger, verfügten über die größten Goldvorräte und hatten das stärkste Militär. Und sie verfügten als einziges Land über die Atombombe.

Mogelpackung Marshall-Plan

Doch trotz aller Macht und Größe gab es ein veritables Problem: Die US-Wirtschaft produzierte gegen Kriegsende hin viel mehr, als der heimische Markt aufnehmen konnte. Das heißt, man brauchte ganz dringend neue Märkte. Genau das war der Grund, warum die USA in Bretton Woods den Dollar zur weltweiten Leitwährung gemacht, den Dollar dort an das Gold und alle anderen Währungen an den Dollar gebunden haben. Das System von Bretton Woods bedeutet demnach nichts anderes als die Schaffung des weltweiten Diktats einer einzigen Währung.

Der Marshall-Plan wurde uns als Hilfsprogramm verkauft, angeblich hätte er dazu beigetragen, die deutsche Wirtschaft wieder anzukurbeln und den Armen mit Care-Paketen und Nahrungsmittelspenden zu helfen. Hier sieht man, wie die Finanzelite wirklich arbeitet: Tatsächlich war der Marshall-Plan ein riesiges Ankurbelungsprogramm für die US-Konzerne und Banken. Denn die Gelder aus Amerika kamen nicht als Geschenke, sondern als Kredite, dazu mit der Vorgabe, dass diese Gelder nur für Waren von amerikanischen Konzernen verwendet werden konnten! Besonders interessant dabei ist, dass die gesamten Nahrungsmittellieferungen nach Deutschland aber nicht von den Konzernen und Banken bezahlt wurden, sondern aus Steuergeldern. Das heißt, es waren amerikanische Steuerzahler, arbeitende Menschen, die die Nahrungsmittelpakete nach Europa bezahlt haben, die etwas gegeben haben, während die amerikanischen Banken und Großkonzerne genommen haben.

Ab 1948 setzte eine überraschende Entwicklung ein, der Nachkriegsboom, der ein Vierteljahrhundert andauern sollte. Doch das „Wirtschaftswunder“ war im Grunde nichts anderes als der Wiederaufbau von durch den Krieg Zerstörtem, begleitet von der Überflutung der Welt durch amerikanische Waren und amerikanisches Geld.

De Gaulle holte Frankreichs Gold zurück

Mitte der 1960er Jahre begann dann ein Prozess, der eigentlich schon vorher abzusehen war: Da die Fed immer mehr Dollars druckte und weltweit immer mehr Dollars in Umlauf waren, kam es zu einem immer größer werdenden Missverhältnis zwischen der bestehenden Goldmenge und der sich stets erweiternden Dollarmenge. Der Dollar war ja noch an das Gold gebunden, mit einem Preis von 35 Dollar pro Unze, und irgendwann bestand die Gefahr, dass, wenn alle Leute ihre Dollars in Gold umtauschen würden, nicht genug Gold da wäre, um die Nachfrage zu decken. Die Regierung hat daher zunächst den Goldkurs höher gesetzt, konnte aber nicht verhindern, dass die Investoren in aller Welt hellhörig wurden.

Hellhörig wurde etwa auch der französische Staatspräsident Charles de Gaulle. Er veranlasste, dass die in New York gelagerten Goldvorräte Frankreichs in Unterseebooten wieder zurückgeführt wurden. Das hat viele Investoren auf den Plan gerufen und die Nachfrage nach Gold so sehr erhöht, dass die USA irgendwann die Notbremse ziehen mussten: Am 15. August 1971 ließ der damalige Präsident Nixon zur Hauptsendezeit am Sonntagnachmittag die Lieblingsserie aller Amerikaner – „Bonanza“ – unterbrechen, um dem amerikanischen Volk zu verkünden, dass die Bindung zwischen dem Dollar und dem Gold aufgehoben sei.

Wir haben uns damals alle gefragt, wieso geht ein Präsident vor die TV-Kameras seines Landes und verkündet, dass die Währung vom Gold abgekoppelt wurde? Doch diese Maßnahme war fundamental, denn sie hat aus einer Währung, die durch Gold, also durch einen festen Wert, gedeckt war, eine Scheinwährung gemacht.

