Wie ein Vampir

Wie ein Vampier

Unsere Autorin, eine Frau Mitte dreißig, begibt sich auf Partnersuche. Über eine Dating-App lernt sie einen Mann kennen. Sie verfällt seiner manipulativen Kraft, dann wehrt sie sich. Und findet am Ende fast zwanzig Frauen, die beinahe an ihm zerbrochen wären.

Ich bin aufgeregt, als ich die App herunterlade. Dating mit Mitte dreißig. Per Tinder. Ist das peinlich? Ich komme noch aus der Zeit des analogen Kennenlernens. Aus der Zeit der verblinzelten Momente, der verhaspelten Sätze, der kurzen Berührungen, des Anstarrens und Wegschauens. Egal. Ich bin lange Single. Und nicht auf der Suche nach der großen romantischen Liebe. Sex würde mir für den Anfang reichen. Also: Warum nicht? So lerne ich Tim im Mai 2018 kennen.

Dass diese Geschichte mit Tim so enden wird, wie sie endet, das hatte ich früh gespürt, lange nicht wahrhaben wollen und am Ende doch kaum glauben können. Sicher liegt das auch an mir selbst, vielleicht sogar daran, wie Frauen heute sind. Es liegt auch an der Art, wie wir uns kennengelernt haben. Im Internet. Vor allem liegt es aber natürlich an ihm: Tim.

Ich habe mich bis dahin nie mit einem Tinder-Match getroffen, vor Tim verliefen alle Chats im Sand. Die Online-Konversation mit ihm ist lustig, er überschüttet mich mit Nachrichten, wir tauschen Nummern aus. Auf WhatsApp geht es weiter. Er schreibt, wie außergewöhnlich er mich finde, und nennt das zwischen uns eine „besondere Verbindung“. Ich bin geschmeichelt. Er sei Philosophie-Doktorand, Mitte dreißig und lebe seit 10 Jahren in München. Ich google Tim, so wie ich alle Tinder-Männer google. Liegt vielleicht an meinem Beruf, vielleicht ist es auch ein Sicherheitstick. Über Tim finde ich: nichts. Das wundert mich. Jemand, der promoviert, hinterlässt doch Spuren im Netz? Na gut, denke ich mir, nur den Vornamen in Kombination mit seinem Studienfach und seiner Universität zu googeln, ist ein bisschen optimistisch. Dennoch: Ich habe ein merkwürdiges Gefühl, kann es allerdings an nichts konkret festmachen. Tim ist zwar oft sehr vage in seinen Aussagen, aber auch nett, schlau und unterhaltsam. Wird schon passen.

Wir vereinbaren ein Treffen, davor möchte er telefonieren. Das finde ich gut, das wertet ihn irgendwie auf. Ich denke: Wenn ich seine Stimme unattraktiv finde oder er dummes Zeug redet, spare ich mir gleich die Zeit, ihn zu treffen. Aber wir telefonieren fast drei Stunden lang. Tim ist großartig. Als wir uns zum ersten Mal sehen, vergeht die Zeit wieder wie im Flug. Tim ist gut gekleidet, sein grau meliertes Haar und sein rotbrauner Bart sind teuer gepflegt. Er hat einen bestechenden Sinn für Mode und Stil. Ich will ihn wiedersehen.

Unser zweites Date läuft so gut, dass ich bei ihm übernachte. Eigentlich wollte ich das nicht. Das geht mir zu schnell. Aber Tim überredet mich. Mir gefällt sein Engagement. Wir schlafen wenig in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen wundere ich mich über die vielen WhatsApp-Nachrichten, die auf seinem Handy aufleuchten. Aus dem Augenwinkel sehe ich: nur Frauennamen. Da ist wieder dieses ungute Gefühl.

Wenn ich heute drüber nachdenke, frage ich mich: Warum habe ich mir nicht vertraut? Wieso habe ich mich selbst übergangen? Vielleicht auch, weil ich dachte, auf neuem Terrain zu sein, online, es online mit einer anderen Art des Kennenlernens zu tun zu haben, bei der womöglich andere Codes gelten. Ich habe mehr Irritationen akzeptiert.

Tim lebt in einem kargen WG-Zimmer. Es wirkt, als wohne hier jemand, dessen Koffer bei einem Flug nicht mitgekommen ist. Er erzählt, er sei voriges Jahr zu seiner damaligen Freundin Marie nach Berlin gezogen. Gegen Maries Stiefvater, der sie als Kind regelmäßig sexuell missbraucht habe, sei zu der Zeit ein Gerichtsverfahren gelaufen. Nach wenigen Wochen des Zusammenlebens sei Marie extrem eifersüchtig geworden, habe überall gefährliche Bekanntschaften gesehen und versucht, ihn zu isolieren. Als er zu Freunden nach München geflogen sei, habe sie seinen Rückflug storniert und die Beziehung aus dem Nichts für beendet erklärt. „Völlig durchgeknallt, die Alte“, sagt Tim. Seine Sachen habe sie ihm bis heute nicht zurückgegeben. Ich bin entsetzt. Marie muss fürchterlich sein.

Nachdem Tim und ich am Mittag auseinandergegangen sind, bombardiert er mich weiter mit WhatsApp-Nachrichten: Wie wunderbar das alles sei. Er könne gar nicht glauben, dass jemand wie ich auf Tinder ist. Das gehört zum Mythos Onlinedating: dass man einander versichert, hier im unromantischen Internet die Ausnahme zu sein. Ein kollektiver Gründungsmythos. Ich sei das größte Glück, das ihm seit einer Ewigkeit passiert sei. Erst bade ich in diesen Worten, dann denke ich: Hey, wir kennen uns erst seit ein paar Tagen, mach mal halblang! Aber Tim hört nicht auf, mich mit Gefühlsbekenntnissen zu überschütten.

Tim hat viel Zeit, er arbeitet nicht. Er sagt, er sei von seinem Job in der Gastronomie, den er zuletzt gehabt habe, seit Monaten krankgeschrieben, wegen einer zurückliegenden Narben-OP. In welchem Café er gearbeitet hat, sagt er nicht, er weicht aus. Ich wundere mich, wie er jetzt sein Geld verdient. Irgendwie ist das alles seltsam. Ich stelle viele Fragen zu seinem Alltag. Da kippt die Stimmung in den WhatsApp-Nachrichten. Tim wirft mir vor, diese besondere Beziehung mit meinem Misstrauen zu zerdenken. Ich solle das nicht mit dem Verstand angehen, sondern mit dem Herzen. In meinem Kopf ist es sehr laut, seitdem ich Tim nähergekommen bin, permanent. Ich schlafe zu wenig, rauche ununterbrochen, vergesse zu essen.

Tim und ich sind wieder verabredet, eine gute Woche ist seit unserem ersten Treffen vergangen, wir schreiben einander konstant Nachrichten. Vielleicht bin ich doch verknallt? Am Abend zuvor meldet er sich auf einmal nicht mehr. Am Morgen schickt er eine Nachricht: Mein Misstrauen mache ihn fertig, er fühle sich so ungerecht behandelt, dass er mich heute doch nicht sehen wolle. Er geht nicht ans Telefon. Ich will das klären, fühle mich schuldig. Vielleicht habe ich nach so langer Single-Zeit verlernt, wie Dating funktioniert? Vielleicht bin ich übervorsichtig, um nicht verletzt zu werden? Ich suche den Fehler bei mir: Ich weiß, ich bin eine laute Frau. In meinem Leben habe ich immer wieder gehört, dass ich zu viel von allem bin, zu neugierig, zu schnell, zu direkt, zu patent. Mit seinem Vorwurf, dass ich mich nicht hingebe, erwischt er mich an einer sensiblen Stelle. Ich will nicht zu stark für die Liebe sein. Ist das nicht das, was Frauen passiert, die erfolgreich sind, Geld haben und lernen, ihre Meinung zu sagen: dass sie verlernen, sich fallen zu lassen? Ich fahre spontan zu ihm. Tim freut sich, mich zu sehen, bleibt aber distanziert.

Einige Dinge bleiben merkwürdig. Immer, wenn wir irgendwo Kaffee trinken oder etwas essen, hat er versehentlich nicht genug Geld dabei oder seinen Geldbeutel vergessen. Ich zahle jedes Mal. Natürlich fällt mir das auf, aber natürlich will ich nicht, dass das ein Problem wird. Geld ist mir egal. Ich lege großen Wert auf meine Eigenständigkeit. Tim nährt mit seinem vergessenen Portemonnaie elegant mein Emanzipationsgefühl. Er hat auch stets einen Bezug zu allem Möglichen in meinem Leben. Als er zum Beispiel bei mir zu Hause Urlaubsbilder aus Thailand sieht, erzählt er, dass er nach dem Tsunami von 2004 bei den Aufräumarbeiten geholfen habe, so viele Leichen, schrecklich. Oh, ist das nicht eine Erfahrung, die einen lange mitnimmt? Er winkt ab. Ich spreche ihn nochmal auf seine Doktorarbeit an, möchte den genauen Titel wissen. Er lenkt ab. Spricht lieber über unsere Zukunft. Wie froh er sei, dass er endlich seine Seelenverwandte getroffen habe! Ich fühle mich geschmeichelt. Und überfordert. Mir geht das wirklich zu rasant, aber loslassen möchte ich auch nicht. Ich bin lange allein. Mir wird bewusst, wie sehr ich eigentlich nach einer festen Beziehung suche. Dass Tinder dafür wahrscheinlich der falsche Ort ist, war mir klar. Aber jetzt bin ich hier mit diesem Mann, der aufs Ganze geht. Dem muss ich doch eine Chance geben. Oder? Wieder verdränge ich das ungute Gefühl.

Eine Woche später treffe ich eine Freundin. Sie erzählt, dass sie sich mit einem Freund über mein Tinder-Date, von dem ich natürlich bereits viel berichtet habe, unterhalten hat. Der Freund wurde stutzig bei der Beschreibung „Philosophie-Doktorand“: Eine seiner Kolleginnen im Friseursalon, der ihm gehört, heule sich seit Wochen die Augen aus, weil sich ihr Freund, auch ein Philosophie-Doktorand, nicht mehr melde, mit dem sie seit Januar 2018 zusammen sei. Meine Freundin zeigt dem Friseur ein Foto meines Philosophie-Doktoranden. Es ist derselbe. Mir wird schlecht. Ich spreche Tim am Telefon darauf an. Er sagt, es handle sich lediglich um eine kurze Tinder-Affäre, die mehr wollte. Er habe es leider nicht sauber beendet. Aber das sei jetzt auch egal: Ich sei krankhaft eifersüchtig! Er wolle keinen Kontakt mehr! Liebeskummer fühlt sich mit 36 genauso an wie mit 16. Gleiches Herz. Gleicher Kummer.

Am nächsten Tag rudert Tim zurück: Es sei doch etwas so Besonderes zwischen uns. Daran müsse man festhalten. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich kein Problem damit habe, dass er vor mir andere Frauen hatte, von mir aus auch via Tinder. Aber dass ich seine Reaktion auf meine zufällige Entdeckung unverhältnismäßig finde. Er entschuldigt sich. Wir telefonieren lange und treffen uns am nächsten Tag.

Ich bitte ihn, einen HIV-Test zu machen, da flippt Tim aus. Nennt mich misstrauisch und hypochondrisch. Man könne meine infantile Art nicht ernst nehmen. Dann lenkt er wieder ein und verspricht, einen Test zu machen. Am nächsten Tag meldet er sich nicht. Am übernächsten Tag leuchtet auf meinem Handy auf: „Michèle, es ist vorbei. Das kann nie mehr gut werden. Du hast es kaputtgemacht mit deiner Eifersucht.“

Da habe ich aber schon genug Zeit gehabt, um meinen Kopf freizubekommen. Ich kenne diesen Mann seit nicht einmal drei Wochen. Seither ist alles ein Drama, ständig werden meine wunden Punkte berührt: meine Einsamkeit, mein Bedürfnis nach Schutz, ja sogar meine Angst, zu stark zu sein. Das ist nicht normal. Da stimmt etwas nicht.

Am Nachmittag treffe ich eine alte Freundin und erzähle ihr von Tim. Sie erzählt von einer Bekannten, der gerade das Gleiche mit einem Mann passiert sei. Erst große Begeisterung, dann plötzlich eine andere Frau, Abbruch mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Meine Freundin fragt: „Hast du ein Foto von ihm?“ Ich zeige ihr eins. Sie erkennt eindeutig Tim wieder. Ich frage mich, mit wie vielen Frauen dieser Mann geschlafen haben muss, dass ich in so kurzer Zeit Überschneidungen in zwei völlig unterschiedlichen Freundeskreisen finde. Ich schicke ihm eine Sprachnachricht, dass ich von dieser weiteren Frau weiß. Er antwortet mit Beschimpfungen. Ich stelle Handy und Festnetz aus.

Dennoch bin ich völlig verunsichert. Ich frage mich, ob ich beziehungsunfähig bin. Ob Tim doch recht hat, dass ich mit meinem Misstrauen jegliches gute Gefühl im Keim ersticke. Immer wieder sagte er, ich würde mir und ihm kein Glück gönnen. In meinem Kopf ist Chaos.

Dann fällt mir diese verrückte Ex-Freundin aus Berlin ein, von der er erzählt hat. Er hatte mir sogar ihr Instagram-Profil gezeigt. Ich habe den Drang, sie auf diesem Weg zu kontaktieren. Kurz hadere ich. Es ist ja schon übergriffig. Ich schreibe ihr trotzdem. Die Frau antwortet sofort. Ich solle sie anrufen.

