Liebe Greta

Ich bin Jahrgang 1941 und muss mir heute anhören, wir ruinierten der Jugend das Leben. Ich muss euch enttäuschen, denn in meiner Jugend wurde nachhaltig gelebt.

Zum Einkaufen und zur Schule musste ich mehrere Kilometer zu Fuß laufen, transportiert wurden die Einkäufe in einem Netz. Wenn Kleidung nicht mehr brauchbar war, wurden alle noch verwertbaren Dinge wie Knöpfe oder Reissverschlüsse abgetrennt und der Rest als Putzlappen genutzt. Geschenkpapier wurde vorsichtig geöffnet, um es wiederzuverwenden. Als Schüler sammelten wir Altpapier und Flaschen und halfen bei der Kartoffelernte. Ich könnte noch viel über gelebte Nachhaltigkeit erzählen, stattdessen muss ich mir von Rotzlöffeln, die sich von Mami mit dem SUV zur Schule kutschieren lassen, sagen lassen, wir ruinierten ihr Leben.

Wir hatten keine elektronischen Spiele, unser WhatsApp waren Zettel unter der Schulbank. Wir verabredeten uns mündlich, Telefon war nur für Notfälle gedacht. Ihr aber werft eure Kleidung nach zweimaligem Tagen weg, produziert Müll ohne Ende, verbraucht seltene Erden und müsst immer die neuesten Geräte besitzen. Wenn ihr am Handy ein Video streamt, verbraucht ihr pro Minute gleich viel Strom wie ein 1.000-Watt-Elektroofen – und ihr wisst es nicht einmal! Auf euren Demos lässt ihr euren Müll von Erwachsenen wegräumen, und am Wochenende geht es zum Open-Air-Konzert. Wenn ihr einmal so richtig nachhaltig gelebt habt wie unsereins, dann dürft ihr gerne streiken. (Leserbrief an die Weltwoche von Egidio Cattola, Schweiz.)

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