Mit der Loslösung des Dollars vom Gold kam es zu einer Neuentwicklung im Finanzsystem, die mit Deregulierung begann und die später zur sogenannten Finanzialisierung führte. Mitte der 1970er Jahre begannen die globalen Märkte, die nach der Überschwemmung mit amerikanischen Gütern weitgehend gesättigt waren, zu stagnieren. Unternehmensgewinne wurden geringer, worauf die Firmen versuchten, immer stärker zu rationalisieren und die Löhne zu senken, was wegen der Stärke der Gewerkschaften zunächst nicht gut funktionierte. Die Banken hingegen bedrängten die Politik, ihre rechtlichen Einengungen aufzuheben, also zu deregulieren.

Verbotenes erlauben heißt Deregulierung

Dazu muss man Folgendes wissen: Nach dem Crash von 1929 mussten viele Amerikaner feststellen, dass ihr gesamtes Geld verschwunden war, weil es die Banker verspekuliert hatten. Darauf gab es eine solche Welle der Empörung, dass sich die Regierung 1933 gezwungen sah, eine Trennung zwischen Sparkassen (sicher, für Ersparnisse) und Investmentbanken (riskant, für Investments) einzuführen. Eigentlich eine sehr vernünftige Maßnahme, an der aber ab 1975 gerüttelt wurde, was schrittweise zur Deregulierung führte. Unter anderem erlaubt wurden die Gründung von Hedgefonds, Leerverkäufe sowie der Handel mit Derivaten (Wetten auf steigende oder fallende Preise, Kurse oder Zinssätze) und mit Schulden.

Bedeutsam an Derivaten ist, dass sie keine Werte erzeugen. Es wird einfach nur Geld hin- und hergeschoben. Und es werden große Summen gemacht, aber nicht in der Realwirtschaft, sondern seit 2007 durch die Notenpressen der Zentralbanken.

Ein wichtiges Derivat sind die Credit Default Swaps (CDS). Es handelt sich dabei um jene Sonderform der Kreditausfallversicherung, die eine aberwitzige Idee enthält, dass nämlich die Versicherung nicht zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer, sondern von jedem, also auch von einem am Geschäft gar nicht Beteiligten, abgeschlossen werden darf. Ich nehme dazu ein Beispiel aus Ihrem Alltag: Ihr Nachbar hat Angst, dass sein Haus abbrennen könnte, und versichert es gegen Brandschaden. Jetzt kommt Goldman Sachs und erlaubt Ihnen, eine Ausfallversicherung auf das Haus Ihres Nachbarn abzuschließen, und das nicht nur bei Goldman Sachs, sondern bei sämtlichen anderen Banken ihrer Gegend. Was passiert nun, wenn das Haus Ihres Nachbarn tatsächlich abbrennt? Sie bekommen den Hauspreis des Nachbarn, gleich mehrfach! Sie könnten also ein eminentes Interesse daran entwickeln, dass das Haus Ihres Nachbarn abbrennt.

Mittelständische Betriebe ruinieren

Genau nach diesem Prinzip sind in den 1990er Jahren zahllose mittelständische Betriebe ruiniert worden. Das heißt, Investoren haben Credit Default Swaps auf Betriebe abgeschlossen, haben diese übernommen, ausgeweidet, absichtlich in den Konkurs geführt und anschließend abkassiert. Herausragende Beispiele dieser Gattung sind unter anderem Mitt Romney, der einstige Gegenspieler von Barack Obama, und Wilbur Ross, der derzeitige Handelsminister im Kabinett Trump, die beide auf diese Art und Weise zu Milliardären geworden sind. Das ganz entscheidende Merkmal dieser CDS ist, dass sie volkswirtschaftlich nicht nur sinnlos, sondern vor allem zerstörerisch sind und nur einem Ziel dienen, nämlich der Bereicherung von Spekulanten.

Wohl noch absurder ist der Handel mit Schulden, der ebenfalls in den 1990er Jahren als Asset Backed Securities („forderungsbesicherte Wertpapiere“) aufkam. Zu diesem Zweck wurden Schulden von unterschiedlichen Gläubigern gebündelt, zu Wertpapieren verpackt und anschließend verkauft. Alleine das Wort „forderungsbesicherte Wertpapiere“ ist ein Widerspruch in sich. Eine Forderung ist etwas Ausstehendes, etwas, das ich nicht habe, also nicht sicher. Ein Wertpapier mit einer Forderung zu besichern ist also absurd. Diese Art von Wertpapieren war der Grund für die Krise 2007/2008, die in den USA begann, wo es üblich war, dass sich eine junge Familie ein Haus kaufte, um es nach einigen Jahren gegen ein größeres Haus zu tauschen. Eine Art Rundlauf, der natürlich nur so lange funktioniert, wie die Hauspreise weiter ansteigen. In dem Moment, wo die Hauspreise stagnieren, wird es hingegen schwierig, und in dem Moment, wo die Hauspreise fallen, bricht das Ganze in sich selbst zusammen.