Es ist der Moment, wo ich etwas über diesen Mann Tim lerne, mehr von ihm erfahre, als er jemals wollte. Aber auch etwas über mich, über Frauen und über das, was Liebe anrichtet. Heute nenne ich diesen Moment die „Tinder-Peripetie“, angelehnt an die Begrifflichkeit der aristotelischen Dramenlehre. Man bezeichnet damit den entscheidenden Wendepunkt im Schicksal eines Menschen. Wenn Glück in Unglück umschlägt oder andersrum. In meinem Fall wird aus einem rasanten Tinder-Date in München ein flächendeckendes Drama in ganz Mitteleuropa. Marie ist der Anfang der Aufdeckung einer Lebenslüge. Und einer perfiden Lust an der Zerstörung von Frauen und ihrem Leben.

Marie, heute Ende zwanzig, lernt Tim im Sommer 2016 auf Instagram kennen. Ständig lobt er ihre Fotos. Spricht von großen Gemeinsamkeiten. Er habe gleich gewusst, dass sie etwas Außergewöhnliches sei. Zwischen ihm und ihr sei eine besondere Verbindung. Marie, die in Berlin lebt, besucht Tim Ende November 2016 in München. Er wohne noch mit seiner Ex-Freundin zusammen, sagt er, weil es in München so schwer sei, eine neue Wohnung zu finden. Jene Ex-Freundin sei verreist. Marie und er verbringen ein inniges Wochenende. Marie reist zurück. Danach meldet sich Tim plötzlich gar nicht mehr – oder ununterbrochen. Die beiden streiten sich oft, Marie geht das zu schnell, Tim erwartet zu viel Aufmerksamkeit. Sie bricht den Kontakt ab. Im Frühjahr 2017 meldet er sich wieder, bedauert, dass ihre Liebe keine Chance gehabt habe, und erzählt, dass er ständig an sie denke. Seine Ex-Freundin sei endlich ausgezogen.

Marie besucht ihn im Frühsommer wieder. In seiner Wohnung entdeckt sie Dinge, die ganz offensichtlich einer Frau gehören. Tim erklärt, er habe das Arbeitszimmer an eine befreundete Anwältin vermietet, um bei der Miete entlastet zu sein. Er habe Psychologie und Philosophie studiert, das Studium aber wegen eines lukrativen Jobs in der Marketingbranche abgebrochen. Er helfe diversen gastronomischen Betrieben in München und Innsbruck, ihre Gewinne zu maximieren. Aktuell arbeite er regelmäßig in Österreich an einem Projekt.

Das Projekt platzt angeblich, Tim möchte einen Neuanfang. Er zieht im Oktober zu Marie nach Berlin. Dort wirft er ihr bald vor, keine Zeit für ihn zu haben und mit ihrem Misstrauen die Beziehung zu zerstören. Er habe alles für sie aufgegeben. Er beginnt, sie in unpassenden Situationen zu begrapschen, und nennt sie verklemmt. Als sie sich wehrt, wirft er einen Schlüsselbund nach ihr.

Tim weist Marie immer wieder ohne Anlass darauf hin, dass sie seine Sachen nicht anfassen soll, und versteckt akribisch sein Handy. Eines Morgens aber vergisst er es am Ladekabel, als er duschen geht. Marie öffnet Tims WhatsApp. Das, sagt sie selbst, sei gegen ihre Natur. Ich bin Journalistin, ich bin gewohnt, dass Leute auch Dinge sagen, von denen sie glauben, dass man sie hören will. Soziale Erwünschtheit heißt das. Wissenschaftlern versaut das jede Studie. Aber als Marie das sagt, verstehe ich, dass er sie auch so verletzt hat wie mich. Sie dazu gebracht hat, anders zu sein, als sie wirklich ist. Ich glaube ihr. Und ihre Vermutung wird bestätigt: Sie liest eindeutige Nachrichten an eine andere Frau. An diesem Tag will Tim, lange geplant, nach München fliegen, um Freunde zu besuchen. Marie bringt ihn zum Flugsteig, um sicherzugehen, dass er wirklich an Bord geht. Als er in der Luft ist, sagt sie seinen Rückflug ab. Sie hatte seine Reise mit ihrer Kreditkarte bezahlt, deswegen kann sie stornieren.

Zu Hause findet Marie in seinen noch unausgepackten Kartons Unterlagen vom Jugendamt. Tim hat demnach ein Kind im Teenageralter, für das er nie Unterhalt bezahlt hat. Offenbar ist sein Name das Einzige, was an ihm stimmt. Seine Geburtsurkunde liegt obenauf. Bis heute ist sie auch das Einzige, was an ihm nicht infrage zu stellen ist. Der Rest ist die ganze Bandbreite von Lebensfehlern, Lügen und einem geistigen Gefängnis. Marie entdeckt auch eine ärztliche Diagnose über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die Tim attestiert wurde, nachdem er sich vor ein paar Jahren selbst in die ambulante Psychiatrie hatte einweisen lassen. Er schuldet der Krankenkasse und verschiedenen Ärzten wohl mehrere zehntausend Euro. Miete zahlt er bei Marie nicht.

Marie zeigt Tim wegen Betrugs und sexueller Nötigung an. Das Verfahren gegen Maries Stiefvater hat es nie gegeben, sexuell missbraucht wurde sie auch nicht. Mehreren Aufforderungen, seine Sachen bei ihr abzuholen, kommt er nicht nach. Die meisten Möbel, die er mitgebracht hat, gehören einer Ex-Freundin von ihm. Marie macht sie ausfindig, sie heißt Bianca. Marie sagt, ich solle diese Bianca auch einmal anrufen, das sei eine sehr harte Geschichte. Zuerst aber gibt sie mir Leilas Nummer.

Es ist, als hätte jemand Säure über mein Herz geschüttet. Es tut nicht mehr weh. Ich bin nur wütend. Das, was Tim macht, ist eine moderne Form von Heiratsschwindelei. Heute, im Tinder-Zeitalter, nennt sich das „Love Scamming“. Auch in Deutschland häufen sich diese Fälle, seit es Tinder, Bumble, OkCupid und Instagram gibt. Zu leicht ist es, ein Scheinleben zu erfinden. Schnell ist so ein Profil mit interessanten Eigenschaften ausgefüllt. Aber das muss man doch merken? Nein, bei der Dreistigkeit der Beschönigungen und Lügen, die Tim an den Tag legt, hat man gar keine Zeit dazu, draufzukommen. Sein Tempo ist atemberaubend. Der Künstler Hape Kerkeling sagte mal über seine Rolle des Horst Schlämmer: „Das Wichtigste, was ich gelernt habe: Dreistigkeit siegt. Man muss einfach nur Dinge behaupten – und schon hat man gewonnen.“ Bei Kerkeling klingt das zynisch, aber lustig. Das, was Tim macht, ist nicht lustig.

Schon während des Telefonats mit Marie weiß ich wenigstens: Ich bin nicht verrückt. Tim hat versucht, auch mich psychisch zu zerlegen, hörig zu machen, zu manipulieren, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin und was geschieht. Und das in nur drei Wochen. Ich bin entsetzt. Über mich. Über ihn. Dann telefoniere ich mit Leila.

Leila, heute Mitte dreißig, lernt Tim 2015 auf Tinder kennen. Sie haben eine lockere Affäre, treffen sich unregelmäßig über ein Jahr hinweg. Tim erzählt, er habe Philosophie studiert, aber abgebrochen. Ein lukrativer Job in Zürich habe ihm diese Entscheidung leicht gemacht. Er würde aber gerne noch Physik studieren. Leila ist türkischstämmig. Oft hat sie das Gefühl, sich als Frau mit Migrationshintergrund beruflich doppelt beweisen zu müssen. Im Nachhinein, sagt sie, scheint es, als habe er diesen wunden Punkt gleich erkannt: Sie möchte ernst genommen werden. Er macht ihr immer wieder Komplimente zu ihrem Job als Anwältin.

Wenn sich die beiden treffen, gehen sie fast immer zu ihr. Tim überschüttet sie entweder mit Nachrichten oder meldet sich lange nicht oder nur knapp. Die Ähnlichkeiten zu Maries und meiner Geschichte sind frappierend. Irgendwann beichtet er Leila, dass er eigentlich eine Freundin habe. Die Beziehung sei schon lange vorbei, aber diese Bianca habe psychische Probleme und sei eine Trinkerin. Da ist es wieder: „Völlig durchgeknallt, die Alte!“ Er sei nur so lange bei Bianca geblieben, um sie vor sich selbst zu schützen. Jetzt könne er nicht mehr, er habe sich getrennt. Auch weil er gemerkt habe, wie wichtig ihm Leila und diese besondere Verbindung seien. Immer sind die Frauen verrückt, ich schäme mich, dass ich ihm genau das geglaubt habe. Diese Geschichten, in denen Frauen klischeehaft sind.

Leila zieht bei Tim ein. Sie ist schon länger Single und findet, Mut gehört zur Liebe dazu. Sobald sie eingezogen ist, fasst er sie nicht mehr an. Straft sie mit Schweigen. Wirft ihr vor, keine Zeit für ihn zu haben, will sie aber auch nie begleiten, wenn sie mit Freunden ausgeht. Leila sucht den Fehler bei sich, wird aber auch misstrauisch. Ständig hängt er am Handy.

Sie beginnt, Bilder von sich und ihrer Familie nach einem bestimmten Muster im Wohnzimmer aufzustellen. Jedes Mal, wenn sie übers Wochenende weg war, stehen diese Bilder falsch da, anders. Als hätte sie jemand weggeräumt und dann wieder aufgestellt. Auch findet sie leere Weinflaschen. Tim trinkt nicht. Zu groß ist seine Sorge, sagt er, die Kontrolle zu verlieren. Im Nachhinein ist das klar: Wer betrunken ist, kann an einem ausgeklügelten Lügenkonstrukt nur schwer festhalten. Irgendwann fällt Leila ein Hartz-IV-Bescheid auf Tims Namen in die Hände. Plötzlich ergibt alles Sinn. Leila trennt sich.

Beim Auszug findet sie ein Notizbuch mit Frauennamen, dazugehörigen Stadtteilen und Kurzanalysen ihrer Persönlichkeiten. Tim führt Buch über seine Liebschaften, damit er nicht durcheinanderkommt. Leila zeigt Tim an, weil er sie um viel Geld gebracht hat. Doch das Verfahren wird eingestellt: Leila kann nicht beweisen, dass sie ihm Geld geliehen und ständig die Miete vorgeschossen hat. Die Miete wurde – mit ihm abgesprochen – von ihrem Konto abgebucht, alles, was sie ihm sonst lieh, gab sie ihm in bar. Am Ende unseres Telefonats mailt Leila mir Biancas Nummer.

Ich bin fassungslos. Tim macht das mit System. Eine Freundin leiht mir ein Buch, das mir noch mehr die Augen öffnet: „Psychopath Free“ von Jackson MacKenzie. Darin werden gleich zu Beginn 30 Merkmale aufgelistet, an denen man Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkennt. Alles passt auf Tim.

Gespräche mit Psychologen und Ärzten bestätigen meine Vermutung. Menschen wie Tim höhlen die Identität ihres Opfers durch ständiges Infragestellen und Schuldzuweisungen systematisch aus. Dabei stellen sie sich selbst immer über andere. Ihnen fehlt jegliche Empathie. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung resultiert aus einer Not: der Not, sich selbst nicht genug zu sein. Durch Überhöhung, Hochstapelei und Degradierung anderer kompensieren die Betroffenen das. In Beziehungen überschütten sie ihren Partner zuerst mit Aufmerksamkeiten, Komplimenten, Dauerkontakt. Sobald sich der Partner auf die Beziehung fest eingelassen hat, beginnt die Zerlegung. Sie haben ein gutes Gespür für die Wünsche und Bedürfnisse des anderen und machen ihn sich gefügig, indem sie diese entweder im Überfluss geben oder aber komplett verweigern.

Diese Form der Persönlichkeitsstörung könne nicht geheilt werden, sagen Experten. Ganz kurz habe ich Mitleid mit Tim. Diese Axt, die da offenbar sein Gehirn spaltet, wird dort immer stecken bleiben. Er wird nie erfahren, wie sich Liebe und Mitgefühl anfühlen. Wie schön und warm das Leben ist, wenn einen die richtige Person im Arm hält. Dann sagt eine Ärztin, die sich mit dieser Art Persönlichkeitsstörung schon sehr lange beschäftigt, zu mir: „Frau Loetzner, Sie brauchen mit ihm kein Mitleid zu haben. Verzeihen Sie lieber sich selbst.“ Ich nicke stumm. Und weiß doch, das wird ungleich schwerer.

Ich rufe Bianca an. Als Tim erstmals Bianca auf Instagram kontaktiert, ist sie noch minderjährig. Ein Jahr lang schreiben sie einander viel, er macht ihr Komplimente. Tim hält Bianca mit Textnachrichten so auf Trab, dass sie sich von Freunden und Familie entfernt. Er bestätigt ihr ständig, dass sie besonders reif sei für ihr Alter und dass ihr Umfeld sie nicht sehe. Nach dem Abitur zieht sie zu ihm nach München, in seine WG. Mit zwei Koffern. Ihre Familie ist skeptisch, lässt sie aber gehen. Bianca kommt aus einem harmonischen Elternhaus. Mutter und Vater vertrauen ihr, wollen sie ihre Erfahrungen machen lassen. Sie sucht mit ihm gemeinsam eine neue Wohnung für sie beide. Bianca kümmert sich ununterbrochen um ihn, er kann monatelang nicht arbeiten. Zwei Jahre lang zahlt sie die Miete von 1.200 Euro fast allein, hat als Studentin zwei Nebenjobs. Tim arbeitet nie.

Immer wieder hat sie das Gefühl, Tim betrüge sie. Erst denkt sie, sie sei paranoid. Dann stellt sie ihm ähnliche Fallen wie Leila. Sie beginnt, ihre Schuhe in einer bestimmten Reihenfolge im Flur zu platzieren. Oft sind sie, wenn sie nach Hause kommt, weggeräumt. Sie findet fremde Haare im Bett, ausgetrunkene Weinflaschen, wenn sie über Nacht weg war, eindeutige Nachrichten auf seinem Handy. Sie stellt ihn zur Rede, Tim streitet alles ab.

