Die Köche des Untergangs

Promi-Köche gelten gemeinhin als ein freundliches Gesicht der Unterhaltungsindustrie. Für den Militärstrategen und Historiker Sir John Glubb haben die Stars aber eine völlig andere Bedeutung: Ihr Auftauchen signalisiert den unwiderruflichen Untergang einer Kultur.

Als Clemens Wilmenrod 1953 zum ersten Mal die Zuseher bei „Wilmenrod bittet zu Tisch“ mit den Worten „Ihr lieben, goldigen Menschen“ begrüßte, hatte er mit seiner Kochsendung eine Monopolstellung im TV. In den kargen Nachkriegsjahren war man schon froh, wenn man genügend Essen für die Familie hatte. Der größte Küchenzauber bestand darin, mit wenig etwas Abwechslung in den Speiseplan zu bringen.
„Wilmenrod bittet zu Tisch“ war da mehr als eine Kochsendung, sie war ein Symptom einer neuen Stimmung in Deutschland. Die Menschen schöpften langsam wieder Hoffnung auf einen Aufschwung. Und der Koch feuerte die Aufbruchsstimmung an: Ein paniertes Schnitzel wurde bei ihm schnell zu einem raffinierten „Venezianischen Weihnachtsschmaus“, ein Gericht aus Faschiertem kurzerhand zum exotischen „Arabischen Reiterfleisch“. Die Zuseher liebten es. Was Wilmenrod vorkochte, landete am nächsten Tag auf den Tellern der Deutschen. Niemand kümmerte es, dass Wilmenrod eigentlich gar kein Koch, sondern ein Schauspieler war. Kriegsbedingt war Deutschland in Sachen Promi-Köche ein Nachzügler. Der Aufstieg der Chefs begann in den USA. Dort gab es bereits 1924 mit „Good Food“ die erste Kochsendung – im Radio! Sie wurde ein Riesenerfolg. Im BBC-Fernsehen debütierte der französische Promi-Koch Marcel Boulestin 1937 mit „Cook’s night out“. In seiner ersten Sendung zeigte er eine Viertelstunde lang die Zubereitung eines Omeletts.

80 Jahre später sind Kochshows fixer Bestandteil der westlichen Unterhaltungsindustrie. Und es reicht heute längst nicht mehr, einfach nur ein paar Speisen möglichst gut zuzubereiten. In „Extreme Chef“ etwa müssen die Köche nicht nur kochen, sondern auch Berge erklimmen oder im Sandsturm mit Klapperschlangen ausharren. Und mit „My Naked Kitchen“ gibt es inzwischen auch Nackt-Koch-TV. Inzwischen wurden Promi-Köche zu Topverdienern. So hat Jamie Oliver mit Restaurants, TV-Shows und Kochbüchern ein Vermögen gemacht, das heute auf 400 Millionen Euro geschätzt wird. Der Österreicher Wolfgang Puck (u. a. TV-Juror in „Hell’s Kitchen“) besitzt neben dem Spago in Beverly Hills noch weitere 80 Restaurants – mit 5.000 Mitarbeitern weltweit.

Die Gewürze der Dekadenz

Der Aufstieg von Köchen zu Reichtum und Berühmtheit hat eine überraschende Kehrseite: Er geht stets Hand in Hand mit dem Untergang einer Kultur. Ob bei den Ägyptern, den Ottomanen, Spaniern oder Niederländern – wie Todesengel tauchen die Chefs stets dann auf, wenn ein Großreich nach seiner Blütezeit allmählich in die Dekadenz abgleitet. „Sie sind typisch für das Ende eines Imperiums“, erklärt der Ökonom David Morgan. Der Grund dafür ist eigentlich plausibel: Sobald das Reich seinen inneren Glanz verloren hat, suchen ihn die Bürger wie schlafwandlerisch woanders: in ausschweifendem Sex, in Unterhaltung – und in besonderem Essen. „Aber was es eigentlich bräuchte, wäre eine solide moralische Rückbesinnung quer durch die Gesellschaft“, meint Morgan.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist es dafür meistens schon zu spät. Sobald sich Dekadenz in einer Gesellschaft breitmacht, gerät diese unweigerlich in einen Strudel, der sie in die Tiefe zieht. Das Verhalten der Menschen wird immer extremer: Sie gieren mehr und mehr nach Brot und Spielen. Wobei die Unterhaltung immer brutaler wird, bald werden sogar Menschen zum Gaudium der Plebs öffentlich hingerichtet. Gleichzeitig gerät die Sexualität vollkommen außer Rand und Band. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwinden, immer bizarrere Kicks werden gesucht, und selbst absonderlichste Perversionen werden öffentlich zelebriert. Dieser Rausch geht einher mit der seuchenartigen Zunahme von Manien, Hysterien, Essstörungen und zwangsneurotischen Handlungen.
Und noch ein weiteres Phänomen ist ganz typisch für ein untergehendes Reich: der Kult der Androgynität. „In meinen Studien habe ich herausgefunden, dass diese Bewegung hin zu Androgynität in einem späten Stadium der jeweiligen Kultur erscheint. Dann, wenn eine Gesellschaft zerbröselt. Es passiert immer und immer wieder“, sagt die Feministin Camille Paglia. Ein guter Beleg dafür sei etwa die Kunst im antiken Griechenland: Anfangs zeigten Skulpturen starke und gut gebaute, junge Athleten. Am Ende sahen sie aus „wie nasse Nudeln“.

„Und die Menschen, die in solchen Zeiten leben – sei es in Griechenland, in Rom, aber auch in der Weimarer Republik –, fühlten sich immer sehr gebildet und kosmopolitisch. Aber mit einer historischen Distanz sieht man, dass es eine Kultur ist, die nicht mehr an sich selbst glaubt“, erklärt Paglia weiter. Zudem gibt es stets ein unangenehmes Phänomen: Als hätten sie Blut gewittert, tauchen an den Grenzen Gruppen auf, die von der Kraft männlichen Heldentums überzeugt sind – und kein Problem damit haben, dieses auch in die Tat umzusetzen. „Seien es die Hunnen, die Vandalen oder die Barbaren von ISIS. Du siehst immer, wie sie sich rundherum ansammeln“, so die Feministin.

Zwei KöcheFoto: andresr/Getty Images RF

Das Schicksal der Imperien

Es scheint tatsächlich so, als folgten Imperien einer Art innerem Drehbuch. Nach Jahren von Glanz und Gloria, in denen sie schier unbezwingbar schienen, enden sie in einem Strudel aus Wahnsinn, sexueller Ausschweifung und pathologischem Selbsthass – Todestrieb inklusive. Dies fiel auch dem hochdekorierten Militärstrategen, Nahostexperten und Historiker Sir John Glubb auf. Und er suchte nach einer Antwort darauf.

Über viele Jahre studierte der 1986 verstorbene Glubb Aufstieg und Fall verschiedenster Großreiche. Dabei stieß er auf Hochinteressantes. Die Imperien wiesen zwar geografische und kulturelle Unterschiede auf, hatten aber dennoch eine überraschende Gemeinsamkeit in ihren Zyklen. Sogar ihre Kernlebensdauer war ähnlich: Sie erstreckte sich etwa auf 250 Jahre oder 10 Generationen. Das gilt für das Reich der Assyrer ebenso wie für jenes der Griechen oder der Perser. Auch das Reich der Ottomanen währte nur so lange wie das Spanische Weltreich, das Russland der Romanovs und das British Empire: rund 250 Jahre! Das war aber längst nicht die einzige Gemeinsamkeit. Glubb stieß auf ein Muster von Zyklen, das den Untergang nahezu jedes Großreiches beschreibt. 1976 veröffentlichte er eine Arbeit darüber: „The Fate of Empires and Search for Survival“ (Das Schicksal von Imperien und der Versuch zu überleben).

Dass Imperien einen fixen Lebenszyklus haben könnten, erscheint zunächst unglaublich. Grund dafür ist, dass das gängige westliche Denken von einer geradlinigen Geschichtsentwicklung ausgeht. Ganz anders ist dies etwa in Asien. Das alte Japan kannte analog zu den Jahreszeiten überhaupt keinen definitiven Anfang und auch kein Ende, sondern nur Zyklen, die immer wieder durchlaufen wurden. Dies galt auch für gesellschaftliche Vorgänge: Aufstieg und Größe waren demnach nur Vorstufen von Zerfall und Niedergang. Der Hinduismus teilt die Zeit in vier große Spannen – sogenannte Yugas – ein, die sich fortwährend wiederholen und dabei ebenfalls einen Zyklus von „stirb und werde“ durchlaufen.

Auch im Westen gab es Ähnliches. Der griechische Gelehrte Hesiod unterschied fünf Weltalter: Goldenes, Silbernes, Ehernes oder Erzenes Zeitalter, Zeitalter der Heroen und Eisernes Zeitalter. Im jüngeren Europa vertrat Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“ eine zyklische Geschichtsauffassung. Jede Kultur absolviert demnach unterschiedliche Wachstumsphasen, hat Kindheit und Jugend, Männlichkeit und Greisenalter, um schließlich zu verfallen.

Das Drehbuch des Imperien-Dramas

Doch wie sieht nun das Drehbuch, das Großreiche samt ihren Bürgern immer wieder durchlaufen, genau aus? Sir John Glubb ortete mehrere Phasen. Und man braucht kein Historiker zu sein, um Parallelen zum Untergang des derzeit größten Imperiums zu erkennen, der USA. Stimmigerweise wurden die USA auch mit der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 gegründet – vor 242 Jahren.

Imperien entstehen immer mit einem großen Knall: Sei es bei der Gründung von Rom oder dem Entstehen der USA, stets erobern kriegerische, wilde Männer ein Territorium, das sie dann schrittweise und mitunter sehr brutal ausweiten. „Die erste Phase im Leben einer großen Nation ist eine Periode von großartiger Initiative, beinahe unglaublichen Unternehmungen, Mut und Kühnheit“, schreibt Glubb. In der Kultur dominieren Kriegerideale. Die Männer streben weniger nach materiellem Gewinn als nach militärischem Ruhm.
Einhergehend mit immer größerem Landgewinn nimmt auch der Handel und mit ihm der Wohlstand zu. Glubb: „Sogar wilde und militaristische Imperien haben den Handel gefördert, egal, ob sie das wollten oder nicht. Die Mongolen zählen zu den brutalsten militärischen Eroberern der Geschichte, die die Bewohner ganzer Städte massakriert haben. Dennoch, im 13. Jahrhundert, als sich ihr Imperium von Peking bis nach Ungarn erstreckte, schuf der Handel mittels Karawanen zwischen China und Europa einen bemerkenswerten Reichtum.“

Bereits mit der Periode des Handels setzt langsam der Niedergang des Reiches ein, obwohl es dem äußeren Anschein nach in voller Blüte steht. Besonders die erste Hälfte dieses Zyklus ist voller Glanz: Die alten Werte wie Mut, Patriotismus und Hingabe sind noch intakt. Die Nation ist stolz, vereint und voller Selbstvertrauen. Junge Männer werden zu Abhärtung, Pflichterfüllung und Patriotismus erzogen.