„Sichere“ Wertpapiere werden plötzlich toxisch

Genau das passierte 2007/2008 und hat im Endeffekt dazu geführt, dass diese „forderungsbesicherten“ Wertpapiere sich als toxisch herausstellten, was riesige Löcher in die Bilanzen der Großbanken in aller Welt gerissen hat.

Bemerkenswert an dieser Krise ist die Ahnungslosigkeit der Politik gewesen. Als sich die Krise abgezeichnet hat, beschlossen sowohl die deutsche als auch die amerikanische Regierung zunächst, die Banken nicht zu retten. Daraufhin hat die Fed die US-Regierung zu sich gebeten. In Deutschland ist Herr Ackermann, damals der Vorstandschef der Deutschen Bank, nach Berlin zu Frau Merkel gereist. Von Journalisten habe ich erfahren, dass es in diesem Gespräch lautstark zugegangen ist und Herr Ackermann irgendwann erbost den Raum verlassen hat. Frau Merkel soll ihm hinterhergelaufen sein und soll gesagt haben: „Okay, wir geben ja schon nach.“

Es mag eine Anekdote sein, aber es zeigt die Verflechtungen zwischen Finanzkapital und Politik. Die Politik wusste damals gar nicht, was geschah, dass nämlich das gesamte Bankensys­tem in der Welt und damit ganze Staaten und ganze Gesellschaften vom Zusammenbruch bedroht waren. Das wurde ihnen aber von den Bankern recht schnell klargemacht. Und das Ergebnis war, dass die großen Banken der Welt als „too big to fail“ (TBTF) bezeichnet wurden.

Das hat natürlich eine völlig neue Epoche im Finanzsystem eingeleitet. Denn wenn Banken TBTF sind, dann können sie sich ja künftighin jede Schweinerei, jede Spekulation erlauben. Deshalb sind die Risiken bei den Banken seit 2007 nicht geringer geworden, vielmehr sind die Risiken, die heute im Finanzsektor eingegangen werden, größer als damals. Mit dem TBTF-Status für Großbanken ist ein neues Zeitalter angebrochen, das George Orwells schlimmste Visionen aus „1984“ übertrifft. Diese Macht bedeutet, dass wir in Krisenzeiten im Notfall auch direkt durch Vertreter der Banken, die Technokraten genannt werden, regiert werden.

Einige Beispiele dafür waren die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers Mario Monti als Premier in Italien, die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers und EZB-Vizepräsidenten Loukas Papadimos als Regierungschef in Griechenland, die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers Mario Draghi als Chef der EZB sowie auch die Unterstellung ganz Südeuropas unter die Zwangsherrschaft der Troika aus IWF („Internationaler Währungsfonds“), EZB und EU-Kommission.

Zur Rettung der Banken wurden die Löcher zunächst mit Steuergeldern, also mit dem Geld arbeitender Menschen, gefüllt. Da es sich um dreistellige Milliardenbeträge handelte, haben wir es damit mit der größten Vermögensumverteilung in der gesamten Geschichte der Menschheit zu tun. Noch nie ist so viel Geld von arbeitenden Menschen in die Hände ultrareicher Investoren und Spekulanten geleitet worden wie damals. Trotzdem hat diese Umverteilung nicht ausgereicht, um alle Löcher zu stopfen. Das heißt, eigentlich hätte das globale Finanzsystem 2008 in die Hände eines Konkursverwalters gehört.

Um das zu verhindern, wurden damals zwei Maßnahmen ergriffen. Zum einen wurde die Austeritätspolitik, also die Sparpolitik, eingeführt. Das heißt, nicht die Spekulanten mussten sich einschränken, sondern die arbeitende Bevölkerung musste durch Kürzungen und Einsparungen, also durch eine Senkung ihres Lebensstandards, die Last der Krise tragen. Da das aber zu einer Verringerung der Kaufkraft der Massen und damit zu geringerer Nachfrage in der Wirtschaft führt, stagniert seitdem die Weltwirtschaft. Das aber darf wiederum nicht hingenommen werden, weil unser System kreditgetrieben und zur Bedienung dieser Kredite auf ständiges Wachstum angewiesen ist.