Im Frühjahr 2017 trennt sich Bianca nach drei Jahren Beziehung. Er beschimpft sie. Als sie das Haus verlassen will, nimmt er ihr Schlüssel und Handy weg und sperrt sie eine ganze Nacht – mit ihm – in der Wohnung ein. Zu diesem Zeitpunkt ist Bianca zwanzig Jahre alt, Tim Anfang dreißig. Ein Alkoholproblem hatte sie nie – eine Erfindung von Tim, um sie schlechtzumachen. Bianca zieht aus und zeigt ihn wegen Nötigung an. Das Verfahren wird eingestellt: Aussage gegen Aussage.

Ich erstelle für uns vier Zufallsfreundinnen eine WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Aufs Maul“. Ich bin irre wütend, dass jemand wie Tim immer wieder davonkommt. In der Chat-Gruppe vergleichen wir Chat-Verläufe und rekonstruieren erst die vergangenen zwei, dann fast 10 Jahre. Die gleichen Sätze, die gleichen Tricks, die gleichen Vorwürfe. Aber es gibt auch Momente von grotesker Komik in unserem Gruppen-Chat. Lange sparen wir das Thema Sex aus. Zu ekelhaft fühlt es sich an, mit so einem Mann geschlafen zu haben. Dann schreibt eine von uns: „Können wir hier bitte auch mal über intime Details sprechen?“ Eine andere: „Ich dachte schon, nur ich finde einiges merkwürdig.“ Wir sind an einem Punkt, an dem wir lachen können. Immerhin. Und noch besser: Tim scheint ein ganz trophäenhaftes Beuteschema zu haben. Die drei Frauen sind klug, gebildet, witzig und erfolgreich in ihrem Job. Ich reihe mich nicht in eine Ansammlung von naiven Dummchen ein.

Ich mache zusammen mit diesen drei 15 weitere Frauen ausfindig, die Tim um viel Geld und ihren halben Verstand gebracht hat. Nur Bianca, Leila und Marie erlauben mir, meine Gespräche mit ihnen für diesen Artikel zu nutzen. Sie wollen nicht, dass ihre Cousine, ihre Freundin, ihre Tochter eines Tages das nächste Opfer ist. Den anderen Geschädigten ist es zu peinlich, dass sie auf diesen Hochstapler reingefallen sind. Am liebsten wollen sie die ganze Tim-Episode aus ihrem Leben streichen. Ihr Geld sehen sie eh nie wieder, Tim bezieht Hartz IV, offenbar immer noch.

Tims typisches Date funktioniert so: Am Tag Kaffee trinken, am Abend in eine Bar gehen, die möglichst nicht in der Münchner Innenstadt liegt, damit man niemandem begegnet, danach bei der Frau übernachten und mit ihr am nächsten Tag an die Osterseen fahren. Dort erzählt er, dass das sein besonderer Ort und er noch nie mit einer Frau hier gewesen sei. Um aktuelle und frühere Liebschaften zu kontrollieren, richtet er Fake-Profile ein: Er startet unter falschem Namen Chats und versucht so herauszufinden, was die Frauen gerade machen. Er überwacht sie – auch die Verflossenen, um zu sehen, ob sie ihm auf die Schliche kommen. Er chattet, mailt und tindert den ganzen Tag. Am liebsten sitzt er auf der Bank auf dem Grünstreifen vor dem Haus, in dem er wohnt. Da hat er noch W-Lan, seine Handykosten muss er im Blick behalten. Würde das Smartphone gesperrt, hätte er nichts mehr zu tun.

In seinen angeblichen Biografien taucht immer wieder das Philosophiestudium auf, wahlweise Physik oder Psychologie. Dass ich ihn zu Beginn unserer Liaison nicht googeln konnte, ist klar: Tim hat alles aus dem Netz gelöscht, was Hinweise auf seine tatsächliche Vita geben könnte. Bis auf ein leeres Xing-Profil und einen ebenso rudimentären Facebook-Account gibt es nichts – außer sein wohlkuratiertes Instagram-Profil, auf dem er sich als hipper Philosophie-Doktorand und Musik-Nerd zelebriert. Um Frauen mit seinem Physikwissen zu beeindrucken, hat er Harald-Lesch-Folgen auswendig gelernt. Für Belege seiner psychologischen Kennerschaft zitiert er aus der US-Serie „Lie to Me“. Woher ich das weiß? Als die Beziehung zu ihm beendet war, sah ich mehrere Folgen der Serie – und erkannte ganze Satzfragmente wieder. Unsere Chat-Gruppe bestätigt meinen Verdacht. Bianca erzählt, er sei süchtig nach dieser Serie gewesen, Leila sagt das Gleiche über Harald Leschs „Kosmos“.

Tim hat nie eine Universität besucht. Er hat gar kein Abitur. Wir Frauen in der Chat-Gruppe haben wirklich alles zusammengetragen, was wir finden konnten. Um diese Chronologie zusammenzupuzzeln, halfen uns die vielen Unterlagen, die er bei Marie, Bianca und Leila zurückließ. Aber auch die Gespräche mit den Frauen, die hier nicht auftauchen wollen.

Bis heute lässt Tim nicht davon ab, uns in unregelmäßigen Abständen zu kontaktieren und uns zu drohen – oder zu schmeicheln. Wir ignorieren das.

Einmal konfrontierte ich ihn, nachdem es zwischen uns vorbei war, damit, dass ich weiß, dass er nie studiert hat. Tim hat mich angeschrien: Ich würde spinnen! Wer sich mit Persönlichkeitsstörungen auskennt, sagt, es würde nicht helfen, Tim darüber zu informieren, was wir jetzt über ihn wissen. Das erfundene Studium, die angebliche Bankkarriere, die Schulden, die Arbeitslosigkeit, das Kind, für das er nichts bezahlt.

Marie heißt nicht Marie, auch Bianca und Leila heißen anders. Und Tim heißt nicht Tim. Seinen echten Namen könnte ich hier nicht erwähnen, ohne dass mir juristische Folgen drohen. Wie gern würde ich schreiben: Liebe Frauen, trefft euch nie mit dem Mann namens … ! Es liegen und lagen gegen Tim laut diversen Frauen mehrere Anzeigen wegen Nötigung, Betrug, Falschaussage und Verleumdung vor.

Ich habe durch Tim viel über mich gelernt. Ich weiß jetzt, wo meine wunden Punkte sind – und was ich suche. Viele der Frauen, die ich traf, hatten seit Tim keinen Partner mehr. Angst, Unsicherheit und Enttäuschung sind noch lange da, nachdem er verschwunden ist. Ich habe nicht aufgehört zu daten. Aber ich bin vorsichtiger. Tim ist nun eben Teil meiner Geschichte. Und ich will mit meiner Offenheit auch zeigen, dass er mich genauso wenig gebrochen hat wie Marie, Leila und Bianca. Mein Herz ist nicht kaputt.


Anmerkung: Michèle Loetzner hofft, dass sich auf diesen Beitrag hin noch weitere Frauen melden, denen es ähnlich ergangen ist. Zuschriften erreichen Loetzner über unsere Adresse redaktion@relax-guide.com. Von dem Honorar für diesen Artikel fuhr sie übrigens mit Marie, Bianca und Leila in den Urlaub.

Und alles wird federleicht …

Das Kranzbach

Was passiert, wenn ein japanischer Weltklasse-Architekt auf einer Lichtung in einem Zauberwald einen Meditations-Pavillon baut? Ein kleines Wunder, das erstens staunen und zweitens ein deutsches Spitzenwellnesshotel noch einzigartiger macht.

Das wirkliche Leben ist erfinderischer als jeder Romanautor. Das wussten große Literaten allerdings schon immer. Man stelle sich vor, jemand will eine Hütte im Wald bauen, mit einer Holzterrasse dazu. Und weil es was „G’scheites“ werden soll, kommt er auf die Idee, einen Architekten zu engagieren, der gerade im schottischen Dundee für 100 Millionen Euro ein kühnes Museum entworfen hat. Mehr noch: Der Mann beschäftigt sich gerade mit der Errichtung des neuen, 1,3 Milliarden Euro teuren Olympiastadions in Tokio. Nun, es ist ein bisschen so, als wollte man für eine Geburtstagsfeier im kleinen Kreis die Rolling Stones engagieren – und schafft das auch! Nennen wir es das Streben nach dem Allerfeinsten.

Das Kranzbach

Das neue Meditation House

Der Architekt hat einen wirklich originellen japanischen Namen, er heißt Kengo Kuma, und er kommt tatsächlich und leibhaftig ins Elmau-Tal nach Bayern zu diesem unverwechselbaren Wellnesshotel, dessen historischer Trakt anmutet wie ein englisches Schloss. Vor der gewaltigen Kulisse des bayerischen Wettersteingebirges geht er mit angestrengtem Gesicht und dem Auftraggeber im Wald spazieren. Dann sagt Kengo Kuma auf einer kleinen Lichtung mit vielsagendem Blick: „Der Boden spricht mit mir. Das ist der Platz. Hier bauen wir.“

So jedenfalls erzählt es der inzwischen 74-jährige Tourismusvirtuose Jakob Edinger, der das Anwesen 2007 bei einem Spaziergang zufällig entdeckt hatte. Und danach keine Minute verlor, es auch zu kaufen.

Edingers Gespür für höchste Güte führte ihn auch zu Kengo Kuma. Der kühne Entwurf wurde tatsächlich ein baulicher Glücksfall, über dessen Kosten man aber wohl nur mit viel Gleichmut meditieren kann. Dem japanischen Stararchitekten, der das kleine Projekt als Ausgleich zu seinem Megabauwerk in Tokio mit Hingabe betrieb, gelang es, die „Holzhütte“ im Wald kurzerhand auf die Weltkarte der modernen Spa-Architektur zu hieven.

Als hölzernes Baumaterial wurde Weißtanne verwendet, weil sie „so leise ist“. 40 vornehmlich lokale Firmen setzten einen außergewöhnlichen Entwurf um. Ähnliches gibt es in Deutschland nicht einmal ansatzweise. Am spektakulärsten ist wohl das Innendach aus 1.550 steirischen Weißtannenschindeln, das aussieht, als wäre ein frisch geschnittener Scheiterhaufen von mystischer Kraft in den Himmel gezogen worden. Die Gäste spazieren vom Hotel rund 200 m durch einen belebenden Wald zu dem eingeschoßigen Pavillon, um dann von hochkarätigen Meistern der Meditation und umgeben von der Kraft des Waldes in der Kunst der eigenen Erdung unterwiesen zu werden. Im Jahr 2019 sind übrigens insgesamt 27 mehrtägige Yoga- und Meditations-Retreats geplant, Yoga und Meditation gibt es außerhalb dieser Termine zumeist zweimal täglich.

Das Kranzbach

Das Kranzbach erfreut seine Gäste allerdings schon vorher, unter anderem mit einem von herrlichen Baumwipfeln umgebenen Baumhaus. An herrlicher Natur herrscht hier ja kein Mangel. Eine 13 Hektar große Bergwiese umgibt diese außergewöhnliche Wellnessadresse, und dahinter liegen die Wälder der Bayerischen Staatsforste, umringt von den Gipfeln des Karwendel und der Zugspitze. Der Bayerische König Ludwig II., der Schönheit wie dem Wahnsinn gleichermaßen zugetan, ließ sich hier übrigens gerne in kalten Winternächten mit einem Pferdeschlitten zu seinem Jagdschloss bringen.

Als Vier-Lilien-Hotel bietet das Kranzbach freilich auch ein weitläufiges Spa mit mehreren Innen- und Außenpools, darunter ein 21 m langes, ganzjährig beheiztes Außensportbecken (Temperatur: 29 Grad) und ein anregender Salzwasserpool. Wirklich außergewöhnlich ist aber ein Stück japanischer Badekultur: der Onsen. Bei frischer Luft und 40 Grad warmem Wasser lösen sich Verspannungen, und die innere Ruhe kommt wie von selbst. Instant-Nirwana sozusagen.

Und während die Durchblutung von Haut und Muskulatur allmählich zunimmt, erinnert man sich unweigerlich an das berühmteste Haiku-Gedicht Japans: Der Frosch. Es lautet so:
Der alte Teich.
Ein Frosch hüpft hinein.
Das Geräusch des Wassers.


Mehr: Das Kranzbach, Fon +49-(0)8823-928000, www.daskranzbach.de und RELAX Guide – Das Kranzbach
Fotos: Anneliese Kompatscher

Gutes Wasser – schöne Kristalle

Steirerhof

Gutes Wasser belebt und heilt, das weiß jeder, der es einmal erfahren hat. Gutes Wasser lässt sich aber auch abbilden: unter dem Mikroskop, als wunderschöner Kristall. Der Japaner Masaru Emoto hat es entdeckt, ein Spitzenhotel in Bad Waltersdorf hat es ausprobiert.

„Shinshin“ ist das japanische Wort für etwas, das noch keiner je gehört hat: den Ton des immer dichter fallenden Schnees oder auch den Ton der hereinbrechenden Nacht. Gibt es diese Töne überhaupt oder können wir sie nur nicht hören, weil unser Ohr lediglich auf Frequenzen zwischen 15 und 20.000 Hertz beschränkt ist? Und kann Wasser Informationen aufnehmen, Positives wie Negatives, kann es auf Gedanken und Gefühle von Menschen reagieren?