Der zunehmende Reichtum bringt dann die Wende. Händler verdrängen nach und nach die Krieger aus den Schlüsselpositionen. Und für die Händler sind die alten Ideale vor allem eines: „leere Worte, die dem Bankkonto nichts bringen“. Auch bei der Bevölkerung weicht Pflichtbewusstsein zunehmend dem Egoismus. „Das ist der High Noon der Nation. Die alten Ideale haben aber immerhin noch so viel Kraft, dass die Grenzen verteidigt werden können. Doch unter der Oberfläche werden Pflichtbewusstsein und Dienen der Gesellschaft zunehmend von der Gier nach Geld verdrängt“, so Glubb.

Zu diesem Zeitpunkt hat auch die Lust nach Expansion ein Ende. Anstatt weiterhin Gebiete zu erobern, versucht sich das Reich nun – etwa durch den Bau von Mauern – abzusichern. Die ehemaligen Haudegen werden kriegsmüde. In der Bevölkerung wird der Militärdienst zunehmend als unmoralisch und primitiv verdammt, denn kultivierte Menschen kämpfen nun einmal nicht. Freilich ein blauäugiger Pazifismus, denn weniger Zivilisierte haben überhaupt kein Problem damit, eine schwache Nation gewaltsam zu verdrängen.

Die Herrschaft der Intellektuellen

Der nächste große Schritt in Richtung Untergang ist überraschend: Bildung. Nachdem auch breite Kreise zunehmend wohlhabend geworden sind, wird plötzlich Bildung immer wichtiger. Die Regierenden geben enorme Mittel für den Aufbau von Bildungseinrichtungen auf, es folgt die Phase des Intellekts. „Es ist erstaunlich, mit welcher Regelmäßigkeit sie dem Reichtum folgt, in Imperium nach Imperium, viele Jahrhunderte voneinander getrennt“, schreibt Glubb. So wie es im Zeitalter des Wohlstandes zu einem Erblühen der Kunst gekommen ist, boomen jetzt die Wissenschaften.

Hier wird auch deutlich, dass die Zyklen nicht wertend zu sehen sind: Patriotische Barbaren mögen stark sein, sie werden jedoch keine Quantenphysik hervorbringen. Aber trotzdem führt die starke Betonung des Intellekts gesetzmäßig zur Hybris. Glubb: „Wir sehen, dass die Kultivierung des menschlichen Intellekts ein großartiges Ideal ist, aber nur unter der Bedingung, dass sie nicht die Selbstlosigkeit und die menschliche Hingabe zu dienen aufweicht. Aber genau das ist, wenn man es geschichtlich betrachtet, was passiert“.

Die Bildungseinrichtungen bringen nun Kritiker hervor, die die traditionellen Werte hinterfragen oder generell ablehnen. Der sich aufopfernde Held gilt nun gemeinhin als Trottel. Es herrscht der brillante, aber zynische und lebensferne Intellektuelle. Doch zusehends macht sich in der breiten Bevölkerung Unbehagen breit, trotz aller scheinbaren Errungenschaften liegt Untergangsstimmung in der Luft. Es scheint, als schwänden die Kräfte. Und hier passiert erneut etwas Erstaunliches: Anstatt dass man vereint dagegen auftritt, vergrößern sich die politischen Differenzen zusehends. Die einzelnen Parteien stehen einander immer feindlicher gegenüber. Auch in der Bevölkerung driften die Ansichten mehr und mehr auseinander.

Das Ende ist da!

Nach dem Drehbuch der Geschichte folgt nun das letzte Kapitel: der Niedergang. Und auch der hat Glubb zufolge ganz klare Merkmale: Zügellose sexuelle Unmoral, Vergnügungssucht und eine erhöhte Scheidungsrate unterminieren die Stabilität der Familie. Ehemalige Moralvorstellungen weichen einer „Anything goes“-Mentalität. Einhergehend mit der Frivolität macht sich sowohl unter der Bevölkerung als auch unter den Eliten großer Pessimismus breit. Menschen steigen aus der geordneten Gesellschaft aus und wenden sich Bespaßung, Schwelgereien, Drogen und Alkohol zu. Der römische Kaiser Nero hat zum Beispiel bei einigen Gelagen allein für Blumen umgerechnet mehr als 300.000 Euro ausgegeben.

Der Mob verlangt nun nach freien Mahlzeiten und öffentlichen Spektakeln. Es ist die Zeit von Brot und Spielen, die Stunde der „Fress-Päpste“ und Promi-Köche. Auch die Helden der Nation sind andere: Große Krieger, Erfinder und Künstler werden nicht länger mehr verehrt, dagegen huldigt man Sportlern, Musikern und Schauspielern.

Das Antlitz der Großstädte ist multikulturell geworden. Fremde lassen sich in den Metropolen des Reiches nieder. Das friedliche Zusammenleben von verschiedenen Kulturen innerhalb eines Staates funktioniert aber nur, solange dieser auch effizient funktioniert. Sobald der Niedergang beginnt, wenden sich die Migranten zumeist von dem ehemals so glorreichen Reich ab – oder sie bekämpfen es sogar offen.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Imperium am Ende: Entweder wird es von innen in Bürgerkriegen zerrieben und/oder von neuen Barbaren übernommen. Überraschend: Sobald sich neue Herrschaftsstrukturen gebildet haben, legen die Überlebenden ihre Dekadenz quasi über Nacht ab und unterwerfen sich den neuen Machthabern.

Auf dem Weg ins Imperium?

Schon ein Blick in die Zeitung ergibt ein recht ungemütliches Bild: Es gibt kaum ein Symptom der Dekadenz, das der Westen mit den USA an der Spitze derzeit nicht zeigt: vom Zusammenbrechen der familiären Strukturen über eine völlig außer Kontrolle geratene Sexualität samt Brot und Spielen – bis hin zum Kult um Transsexuelle. Doch ist es tatsächlich denkbar, dass das westliche Imperium zusammenbricht? Der Untergang mag uns absolut undenkbar erscheinen, aber auch die Assyrer, Römer, Perser, Griechen und die Briten haben ihr Imperium einst für unsterblich gehalten.

Und bereits mehren sich Stimmen, für die selbst der Niedergang der EU nur mehr eine Frage der Zeit ist. Der Althistoriker David Engels etwa sieht eindeutige Parallelen zwischen dem Untergang der Römischen Republik und der heutigen EU. „Die Gemeinsamkeiten sind so massiv, so augenscheinlich, und das schon seit Jahrzehnten, dass man fast fragen müsste, wo es keine gibt“, sagte Engels in einem Interview mit der „Huffington Post“.

Die Beispiele sind ohne Zahl: Arbeitslosigkeit, Familienzerfall, Niedergang traditioneller Konfessionen, Globalisierung, Umweltzerstörung, Vernichtung natürlicher Ressourcen, religiöser Fundamentalismus, Massenmigration, Verarmung, Kriminalität sowie Polarisierung zwischen einer selbstherrlichen Politikerkaste auf der einen Seite und unzufriedenen Populisten auf der anderen. „Dazu kommt: Der Westen hat wie die Römische Republik die bedenkliche Tendenz, sich mit der zivilisierten Menschheit an sich gleichsetzen zu wollen und die sogenannten ‚Barbaren‘ in asymmetrischen Kriegen mit diesen Werten beglücken zu wollen“, sagt Engels.

Zudem habe Europa seine eigene Identität verloren. „Diese basiert auf gemeinsamen historischen Wurzeln und Werten wie Religion, Sprache, Kunstgeschichte, Politikverständnis, also all den Dingen, die in den vergangenen zwei Jahrtausenden natürlich gewachsen sind. Man kann also durchaus von einer gemeinsamen kulturellen Identität von Lissabon bis Wladiwostok sprechen“, argumentiert der Historiker. Allerdings berufe sich die EU in ihrer Politik eben nicht auf diese Werte, sondern vielmehr auf universalistische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte – also die gleichen Werte, die man auch in anderen globalisierten Ländern wie Japan oder Südkorea findet.

Engels sieht für Europa nur noch zwei Wege. Und beide sind wenig erfreulich: Angetrieben von den nationalistischen Parteien zerfällt Europa wie das antike Griechenland in Kleinstaaten. Diese Ministaaten würden dann schnell als Vasallen eines neu entstehenden Imperiums enden. Wahrscheinlicher ist es aber, so der Althistoriker, dass sich die EU selbst zu einem Imperium entwickelt – in eines, das nicht demokratisch sein wird. David Engels rechnet mit einer ähnlichen Entwicklung, wie sie im alten Rom vollzogen wurde: Kaiser Augustus verwandelte das von Bürgerkriegen gebeutelte Land nach und nach in eine sanfte Diktatur. Zwar blieb die Illusion einer republikanischen Regierungsform aufrecht, doch die Macht lag von nun an in den Händen des Princeps, des Ersten unter Gleichen, der in Wahrheit ein Alleinherrscher war.

Aber wieso sollten die EU-Bürger dies zulassen? Engels geht davon aus, dass sich die soziale Lage weiter zuspitzen wird: „Ich rechne mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die eine grundlegende gesellschaftliche und politische Neuformierung Europas erzwingen werden, ob wir das wollen oder nicht, ganz nach dem Vorbild der verfallenden Römischen Republik im ersten Jahrhundert vor Christus. Mit Landstrichen, die von paramilitärischen, ethnischen oder religiösen Gruppen beherrscht werden. Mit überhand nehmender Kriminalität. Mit wirtschaftlichem Bankrott und völligem politischen Stillstand.“ Die Bürger Europas würden sich dann mit Freuden jedem in die Arme werfen, der dem Kontinent einen funktionierenden Sozialstaat sowie Ruhe und Ordnung verspricht. Und spätestens in 20 bis 30 Jahren wird aus Europa ein imperialer oder autoritärer Staat geworden sein.

Mit Demokratie hat dies dann freilich nur mehr wenig zu tun. Engels ortet bereits jetzt starke Verfallserscheinungen. In der „Welt“ sagte er: „Sind wir uns ehrlich: Wo die Wahlbeteiligung zum EU-Parlament bei 43 Prozent liegt; wo Finanzinstitute wie JP Morgan den Abbau demokratischer Grundrechte fordern; wo Referenden bis zum Abwinken wiederholt oder ignoriert werden; wo unklar ist, nach welchen Grundsätzen das politische Oberhaupt des Kontinents bestimmt werden soll. Wo nur noch ein Viertel der Europäer ihren Regierungen und Parlamenten vertraut; wo das Christentum nach Belieben beschimpft werden darf, während die Islamkritik zur Straftat wird; und wo jüngsten Umfragen zufolge bereits fast die Hälfte der Franzosen und Engländer und zwei Drittel der Portugiesen, Polen und Ungarn nach einem starken Mann rufen, der sich nicht um demokratische Institutionen scheren soll – da steht das Imperium nicht etwa nur vor der Tür.“

Ist also tatsächlich alles verloren? Oder ist es vielleicht doch noch möglich, aus dem Hamsterrad der Geschichte auszusteigen? Niemand weiß es. Glubbs Analysen beziehen sich auf die Vergangenheit, während die Zukunft sozusagen fortschreitend von uns „erfunden“ wird. Dazu ein kleiner Tipp: Sehen Sie sich bitte keine TV-Köche mehr an. Kochen Sie selbst!