Also haben die Zentralbanken seit 2008 die Rolle der Geldbeschaffer übernommen, und das in historisch nie dagewesener Weise. Die Zentralbanken der Welt haben seither den Gegenwert von rund 16.000 Milliarden Dollar ins System eingespeist, das zudem zu immer niedrigeren Zinssätzen. Die Zentralbanken haben ihre Zinssätze seit 2008 insgesamt mehr als 700 Mal gesenkt. Auf diese Weise ist aber nicht etwa die Realwirtschaft wieder in Gang gebracht worden, denn der Löwenanteil dieses Geldes ist in die Spekulation geflossen. Er hat den Finanzsektor weiter aufgeblasen und dafür gesorgt, dass die Risiken im System heute um ein Vielfaches größer sind als 2008.

Wie ein Tsunami

Das gravierendste Problem aber ist: Dieser Prozess lässt sich nicht rückgängig machen. Trotz aller Beteuerungen von Politik und Zentralbanken ist es nicht möglich, die Zinsen langsam wieder auf ein normales Niveau anzuheben und die Geldmenge nach und nach wieder zu reduzieren – so wie es unter anderem Jerome Powell (Fed-Präsident) und Mario Draghi (EZB-Präsident) der Öffentlichkeit immer wieder versprechen. Warum nicht? Weil der weltweite Schuldenberg das nicht erlaubt – rund 250.000 Milliarden US-Dollar müssen ständig bedient werden!

Ich habe mein neues Buch „Finanz-Tsunami“ genannt, weil ich meine, dass das, was sich im Finanzsystem derzeit abspielt, sehr viel mit einem Tsunami gemein hat. Die wichtigsten Eigenschaften eines Tsunamis sind: Erstens: Der Prozess vor dem Anlanden der Welle dauert unendlich lange. Zweitens: Die Katastrophe tritt urplötzlich ein. Drittens: Das Eintreten der Katastrophe ist für das bloße Auge nicht sichtbar. Viertens: Die Auswirkungen treffen die meisten Menschen völlig überraschend und unvorbereitet.

Genau das entwickelt sich zurzeit im Finanzsystem. Es gibt viele Prozesse, die das Finanzsystem zersetzen, sodass es irgendwann zu einem Kollaps kommen wird, der die meisten Menschen vollkommen unvorbereitet treffen wird. Das Leben nach dieser Katastrophe wird – wie nach einem Tsunami – völlig anders sein als das Leben vor der Katastrophe.

Profiteure versus arbeitende Bevölkerung

Kehren wir nach der ernüchternden Analyse zu der Frage zurück: Wo stehen wir jetzt? Die Antwort lautet: Wir befinden uns im Endstadium eines Systems, das außer Kontrolle geraten ist. Die Frage ist, was tun die Entscheider, diejenigen, die es lenken, um die Katastrophe abzuwenden? Die Verantwortlichen haben uns nach 2008 alle möglichen Versprechungen gemacht, aber nicht eines davon eingehalten. Sie haben ständig die große Wende angekündigt, eine Umkehr vom bisherigen Weg, aber es ist nichts passiert.

Und die erschreckende Wahrheit: Es kann auch gar nichts passieren, weil es nicht mehr möglich ist, diesen Pfad zu verlassen. Was also wird passieren? Das System wird von denen, die davon profitieren, vermutlich so lange am Leben erhalten, wie es nur irgendwie geht. Wie lange das noch geht, kann niemand sagen, da ja der Manipulation keine Grenzen gesetzt sind. Nur eines ist sicher: Die Profiteure werden aufgrund der wachsenden sozialen Ungleichheit in einen immer größeren Konflikt mit der arbeitenden Bevölkerung geraten. Aber sie werden sich nicht scheuen, extreme Maßnahmen zu ergreifen.

Sie werden die Demokratie weiter einschränken, sie werden unsere Rechte beschneiden, und sie werden auch nicht davor zurückschrecken, schlussendlich nach innen wie nach außen auf Gewalt zu setzen. Das heißt, sie werden auch bereit sein, Kriege vom Zaun zu brechen, um auf diese Weise ihr eigenes Überleben zu sichern.