Ja, sagte der vor fünf Jahren verstorbene japanische Alternativmediziner, Forscher und vielfache Buchautor Masaru Emoto, denn alles im Universum ist Schwingung. Unterschiedlich „aufgeladenes“ Wasser bringt auch unterscheidbare Schwingungen hervor, die uns wiederum mehr oder weniger guttun. Emoto, der sich sein Leben lang mit den Eigenschaften des Wassers beschäftigt hatte, sprach dem Wasser so etwas wie eine „Seele“ zu. Unter dem Mikroskop fotografierte er Kristalle von Wassertropfen und fand heraus, dass nur gutes Wasser schöne Kristalle ergibt, während schlechtes, also etwa verunreinigtes, hingegen geschwulstartige Strukturen hinterlässt. Nicht nur das: Die Strukturen lassen sich verändern, durch Gebete, durch gesprochene Worte oder Musik. Jede Art von Musik bringt ihre eigene Struktur hervor, und schlechtes Wasser lässt sich durch positive Schwingungen – wie sie eben Gebete oder Musik erzeugen – in gutes Wasser verwandeln.

Der Steirerhof

Gutes Wasser steht auch im Fünfsternhotel Der Steirerhof in Bad Waltersdorf im Zentrum der Aufmerksamkeit, was Wunder, geht es doch schließlich um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Gäs-te. Aus diesem Grund entschloss man sich im Steirerhof, die Wasserqualität der Hotelpools nach der Methode Masuru Emotos veranschaulichen zu lassen – und zwar von der von Emoto mitbegründeten Firma Hado Life, die in Vorarlberg beheimatet ist und bereits seit 15 Jahren die formgebenden Bildkräfte von Wasser mittels mikroskopischer Eiskristallbilder untersucht. Das Ergebnis: „Der Steirerhof hat sehr gute Wässer“, resümiert Hado-Life-Chef Rasmus Gaupp-Berghausen.

Gutes Wasser gibt es im Steirerhof in zahlreichen Variationen, insgesamt kann man sich an sieben Pools mit unterschiedlichen Temperaturen (20 bis 38 Grad) und verschiedenartiger Mineralisierung erfreuen, die gesamte Wasserfläche beträgt nicht weniger als 800 m². Aus 1.200 m Tiefe sprudelt zum Beispiel eines der schonendsten Thermalheilwässer Österreichs in vier der Becken, neben der herrlich regenerierenden Wirkung gibt es Heilanzeigen bei Rheumaleiden und Erschöpfungszuständen.

Etwas ganz Besonderes ist auch das Solebad aus der hauseigenen Thermalquelle. Salz und Wasser zählen zu den Grundbausteinen allen Lebens, der menschliche Körper besteht übrigens zu mehr als 70 Prozent aus Wasser. Nach Emoto vermittelt Sole genau jenes Schwingungsmuster, das uns bei Disharmonie und Krankheit fehlt. Sole ist ein Wasser voller Kraft. Ein 20- bis 30-minütiges Solebad führt zu Einlagerungen der kristallinen Strukturen des Salzes in der Haut und kann bis zu 100 Stunden nach dem Bad auf den Körper wirken. Solebäder fördern die Durchblutung der Haut und wirken positiv bei Hautleiden, Allergien, Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen.

Der Steirerhof
Links: toxisches Flusswasser mit krebsartiger Struktur. Nach mehrstündigem Gebet ist die Wasserprobe verändert.
Der neue Kristall zeigt sich wunderschön (rechts).

Viele Menschen schwimmen zwar gerne, mögen aber chlor- oder ozonhaltiges Wasser nicht. Wer in möglichst natürlichem Wasser baden möchte, der findet im Steirerhof etwas ganz Spezielles: Österreichs wohl feinsten Naturpool mit seengleichem Wasser, und das mitten in der steirischen Weinlandschaft. Es handelt sich um das größte hierzulande je gebaute Tannenholzbecken. „Wir wollten naturbelassenes Wasser, das aber auch den strengen Kriterien des Bäderhygienegesetzes entspricht“, sagt Hoteldirektorin Gunda Unterweger, die mit ihrem Mann Werner seit vielen Jahren das renommierte Haus führt. „Es war eine echte Herausforderung, weil das Projekt mit hohen Auflagen der Behörden verbunden war.“ Zugänglich ist der wunderbare Naturpool nur für Nacktbadende, die sich dann bei frischer Luft fast wie im Paradies fühlen können.

Der Steirerhof überzeugt freilich nicht nur mit der Vielfalt an herrlichen Pools, sondern auch in anderen Bereichen. Spa und Restaurants etwa sind ausschließlich Hotelgästen zugänglich, damit Ruhe und Erholung gewährleistet bleiben. Die ausgezeichnete Küche setzt auf Natur – die Kräuter kommen aus dem eigenen Garten, Fleisch, Eier und Milch aus ökologischer und tiergerechter Haltung.

Wäre da noch die fabelhafte Restaurantterrasse zu nennen, das zuvorkommende Service – und der bezaubernde Charme der Gastgeberin. Kein Wunder also, dass der Steirerhof vom RELAX Guide seit 17 Jahren in Folge mit vier Lilien ausgezeichnet wird.


Mehr: Der Steirerhof, 08000-311412 (zum Nulltarif), +43-(0)3333-3211-0, www.dersteirerhof.at und RELAX Guide – Der Steirerhof
Fotos: Hado Life, Office Masaru Emoto, Der Steirerhof Bad Waltersdorf

Yoga, please, aber richtig!

Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel

Immer mehr Menschen entdecken Yoga zur Stärkung von Körper und Geist. Doch längst nicht alle Yogalehrer sind auch fachlich genügend versiert. In diesem Wellnesshotel ist das anders!

Muskeln spüren, von denen man nicht einmal gewusst hat, dass sie Teil des eigenen Körpers sind: Auch das kann man in einem Wellnesshotel erleben, freilich vorausgesetzt, die zuständigen Therapeuten und Coaches sind fachlich auch dementsprechend versiert. Petra Barta, die Gastgeberin des G’sund- & Naturhotels Die Wasnerin, einem vom RELAX Guide mit drei Lilien ausgezeichneten Haus im Ausseerland, hat dies schon öfter selbst erfahren. Zuletzt im hoteleigenen Spa, bei einer Nuad-Thai-Massage: Diese Kombination aus passivem Yoga und Akupressur – man trägt dabei leichte Trainingsbekleidung – führt unerwartet schnell zu völliger Tiefenentspannung. Und eben auch zu unerwartetem, aber dennoch irgendwie wohltuendem Muskelkater am nächsten Tag.

Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel

Petra Barta, die den Traditionsbetrieb im steirischen Salzkammergut vor sechs Jahren übernommen hat, unterzieht prinzipiell alle Angebote des Hauses selbst einem kritischen Test. Den Löwenanteil macht mittlerweile das Thema Yoga aus. „Viele Gäste kommen genau deswegen zu uns.“ Aus gutem Grund: In der Wasnerin entwickelt man sich in Sachen Yoga ständig weiter. Aus dem fünfköpfigen Therapeutenteam ist immer jemand in einer weiterführenden Ausbildung – und wir reden hier nicht von den üblichen Schnellsiedekursen! Eine Mitarbeiterin etwa lässt sich derzeit zur Expertin für transpersonale Klangtherapie schulen; demnächst möchte man nämlich auch „Yoga und Klangtherapie“ ins Angebot aufnehmen. Als Einzeltherapie, wie die charmante Gastgeberin erklärt, die mithilfe von monotonen Klängen großer Gongs energetische Blockaden lösen soll. Im Vorfeld wird es jeweils ein Gespräch mit der Therapeutin geben, in dem auch psychosomatische Beschwerden zur Sprache kommen können. Und man wird nach einer solch tiefgehenden Behandlung, bei der die Seele behutsam auch einmal auf unbekanntere Pfade gelotst wird, nicht einfach so entlassen: „Man muss den Gast richtiggehend in den Tagesrhythmus, in die Hotelwirklichkeit zurückholen.“

60 Prozent üben Yoga falsch aus, das führt zu körperlichen Schäden

Ein besonderer Schwerpunkt in diesem feinen Hotel ist neuerdings die Yogatherapie. „So viele Menschen praktizieren heutzutage Yoga, aber nicht richtig und oft zu exzessiv. Sogar manche Yogalehrer sind da auch keine Ausnahme“, erläutert die kundige Chefin der Wasnerin. Petra Barta spricht von nicht weniger als 60 Prozent, die aufgrund von falsch ausgeübtem Yoga unter Abnützungserscheinungen leiden oder gar kleine Verletzungen davongetragen haben: „Tatsächlich kann man sehr viel falsch machen. Treten dann noch ein übergroßes Ego, Perfektionszwang und schlecht ausgebildete Yogalehrer hinzu, kann man sich schnell seine Gesundheit ruinieren.“

Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel

In den Yogatherapiestunden – zwei Lehrer im Haus haben dafür eine lange Ausbildung gemacht – wird nun in Kleinstgruppen von maximal vier Teilnehmern individuell an der Korrektur falsch eingelernter Bewegungsabläufe gearbeitet.

Egal, für welches Yoga-Angebot man sich als Gast in der Wasnerin entscheidet – ob eben Yogatherapie, Entgiftungs-Yoga, Anfängereinzelstunden oder Aerial Yoga, für das man sich in spezielle Stoffschlaufen hängt und mit dem eigenen Körpergewicht arbeitet: Mittels Ernährung kann man den Körper zusätzlich unterstützen. Auf Wunsch gibt es vegane Küche auf hohem Niveau, was bereits seit geraumer Zeit zum Standardrepertoire der Wasnerin-Köche zählt. Auch die Detox-Küche zur Regulierung des Säure-Basen-Haushalts beherrscht man hier.

Yoga nicht nur in geschlossenen Räumen anzubieten, ist der engagierten Wasnerin-Gastgeberin schon länger ein Anliegen: So nimmt man die Gäste mit zu Sessions am See, genauer gesagt an den Grundlsee und den Altausseer See, entführt sie mitunter in alpines Gelände und zu Kraftplätzen im Wald. Und zwar sommers wie winters. Schnee ist kein Hindernis für Yoga, im Gegenteil. Die Natur vermag uns im Winter noch fürsorglicher in einen wohltuenden Mantel aus Ruhe zu hüllen. Dank schnellerer, besonders fließender Abläufe kühlt man auch nicht leicht aus – und wenn doch einmal, so kann man sich in einer der Saunen des mehrstöckigen Wasnerin-Spas wieder ordentlich aufwärmen. Eine Tasse Tee von der Teebar, eine Kuscheldecke, und ab in die Liege mit Panoramaausblick auf den Dachstein-Gletscher. Den Bewegungen nachspüren …


Mehr: Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel, Fon +43-(0)3622-52108, www.diewasnerin.at und RELAX Guide – Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel
Fotos: Tina Reiter, Nora Köck, Alexander Koller, feel free

Ein Traum für zwei

Geinberg5 Private Spa Villas

Die Oma schenkte unserer Autorin zur Hochzeit einen Hotelgutschein. Nichts Gewöhnliches, etwas ganz Besonderes sollte es sein. Nämlich ein Honeymoon wie aus dem Bilderbuch. In einem Mini-Resort im oberösterreichischen Geinberg ist das dann tatsächlich gelungen.

Schon als kleines Mädchen habe ich von einer Prinzessinnenhochzeit geträumt: ein Traum, der im letzten Winter mit Roland in Erfüllung ging. Unsere Hochzeit war ein fulminantes Fest, vor lauter Planen und Organisieren schafften wir es allerdings nicht mehr, uns auch über unsere Flitterwochen Gedanken zu machen. Anna, meine allerbeste Freundin, hatte jedoch einen Tipp parat: die Geinberg5 Private Spa Villas. Sie war selbst schon dort gewesen, es sei ein luxuriöses Mini-Resort und geradezu ein Traum für Verliebte. „Es sind die Malediven von Österreich“, schwärmte sie. Das klang etwas dick aufgetragen. Doch auf Annas Ratschläge, das wusste ich, konnte ich mich verlassen. Und unsere Freude war groß, als wir von meiner Oma einen Geschenkgutschein für dieses edle Wellness-Resort erhielten.

Geinberg5 Private Spa Villas

Heute kann ich sagen, dass wir uns ein besseres Hochzeitsgeschenk gar nicht hätten wünschen können. Wir haben uns sogar noch einmal verliebt: in die riesige Suite mit dem privaten Badeteich, in die köstliche Küche des Zwei-Hauben-Restaurants Aqarium, in die exklusiven Wellnessbereiche. Und ganz besonders: in die unvergleichliche Privatsphäre.

Die Flugkosten auf die „Malediven“ konnten wir uns natürlich ersparen, die Anreise mit dem Auto war stressfrei und kurz. Wir kamen am frühen Abend an. Willi, unser freundlicher Butler, brachte uns zur Suite 650 – unserem Glück für die nächsten vier Tage. Es war, als beträte man eine Luxuswohnung: mit stilvoller Möblierung und stimmungsvoller Beleuchtung, mit offenem Kamin und einem wohlig-warmen Thermalwhirlpool unter einem herrlichen Sternenhimmel.

War es die sternenklare Nacht oder einfach nur die wundervolle Atmosphäre, die uns umgab, jedenfalls zeigte sich Roland so unverhofft wie urplötzlich als Romantiker. In einer Flaschenpost, die ich aus unserem Badeteich angeln musste, schrieb er, dass „jeder Tag mit Dir ein Geschenk“ sei.

Geinberg5 Private Spa Villas

Ein besseres Hochzeitsgeschenk hätten wir uns nicht wünschen können

Immer wieder denke ich gern an diese Tage im Geinberg5 zurück. Gleich am ersten Abend baten wir unseren Stets-zu-Diensten-Butler Willi, uns eine Flasche Champagner zu bringen – es wurden dann allerdings zwei. So feierten wir die ersten Stunden im Whirlpool auf der Terrasse, später wechselten wir in den privaten Wellnessbereich unserer Suite. Das war der Anfang eines Honeymoon at its best!

Den nächsten Tag begannen wir mit einem Frühstück, Willi brachte es uns in die Suite – wie bestellt pünktlich um 13 Uhr –, Eggs Benedict, French Toast, Minutensteak und köstliche Pancakes inklusive.