Zum Weiterlesen: John Glubb „The Fate of Empires and the Search for Survival“, Verlag William Blackwood and Sons;
David Engels „Auf dem Weg ins Imperium: Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik. Historische Parallelen“, Europa-Verlag München.

Wertschätzung beflügelt alle

Steirerhof

Gunda Unterweger, die charmante Chefin des renommierten Fünfstern-Thermenhotels Der Steirerhof, über den Wert von digitalen Auszeiten und die neue Art des Umgangs mit Gästen und Mitarbeitern: Nachrichten aus einer hotelmäßigen „Anderswelt“.

Wertschätzung avanciert zum Modewort, Führungskräfte sollen Wertschätzung zeigen, so heißt es beispielsweise. Doch das wird zumeist völlig falsch verstanden, nämlich als Lob für geleistete Arbeit. „In Wirklichkeit“, sagt Gunda Unterweger, „geht es aber um eine Geisteshaltung. Und um eine Haltung des Herzens. Dazu gehören Respekt, Aufmerksamkeit und Wohlwollen gegenüber jedem Menschen.“ Gunda Unterweger führt gemeinsam mit ihrem Mann den Steirerhof, ein Ausnahme-Wellnesshotel in Bad Waltersdorf. „Es beginnt damit, dass wir ohne Abwäscher keine sauberen Teller haben“, bringt es die charmante Hotelière auf den Punkt. „Was nützt es mir, dass ich den besten Küchenchef beschäftige, wenn ich den Gästen nichts servieren kann? Wir schätzen daher jeden Mitarbeiter genauso wie jeden Gast.“

Dass auch in der Gesellschaft generell die Fähigkeiten jedes Einzelnen gewürdigt werden, ist ein großer Wunsch von Gunda Unterweger, auch an die Politik. „Master und Meister, also Studierte wie auch Menschen mit einem erlernten Beruf, müssen gleich viel zählen. Das muss in die Köpfe der Menschen hinein. Eine Gesellschaft braucht Architekten genauso wie Krankenschwestern.“ Im Steirerhof lebt man das vor.

Steirerhof
Steirerhof

Omnipräsente Digitalisierung

Wertschätzend zu agieren bedeutet freilich auch, dass man Bedürfnisse anderer Menschen erkennt – und sie ernst nimmt! Bemerkenswert an diesem mit vier Lilien ausgezeichneten Hotel ist in diesem Zusammenhang auch sein mutiger Gegenentwurf zur omnipräsenten Digitalisierung: In den Zimmern gibt es kein W-Lan – nur Kabelverbindungen ins Internet. Dem Ehepaar ist es ein echtes Anliegen, dem Gästebedürfnis nach einer antidigitalen „Anderswelt“ nachzukommen. Denn digitale Auszeiten reduzieren Stress und rücken zwischenmenschliche Aspekte wieder in den Vordergrund, das bringt Behaglichkeit, das bringt ein gutes Gefühl. „Kleine nette Gesten, ein feines Lächeln, interessiertes Zuhören, Hilfestellung von Angesicht zu Angesicht“, konkretisiert die Gastgeberin. „Das beflügelt alle.“

Dass das wirkt, zeigt auch der hohe Stammgästeanteil. „Jeden Tag haben wir 75 Prozent Gäste, die schon einmal da waren“, weiß Gunda Unterweger. Eine Zahl, die sich nicht nur der sensationellen Lage auf einer Anhöhe verdankt, dem Blick auf Wälder, Weingärten und üppige Obstbaumreihen oder den acht Pools, sondern auch dem außergewöhnlich positiven Klima, das innerhalb des Steirerhof-Teams herrscht. Nur zufriedene Mitarbeiter können positiv auf die Gäste abstrahlen.

Dass es ohne ein zufriedenes Team einfach nicht harmonisch und schon gar nicht spitzenmäßig läuft, hat Gunda Unterweger übrigens nicht zuletzt das Beispiel Bodo Janssen (der nunmehr geläuterte, einstige Flop-Chef der familieneigenen Hotelkette Upstalsboom) vor Augen geführt: Als selbstverliebter, sich unfehlbar wähnender Manager musste dieser schmerzhaft erfahren, dass man bei allem wirtschaftlichen Erfolg niemals auf eines vergessen darf: die Wertschätzung für die Menschen.

Gunda Unterweger

In einem Hotel sind das Gäste und Mitarbeiter, im Steirerhof kommen auf 160 Zimmer (sie werden übrigens demnächst behutsam aufgefrischt) nicht weniger als 190 Mitarbeiter. Ein bemerkenswertes Verhältnis, das anderswo in der Hotellerie bestenfalls mit der Lupe zu finden ist – vor allem in Zeiten, in denen viele Rezeptionen nur noch „digital besetzt“ sind. „Wie auf einem Luxuskreuzfahrtschiff“, vergleicht es Gunda Unterweger, „nur dass bei uns nicht ein großer Teil der Crew unsichtbar unter Deck für die Technik da ist, sondern wirklich für die Gäste.“

Acht von zehn Steirerhof-Mitarbeitern kommen aus der Region, leben hier mit ihren Familien. Viele, wie etwa der kräuteraffine Küchenvirtuose Johann Pabst, sind von Anfang an dabei. Seit 25 Jahren! Gute Mitarbeiter müssen zwischenmenschlich vieles abfangen können, und das bei Gästen aller Alters- und Berufsschichten. Das erfordert eine hohe Sozialkompetenz, weiß Gunda Unterweger, die vor kurzem ihre Diplomarbeit zum Thema abgeschlossen hat. „Die Mitarbeiter sollen den Gästen auf Augenhöhe begegnen, aber gleichzeitig ganz klar Dienstleister sein, also dienen können.“ Eine große Aufgabe, aber auch eine, an der man persönlich wächst.

Für ihre Mitarbeiter und ihre Gäste gleichermaßen zu sorgen, das sieht die Gastgeberin als ihre wichtigste Aufgabe an: „Wir sind abends präsent, wir gratulieren persönlich zu Geburtstagen, man kann immer auf uns zugehen. Wir sind einfach da für unsere Gäste.“ Und das nicht nur als digitaler Fragebogen.

Steirerhof

Mehr: Der Steirerhof, 08000-311412 (zum Nulltarif), +43-(0)3333-3211-0, www.dersteirerhof.at und RELAX Guide – Der Steirerhof
Fotos: Bernhard Bergmann, Der Steirerhof Bad Waltersdorf

Eine Legende wird neu geboren

Kranzbach

Eines der allerbesten Spa-Hotels von Deutschland, das Kranzbach im Süden Bayerns, feiert sein zehnjähriges Bestehen als Top-Betrieb. Nicht mit einem Fest, sondern mit einem kompletten Redesign nach Gästewünschen. So viel wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen!

Die Einfahrt ins Paradies kostet vier Euro. In der Nähe des höchsten Berges Deutschlands, der Zugspitze, und vor der gewaltigen Kulisse des Wettersteingebirges nahe Garmisch-Partenkirchen liegt in einem Naturschutzgebiet das Elmau-Tal, in das eine schmale Waldstraße führt. Bayerns Märchenkönig Ludwig II., der Schönheit wie dem Wahnsinn gleichermaßen nahe, ließ sich hier im Winter gerne mit dem Pferdeschlitten nachts über knirschenden Schnee zu seinem Jagdschloss Schachen bringen. In dieser herrlichen Landschaft findet man eines der allerbesten Wellnesshotels Deutschlands, das Kranzbach. Solitär gelegen, mutet es im ersten Moment wie ein Märchen mitten im Wald an. Ein schottisches Schloss, vor 100 Jahren erbaut von Mary Portman, einer der reichsten Frauen Englands, mitten in Oberbayern. Wer hier das erste Mal anreist, kommt aus dem Staunen kaum heraus.

Aber werfen wir vorerst einen kleinen Blick nach London. Die Innenstadt der britischen Metropole, kurioserweise West End genannt, gehört im Wesentlichen auch heute noch fünf Familien: den Cadogans, den Devonshires, den Portlands, der Familie Howard de Walden und den Portmans. Der Viscount of Portman war im 19. Jahrhundert einer der reichsten Aristokraten Englands, dessen jährliches Einkommen nach heutigem Geldwert rund 60 Millionen Euro betrug. Steuerfrei. Mary Isabel, das zehnte Kind der Familie, hatte 30 Bedienstete und wuchs in ungeheurem Reichtum auf. 1907 zog Mary nach Deutschland, um hier Violine zu lernen. Ihrem Lehrer schenkte sie eine Stradivari. Und dann verliebte sie sich: in die Kranzbachwiese. Hier sollte ihr Traumschloss entstehen, Geld spielte keine Rolle. So entstand ein wunderbares Haus im mittelalterlichen „Arts and Crafts“-Stil, der damals in England gerade modern war. Wegen des Ersten Weltkriegs musste die superreiche Britin Deutschland aber bald Hals über Kopf verlassen. Ihr Märchenschloss hat sie niemals wieder gesehen.

Kranzbach
Kranzbach

Vierstern-superior-Spa-Hideaway

In der Folge versank das Haus in Bedeutungslosigkeit und kam immer mehr herunter. Im Jahr 2003 entdeckte es der Innsbrucker Unternehmensberater und Hotelbesitzer Dr. Jakob Edinger – auf einer Wanderung mit seinem Hund. Auch Edinger verliebte sich spontan in den Platz, kaufte das Anwesen und begann eine mit großem Aufwand betriebene Renovierung. So engagierte er für die gesamte neue Inneneinrichtung im Schloss die Londoner Architektin Ilse Crawford, die dem Kranzbach einen Hauch von Country House verlieh. Das Schloss wurde zudem um einen architektonisch gelungenen Zubau und um ein fabelhaftes Badehaus erweitert und vier Jahre später als Vierstern-superior-Spa-Hideaway eröffnet, sozusagen als österreichisches „Exportprodukt“ – als Hotelschwester des renommierten Wellnesshotels Der Steirerhof in Bad Waltersdorf, Steiermark.