Tatsächlich – und das ist vermutlich die schlechteste Nachricht – könnte die Lebensdauer des Systems auf diese Art und Weise noch einmal verlängert werden. Ich habe dazu ein Zitat herausgesucht, das von dem Ökonomen Ernst Winkler aus dem Jahre 1952 stammt, der bereits damals vor dieser Gefahr gewarnt hat: „Der Krieg ist die großzügigste und wirkungsvollste Reinigungskrise zur Beseitigung der Überinvestitionen, die es gibt. Der Krieg eröffnet gewaltige Möglichkeiten neuer, zusätzlicher Kapitalinvestitionen und sorgt für gründlichen Verbrauch und Verschleiß der angesammelten Vorräte an Waren und Kapitalien – wesentlich rascher und durchgreifender, als es in den gewöhnlichen Depressionsperioden auch bei stärks­ter künstlicher Nachhilfe möglich ist. So ist der Krieg das beste Mittel, um die endgültige Katastrophe des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder aufs Neue hinauszuschieben.“

Stellen wir am Schluss die entscheidende Frage: Gibt es überhaupt Möglichkeiten, mit unseren begrenzten Mitteln zu verhindern, dass diese schlimmste aller Zukunftsvisionen eintritt? Ist der Kampf nicht – wie viele, die resigniert haben oder in Fatalismus verfallen sind, meinen – bereits verloren?

Man könnte das meinen, wenn man bedenkt, dass die absolute Mehrheit der Menschen das System, das uns in diese missliche Situation geführt hat, nicht einmal versteht. Aber was heißt das? Das heißt doch, dass wir dringend eine neue Phase der Aufklärung brauchen, dass wir unbedingt informieren müssen, dass den Menschen erklärt werden muss, woher die Probleme rühren, mit denen sie Tag für Tag konfrontiert sind. Dass es eben das Finanzsystem ist, das unsere Zukunft gefährdet, das sich über alles erhoben und uns in diese dunkle Zeit geführt hat. Dass das internationale Finanzcasino stillgelegt werden muss, dass die Steuergesetze geändert werden müssen, dass verhindert werden muss, dass einzelne Menschen größere Vermögen als ganze Staaten anhäufen.

Die Rahmenbedingungen für eine solche neue Aufklärung sind vorhanden. Zum einen werden immer mehr Menschen aufgrund der Verschärfung der Situation in einen immer stärkeren Konflikt mit diesem System geführt. Zum anderen wird der Zerfall der alten Strukturen, wie zum Beispiel der gegenwärtige Zerfall der EU, sich nicht nur fortsetzen, sondern sich in der vor uns liegenden Zeit intensivieren. Das heißt, der Nährboden, auf dem eine Aufklärung fruchten kann, existiert. Nicht nur das. Heute stehen uns Kommunikationswege offen, wie es sie in der Geschichte bisher nicht gegeben hat. Wir können Wissen schneller und effektiver als jemals zuvor verbreiten.

Ich habe meinem Buch „Finanz-Tsunami“ einen Satz von Henry Ford, dem Gründer der Ford Motor Company, vorangestellt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einmal gesagt hat: „Wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, hätten wir noch vor morgen Früh eine Revolution.“

Angesichts des Niedergangs und der von mir beschriebenen Fäulnis des Finanzsystems ist es in meinen Augen höchste Zeit, diesen Prozess endlich in Gang zu setzen, und zwar durch Überzeugungsarbeit und auf friedlichem Weg. Und wenn mein Buch auch nur einen kleinen Beitrag zu dieser historisch seit langem überfälligen Umwälzung leisten kann, dann hat es den von mir beabsichtigten Zweck vollauf erfüllt.


Anmerkung: Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags von Ernst Wolff. Er fand im Juni 2018 im Rahmen der Seegespräche in Owingen am Bodensee statt.

Zum Weiterlesen: Ernst Wolff „Finanz-Tsunami – Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“, Edition E. Wolff, Berlin, 19 Euro.

Ernst Wolff, Jahrgang 1950, Autor von „Weltmacht IWF: Chronik eines Raubzugs“, beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem globalen Finanzsystem. Sein neuestes Werk „Finanz-Tsunami“ ist mit außerordentlichem Sachverstand und ebensolcher Sorgfalt geschrieben. Es erklärt Hintergründe und Zusammenhänge, die uns die Massenmedien seit jeher vorenthalten. Es zeigt, wie sich die globale Finanzelite mit PR-Tricks, mithilfe von Kriegen, der Destabilisierung von Ländern und der Ahnungslosigkeit willfähriger Politiker zur stärksten Macht auf unserem Planeten entwickeln konnte. Und es zeigt, wie es zu der höchs­ten Schuldenlast in der Geschichte der Menschheit gekommen ist, zu einem System, das den größten Teil der globalen Bevölkerung zu Verlierern macht, während nur wenige genau davon profitieren.

Wolffs akribisch zusammengetragene Fakten begeistern ebenso wie sein Erzählstil: in klarer und leicht verständlicher Sprache, sodass auch Laien seiner Analyse gut folgen können. Wärmstens zu empfehlen!

Finanz Tsunami

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