Dann gingen wir in den Hamam, in eine wunderschöne orientalische Erlebniswelt mit phantastischen Massagemöglichkeiten. Das „Juwel des Sultans“ war in unserem Honeymoon-Package übrigens inkludiert, schon die 60 Minuten der Seifenschaummassage erlebten wir als ausgesprochen wohltuend. Danach aber entwickelte sich in uns ein Gefühl, wie neu geboren zu sein. Gleichsam wie auf Wolken schwebten wir buchstäblich zurück in unsere Suite. Zum Nachruhen, eingehüllt auf der Terrasse, unter den zarten Strahlen der Frühlingssonne. Aber dann – „was ist denn los, sind wir bereits süchtig geworden?“ – ließen wir uns nochmals massieren, diesmal kam aber die Masseurin zu uns in die Villa. Herrlich!

Geinberg5 Private Spa Villas

Ich denke, die Geinberg5 Private Spa Villas sind eine ganz eigene Welt, etwas, das man heutzutage mit der Lupe suchen muss. Es ist kein Großhotel, jedoch ein einziger großer Ruhepol. Dabei ein ganz kleines Resort mit nicht mehr als 21 Suiten. Sie sind unfasslich weitläufig – jede Suite misst mindestens 114 m2, also etwa das Vierfache eines üblichen Hotelzimmers –, hinzu kommen Terrasse, ein kleiner Garten und die private Badebucht mit Steg in einem riesigen Naturbadeteich. Und das eigene Spa in der Suite. All das macht Geinberg5 zu einer Top-Adresse für Verliebte – und alltagstüchtige Männer schnell zu Romantikern.

Oma hat eben schon immer gewusst, was gut für mich ist. Danke, liebe Oma!


Mehr: Geinberg5 Private Spa Villas, Fon +43-(0)7723-8501-5555, www.geinberg5.com und RELAX Guide – Geinberg5 Private Spa Villas
Fotos: Geinberg5 Private Spa Villas

Kraftplatz für Ausgepowerte

Lanserhof Lans

Der Name Lanserhof steht für die zwei führenden Gesundheitshotels Europas. Sie sind luxuriös, aber teuer. Deswegen hat unsere Autorin lange überlegt. Schließlich fuhr sie doch in den Lanserhof Lans. Denn sie war durcheinander und völlig erschöpft. Ein Erfahrungsbericht.

Mein persönlicher Akku? Rot blinkend, wie unter 10 Prozent. Die letzten Monate waren echt hart. Schreiben ohne Ende, immer neue Ideen haben müssen, der ständige Druck. Zuhause: Baustelle wegen Dachausbau, Lärm schon ab sechs Uhr früh. Viel Kaffee – und zu viel Sprudel nach Feierabend. Meine Verdauung? Völlig durcheinander. Wassereinlagerungen im Gesicht, die einfach nicht mehr weggegangen sind. Schlechter Schlaf. Und ein Gefühl, als ob Tausende mikroskopisch kleine aufgescheuchte Vögel durch die Beine flattern.

Lanserhof Lans

Ich hatte vom Lanserhof gehört. Eine Top-Adresse zum Entgiften, eine Energiestation zum Aufladen. Teuer. Habe lange überlegt. Irgendwann war mir klar: Du hast schon in blödere Sachen investiert als in dich selbst. Und: Eine richtig lange Auszeit ist beruflich nicht drin. Dann bin ich hingefahren – für eine Woche. Tolles Haus, traumhaft schön gelegen, großartige Interieurs, absolutes Geborgenheitsgefühl.

Gleich nach der Ankunft hieß es: ab zur Bioimpedanzanalyse. Da wirst du verkabelt und sie messen Dinge wie Körperfett, Muskelmasse, Wasserhaushalt. Sie beurteilen deinen Gesundheitszustand hier nicht mehr nach Gewicht oder Body Mass Index, sondern nach der Körperzusammensetzung. Die Ärztin, die mich die ganze Woche betreut hat (allein neun Ärzte arbeiten hier), hat dann auch gleich gesagt: Sie müssen im Alltag schon noch weitermachen mit der Kur.

Ernüchternd: In den ersten Tagen wählst du für Frühstück und Lunch zwischen Milch und Joghurt-Varianten, am Abend suchst du dir eine Suppe aus. Aber für den Darm ist es richtig gut, wenn er mal entlastet wird. Der Darm ist es nämlich, der bestimmt, ob du Bäume ausreißen könntest und dein Gesicht strahlt oder ob du dich nur durch den Tag schleppst, von allem gleich genervt bist und nur mit viel Kaffee überlebst. Übrigens, das fand ich spannend: Die Giftstoffe von Kaffee oder Alkohol muss der Körper in den Zellen mit Wasser verdünnen – deshalb das Aufgeschwemmtsein! Nach der Detox-Drainage bin ich erstmal halb ins Koma gefallen. Ich falle überhaupt extrem früh todmüde ins Bett. Um halb neun schon!

Lanserhof Lans

Am dritten Tag gab es sogar Avocado zum Frühstück, dazu Buchweizentoast und Haferschleim. Du musst jeden Bissen dreißigmal kauen und darfst eine halbe Stunde vor und nach dem Essen nichts trinken. Was seltsamerweise wirklich dazu führt, dass du nach 20 Minuten satt bist und dich schön leicht fühlst. Ich bekam eine Salztherapie für die Haut, einen Termin beim Craniosacraltherapeuten, der dir die Muskeln und Knochen an bestimmten Punkten massiert, was die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Und immer wieder einen heißen Leberwickel zum Entgiften.

Lanserhof Lans

Am fünften Tag hatte ich ein ionisches Fußbad und einen veganen Kochkurs. Am Nachmittag dann: Termin bei der Ärztin. Wir haben uns auch über meine Ernährung unterhalten. Ich wusste nicht, dass Orangensaft und Früchte im Darm fermentieren, dann quasi als Alkohol gelten und Gift für die Leber sind. Am nächsten Tag war ich bei einem Ernährungsvortrag, auch wieder spannend. Ansonsten gab es fast nur noch Wohlfühltermine – eine Kopf- und Gesichtsmassage, eine Stunde Functional Training, Beauty-Behandlungen. Die Derma-Abteilung im Lanserhof kann echt was. Ich werde sie vermissen. Irgendwie ist die Zeit hier viel zu schnell vergangen. Am Anfang bist du damit beschäftigt, dich einzufinden – wo ist der heiße Salzpool, wo die Massageabteilung, wann muss ich das Bittersalz nehmen, etc. Zum Glück sind alle hier sehr freundlich. Es war kein normaler Urlaub. Aber: Mein Akku ist wieder voll. Und ich weiß jetzt, wie er aufgeladen bleibt.


Mehr: Lanserhof Lans, Fon +43-(0)512-38666-0, www.lanserhof.com und RELAX Guide – Lanserhof Lans
Fotos: Alexander Haiden

In Augenhöhe mit der Festung

Gmachl Genussdorf

Vor den Toren der Mozart-Stadt: Ein Salzburger Traditionsbetrieb hat mit einem fabelhaften Adults-only-Wellnessbereich auf dem Dach einen Anziehungspunkt der besonderen Art geschaffen: Man schwitzt und schwimmt hier mit sensationellen Ausblicken.

Für die meisten Gäste des Salzburger Wellnesshotels Gmachl Genussdorf ist völlig klar, wo sie zuerst hinwollen: ins Dach-Spa. Und angesichts der sensationellen Ausblicke von hier oben ist der Griff zum Handy geradezu obligatorisch, wie Gastgeber Franz Gmachl erzählt: „Vor allem junge Gäste fotografieren sich hier selbst, paarweise oder einzeln.“ Der Infinity-Pool mit Blick auf die Festung Hohensalzburg, auf die Salzburger Hausberge, die Loferer Steinberge und sogar bis ins Tennengebirge hinein sei auf der Fotoplattform Instagram gewissermaßen schon ein Star, dank der zahlreichen Selfies mit Hashtag. Für das Hotel bedeutet diese Verbreitung via Social Media kostenlose Werbung. Das war freilich nicht das Motiv für den Bau des Dach-Spas, vielmehr ging es um eine Aufwertung und Erweiterung der Wellnessinfrastruktur.

Gmachl Genussdorf

Das Gmachl Genussdorf in Bergheim, nur fünf Kilometer von der Salzburger Altstadt entfernt, ist ein Hotel, das der Konkurrenz innerhalb kurzer Zeit in vielerlei Hinsicht davongezogen ist. „Vor wenig mehr als einem Jahrzehnt entsprach dieser sympathische Familienbetrieb noch dem Typ ,Kirchenwirt mit Metzgerei‘“, schreibt der aktuelle RELAX Guide.

Nach gewaltigen Modernisierungen zählt das Gmachl Genussdorf nun mit vier von vier Lilien zu den besten Hotels des Landes. Als unangefochtenes Highlight des Dach-Spas im vierten Stock – es ist übrigens erwachsenen Gästen vorbehalten, auch wenn das Haus durchaus kinderlieb ist – gilt der erwähnte Infinity-Pool. 14 Meter lang und auf wohlige 33 Grad beheizt, lockt er auch im Winter zum Panoramaschwimmen.

Gmachl Genussdorf

Ebenfalls auf dem Dach finden sich weiters eine Sauna, in der man in Augenhöhe mit der berühmten Salzburger Festung schwitzt (bis 22 Uhr in Betrieb!), ein Soledampfbad, eine Teelounge mit offenem Kamin sowie angenehm diskrete Ruhekojen samt Leselämpchen, Letzteres als Teil einer weitläufigen und edel ausgestatteten Ruhezone. Der zweite Bereich des Gmachl-Spas ist Richtung Garten ausgerichtet und hält unter anderem weitere Ruheräume, eine romantische Solegrotte zum schwerelosen Schweben, einen bestens gepflegten Naturbadeteich samt Wasserfall und einen Whirlpool unter freiem Himmel parat. Und natürlich eine Saunalandschaft mit Außensauna; nach einem der täglichen Aufgüsse kann man sich in dem 10.000 Quadratmeter großen Garten an der frischen Luft abkühlen.

Gmachl Genussdorf

Nun könnte man meinen, ein solches Hotel mit einem weitläufigen Garten, mit diesem Fernblick, läge völlig abgeschieden. Das Gmachl Genussdorf ist aber an einem neuralgischen Punkt des Ortes Bergheim angesiedelt. Und mit diesem traditionsgeladenen Standort hat auch der zweite Name des Hotels zu tun: Genussdorf wird es deshalb genannt, weil es – höchst ungewöhnlich für ein Wellnesshotel – auch eine eigene Brauerei, eine Metzgerei sowie ein Wirtshaus beheimatet.

Schon vor Jahrhunderten hat man im Stammhaus auf der Dorfplatzseite Fleisch verarbeitet, Gastgeber Franz Gmachl ist selbst Metzgermeister. Hier entstehen wunderbarer Leberkäse, zahlreiche Wurstsorten, Schinkenspezialitäten … Diese Köstlichkeiten werden im hauseigenen Delikatessenladen verkauft – neben Pestovariationen und Marmeladen aus der Küche des Gmachl, eigener Schokolade, Seifen und Dekoartikeln. Und natürlich dem Bier: In den kupfernen Braukesseln, die die Gäste schon beim Hereinkommen sehen, entstehen mehrere Sorten des ungefilterten Bierstils Zwickl. „Es gibt kaum einen Gast, der nicht unser Hausbier mitnimmt – ob das helle, das dunkle oder das Weißbier“, freut sich Franz Gmachl. Einmal pro Woche lädt man zu Verkostungen, bei denen neben den Gmachl-Bieren internationale Hopfenspezialitäten, vorrangig von Mikrobrauereien, durchprobiert werden, fachmännisch kommentiert – Sohn Franz ist Biersommelier.

Die Hausbiere werden übrigens auch im Wirtshaus namens Franz der Wirt ausgeschenkt, dessen Ursprünge ins Jahr 1858 zurückreichen. Damals galt es, die Fuhrleute des Flachgaus und deren Pferde zu versorgen. Ein Dach-Spa war da freilich nicht einmal eine Utopie …


Mehr: Gmachl Genussdorf, Fon +43 (0)662-452124-0, www.gmachl.at und RELAX Guide – Gmachl Genussdorf
Fotos: Gmachl Genussdorf

Dolce Vita – Aber nur für Paare

Foto: Preidlhof Luxury DolceVita Resort

Romantische Suiten und ein herrliches Spa: ein Adults-only-Resort im Meraner Land.

Ruhig am Ortsrand und umgeben von Weingärten, Apfel¬hainen und Olivenbäumen liegt diese aus drei Gebäuden bestehende, bestens gepflegte Anlage, das Fünfsternhotel Preidlhof Luxury DolceVita Resort. Vor kurzem wurde das Haus komplett modernisiert, Grautöne mit pinken Akzenten bestimmen nunmehr die Fassaden und das Ambiente. Adults only heißt die Zielgruppe, das Mindestalter ist 16 Jahre, und alles ist auf ruhesuchende Paare ausgerichtet – Wellness und Romantik inklusive.

Auf der Suche nach Letzterem wird man im Preidlhof schnell fündig: vor allem bei den Zimmern, die aus zahlreichen Varianten wählbar sind. Darunter etwa Love-Suiten und Penthouse-Suiten, die mit Outdoor-Living-Room, Sauna, Rooftop-Whirlpool, eigenem Infinity-Pool und Butler-Service begeistern. Das weitläufige Spa offeriert sechs Pools mit verschiedenen Temperaturen und Wässern, darunter ein 23 m langes, ganzjährig nutzbares Freibecken, das durch einen Tunnel in ein FKK-Freibecken übergeht, sowie ein 20 m langer Infinity-Sportpool am Dach. Ein weiteres Highlight ist der brandneue Spa-Tower, er bietet auf sechs Ebenen Saunen und feine Ruhezonen sowie Soleaußenpool. Aufgüsse mit Show-Charakter gibt es für jeden Geschmack – von „Sandmann“ bis „Rockability“ –, und Michael, Italiens Nummer-eins-Saunameister, zelebriert sie!