Geführt wird das Kranzbach schon seit geraumer Zeit von Klaus King, übrigens einem Nachfahren einer schottischen Königsfamilie, die im 16. Jahrhundert ins Allgäu ausgewandert war. Klaus King war einst einer der jüngsten Sterneköche Deutschlands, unter anderem erweckte er auch ein englisches Hotel, das Langdale Chase in Windermere, aus seinem Dornröschenschlaf. Mit all dem passt King trefflich zum Kranzbach, das bis heute auf seine Britishness Wert legt.

10 Jahre nach der Eröffnung feierte das inzwischen vielfach mit vier Lilien ausgezeichnete Top-Hotel nun erstmals ein Jubiläum. Allerdings nicht, wie üblich, mit einem von der Klatschpresse beäugten Fest, sondern mit Investitionen zur Qualitätsverbesserung. Im Fokus stand auch ein komplettes Redesign der öffentlichen Räume. Das Besondere daran: Man orientierte sich an Gästewünschen. So entstanden beispielsweise die Kaminstube – ein kleines zweites Restaurant – und neue, großzügige Salons mit wunderbaren Interieurs, und die Auffahrt ziert nun ein großer Springbrunnen. Und noch eine Neuheit gibt es im Freien: einen großen Heißwasserpool, ganz nach dem Vorbild eines japanischen Onsen, mit 40 Grad Wassertemperatur. Damit folgt das Kranzbach einem allgemeinen Trend: dem Wunsch nach höheren Pooltemperaturen.

Unverändert blieb freilich der Status des Hotels: ein Rückzugs-Hideaway inmitten unberührter Landschaft!

Kranzbach
Kranzbach


Mehr: Das Kranzbach, Fon +49-(0)8823-928000, www.daskranzbach.de und RELAX Guide – Das Kranzbach
Fotos: Das Kranzbach

Unterwegs in einer anderen Welt

Kaum jemand kennt Nordkorea aus eigener Erfahrung. Wir waren dort.
Und fanden adrett gekleidete Menschen und blitzsaubere Städte, aber keine Spuren von Slums und Kriminalität. Nordkorea ist spannend, ein bisschen spooky – und völlig anders als der Rest der Welt.

Es sollte ein schöner Morgen am Strand werden. Park Wang-ja, eine 53-jährige Touristin aus Südkorea, war früh aufgestanden, um in der Nähe ihres Wellnessresorts Ananti den Sonnenaufgang zu erleben. Ananti war das einzige Hotel in Nordkorea, in das Südkoreaner reisen durften. Der Mischkonzern Hyundai, dessen Gründer Chung Ju Yung der Sohn eines armen Bauern im heutigen Nordkorea war, hatte das Resort in einer Sonderwirtschaftszone errichtet, es war durch eine eigens gebaute Straße von Südkorea aus erreichbar. Alles war streng bewacht, und für das nordkoreanische Regime fielen 100 Dollar pro Tagestourist ab. Zwischen 1998 und 2010 kamen rund eine Million Südkoreaner. Doch als Park Wang-ja am Strand die engen Grenzen dieses nordkoreanischen Resorts überschritt, fielen Schüsse. Sie war auf der Stelle tot. Es war das Ende des innerkoreanischen Tourismus. Das Wellnessresort steht bis heute leer.

Nordkorea
Immer noch kommen Besucher: Chinesen, die eine Gruselzeitreise in ihre Vergangenheit unternehmen wollen, und wenige Europäer. Einer davon bin ich. Vor dem Hotel Koryo in Pjöngjang steht ein auf Hochglanz polierter grüner Jaguar. Manchmal erscheint das Leben unwirklich. Bin ich tatsächlich im angeblich hungernden Nordkorea? Der Jaguar setzt sich in Bewegung, was ich auch gerne tun würde, aber über die Einfahrt hinaus darf ich mich im ganzen Land nirgendwohin ohne Guide bewegen. Keine zehntausend Europäer besuchen dieses einzigartige Land pro Jahr – das kleine Dörfchen Hallstatt in Oberösterreich hat sechzigmal mehr Besucher. Dabei darf man diesen von jeglicher Globalisierung abgekoppelten Staat sowohl individuell als auch als Gruppenreisender erkunden. In jedem Fall wird man aber von einem Duo begleitet: einem ortskundigen Guide und einem Herrn von der Staatssicherheit.

Nordkorea
Alle Wege nach Nordkorea führen über Peking. Man kann nur mit der nordkoreanischen Air Koryo einfliegen. Oder man reist wie ich mit der Bahn von Peking nach Pjöngjang und überquert dabei bei Dandong den Grenzfluss Yalu. Das allein ist schon interessant. Die nordkoreanischen Waggons sind an einem chinesischen Zug angehängt, fast eine Allegorie auf die politische Lage. Die Türen dazwischen sind versperrt. Da sich der Speisewagen im chinesischen Zugteil befindet, offerieren die nordkoreanischen Schaffner eine findige Lösung: Man springt beim nächsten Stopp auf den Bahnsteig, läuft ein wenig vor, und schon ist man bei Speis und Trank. Der Speisewagen ist voller junger Briten und ähnelt einem englischen Pub. Im nordkoreanischen Zugteil gibt es nur ein Plumpsklo, in dem eine Schüssel Wasser die Spülung ersetzt. Am Boden der Schüssel steht auf Englisch: „Life should be pleasant – today and everyday.“ Ja, die Versprechungen von Regierungen sind schon immer groß gewesen.

Die Fahrt durch Nordkorea ist eine Ode an die Langsamkeit und auch eine schöne Zeitreise. Unzersiedelte Landschaft mit leeren Autobahnen und vielen Menschen auf den Feldern. Die Landwirtschaft ist kaum mechanisiert, und die Kolchosenarbeiter gehen entweder zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad zu den Feldern. So ähnlich muss es bei uns im 19. Jahrhundert auf dem Land auch zugegangen sein.

Wenn man am Abend am Pjöngjanger Hauptbahnhof ankommt, fällt man völlig aus der Zeit. Man ist zurück im 21. Jahrhundert und sieht adrett angezogene Kinder; alles ist blitzblank, und es wimmelt von Soldaten. Der Hauptbahnhof im stalinistischen Zuckerbäckerstil ist ein Geschenk der Sowjetunion aus den 1950er Jahren. Von hier aus führt auch eine Bahnlinie direkt nach Seoul, aber seit mehr als einem halben Jahrhundert halten alle Züge vor der undurchdringlichsten Grenze der Welt, in Kaeson.

Das Hotel Koryo, in das ich gebracht werde, ist ein Doppelturm mit 500 Zimmern, Schwimmbad, drehbarem Restaurant und einem Supermarkt, in dem auch die nordkoreanische Elite einkaufen darf. Von Sanktionen ist hier nichts zu sehen: Es gibt alles, von Bahlsen-Keks bis zu Johnnie Walker, von Bananen bis zu Nescafé.

Die Rezeptionistin trägt ein typisches Kleid: sehr bunt, sehr weit, sehr mädchenhaft, mit einer großen Schleife vorne dran wie auf einer Bonbonniere. Hinter dem Rezeptionstresen aus feinem Onyx ist eine riesige Weltkarte zu sehen, ganz in Weiß. Eine Farbe, die Kartographen einst gerne für die Terra incognita verwendeten, für unbekanntes Land. Und tatsächlich ist die Welt für Nordkoreaner ein unerreichbarer Ort, sie dürfen nirgendwohin reisen. Niemals. Nordkoreaner können mit ihren Radios und TV-Geräten auch nichts Ausländisches empfangen, das Internet endet an der Staatsgrenze, Auslandstelefonate sind nicht möglich, ausländische Medien gibt es keine. Der Rest der Welt ist so unerreichbar wie der Mond.

Nordkorea
Es gibt nur einen roten Fleck auf der Weltkarte im Hotel: ein gesamtes, ungeteiltes Korea mit der Hauptstadt Pjöngjang, die Sehnsucht des Führers. Was man auch gut erkennt: wie weit entfernt die USA liegen, die man im Angriffsfall mit Raketen treffen will. Die Raketendrohungen Nordkoreas haben übrigens nicht nur damit zu tun, dass Kim Jong-un nicht so enden will wie Gaddafi in Libyen, sondern auch mit viel begründeter Angst vor den USA. Während des Koreakrieges warfen die Amerikaner auf nordkoreanische Städte doppelt so viele Bomben ab wie auf europäische und machten sie dem Erdboden gleich. General McArthur wollte sogar 34 Atombomben auf China und Nordkorea abwerfen. Schließlich endete der Koreakrieg 1953 mit einem Patt und der bis heute andauernden Teilung des Landes. Seit damals hat Nordkorea niemals ein anderes Land angegriffen. Die USA hingegen haben in diesem Zeitraum 35 Länder bombardiert – gemäß dem Völkerrecht (UN-Charta 1948) allesamt in illegalen Angriffskriegen –, aus geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen!

Pjöngjang macht staunen. Ansatzweise wird versucht, zum Süden aufzuschließen. Es gibt moderne Hochhäuser, wenige, aber neue Autos, die Menschen sind gut gekleidet und wirken keineswegs unterernährt. Der Unterschied zum kommunistischen Osteuropa? Das Fehlen jeglichen Schlendrians, was manchmal unheimlich wirkt. Die Verkehrspolizistinnen hatte ich stets im Verdacht, Androiden zu sein. Die ausnahmslos jungen und hübschen Frauen dirigieren den Verkehr mit roboterhaften, ruckartigen Bewegungen. Die Stadt wirkt anders, als wir Städte gewohnt sind. Keine Slums, keine Graffiti, kein Schmutz, keine Kriminalität. Dafür Führerkult und Menschenmassen ohne Ende: vor dem Geburtshaus des Großvaters von Kim Jong-un, vor den 20 Meter hohen Statuen seines Vaters und seines Großvaters, vor dem Revolutionsmuseum. Zum pompösen Palast der Sonne, dem ehemaligen Amtssitz von Kim Il-sung, führt sogar eine eigene Straßenbahn. Man passiert auf Rolltreppen endlose Gänge voller Einheimischer mit ergriffenen Gesichtern und gelangt schließlich in die abgedunkelten Säle, in denen die einbalsamierten Leichen der beiden Diktatoren liegen.

Eine Woche bin ich durch dieses Land ohne Werbung, ohne Coca-Cola, ohne McDonald’s und ohne weltweites Internet gereist. Ich war an der schwerbewachten Grenze in Panmunjom, wanderte im Mjohjang-Gebirge, und ich besuchte die Heimat des Ginsengtees in Kaeson. Die Menschen sind freundlich, aber sehr vorsichtig. Viele haben Handys – drei Millionen sollen es inzwischen sein –, und sie scheinen nicht an dem Mangel an Freiheit zu leiden. Von ihren Träumen konnten mir die Nordkoreaner freilich nicht erzählen. Sie leben stets mit zwei Wahrheiten, der privaten und der offiziellen. „Ich würde so gerne einmal Seoul sehen“, sagt eine Nordkoreanerin zu mir und fügt erschrocken hinzu: „Nach der Wiedervereinigung natürlich.“ Und als ich einen jungen Guide frage, warum er als Sprache Englisch gewählt hat, antwortet er zunächst: „Weil viele Touristen Englisch sprechen“, und ergänzt dann hastig: „Und weil die USA unser Feind sind, und um sie zu bekämpfen, müssen wir Englisch lernen.“


Fotos: Andrea Lorenzo

Neue Wege zu bester Gesundheit

Posthotel Achenkirch

Tirols Pionier-Wellnesshotel Posthotel Achenkirch vertieft seine Kompetenz in Sachen Gesundheit. Eckpfeiler sind Traditionelle Chinesische Medizin, neue Zimmer nach baubiologischen Gesichtspunkten und eine Küche, die regionale Tradition mit fernöstlichem Gesundheitswissen verbindet.

Ärzte, die nur so lange gut bezahlt wurden, wie die Menschen gesund blieben: Das war im alten China die Regel. Heute ist es genau umgekehrt: Je kränker eine Gesellschaft, desto mehr hat das Gesundheitssystem mit all seinen Profiteuren – etwa der Pharmaindustrie – davon. In China schritt ein Arzt erst zum spätestmöglichen Zeitpunkt ein, also dann, wenn ein Körper allen sanften Methoden zum Trotz nicht mehr ins Gleichgewicht gefunden hatte. Heute greift die Medizin oft schon in sehr frühem Stadium ein. Bisweilen mit Mitteln, die einen Teufelskreis eröffnen, aus dem der Organismus nicht mehr hinausfindet, Stichwort Antibiotikaresistenzen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Posthotel Achenkirch Yoga

Vier Lilien

Neue Wege aus dieser folgenschweren westlichen Entwicklung zeigt das mit vier Lilien vom RELAX Guide prämierte Posthotel im Tiroler Achenkirch auf. Schon einmal war das heute von Karl Reiter jun. geführte Luxushotel ein einflussreicher Vorreiter: Bereits 1982 setzte man unter Karl Reiter sen. als erstes Hotel Österreichs auf Wellness; kein Wunder, dass das Posthotel seinen zahlreichen neuen Mitbewerbern stets um Längen voraus war, was seriöse Konzepte für Wohlbefinden betraf. Auch mit fernöstlicher Gesundheitslehre beschäftigt man sich schon lange, „das Miteinander von regionalen Konzepten und fernöstlichen Komponenten hat bei uns Tradition“, sagt Karl Reiter jun. Jetzt zieht das renommierte Haus mit seiner beharrlich vertieften Kompetenz in Traditioneller Chinesischer Medizin abermals der Konkurrenz davon.

So gelang es, neben Frau Dr. Hu Ji einen weiteren Arzt aus China an den Achensee zu holen: Auch Dr. Philipp Wu bietet nun im Posthotel TCM-Einheiten, die in unterschiedlicher Intensität buchbar sind. Von einer Basisuntersuchung (mit Zungen- und Pulsdiagnostik) plus Besprechung bis hin zu ausführlichen Einheiten inklusive Behandlungen wie Tuinamassage, Akupunktur, Schröpfen reicht das Angebot. Oder, eine Spezialität des Posthotels: Skin Scraping, auf Chinesisch Gua Cha, was so viel bedeutet wie „nach Cholera schaben“. Mit einer abgerundeten Kante, ursprünglich etwa einer Münze, wird über die Haut geschabt, um die Durchblutung anzuregen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Posthotel Achenkirch

TCM-Ausrichtung

Die TCM-Ausrichtung des Posthotels – es ist übrigens ein Adults-only-Hotel, Kinder unter 14 Jahren werden hier nicht als Gäste akzeptiert – beschränkt sich freilich nicht auf vereinzelte Behandlungseinheiten. Vielmehr wurde die jahrtausendealte fernöstliche Medizin, zu der auch die Bewegungslehre Qi Gong gehört, in das Gesamtpaket integriert. Im Spa mit seinen zahlreichen herrlichen Pools und Saunen gibt es unter anderem ein Ying-Yang-Becken. Die Zimmer im neuen Karwendel-Haus wurden mit heimischen Materialien – etwa Eiche und Heilerdeputz – und fernöstlicher Reduktion gestaltet, „aber auf so subtile Art, dass es richtig behaglich ist“, wie Karl Reiter betont. Beim Interieur der neuen Suiten, die noch mehr freien Raum bieten, achtete man auf atmosphärisch wirkungsvolle Materialien, erzählt der Gastgeber. So enthält zum Beispiel der Verputz ein energetisierendes Quarzgemisch. Die Architektur – 80 Prozent des historischen Stammhauses wurden übrigens vor kurzem abgetragen und in Holzbauweise neu aufgebaut – ermöglicht freie Ener­gieflüsse und verhindert raumenergetische Blockaden. „Außerdem haben wir darauf geachtet, dass es zu möglichst wenig Elektrosmog kommt.“

TCM-Küche

Ein wichtiger Schwerpunkt im Posthotel wird auch die neue TCM-Küche. Neben einem neuen „Bademantelrestaurant“ mit direkter Verbindung zum Spa, in dem man sich unkompliziert auf einen leichten Lunch oder Kuchen setzen kann, bietet das Haus nämlich nun auch ein eigenes Gesundheitsrestaurant. Damit jene Gäste, die sich intensiver auf die TCM einlassen wollen, nicht nach den üppigen Tellern der anderen schielen müssen. Das Küchenteam des Posthotels wird in regelmäßigen Workshops von Dr. Wu auf die medizinischen Grundregeln der chinesischen Medizintradition eingeschworen. Auf dass hier eine neuartig-kreative Küche entstehen kann: eine Fusion aus Zutaten der Region mit der fernöstlichen Gesundheitslehre. Wo sonst, wenn nicht hier an diesem Ort der Vordenker.

Posthotel Achenkirch

Mehr: Posthotel Achenkirch, Fon +43-(0)5246-6522, www.posthotel.at und RELAX Guide – Posthotel Achenkirch
Fotos: Maxum Images/Jenni Koller

Yoga in der Natur, sogar im Schnee

Wasnerin G’sund und Natur

Es stärkt Geist und Körper. Und es bringt die nötige Work-Life-Balance: Yoga.
Das feine Hotel Wasnerin G’sund und Natur im Ausseerland hat sich darauf spezialisiert – auf Wunsch gibt es auch Privatstunden.

Wo denn nun die Sonne bleibt, ist man geneigt zu fragen, wenn die Yogastunde wieder einmal in einem muffigen Raum angesetzt wurde. Wie sollen wir sie denn grüßen, wenn sie gar nicht da ist? Den Sonnengruß tatsächlich unter freiem Himmel zu praktizieren, das bietet ein Hotel im Ausseerland. Und zwar gerade auch unter der Wintersonne, gleichsam der sanfteren, gütigeren Schwester. Die Wasnerin, ein renommiertes, mit drei Lilien prämiertes Spa-Hotel in Bad Aussee, zählt neuerdings auch Winteryoga zu ihrem Angebot.

Dresscode für die Übungen im Freien ist ein beweglichkeitsfördernder Lagenlook: mehrere Schichten dünner und atmungsaktiver, aber wärmender Kleidung, etwa Langarm-Sportshirts aus feiner Merinowolle. (Wussten Sie übrigens, dass frühe Himalayabezwinger zwischen ihren Schichten aus dicken Wollpullovern stets glatte Seide trugen, um mit deren Gleiteigenschaften der steifen Masse der Wolle etwas Bewegungsfreiheit abzuringen?) „Die Bewegungen beim Winteryoga sind fließender, schneller, damit der Körper nicht auskühlt“, erklärt Petra Barta, die Gastgeberin der Wasnerin. Sie probiert die hauseigenen Yogaklassen stets persönlich aus und schwärmt von Yoga im Schnee bei Kerzenschein oder auf dem zugefrorenen Grundlsee. „Frische Luft tut immer gut, egal zu welcher Jahreszeit, und die Ruhe der Natur nimmt man im Winter noch einmal viel intensiver wahr“, erzählt Barta über gemachte Erfahrungen. Die Natur zieht sich im Winter zurück. Der Schnee dämpft die Geräusche, die Farben, vermag die Wucht optischer und akustischer Eindrücke um einen Gang zurückzuschalten. Er sorgt für äußere Ruhe. Für die innere sorgen wir in der Wasnerin selbst.

Wasnerin G’sund und Natur

Man ahnt es schon

Es ist kein Alibi-Yoga, was hier geboten wird, nicht bloß ein weiteres Steinchen im beliebigen Wellnessmosaik. Man muss es – und genau das suchen die Gäste in diesem Hotel auch – schon wirklich wollen: im Winter hinaus in die Kälte, im Sommer auch einmal in den Regen. Eine wohltuende, vom Alltag entrückende Prise Grenzerfahrung ist damit in der Wasnerin inkludiert. „Im Sommer gehen unsere Yogalehrer mit den Gästen immer auch bei Regen hinaus, in den Wald, ins Dachsteinmassiv oder an den Moorsee“, erzählt die Hoteldirektorin. An den umliegenden Seen laden hölzerne Decks zu Yoga bei jedem Wetter. „Regen ist für Yoga kein Hindernis, auch Regen lässt einiges spüren, lässt anderes spüren.“ Und wenn der Himmel wirklich einmal unzumutbares Sauwetter schickt, weiß man in der Wasnerin mit drei Yogaräumen zu kontern. Im kleinsten kann man übrigens auch Partneryoga sowie Privatstunden buchen.

Yoga und Meditation gibt es täglich, zumeist sogar mehrmals. Zur Kompetenz des Hauses zählen zudem intensive Retreats, jeweils von Sonntag bis Freitag oder an Wochenenden, die nach Schwerpunktthemen ausgerichtet sind: Yoga und Detox, Yoga und Wandern. Und zweimal im Jahr findet an Wochenenden das Yogafestival statt. Den Auftakt bilden am Freitagabend ein meditativer Abendspaziergang und ein leichtes Menü aus der Wasnerin-Küche, die für ihre Detox-Ausrichtung bekannt ist. Für eine beschauliche Abendgestaltung danach finden sich in diesem Haus, das auch als Literaturhotel von sich reden macht, viele Möglichkeiten. Die Bibliothek, von einer lokalen Buchhändlerin beständig mit frischem Lesestoff bestückt, lädt mit Ohrensesseln zum Versinken ein, am offenen Kamin entspinnen sich tiefgehende Gespräche, und so mancher Yoga-Gast nützt die Zeit für eine weitere Runde Meditation. Am nächsten Tag geht es in der Früh – wie könnte es anders sein – gleich einmal hinaus: zum Yoga im Freien.