Foto: Preidlhof Luxury DolceVita Resort

Verwöhnende Extras für Liebende

„Für Honeymooner und für einen romantischen Anlass sind wir der Spezialist“, resümiert Klaus Ladurner, der Gastgeber des familiengeführten Preidlhofs. Denn es seien nicht nur die stimmungsvollen Details in den Zimmern und feine Dinge wie außergewöhnlich viel Privatsphäre und Butler-Service, sondern auch die Geschenkideen für den Partner, die das Haus nach Gästewünschen entwickelt hat. Ladurner: „Zum Beispiel Massagen im Olivenhain, romantische Zimmerdekorationen plus Bettwäsche aus feinstem Satin, das Überraschungs-Dinner am Pool oder der Ausflug mit dem Porsche-Boxster-Cabrio.“ Die vollständige Liste der zubuchbaren, verwöhnenden Extras für Liebende ist freilich noch bedeutend länger.

Doch was wäre eine romantische Auszeit für zwei ohne Genuss für den Gaumen? Klaus Ladurner: „Wir sind uns dieser hohen Ansprüche natürlich bewusst. Daher bieten wir ausschließlich haubengekrönte Gourmetküche an.“ Begleitet wird sie übrigens von kostbaren Tropfen – auch solchen aus eigenem Anbau. Und am Nachmittag wird das im Preis inkludierte Buffet mit Schauküche regelrecht gefeiert.


Mehr: Preidlhof Luxury DolceVita Resort, Fon +39-0473-666251 und www.preidlhof.it
Fotos: Preidlhof Luxury DolceVita Resort

Das Kleinod hoch über Meran

Castel Dorf Tirol

Ruhe, Privatsphäre und Geborgenheit, dafür steht dieses Wellnesshotel in Dorf Tirol. Aber auch für die guten alten Hoteltugenden: bestens geschulte Mitarbeiter und feine Tischkultur.

Wir leben in Zeiten kollektiver Unvernunft, leider. Fünf Sterne sind heute oft nicht mehr das, was sie einmal waren: Immer häufiger sitzt man etwa an – viel zu kleinen – Kunststofftischen, statt einem Tischtuch gibt es ein Plastikset. Der Kellner schüttelt bei der Frage nach Amaro Pugliese ungläubig den Kopf – „noch nie gehört“ –, und nach der Bestellung von zwei Metaxa kommen nicht diese, sondern zwei Taxis. Doch auch wenn man sie mit der Lupe suchen muss, es gibt sie noch, die Häuser, in denen die guten alten Hoteltugenden noch hochgehalten werden. Hoch über Meran, inmitten von Weinbergen und Apfelhainen, haben wir ein Exemplar dieser seltenen Spezies gefunden: das Castel in Dorf Tirol.

Castel Dorf Tirol

Stil, Charme und hohe Qualität

Es handelt sich um ein selten schönes Exemplar, um ein beherbergungsmäßiges Kleinod unter der sehr persönlichen Führung der Familie Dobitsch. Es wird vor allem Menschen gefallen, die einen Sinn für Stil, Charme und hohe Qualität haben.

Schon die Lobby erfreut das Auge: lichtdurchflutet, großzügig, helles Holz, Glas und Messing. Die insgesamt nur 45 Zimmer und Suiten sind sehr großzügig geschnitten und ausnahmslos nach Süden ausgerichtet. Das bedeutet einen traumhaften Ausblick, den bodentiefe Fensterfronten nochmals betonen. Jedes Zimmer hat Balkon, Klimaanlage, einen edlen Holzboden sowie stilvoll arrangierte Interieurs, die nicht auf aufreizend modische Verrenkungen setzen, sondern auf hochwertige Anmutung, auf heimische Naturmaterialien und unaufdringliche, zeitlose Eleganz, eine Wohltat!

Das gesamte Haus wurde vor kurzem einer Renovierung unterzogen, und während anderswo ständig neue Zimmertrakte hinzugebaut werden – und dadurch der Platz in den Wellnessbereichen schrumpft! –, hat man hier beim Umbau die Zimmeranzahl kurzerhand reduziert. Das ist alles andere als üblich, aber gerade deshalb höchst einnehmend. Denn „weniger Betten bei gleicher, großzügiger Infrastruktur bedeuten für unsere Gäste ein Mehr an Servicequalität, Privatsphäre und Geborgenheit“, wie die stets präsente Gastgeberin Evelyn Dobitsch resümiert. Sie war übrigens bereits 16 Jahre Gast im Castel, bevor sie es mit ihrem Mann kaufte!

Die besonders schöne Lage des Hotels erfreut auch im Spa, in dem die Panoramaidylle in nahezu allen Bereichen erlebbar ist, sogar in den Behandlungsräumen!

Knapp 50 Mitarbeiter arbeiten im Castel, und für alle gilt: Ein Nein gibt es nicht. „Ja“, sagt Evelyn Dobitsch, „denn ein Nein ist das absolute Unwort in unserem Umgang mit den Gästen.“ Tatsächlich erlebten wir die Mitarbeiter als überaus kompetent und aufmerksam, und tatsächlich bekamen wir niemals das Unwort zu hören. Und statt mit vor Höflichkeit triefender Steifheit wurden wir mit leichtfüßiger Herzlichkeit behandelt. Das hebt die Stimmung – einfach schön!

Castel Dorf Tirol

Doch nicht nur in Sachen Lage, Ambiente und Service punktet das Castel – der RELAX Guide bewertete es übrigens mit drei Lilien und 17 Punkten –, sondern auch mit seiner exzellenten Küche. Chefkoch ist Gerhard Wieser, und das seit 25 Jahren. Nach seiner Auffassung beginnt die Kunst des Kochens schon beim Einkauf, mit der sorgfältigen Auswahl aller Zutaten. Danach kommt der Respekt gegenüber der Natur und dem Eigengeschmack der Grundprodukte. Aus diesen Gründen bestimmen frische, hochwertige Erzeugnisse aus vertrauten Quellen und zum größten Teil direkt aus der Region die Speisekarten in den beiden Restaurants des Hauses.

Castel Dorf Tirol
Castel Dorf Tirol

Neben dem À-la-carte-Restaurant, in dem man als Halbpensionsgast dann auch à la carte (im Logispreis inkludiert!) speist, gibt es im Castel auch die „Trenkerstube“. Ein urig-kleines Stübchen, das vom Guide Michelin bereits seit einem Jahrzehnt mit zwei Sternen prämiert wird und damit zu den Allerbesten im Alpenraum zählt. Wieser nimmt dort die Gäste mit auf eine kulinarische Reise durch seine leichte, alpin-mediterrane Küche. Das erlesene Weinangebot mit den Schwerpunkten Südtirol und Italien sowie die feine Tischkultur machen den Genuss perfekt.

Noch etwas Fabelhaftes: die vielen Terrassen, für jeden Tagesabschnitt gibt es eine passende. Und dank des milden Klimas kann man von April bis Oktober im Freien frühstücken. Morgensonne inklusive!


Mehr: Castel Dorf Tirol, +39-0473- 923693 und www.hotel-castel.com
Fotos: Castel Dorf Tirol

Er öffnet uns die Augen

Foto: Manuel Perez Leal/Adobe Stock

„Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich die Finanzindustrie zur weitaus größten Macht auf unserem Planeten entwickelt. Sie hat die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen. Ihre Gier zerstört unsere Lebensgrundlagen und gefährdet unsere Zukunft.“ Der Bestseller-Autor Ernst Wolff spricht Klartext.

Wenn wir uns in der Welt umschauen, stellen wir sehr schnell fest: Die politische Stimmung ist so schlimm wie schon lange nicht. Es gibt keine politische Bewegung, keine wirtschaftliche Veränderung, die einem Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen würde. Dafür gibt es bedrohliche Entwicklungen. Am schlimmsten dürfte wohl die Möglichkeit eines Krieges zwischen den USA, China und Russland sein, wobei der Iran als Anlass genommen werden könnte.

Vor rund 30 Jahren hat Europa einen geradezu euphorischen Taumel erlebt. Damals war es zu Mauerfall und Wiedervereinigung sowie zum Zusammenbruch der Sowjetunion gekommen. All das wurde als „Aufbruch in ein neues Zeitalter“ gefeiert. Ein sehr bekannter amerikanischer Soziologe japanischer Herkunft, Francis Fukuyama, hat damals ein Buch geschrieben, das in 16 Sprachen übersetzt und zum Weltbestseller wurde – „Das Ende der Geschichte“. Die Kernaussage: Der Untergang des Ostblocks habe gezeigt, dass sich totalitäre Systeme überlebt und der Liberalismus sowie die freie Marktwirtschaft weltweit endgültig gesiegt hätten. Was von nun an folgen würde, sei eine unendliche Periode des Friedens und des Wohlstands.

Ernst Wolff

Die Explosion der sozialen Ungleichheit

Heute wissen wir, dass diese Periode nur wenige Jahre gedauert hat. Es kam zu den Jugoslawienkriegen, die die schwersten Luftangriffe seit 1945 nach Europa zurückbrachten. Mit dem 11. September ereignete sich der schlimmste Terroranschlag, den die USA jemals erlebt hatten. Es folgten weitere Kriege, unter anderem in Afghanistan, im Irak, in Syrien und im Jemen. Es folgten Finanzkrise, Eurokrise und danach die größte Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Folge der Eurokrise war, dass Hunger, Armut und Obdachlosigkeit in nie gekanntem Ausmaß in Südeuropa Einzug hielten und damit die wichtigste Entwicklung in der Welt widerspiegelten, nämlich die Explosion der sozialen Ungleichheit.

Diese immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich ist dadurch gekennzeichnet, dass auf der einen Seite Hunger, Armut und Verelendung immer schlimmer um sich greifen, auf der anderen Seite aber Aktienkurse, Anleihenkurse und Immobilienmärkte zu immer neuen historischen Höchstständen aufbrechen und dafür sorgen, dass eine kleine Gruppe von Menschen immer wohlhabender wird. Wir sehen heute, dass einzelne Individuen über einen größeren Reichtum verfügen als früher die Sonnenkönige. Wir sehen, dass alleine Bill Gates (Microsoft-Gründer), Jeff Bezos (Amazon) und Warren Buffet (größter privater US-Investor) über ein Vermögen verfügen, das dem der Hälfte der US-Bevölkerung – 165 Millionen Menschen – entspricht. Während also die Mehrheit zu den Verlierern des Systems zählt, gibt es auch Gewinner in der gegenwärtigen Entwicklung: Gruppen von Personen, die vom wirtschaftlichen und vom sozialen Niedergang enorm profitiert haben und die aus praktisch allen Krisen und Kriegen als Sieger hervorgegangen sind.

Sieht man etwas genauer hin, dann stellt man fest: Hinter diesen Personen steht eine Macht, die mit Vorliebe im Verborgenen arbeitet – die Finanzindustrie. Sie ist zu einer Macht geworden, die wesentlich größer ist als alles, was die Welt bisher gesehen hat. Die Finanzindustrie dominiert heute alle Länder der Erde, egal ob es sich um rückständige Monarchien oder parlamentarische Demokratien handelt. Sie hat sich die Medien und die Politik weltweit unterworfen. Und hat es dabei geschafft, selbst nahezu unerkannt zu bleiben!

Die Finanzindustrie verdankt das vor allem der Tatsache, dass die meisten Menschen ihre Wirkungsweise nicht verstehen. Sie meinen, dass es sich dabei um einen Teilbereich unserer Gesellschaft handelt, den der Normalbürger nicht zu verstehen braucht, weil er ihn ohnehin nicht durchschauen kann. Diese Haltung hat allerdings fatale Folgen.

Derart von Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit begleitet, hat es die Finanzindustrie im vergangenen Jahrhundert geschafft, die Welt in zwei Weltkriege zu stürzen, zahllose weitere Kriege vom Zaun zu brechen, die Welt auf Kosten der in Krisengebieten lebenden Menschen zu destabilisieren und die eigene Herrschaft zu festigen. Aber wer genau ist diese Finanzindustrie? Wer steht dahinter, und wie ist es ihr gelungen, den Rest der Welt vollständig zu unterjochen?

Die Oberhoheit über das Weltfinanzsystem

Werfen wir dazu einen Blick auf die Geschichte, beginnen wir im Sommer 1944 in Bretton Woods, einem Dorf an der Ostküste der USA. Hier trafen sich die Delegationen von 44 Ländern, um eine globale Finanzordnung festzulegen. Allerdings hätten 42 dieser Länder ihre Vertreter gar nicht zu schicken brauchen, denn es hatte zuvor dreijährige Geheimverhandlungen zwischen den USA und Großbritannien gegeben, in denen die Grundzüge des Abkommens bereits festgelegt waren. Der Kern war, dass der US-Dollar als Leitwährung eingeführt und damit weltweit jeder Markt für die Amerikaner geöffnet wurde. Das verschaffte den USA gegenüber allen anderen Ländern einen Wettbewerbsvorteil, den davor niemals ein Land gehabt hatte. Die US-Zentralbank, die Fed, erhielt damit mehr Macht als alle anderen Zentralbanken der Welt, und den Banken der Wall Street wurde damit die Oberhoheit über das Finanzsystem der gesamten Welt verschafft.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Im Jahr 2000 hielten die Zentralbanken der Welt 70 Prozent ihrer Währungsreserven in Dollar. Diese Dollars können aber nur von der US-Zentralbank gedruckt werden. Indem die USA neue Dollars drucken, machen sie sich selber reicher, gleichzeitig aber verarmen sie den Rest der Welt. Denn je mehr Dollars gedruckt werden, d­esto weniger ist der einzelne Dollar wert. Auf diese Weise ist die gesamte Welt abhängig von der Finanzpolitik der Fed.

Um diese Übermacht vollends zu verstehen, müssen wir noch einmal einen Schritt zurück in der Geschichte machen: Bezeichnenderweise beginnt das US-Finanzsys­tem im Wilden Westen, der im 19. Jahrhundert von immer größeren Einwandererströmen erobert wurde, was zu einem der größten Völkermorde der Geschichte führte – quasi ganz nebenbei wurden 800 Indianerstämme, ihre Kulturen und Lebensgrundlagen vernichtet. Aber die Einwanderer haben mit ihrer Masse auch dafür gesorgt, dass riesige Konzerne entstanden, und zwar in der Öl-, Stahl- und Bauindustrie. Diese Konzerne haben sich untereinander einen brutalen Wettkampf geliefert, das Geld dafür wurde in großem Stil über Kredite finanziert. Das wiederum hat dazu geführt, dass die damaligen Banken die ganz großen Gewinner dieser Entwicklung wurden.

Einer der wichtigsten Namen von damals ist John Pierpont Morgan, dessen Bank – J.P. Morgan – Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren hundert Vorständen von Konzernen gesessen ist. Diese Banken, die nach und nach immer mehr Macht an sich gerissen haben, waren in den USA relativ verhasst, weil die Familien, denen sie gehörten, in Saus und Braus lebten, während sehr viele der Einwanderer mit Armut, Hunger und sehr schlechten Lebensbedingungen zu kämpfen hatten.

Geheimes Treffen auf Jekyll Island

Doch diese Banken wollten noch sehr viel mehr, nämlich nichts weniger als die Gründung einer Zentralbank und damit das Monopol zum Gelddrucken! Dazu trafen sich die sechs wichtigsten Wall-Street-Banker und zwei Politiker im Spätherbst 1910 auf Jekyll Island – unter falschem Namen und angeblich zur Entenjagd. Die sechs Banker verkörperten übrigens etwa ein Viertel des damaligen Weltvermögens.

Das geheime Banker-Treffen auf Jekyll Island war erfolgreich. 1913 wurde die Fed, die Federal Reserve, als Kartell mit privaten Eigentümern gegründet. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollte sich das System für die US-Banken zu einer wahren Goldgrube entwickeln: Sie vergaben an alle kriegsführenden Staaten Europas hohe Kredite.

Im Jahre 1916, also im dritten Jahr des Krieges, wurde US-Präsident Woodrow Wilson noch als „Friedenspräsident“ gewählt, weil er im Wahlkampf versprochen hatte, die USA aus dem Krieg herauszuhalten. Wenige Monate später sind dann die USA dennoch in den Krieg eingetreten. Denn bis Anfang 1917 sah es so aus, als würde Deutschland den Krieg gewinnen, aber das wäre für die Banken, die ihr Geld früher oder später wieder zurückhaben wollten, fatal gewesen, da Deutschlands Gegner in Summe wesentlich höhere Kredite hatten als Deutschland selbst. Die amerikanische Armee wurde daher eingesetzt, um den bislang siegreichen Deutschen die Niederlage beizubringen. Es gab natürlich vorher eine große Anti-Deutschland-Kampagne in den USA, mit Filmen wie etwa „Der Kaiser, die Bestie von Berlin“ wurde die Stimmung gegen die Deutschen als die Kriegsverantwortlichen angeheizt.

Nach Kriegsende wurde in Versailles festgelegt, dass Deutschland an England, Frankreich und Italien Reparationszahlungen leisten sollte. Das wurde dem Volk so verkauft, dass Deutschland eine schwere Schuld auf sich geladen hatte und nun Wiedergutmachung leisten sollte. In Wirklichkeit aber flossen diese Gelder über England, Frankreich und Italien sofort zurück in die Tresore der amerikanischen Banken, weil diese Länder ja hohe Kredite aus den USA zu bedienen hatten.

Danach kam es zur Weimarer Republik und zur großen Hyperinflation. Doch Inflationen geschehen nicht einfach so, Inflationen werden gemacht, und zwar von den Zentralbanken. Die Zentralbank der Weimarer Republik hatte einen entscheidenden Grund dafür, diese Inflation herbeizuführen. Denn Deutschland hatte den Krieg zu einem großen Teil mit Kriegsanleihen finanziert, die deutsche Regierung war also bei der eigenen Bevölkerung hoch verschuldet. Eine Hyperinflation bedeutet ja, dass das Geld völlig entwertet wird und dass dann gewisse Schulden sehr einfach zurückzuzahlen sind.

Die großen Banken kaufen 10.000 kleine auf

1929 kam es zum Wall-Street-Crash, zum bislang größten Börsencrash der Geschichte. Oft wird er so dargestellt, als sei er wie ein Naturereignis und völlig überraschend gekommen, doch dem ist nicht so. Die amerikanische Zentralbank hat damals ganz bewusst die Zinsen erhöht, sodass Gläubiger ihr Geld wieder zurückgefordert haben. Auf diese Weise haben die großen Banken mithilfe der Fed, die sie ja vorher gegründet hatten, dafür gesorgt, dass es zu diesem Crash kommt. Die Folge dieses Crashs war, dass in den USA 10.000 kleine Banken zusammengebrochen sind und von den großen Banken aufgekauft werden konnten.

Die hemmungslose Gier und die fehlende Moral der Wall Street zeigten sich in den folgenden Jahren ganz besonders in den Geschäften mit Hitler-Deutschland. Ein Beispiel: 1929 kaufte General Motors Opel, den damals größten deutschen Autohersteller, und verkaufte in der Folge 15.000 Lastwagen mit dem Namen „Blitz“ an die deutsche Wehrmacht, damit die­se mit den Lastern in Polen einrücken konnten.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die einstige Weltmacht Großbritannien hoch verschuldet und wirtschaftlich völlig am Boden, die USA hingegen hatten in den Zeiten des Wilden Westens und der beiden Weltkriege einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Die USA besaßen die stärkste Wirtschaft, waren die größten Gläubiger, verfügten über die größten Goldvorräte und hatten das stärkste Militär. Und sie verfügten als einziges Land über die Atombombe.

Mogelpackung Marshall-Plan

Doch trotz aller Macht und Größe gab es ein veritables Problem: Die US-Wirtschaft produzierte gegen Kriegsende hin viel mehr, als der heimische Markt aufnehmen konnte. Das heißt, man brauchte ganz dringend neue Märkte. Genau das war der Grund, warum die USA in Bretton Woods den Dollar zur weltweiten Leitwährung gemacht, den Dollar dort an das Gold und alle anderen Währungen an den Dollar gebunden haben. Das System von Bretton Woods bedeutet demnach nichts anderes als die Schaffung des weltweiten Diktats einer einzigen Währung.

Der Marshall-Plan wurde uns als Hilfsprogramm verkauft, angeblich hätte er dazu beigetragen, die deutsche Wirtschaft wieder anzukurbeln und den Armen mit Care-Paketen und Nahrungsmittelspenden zu helfen. Hier sieht man, wie die Finanzelite wirklich arbeitet: Tatsächlich war der Marshall-Plan ein riesiges Ankurbelungsprogramm für die US-Konzerne und Banken. Denn die Gelder aus Amerika kamen nicht als Geschenke, sondern als Kredite, dazu mit der Vorgabe, dass diese Gelder nur für Waren von amerikanischen Konzernen verwendet werden konnten! Besonders interessant dabei ist, dass die gesamten Nahrungsmittellieferungen nach Deutschland aber nicht von den Konzernen und Banken bezahlt wurden, sondern aus Steuergeldern. Das heißt, es waren amerikanische Steuerzahler, arbeitende Menschen, die die Nahrungsmittelpakete nach Europa bezahlt haben, die etwas gegeben haben, während die amerikanischen Banken und Großkonzerne genommen haben.

Ab 1948 setzte eine überraschende Entwicklung ein, der Nachkriegsboom, der ein Vierteljahrhundert andauern sollte. Doch das „Wirtschaftswunder“ war im Grunde nichts anderes als der Wiederaufbau von durch den Krieg Zerstörtem, begleitet von der Überflutung der Welt durch amerikanische Waren und amerikanisches Geld.

De Gaulle holte Frankreichs Gold zurück

Mitte der 1960er Jahre begann dann ein Prozess, der eigentlich schon vorher abzusehen war: Da die Fed immer mehr Dollars druckte und weltweit immer mehr Dollars in Umlauf waren, kam es zu einem immer größer werdenden Missverhältnis zwischen der bestehenden Goldmenge und der sich stets erweiternden Dollarmenge. Der Dollar war ja noch an das Gold gebunden, mit einem Preis von 35 Dollar pro Unze, und irgendwann bestand die Gefahr, dass, wenn alle Leute ihre Dollars in Gold umtauschen würden, nicht genug Gold da wäre, um die Nachfrage zu decken. Die Regierung hat daher zunächst den Goldkurs höher gesetzt, konnte aber nicht verhindern, dass die Investoren in aller Welt hellhörig wurden.

Hellhörig wurde etwa auch der französische Staatspräsident Charles de Gaulle. Er veranlasste, dass die in New York gelagerten Goldvorräte Frankreichs in Unterseebooten wieder zurückgeführt wurden. Das hat viele Investoren auf den Plan gerufen und die Nachfrage nach Gold so sehr erhöht, dass die USA irgendwann die Notbremse ziehen mussten: Am 15. August 1971 ließ der damalige Präsident Nixon zur Hauptsendezeit am Sonntagnachmittag die Lieblingsserie aller Amerikaner – „Bonanza“ – unterbrechen, um dem amerikanischen Volk zu verkünden, dass die Bindung zwischen dem Dollar und dem Gold aufgehoben sei.

Wir haben uns damals alle gefragt, wieso geht ein Präsident vor die TV-Kameras seines Landes und verkündet, dass die Währung vom Gold abgekoppelt wurde? Doch diese Maßnahme war fundamental, denn sie hat aus einer Währung, die durch Gold, also durch einen festen Wert, gedeckt war, eine Scheinwährung gemacht.

Mit der Loslösung des Dollars vom Gold kam es zu einer Neuentwicklung im Finanzsystem, die mit Deregulierung begann und die später zur sogenannten Finanzialisierung führte. Mitte der 1970er Jahre begannen die globalen Märkte, die nach der Überschwemmung mit amerikanischen Gütern weitgehend gesättigt waren, zu stagnieren. Unternehmensgewinne wurden geringer, worauf die Firmen versuchten, immer stärker zu rationalisieren und die Löhne zu senken, was wegen der Stärke der Gewerkschaften zunächst nicht gut funktionierte. Die Banken hingegen bedrängten die Politik, ihre rechtlichen Einengungen aufzuheben, also zu deregulieren.

Verbotenes erlauben heißt Deregulierung

Dazu muss man Folgendes wissen: Nach dem Crash von 1929 mussten viele Amerikaner feststellen, dass ihr gesamtes Geld verschwunden war, weil es die Banker verspekuliert hatten. Darauf gab es eine solche Welle der Empörung, dass sich die Regierung 1933 gezwungen sah, eine Trennung zwischen Sparkassen (sicher, für Ersparnisse) und Investmentbanken (riskant, für Investments) einzuführen. Eigentlich eine sehr vernünftige Maßnahme, an der aber ab 1975 gerüttelt wurde, was schrittweise zur Deregulierung führte. Unter anderem erlaubt wurden die Gründung von Hedgefonds, Leerverkäufe sowie der Handel mit Derivaten (Wetten auf steigende oder fallende Preise, Kurse oder Zinssätze) und mit Schulden.

Bedeutsam an Derivaten ist, dass sie keine Werte erzeugen. Es wird einfach nur Geld hin- und hergeschoben. Und es werden große Summen gemacht, aber nicht in der Realwirtschaft, sondern seit 2007 durch die Notenpressen der Zentralbanken.

Ein wichtiges Derivat sind die Credit Default Swaps (CDS). Es handelt sich dabei um jene Sonderform der Kreditausfallversicherung, die eine aberwitzige Idee enthält, dass nämlich die Versicherung nicht zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer, sondern von jedem, also auch von einem am Geschäft gar nicht Beteiligten, abgeschlossen werden darf. Ich nehme dazu ein Beispiel aus Ihrem Alltag: Ihr Nachbar hat Angst, dass sein Haus abbrennen könnte, und versichert es gegen Brandschaden. Jetzt kommt Goldman Sachs und erlaubt Ihnen, eine Ausfallversicherung auf das Haus Ihres Nachbarn abzuschließen, und das nicht nur bei Goldman Sachs, sondern bei sämtlichen anderen Banken ihrer Gegend. Was passiert nun, wenn das Haus Ihres Nachbarn tatsächlich abbrennt? Sie bekommen den Hauspreis des Nachbarn, gleich mehrfach! Sie könnten also ein eminentes Interesse daran entwickeln, dass das Haus Ihres Nachbarn abbrennt.

Mittelständische Betriebe ruinieren

Genau nach diesem Prinzip sind in den 1990er Jahren zahllose mittelständische Betriebe ruiniert worden. Das heißt, Investoren haben Credit Default Swaps auf Betriebe abgeschlossen, haben diese übernommen, ausgeweidet, absichtlich in den Konkurs geführt und anschließend abkassiert. Herausragende Beispiele dieser Gattung sind unter anderem Mitt Romney, der einstige Gegenspieler von Barack Obama, und Wilbur Ross, der derzeitige Handelsminister im Kabinett Trump, die beide auf diese Art und Weise zu Milliardären geworden sind. Das ganz entscheidende Merkmal dieser CDS ist, dass sie volkswirtschaftlich nicht nur sinnlos, sondern vor allem zerstörerisch sind und nur einem Ziel dienen, nämlich der Bereicherung von Spekulanten.