Um das Frühstück braucht man sich keine Gedanken zu machen, das kommt zum jeweiligen Yogaplatz. Neben mehreren Yogastunden gehört zum Package auch eine Kraftplatzwanderung – und solche Kraftplätze gibt es im Ausseerland viele. Das Programm wird bewusst nicht zu straff gehalten. Man setzt nicht auf Masse, weder bei der Anzahl der Teilnehmer noch beim Stundenplan. Es jagt nicht ein sogenanntes Highlight das nächste. Zwischendurch bleibt also viel Zeit, um auch das herrliche Spa zu nützen, das mit Living Walls (aus Moos, Stein und Lehm) gestaltet wurde. Vielleicht will man aber auch einfach noch einmal in den Schnee hinaus …


Mehr: Die Wasnerin G’sund- & Naturhotel, Fon +43-(0)3622-52108, www.diewasnerin.at und RELAX Guide – Wasnerin G’sund und Natur
Fotos: Oliver Wolf, Christian Jungwirth, Nora Köck, Anita Legerer

Jeder Zentimeter zählt!

Wie man preisgünstig einen Platz in der Business-Class ergattert und welche Airlines die besten „Premium Economy“-Angebote haben. Unsere Fluchthilfe aus der Holzklasse.

Nein, es ist nicht nur so ein Gefühl. Fliegen war wirklich früher einmal schöner. Der Sitzabstand in der normalen Economy-Klasse, die auf Englisch auch „Cattle Class“ genannt wird, schrumpft und schrumpft. Die Sessel werden immer enger, die Abstände dramatisch kürzer, das Essen ist oft nur mehr ein Fraß – oder kostenpflichtig.
In den 1950er Jahren hatten Economy-Passagiere im Schnitt 12 cm mehr Beinfreiheit als heute. Der Abstand betrug damals zumeist 91 cm, heute sind es bei Europaflügen kaum 76. Selbst auf Langstrecken bietet etwa die Lufthansa nur mehr knappe 79 cm. 1992 waren es noch 81, in den 1970ern 86 cm. Während die Business- und First-Class-Abteile stets luxuriöser werden und flache Betten Standard wurden, muss sich das einfache Volk zusammendrängen.
Economy-Flüge auf der Langstrecke gleichen einer Lotterie: Sitzt man neben einem zierlichen Model, hat man Glück gehabt, ist man im Mittelsitz zwischen zwei Sumoringern eingeklemmt, wird der Langstreckenflug zum Alptraum.

FlughafenIllustration: Paul Umfahrer-Vass

Zur Überraschung vieler Airline-Manager, die seit Jahren nur auf Kostensenkung setzen, um mit den Billig-Carriern mithalten zu können, sind immer mehr Menschen bereit, für besseren Sitzkomfort auch mehr zu bezahlen, insbesondere auf der Langstrecke. So wurde die sogenannte Premium Economy, die 1991 von der taiwanesischen Eva Air erfunden wurde, in den letzten Jahren zu einem großen Erfolg. 52 von den rund 700 Fluggesellschaften, die es weltweit gibt, haben sie inzwischen eingebaut. Für alle, für die ein normales Business-
Ticket unerschwinglich ist, öffnet sich damit eine leistbare Alternative zur Holzklasse. Eigentlich ist Premium Economy eine versteckte Rückkehr zum Flugkomfort und zu den Tarifen der 1970er Jahre. Im Schnitt kostet Premium Economy rund 85 Prozent mehr als das Economy-Ticket. Sie bietet neben mehr Sitzkomfort auch manche Extras, etwa mehr Gepäck, mitunter Zugang zu Lounges (bei der Lufthansa ist das möglich, gegen 25 Euro Aufpreis) und auch Priority-Boarding. Unter Premium Economy verstehen die Fluggesellschaften allerdings höchst Unterschiedliches.

Kriterien, auf die man achten sollte

  • Wie groß ist der Sitzabstand in der Premium Economy? Klassenbester ist hier Air New Zealand mit 116 cm Sitzabstand, aber auch Eurowings bietet auf der Langstrecke 115 cm. Sehr gut auch Air France mit 102 cm, AUA und SAS liegen mit 97 cm im guten Mittelfeld, Condor offeriert nur 91 cm (der Premium-Preisaufschlag ist dafür moderat). Sitzabstand bedeutet übrigens nicht Beinfreiheit, sondern darunter versteht man den Abstand vom hinteren Kufenrand (am Boden) des Sitzes bis zum hinteren Rand des vorderen Sitzes.
  • Wie breit ist der Premium-Sitz? Klassenbeste sind hier Virgin Airlines und Asiana Airlines mit 53 cm, sehr gut ist auch Aeroflot mit 51 cm. Gut auch die japanische ANA mit 49, Air France mit 48 und auch die AUA mit 48 cm. Schlusslicht ist wieder Condor mit nur 43 cm, was in etwa so eng ist wie in vielen US-Airlines in dieser Klasse.
  • Wie weit lässt sich der Sitz zurückklappen? Klassensieger sind hier Virgin Airlines, Air New Zealand und Air France. Die AUA fliegt im Mittelfeld, am wenigsten bequem: Condor.
  • Wie gut ist das Essen? Premium Economy bedeutet nicht automatisch besseres Essen. Meistens bekommt man das gleiche Menü wie in der Economy, mitunter mit wunderlichen Variationen. Bei der Lufthansa wird das Economy-Essen auf Porzellan serviert. Bei der ANA erhält man zusätzlich zum Economy-Mahl ein Dessert aus der Business. Unser Gourmetsieger ist Air France – mit eigenem, recht gutem Premium-Economy-Menü plus Champagner. Auch bei Singapore und British Airways gibt es eine größere Menüauswahl auf Porzellan.

Aber da wäre noch ein weiterer Fluchthelfer aus dem unwürdig engen Economy-Kabinchen. Das Zauberwort heißt „Auctioning“: Feine Sitze, die leer bleiben, werden versteigert. Wer also kostengünstig bequemer fliegen möchte, hat bei einer Reihe von Airlines (mehr als 30 sind es inzwischen) die Möglichkeit, sowohl Tickets für die Premium Economy als auch für die Business-Class zu ersteigern. Das funktioniert so: Man kauft ein normales Economy-Ticket, und ab einem gewissen Zeitpunkt darf man auf der Website der Airline für die Business- oder auch Premium-Economy-Class bieten. Bei der AUA heißt das System zum Beispiel Smart Upgrade – ab 72 Stunden vor Abflug kann man innerhalb eines vorgegebenen Rahmens per Mausklick und Kreditkarte ein Angebot abgeben. So kann man unter Umständen für nur 250 Euro Aufpreis in der Business-Klasse nach New York fliegen.

Der Grund, warum viele Airlines dieses System eingeführt haben, ist simpel. Im weltweiten Schnitt sind Flugzeuge nur zu 80 Prozent ausgelastet. Leere Sitze in höheren Kategorien sind für Fluggesellschaften verlorenes Geld, deswegen gibt es das Angebot, sich den Zugang zur Business-High-Society zu ersteigern. Auch wenn das Ticket so nur zu einem Schleuderpreis weggeht, verdient die Fluggesellschaft trotzdem mehr als mit einem leeren Sitz. Warum aber ersteigern dann nicht alle Business-Kunden ihre Tickets? Ganz einfach, weil es keine Garantie für einen Schnäppchenplatz gibt. Ist die Business-Class voll oder haben andere Passagiere mehr geboten, geht man leer aus und fliegt ungebremst beschwerlich in der Holzklasse.

Gibt es noch andere Tipps? Ja. Wenn man flexibel ist, sind Feiertage ideal, Montage und Freitage hingegen sehr schlecht, weil da viele Geschäftsleute Business fliegen. Manche Vielflieger schwören beim Angebot auf diese Formel: Business-Class-Tarif minus Economy-Preis, davon 20 bis 40 Prozent bieten. Und niemals nur das Minimum bieten, weil die meisten hoffnungsfrohen Holzklassepassagiere genau darauf setzen.

All Nippon AirwaysDie taiwanesische Eva Air hat’s erfunden, 52 Airlines bieten es schon an: „Premium Economy“-Sitze – im Bild von All Nippon Airways, besser bekannt als ANA.
Foto: All Nippon Airways

Im Übrigen gibt es immer noch die Möglichkeit, vor dem Abflug beim Einchecken nach einem Upgrade-Angebot der Airline für die Premium- oder die Business-Class zu fragen. Manchmal gibt es da echte Schnäppchen.

Wer aber am Ende doch zwischen zwei Sumoringern in der Holzklasse ans andere Ende der Welt fliegen muss, darf sich mit einem Plus an Sicherheit trösten. Laut langjährigen Statistiken lag die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem Absturz im hinteren Teil des Fliegers bei 70 Prozent und ganz vorne bei 49 Prozent. Bei so unerfreulichen Daten kann ein Business-Class-Genießer nur eines tun: sich einen weiteren Champagner kommen lassen. Prost!

Für die Familie nur das Feinste!

Reiters Finest Family

Reiters Finest Family – Dieses Thermenhotel bietet ein Füllhorn an Möglichkeiten für die ganze Familie. Dazu Qualität auf allen Ebenen – fabelhafte Stimmung inklusive. Selbst schwer erziehbare Eltern, Tanten und Opas werden hier brav und können sich ganz schnell entspannen.

Das Finest Family

Ein Hotel ohne Beispiel. Viel Wellness, Thermalwasser, tolle Zimmer, Golf, Reitsport, eigene Landwirtschaft, eigene Weingärten … Und ganz besonders: ein wunderbares Umfeld für Kinder jedes Alters. Das feine Vierstern-superior-Hotel liegt im Reiters Reserve, einem 120 Hektar großen Naturareal. Wälder, Wiesen, Weiden und Teiche gehören hier ebenso dazu wie Shops, Lipizzaner-Reitstall oder ein 27-Loch-Platz mit Golfschule. Geführt wird das Drei-Lilien-Haus von Niki Reiter. Für die Mutter dreier Kinder, von denen das kleinste gerade erst krabbeln lernt, sind Kinder das Glück dieser Erde. Und dieses Glück will gehegt werden. „Wir haben das Hotel daher für Familien optimal gestaltet“, sagt Niki Reiter. „Selbst schwer erziehbare Mütter, Väter, Tanten und Großeltern werden hier ganz brav und können sich bestens entspannen“, fügt sie augenzwinkernd hinzu.

„Optimal gestaltet“ heißt zunächst einmal, dass es für Kinder ein Füllhorn an Möglichkeiten gibt – zum Entdecken, zum Austoben und Vergnügtsein. Etwa die Wasserwelt mit Pools, Rutschen, Babybecken und Wasserspielpark. Oder die weitläufigen Indoor-Spielflächen, den Theatersaal, wo große und kleine Künstler ihre Auftritte haben, das „Büffelcamp“, einen großen Spielbauernhof mit zahlreichen Attraktionen. Oder den Funpark im Freien: mit Rennstrecke, Funcourt, Dreifach-wasserrutsche, Trampolinanlage, Beachvolleyballplatz und vielem mehr. Faszinierend für Kids ist auch der Tiergarten, der haushoch übertrifft, was andere Hotels als Streichelzoo bezeichnen, gibt es doch hier Tierarten ohne Zahl, darunter Ziegen, Rehe, Kaninchen, Esel, Miniaturpferde und sogar Wasserbüffel. Auch Kasimir, das zottelige Maskottchen des Finest Family, ist übrigens ein Wasserbüffel. Jeden Morgen tanzen er und seine Maus-Freundin Lilly gemeinsam mit den Kindern, mit einer Fröhlichkeit, die alle in ihren Bann zieht.

So richtig zum Wohlfühlen

Und zwar für Eltern und Kinder – wird das Finest Family aber erst durch die Kinderbetreuung: liebevoll, pädagogisch kompetent, in vier Altersgruppen, täglich von 9 bis 21 Uhr. Während Babys im Zwutschgerl-Club gepflegt und umsorgt werden, gibt es auch einen Jugendcoach, der bei Teens für Freude und Bewegung sorgt.

„Optimal gestaltet“ bedeutet aber auch, dass die Eltern im Spa auf ihre Kosten kommen: mehrere Süßwasser- und Thermalpools, angenehme Saunen mit FKK-Garten, ausgezeichnete Treatments und ein tägliches Aktivprogramm.

Eine weitere Besonderheit im Finest Family ist die Küche: Viele Zutaten stammen entweder aus der eigenen Landwirtschaft – drei Bauernhöfen und mehreren Gärten – oder von unzähligen Kleinlieferanten aus der engeren Region. Letzteres ermöglicht eine persönliche Kontrolle und sichert kurze Transportwege. Stolz ist Niki Reiter auf eigenes Fleisch, auf Säfte, Wein, Brot und Marmelade aus ihrer Genusswerkstatt: „Das garantiert beste Qualität. Artgerechte Tierzucht mit natürlichem Futter aus eigener Erzeugung ist bei uns Standard.“ Das Finest Family steht aber nicht nur für ganztägige Kinderbetreuung, riesige Spielbereiche, großzügige Spa-Einrichtungen und feine Qualität auf allen Ebenen, sondern auch für eine wunderbar gemütliche und familiäre Atmosphäre, die durch die Freundlichkeit der Mitarbeiter hervorgerufen wird. Leichtigkeit und Heiterkeit liegen jedenfalls förmlich in der Luft, und diese Stimmung überträgt sich auf Eltern wie Kinder gleichermaßen.

Was Wunder, wenn immer häufiger auch die Großeltern oder Tanten und Onkel zum gemeinsamen Urlaub ins Finest Family mitkommen. „Für Großfamilien ist unser Hotel wie das Gegenteil von Weihnachten“, sagt Niki Reiter. „Zu Weihnachten streiten immer alle, hier hingegen sind alle Generationen entspannt.“ Finest Family heißt aber auch Urlaub zum Fixpreis, denn alles ist inklusive. Also etwa auch Snacks, Suppen und Mehlspeisen zwischen den drei Hauptmahlzeiten, weiters Weine, Spirituosen und Erfrischungen an der Poolbar. Und natürlich Eis – so viel, wie ein Kinderbauch nur fassen kann. So macht Familienurlaub Spaß!


Mehr: Reiters Reserve, Fon +43-(0)3353-8841-607, www.reiters-hotels.com und RELAX Guide – Reiters Finest Family
Fotos: Maxum Images

Schön und gesund durch das Meer

Georgshöhe

Thalasso-Treatments sind nicht nur gesund, sie verschönern auch Haare und Haut. Originales Thalasso können nur ganz wenige Hotels bieten. Wir fanden eines in der Nordsee, auf der Insel Norderney, direkt am Strand – Georgshöhe Strandhotel. Hier wird die Kur zum Genuss.

Es klingt wie ein Ostfriesenwitz, ist aber keiner: Spätestens seit vergangenem Jahr darf sich die gesamte Insel Norderney als offenes Spa für Thalasso-Anwendungen verstehen. Schon im Jahr 2014 befand eine staatliche Prüfstelle für gesundheitstouristische Angebote, dass das maritime Klima auf der etwas mehr als 26 Quadratkilometer großen ostfriesischen Insel perfekt ist für Heilverfahren aus dem Meer. Norderney trägt seither den Titel „Thalasso-Nordseeheilbad“. Zu diesem Angebot für ganzheitliche Thalasso-Anwendungen, bei denen ausschließlich natürliche Inhaltsstoffe aus dem Meer zum Einsatz kommen, muss aber auch unbedingt das Outdoor-Programm gezählt werden: Die Bedingungen für Freiluftinhalation und die Lichttherapie sind auf Norderney so ideal, dass Kurgäste unbedingt ausgedehnte Spaziergänge am Niedersächsischen Wattenmeer unternehmen sollten.

Wer sich auf Norderney nicht an das staatliche Badehaus wendet, der ist mit ziemlicher Sicherheit Gast des besten Hotels auf der Insel. Direkt am Meer in der sogenannten Sprühzone und doch nur ein paar Schritte vom Ortskern entfernt, hat sich das Vierstern-superior-Hotel Georgshöhe eine der exklusivsten Lagen auf der Insel gesichert. Und Thalasso-Therapien, wie sie sein sollen, gehören seit Beginn an zu den Spezialitäten dieses familiengeführten Hauses. Auf einer beachtlichen Größe des Spa von 4.000 m2 können neben zwei Meerwasseraußenpools auch alle spezifischen Anwendungen mit Algen, Meerwasser und -salz angeboten werden. Ein Teil des Meerwassers gelangt über eine eigene Pipeline ins Hausinnere, der andere Teil über einen Sickerbrunnen, der gerade erst erneuert wurde, weil der alte zu versanden drohte. Und auch hier gilt: Rausgehen ist unbedingt anzuraten, denn die Hotelfront liegt keine 50 m vom Meer entfernt. Bei kräftiger Brandung entsteht quasi vor der Haustür der typische Sprühregen, der bei Atemwegserkrankungen und rheumatischen Beschwerden erwiesenermaßen lindernd wirkt.

Apropos Diagnose

Seit kurzem kümmern sich in der Georgshöhe gleich zwei unabhängige Vertragsärzte aus dem Ort darum, herauszufinden, für wen eine Thalasso-Therapie überhaupt sinnvoll ist. Zum einen versuchen sie schon vor der Anreise, mittels eines erprobten Fragebogens eine Therapie zusammenzustellen, und zum anderen bleiben die Mediziner bei Rückfragen stets in Reichweite. Beide ordinieren auf der anderen Straßenseite des Hotels und drücken schon einmal ein Auge zu, wenn Hotelgäste mit Fragen spontan vorbeischauen wollen. Oft genug stellt sich dann heraus, dass ein gegen Hautunreinheiten wirksames Meersalz-Peeling zwar nicht jedem Neurodermitis-Patienten angeboten werden sollte, aber Alternativen vorhanden sind: Sanfte Wickel, die aus gänzlich unbehandelten Algen hergestellt werden, helfen nicht nur ihnen besser, sondern auch jenen Menschen, die unter verengten Venen leiden, und das sind nicht wenige.

Georgshöhe

Europas führende Thalasso-Insel

Keine sinnlosen Therapien anzubieten gehört in der vielfach ausgezeichneten Georgshöhe jedenfalls genauso zum guten Ton wie der Wille, über die Jahre ein Haus zum Wohlfühlen zu bleiben. An den exklusiven Zimmern mit ihrer klaren Formensprache, die das Naturschauspiel der tosenden Nordsee über bodentiefe Glasflächen jederzeit hereinholen, wird man dafür wohl wenig ändern müssen. „Aber alleine in den letzten fünf Jahren haben wir einen fast zweistelligen Millionenbetrag ins Interieur gesteckt“, lässt Karl-Hans Sigges, der Gastgeber, wissen. Die hohe Investitionssumme floss aber auch in die Neugestaltung von Restaurants und Bar, zudem wurden alle 260 Betten gegen bequeme Boxspringbetten getauscht.

Wofür der Aufwand? „Norderney hat sich das engagierte Ziel gesteckt, bis zum Jahr 2020 Europas führende Thalasso-Insel zu werden. Und unser Haus wird dazu seinen Beitrag leisten“, sagt Karl-Hans Sigges.

Georgshöhe


Mehr: Strandhotel Georgshöhe, Fon +49-(0)4932-898-0, www.georgshoehe.de und RELAX Guide – Georgshöhe Strandhotel
Fotos: Strandhotel Georgshöhe

Die Botschaften unserer Träume

Sechs Jahre seines Lebens verbringt der Mensch träumend.
In den nächtlichen Erlebnissen stecken viele unverständliche Botschaften, die nur darauf warten, entschlüsselt zu werden. Wenn dies gelingt, so versprechen Forscher, enträtseln sie die „Suchbilder unserer Seele“.

Mitte der 1880er Jahre litt der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson an einer schlimmen Schreibblockade. Sobald er seine Arbeit aufnehmen wollte, war sein sonst so lebendiger Geist vollkommen leer. Verzweifelt suchte Stevenson nach einem Ausweg – bis er bemerkte, dass seine Träume immer lebhafter wurden. Von da an schenkte er ihnen mehr Beachtung. Und siehe da: Es schien, als wollte etwas in ihm zu ihm sprechen. Bald schon träumte der Schriftsteller Szenen einer Geschichte, die er jeden Morgen aufschrieb. So entstand ein Roman, der als „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in die Literaturgeschichte eingehen sollte. Stevenson ist bei weitem nicht der einzige prominente Träumer. Unzählige Künstler, Wissenschaftler, aber auch Politiker ließen und lassen sich von den nächtlichen Erlebnissen inspirieren. Friedrich Kekulé erschien etwa eine Schlange, die sich in den Schwanz biss – die Struktur des Benzolrings! Wolfgang Amadeus Mozart berichtete immer wieder, dass ihm Melodien im Traum einfach „zugeflogen“ seien. Auch Paul McCartney träumte seinen Megaerfolg „Yesterday“ einfach in die Welt.

TräumenFoto: Matjaz Slanic/Getty Images RF

In unserem Alltag ist solcherart Spektakuläres selten. Im Gegenteil: Meistens erinnern wir uns nicht an den Inhalt – und wenn, dann tun wir ihn schnell als Unsinn ab. Auch für die Wissenschaft waren Träume lange Zeit nicht mehr als bloß Abfallprodukt des Schlafes, obwohl jeder, der aus einem intensiven Traum erwacht, instinktiv spürt, dass das nicht stimmt. Die nächtliche Reise mag uns fremd erscheinen, doch ahnen wir, dass sie uns etwas sagen will. Schamanische Kulturen sahen im Traum auch den Schlüssel zu Wirklichkeiten, die unserem Tagesbewusstsein nicht zugänglich sind. Für die australischen Ureinwohner bedeutet die Traumzeit noch heute die eigentliche Heimat des Menschen.