Wohl noch absurder ist der Handel mit Schulden, der ebenfalls in den 1990er Jahren als Asset Backed Securities („forderungsbesicherte Wertpapiere“) aufkam. Zu diesem Zweck wurden Schulden von unterschiedlichen Gläubigern gebündelt, zu Wertpapieren verpackt und anschließend verkauft. Alleine das Wort „forderungsbesicherte Wertpapiere“ ist ein Widerspruch in sich. Eine Forderung ist etwas Ausstehendes, etwas, das ich nicht habe, also nicht sicher. Ein Wertpapier mit einer Forderung zu besichern ist also absurd. Diese Art von Wertpapieren war der Grund für die Krise 2007/2008, die in den USA begann, wo es üblich war, dass sich eine junge Familie ein Haus kaufte, um es nach einigen Jahren gegen ein größeres Haus zu tauschen. Eine Art Rundlauf, der natürlich nur so lange funktioniert, wie die Hauspreise weiter ansteigen. In dem Moment, wo die Hauspreise stagnieren, wird es hingegen schwierig, und in dem Moment, wo die Hauspreise fallen, bricht das Ganze in sich selbst zusammen.

„Sichere“ Wertpapiere werden plötzlich toxisch

Genau das passierte 2007/2008 und hat im Endeffekt dazu geführt, dass diese „forderungsbesicherten“ Wertpapiere sich als toxisch herausstellten, was riesige Löcher in die Bilanzen der Großbanken in aller Welt gerissen hat.

Bemerkenswert an dieser Krise ist die Ahnungslosigkeit der Politik gewesen. Als sich die Krise abgezeichnet hat, beschlossen sowohl die deutsche als auch die amerikanische Regierung zunächst, die Banken nicht zu retten. Daraufhin hat die Fed die US-Regierung zu sich gebeten. In Deutschland ist Herr Ackermann, damals der Vorstandschef der Deutschen Bank, nach Berlin zu Frau Merkel gereist. Von Journalisten habe ich erfahren, dass es in diesem Gespräch lautstark zugegangen ist und Herr Ackermann irgendwann erbost den Raum verlassen hat. Frau Merkel soll ihm hinterhergelaufen sein und soll gesagt haben: „Okay, wir geben ja schon nach.“

Es mag eine Anekdote sein, aber es zeigt die Verflechtungen zwischen Finanzkapital und Politik. Die Politik wusste damals gar nicht, was geschah, dass nämlich das gesamte Bankensys­tem in der Welt und damit ganze Staaten und ganze Gesellschaften vom Zusammenbruch bedroht waren. Das wurde ihnen aber von den Bankern recht schnell klargemacht. Und das Ergebnis war, dass die großen Banken der Welt als „too big to fail“ (TBTF) bezeichnet wurden.

Das hat natürlich eine völlig neue Epoche im Finanzsystem eingeleitet. Denn wenn Banken TBTF sind, dann können sie sich ja künftighin jede Schweinerei, jede Spekulation erlauben. Deshalb sind die Risiken bei den Banken seit 2007 nicht geringer geworden, vielmehr sind die Risiken, die heute im Finanzsektor eingegangen werden, größer als damals. Mit dem TBTF-Status für Großbanken ist ein neues Zeitalter angebrochen, das George Orwells schlimmste Visionen aus „1984“ übertrifft. Diese Macht bedeutet, dass wir in Krisenzeiten im Notfall auch direkt durch Vertreter der Banken, die Technokraten genannt werden, regiert werden.

Einige Beispiele dafür waren die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers Mario Monti als Premier in Italien, die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers und EZB-Vizepräsidenten Loukas Papadimos als Regierungschef in Griechenland, die Einsetzung des Goldman-Sachs-Bankers Mario Draghi als Chef der EZB sowie auch die Unterstellung ganz Südeuropas unter die Zwangsherrschaft der Troika aus IWF („Internationaler Währungsfonds“), EZB und EU-Kommission.

Zur Rettung der Banken wurden die Löcher zunächst mit Steuergeldern, also mit dem Geld arbeitender Menschen, gefüllt. Da es sich um dreistellige Milliardenbeträge handelte, haben wir es damit mit der größten Vermögensumverteilung in der gesamten Geschichte der Menschheit zu tun. Noch nie ist so viel Geld von arbeitenden Menschen in die Hände ultrareicher Investoren und Spekulanten geleitet worden wie damals. Trotzdem hat diese Umverteilung nicht ausgereicht, um alle Löcher zu stopfen. Das heißt, eigentlich hätte das globale Finanzsystem 2008 in die Hände eines Konkursverwalters gehört.

Um das zu verhindern, wurden damals zwei Maßnahmen ergriffen. Zum einen wurde die Austeritätspolitik, also die Sparpolitik, eingeführt. Das heißt, nicht die Spekulanten mussten sich einschränken, sondern die arbeitende Bevölkerung musste durch Kürzungen und Einsparungen, also durch eine Senkung ihres Lebensstandards, die Last der Krise tragen. Da das aber zu einer Verringerung der Kaufkraft der Massen und damit zu geringerer Nachfrage in der Wirtschaft führt, stagniert seitdem die Weltwirtschaft. Das aber darf wiederum nicht hingenommen werden, weil unser System kreditgetrieben und zur Bedienung dieser Kredite auf ständiges Wachstum angewiesen ist.

Also haben die Zentralbanken seit 2008 die Rolle der Geldbeschaffer übernommen, und das in historisch nie dagewesener Weise. Die Zentralbanken der Welt haben seither den Gegenwert von rund 16.000 Milliarden Dollar ins System eingespeist, das zudem zu immer niedrigeren Zinssätzen. Die Zentralbanken haben ihre Zinssätze seit 2008 insgesamt mehr als 700 Mal gesenkt. Auf diese Weise ist aber nicht etwa die Realwirtschaft wieder in Gang gebracht worden, denn der Löwenanteil dieses Geldes ist in die Spekulation geflossen. Er hat den Finanzsektor weiter aufgeblasen und dafür gesorgt, dass die Risiken im System heute um ein Vielfaches größer sind als 2008.

Wie ein Tsunami

Das gravierendste Problem aber ist: Dieser Prozess lässt sich nicht rückgängig machen. Trotz aller Beteuerungen von Politik und Zentralbanken ist es nicht möglich, die Zinsen langsam wieder auf ein normales Niveau anzuheben und die Geldmenge nach und nach wieder zu reduzieren – so wie es unter anderem Jerome Powell (Fed-Präsident) und Mario Draghi (EZB-Präsident) der Öffentlichkeit immer wieder versprechen. Warum nicht? Weil der weltweite Schuldenberg das nicht erlaubt – rund 250.000 Milliarden US-Dollar müssen ständig bedient werden!

Ich habe mein neues Buch „Finanz-Tsunami“ genannt, weil ich meine, dass das, was sich im Finanzsystem derzeit abspielt, sehr viel mit einem Tsunami gemein hat. Die wichtigsten Eigenschaften eines Tsunamis sind: Erstens: Der Prozess vor dem Anlanden der Welle dauert unendlich lange. Zweitens: Die Katastrophe tritt urplötzlich ein. Drittens: Das Eintreten der Katastrophe ist für das bloße Auge nicht sichtbar. Viertens: Die Auswirkungen treffen die meisten Menschen völlig überraschend und unvorbereitet.

Genau das entwickelt sich zurzeit im Finanzsystem. Es gibt viele Prozesse, die das Finanzsystem zersetzen, sodass es irgendwann zu einem Kollaps kommen wird, der die meisten Menschen vollkommen unvorbereitet treffen wird. Das Leben nach dieser Katastrophe wird – wie nach einem Tsunami – völlig anders sein als das Leben vor der Katastrophe.

Profiteure versus arbeitende Bevölkerung

Kehren wir nach der ernüchternden Analyse zu der Frage zurück: Wo stehen wir jetzt? Die Antwort lautet: Wir befinden uns im Endstadium eines Systems, das außer Kontrolle geraten ist. Die Frage ist, was tun die Entscheider, diejenigen, die es lenken, um die Katastrophe abzuwenden? Die Verantwortlichen haben uns nach 2008 alle möglichen Versprechungen gemacht, aber nicht eines davon eingehalten. Sie haben ständig die große Wende angekündigt, eine Umkehr vom bisherigen Weg, aber es ist nichts passiert.

Und die erschreckende Wahrheit: Es kann auch gar nichts passieren, weil es nicht mehr möglich ist, diesen Pfad zu verlassen. Was also wird passieren? Das System wird von denen, die davon profitieren, vermutlich so lange am Leben erhalten, wie es nur irgendwie geht. Wie lange das noch geht, kann niemand sagen, da ja der Manipulation keine Grenzen gesetzt sind. Nur eines ist sicher: Die Profiteure werden aufgrund der wachsenden sozialen Ungleichheit in einen immer größeren Konflikt mit der arbeitenden Bevölkerung geraten. Aber sie werden sich nicht scheuen, extreme Maßnahmen zu ergreifen.

Sie werden die Demokratie weiter einschränken, sie werden unsere Rechte beschneiden, und sie werden auch nicht davor zurückschrecken, schlussendlich nach innen wie nach außen auf Gewalt zu setzen. Das heißt, sie werden auch bereit sein, Kriege vom Zaun zu brechen, um auf diese Weise ihr eigenes Überleben zu sichern.

Tatsächlich – und das ist vermutlich die schlechteste Nachricht – könnte die Lebensdauer des Systems auf diese Art und Weise noch einmal verlängert werden. Ich habe dazu ein Zitat herausgesucht, das von dem Ökonomen Ernst Winkler aus dem Jahre 1952 stammt, der bereits damals vor dieser Gefahr gewarnt hat: „Der Krieg ist die großzügigste und wirkungsvollste Reinigungskrise zur Beseitigung der Überinvestitionen, die es gibt. Der Krieg eröffnet gewaltige Möglichkeiten neuer, zusätzlicher Kapitalinvestitionen und sorgt für gründlichen Verbrauch und Verschleiß der angesammelten Vorräte an Waren und Kapitalien – wesentlich rascher und durchgreifender, als es in den gewöhnlichen Depressionsperioden auch bei stärks­ter künstlicher Nachhilfe möglich ist. So ist der Krieg das beste Mittel, um die endgültige Katastrophe des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder aufs Neue hinauszuschieben.“

Stellen wir am Schluss die entscheidende Frage: Gibt es überhaupt Möglichkeiten, mit unseren begrenzten Mitteln zu verhindern, dass diese schlimmste aller Zukunftsvisionen eintritt? Ist der Kampf nicht – wie viele, die resigniert haben oder in Fatalismus verfallen sind, meinen – bereits verloren?

Man könnte das meinen, wenn man bedenkt, dass die absolute Mehrheit der Menschen das System, das uns in diese missliche Situation geführt hat, nicht einmal versteht. Aber was heißt das? Das heißt doch, dass wir dringend eine neue Phase der Aufklärung brauchen, dass wir unbedingt informieren müssen, dass den Menschen erklärt werden muss, woher die Probleme rühren, mit denen sie Tag für Tag konfrontiert sind. Dass es eben das Finanzsystem ist, das unsere Zukunft gefährdet, das sich über alles erhoben und uns in diese dunkle Zeit geführt hat. Dass das internationale Finanzcasino stillgelegt werden muss, dass die Steuergesetze geändert werden müssen, dass verhindert werden muss, dass einzelne Menschen größere Vermögen als ganze Staaten anhäufen.

Die Rahmenbedingungen für eine solche neue Aufklärung sind vorhanden. Zum einen werden immer mehr Menschen aufgrund der Verschärfung der Situation in einen immer stärkeren Konflikt mit diesem System geführt. Zum anderen wird der Zerfall der alten Strukturen, wie zum Beispiel der gegenwärtige Zerfall der EU, sich nicht nur fortsetzen, sondern sich in der vor uns liegenden Zeit intensivieren. Das heißt, der Nährboden, auf dem eine Aufklärung fruchten kann, existiert. Nicht nur das. Heute stehen uns Kommunikationswege offen, wie es sie in der Geschichte bisher nicht gegeben hat. Wir können Wissen schneller und effektiver als jemals zuvor verbreiten.

Ich habe meinem Buch „Finanz-Tsunami“ einen Satz von Henry Ford, dem Gründer der Ford Motor Company, vorangestellt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einmal gesagt hat: „Wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, hätten wir noch vor morgen Früh eine Revolution.“

Angesichts des Niedergangs und der von mir beschriebenen Fäulnis des Finanzsystems ist es in meinen Augen höchste Zeit, diesen Prozess endlich in Gang zu setzen, und zwar durch Überzeugungsarbeit und auf friedlichem Weg. Und wenn mein Buch auch nur einen kleinen Beitrag zu dieser historisch seit langem überfälligen Umwälzung leisten kann, dann hat es den von mir beabsichtigten Zweck vollauf erfüllt.


Anmerkung: Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags von Ernst Wolff. Er fand im Juni 2018 im Rahmen der Seegespräche in Owingen am Bodensee statt.

Zum Weiterlesen: Ernst Wolff „Finanz-Tsunami – Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“, Edition E. Wolff, Berlin, 19 Euro.

Ernst Wolff, Jahrgang 1950, Autor von „Weltmacht IWF: Chronik eines Raubzugs“, beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem globalen Finanzsystem. Sein neuestes Werk „Finanz-Tsunami“ ist mit außerordentlichem Sachverstand und ebensolcher Sorgfalt geschrieben. Es erklärt Hintergründe und Zusammenhänge, die uns die Massenmedien seit jeher vorenthalten. Es zeigt, wie sich die globale Finanzelite mit PR-Tricks, mithilfe von Kriegen, der Destabilisierung von Ländern und der Ahnungslosigkeit willfähriger Politiker zur stärksten Macht auf unserem Planeten entwickeln konnte. Und es zeigt, wie es zu der höchs­ten Schuldenlast in der Geschichte der Menschheit gekommen ist, zu einem System, das den größten Teil der globalen Bevölkerung zu Verlierern macht, während nur wenige genau davon profitieren.

Wolffs akribisch zusammengetragene Fakten begeistern ebenso wie sein Erzählstil: in klarer und leicht verständlicher Sprache, sodass auch Laien seiner Analyse gut folgen können. Wärmstens zu empfehlen!

Finanz Tsunami