Botschaften der Götter

Die früheste nachgewiesene Aufzeichnung eines Traums stammt von den Sumerern vor mehr als 5.000 Jahren. Im Gilgamesch-Epos ist nachzulesen, wie der König orakelhaft immer wieder von seiner Gottmutter träumt. Auch im Talmud wird dem Traum gehuldigt: „Ein unverstandener Traum ist wie ein ungeöffneter Brief.“ Buddhas Berufung erfolgte ebenfalls, als er schlief. Die Nacht eignete sich auch dafür, Botschaften der Götter zu erhalten. Im antiken Griechenland etwa zogen sich Kranke dazu in einen eigenen Tempel zurück. Nach einem intensiven Vorbereitungsritual aus Fasten und Meditation fielen sie in einen tiefen Schlaf. Hier empfingen sie dann die erleuchtenden, heilenden Träume, die von Priestern gedeutet wurden.

Und dennoch verloren die Menschen allmählich den Bezug zum nächtlichen Universum. In Europa sorgte der Siegeszug des Christentums für ihr vorläufiges Ende, Träume wurden nun erstmals als böse und sündhaft betrachtet. Martin Luther predigte, dass es der Teufel sei, der die Bilder schicke. Göttliche Botschaften seien nämlich nur durch die Kirche zu erhalten!

Erst Sigmund Freud holte das Thema wieder aus seinem Schattendasein – aber nur, um es postwendend ins Schmuddeleck zu stellen: Er sah Träume in erster Linie als Mittel des Unterbewusstseins an, um unser inneres Sexmonster im Zaum zu halten. Erst sein berühmtester Schüler, C. G. Jung, gab den Träumen ihren alten, mystischen Charakter zurück.

Dass wir träumen, ist klar – es sind jede Nacht etwa zwei Stunden. Doch bei der Frage „Warum?“ scheiden sich die Geister. Speichert das Gehirn so die Erlebnisse des Tages ab? Verarbeitet es damit Gefühle, handelt es sich vielleicht doch nur um ein Zufallsprodukt des Schlafes? Oder ist es tatsächlich die Art, wie das Unterbewusstsein mit uns kommunizieren will?

Sind Träume nur Schäume?

In der Wissenschaft dominierte lange Zeit die Ansicht, dass Träume nichts weiter als sinnlose Abfallprodukte des Schlafes seien. Unwillkürliche Hirnsignale, bar jeder Bedeutung. Doch inzwischen hat das Pendel umgeschlagen. Das Traum-Revival entstand aus purem Zufall: Bei der verzweifelten Suche nach einem Forschungsgegenstand verband der verkrachte Mediziner in spe Eugene Aserinsky 1953 die Elektroden eines ausrangierten EEG-Gerätes mit der Kopfhaut seines Sohnes, um dessen Schlafmuster zu studieren. Und schnell fiel ihm etwas Sonderbares auf. Zu bestimmten Zeiten während des Schlafes kam es zu plötzlichen Veränderungen der Gehirnströme, die so aussahen, als wäre er hellwach.

Aserinsky dachte, die Maschine sei defekt, und versank zunächst in Selbstmitleid: „Ich war verheiratet, hatte ein Kind und studierte seit 12 Jahren an irgendwelchen Unis herum, ohne einen Abschluss vorzuweisen. Ich war völlig am Boden zerstört.“ Doch in Wahrheit hatte Aserinsky die wichtigste Entdeckung in der Traumforschung gemacht: jene der sogenannte REM-Phase (Rapid Eye Movement). Etwa alle eineinhalb Stunden verfallen Schlafende in diesen Zustand: Das Herz schlägt schneller, Atemfrequenz und Blutdruck steigen, mitunter sind auch Anzeichen von sexueller Erregung festzustellen. Und ganz entscheidend: Die Augen wandern bei geschlossenen Lidern nahezu rasend schnell hin und her – die REM-Phase. Während der Tiefschlaf für die körperliche Regeneration sorgt, ist der REM-Schlaf vor allem für die Psyche wichtig. Hier treten auch die intensivsten Träume auf.

Mit dem Aufkommen der Schlafforschung hat auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Träumen eine bemerkenswerte Renaissance erfahren, besonders in der Psychologie. Für Brigitte Holzinger, die Leiterin des Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien, spielen die Gefühle beim Träumen eine ganz entscheidende Rolle. „Träume sind Gefühle in bewegten Bildern dargestellt“, resümiert Holzinger, die bereits seit rund drei Jahrzehnten auf diesem Feld forscht. Wer sich mit den Träumen auseinandersetze und sie lesen lerne, könne die Gefühle aus der Nacht bewerten und daran wachsen. Denn der Traum, so die Wissenschaftlerin, „ist so etwas wie eine kleine Psychotherapie.“

Inzwischen weiß man auch, dass Träumen für unsere Psyche überlebenswichtig ist. Schon 1960 führte der amerikanische Schlafforscher William C. Dement ein bahnbrechendes Experiment durch: Er hinderte acht Personen daran, zu träumen, indem er sie mehrere Nächte immer kurz vor der REM-Phase aufweckte. Schnell entwickelten die Probanden psychische Symptome wie Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen. Später wurden sie auch immer aggressiver oder litten unter Depressionen. Bald war Gefahr in Verzug, und das Experiment musste abgebrochen werden. Zum Vergleich wiederholte Dement den Versuch später noch einmal. Nun weckte er die Versuchspersonen aber erst, nachdem die REM-Phase vorbei war. Alle Teilnehmer blieben psychisch stabil.

Gegen die „Träume sind Schäume“-Auffassung spricht zudem eines der rätselhaftesten Phänomene der menschlichen Psyche: das luzide Träumen. Hier wird dem Träumenden plötzlich bewusst, dass er träumt. Die Bandbreite reicht dabei von schwachen Eindrücken bis hin zum vollkommenen Erwachen im Traum. Damit aber nicht genug: Anstatt wie üblich das Geschehen nur passiv mitzukriegen, kann man nun plötzlich den Traum nach seinem eigenen Willen verändern. Die Möglichkeiten sind dabei unbegrenzt. Durch das Weltall fliegen, ein Musikinstrument beherrschen, bislang unbewältigte Konfliktsituationen brillant meistern oder – wie bei vielen Klarträumern besonders beliebt – mit jedem Sex haben, den man will. Inzwischen gibt es auch erste Versuche mit luziden Träumern. Dabei zeigt sich immer wieder: Das Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen Tag- und Nachtwelt.

Träume richtig deuten

Die beste Methode, um den Wert von Träumen zu beweisen, bleibt aber immer noch, sie selbst zu erforschen. Wenn wir schon die Chance haben, Nacht für Nacht gratis eine auf uns zugeschnittene psychotherapeutische Sitzung zu absolvieren, sollten wir sie auch nutzen. Für den Traumforscher Günther Feyler sind Träume überhaupt „Suchbilder der Seele“, die uns durch die Wirren unseres Lebens lenken wollen. Für das Auswerten des nächtlichen Geschehens kann man laut Feyler auf Bücher oder Therapeuten getrost verzichten: Jeder Träumer ist selbst sein bester Deuter. Alles, was es braucht, ist anfangs ein wenig Geduld. Und schon bald versteht man die Strukturen seiner nächtlichen Sprache ziemlich deutlich. In der Regel hat man in einer Nacht zumindest drei verschiedene Träume. Diese behandeln meist dasselbe Grundthema von verschiedenen Seiten. Und sie liefern einen Lösungsansatz!

Angst muss man freilich keine haben, selbst wenn es mitunter heftig oder beängstigend zugehen sollte. Auch wenn Szenen auftauchen, in denen jemand stirbt, man verfolgt wird oder nackt vor Arbeitskollegen steht: Es ist nicht real – und auch kein Blick in die Zukunft. Es ist vielmehr ein inneres Theaterstück, das eine Botschaft hat. Um sich leichter an die nächtlichen Reisen erinnern zu können, hat Feyler folgende Ratschläge aufgelistet:

  • Nehmen Sie sich am Abend, bevor Sie einschlafen, fest vor, sich am Morgen an Ihre Träume erinnern zu können.
  • Legen Sie Stift und Papier oder einen Recorder neben Ihr Bett und schreiben Sie nach dem Aufwachen sofort auf, woran Sie sich erinnern können. Wenn Sie die Bilder nicht in Worten ausdrücken können, zeichnen Sie, was geschehen ist.
  • Gehen Sie Ihren Traum noch einmal im Geiste durch, wenn Sie gerade beim Aufwachen sind. Achten Sie darauf, wie Sie sich fühlen. Kommen Sie mit einer traurigen, fröhlichen, sentimentalen, belustigten, frustrierten, aufgewühlten oder energiegeladenen Stimmung in Ihr Tagesbewusstsein zurück? Diese Stimmung ist ein erster wichtiger Hinweis, da Träume vor allem über Gefühle mit uns kommunizieren.
  • Verlieren Sie nicht die Geduld. Nehmen Sie sich immer wieder vor, sich an die Träume zu erinnern. Schreiben Sie jedes noch so kleine Erinnerungsstück auf. Auch wenn sie Ihnen auf den ersten Blick völlig unwichtig erscheinen. Oft tauchen mehr und mehr Fragmente aus Ihrem Unterbewussten auf, wenn Sie sich darauf konzentrieren.

Meist ergeben sich schon beim Aufschreiben erste Einsichten, die sich einfach richtig anfühlen. Wenn Sie Ihren Szenen allerdings eher ratlos gegenüberstehen, dann spüren Sie einmal nach, wie Sie sich in dem Traum gefühlt haben, welche Stimmung der Traum hatte. Korrespondiert diese Stimmung mit Problemen und Gefühlslagen in Ihrem derzeitigen Leben?

Bedenken Sie, dass alles, jede Person, jeder Gegenstand, jeder Ort, ein Produkt Ihrer eigenen Psyche ist. Wenn es Personen gibt, die eine Hauptrolle einnehmen, fragen Sie sich, was dieser Mensch Ihnen sagen will. Was verbinden Sie mit dieser Person? Bewundern Sie etwas an ihr? Lehnen Sie etwas an ihr ab? Welche Beziehung haben Sie zu dieser Person?

Versuchen Sie dann, Ihren Traum zu deuten. Geben Sie jeder Szene eine Überschrift, die das Traumgeschehen in einem Satz zusammenfasst. Fragen Sie sich, ob es in Ihrem Traum Lösungsvorschläge gibt. Gibt es eine Botschaft an Sie? Eine Aufforderung, neue Charaktereigenschaften zu entwickeln oder eine alte abzulegen? Es ist eine Lösung in Ihrem Traum versteckt, nur kann diese nicht immer analytisch gefunden werden. Sie offenbart sich eher in Stimmungen und Gefühlen.

Schreiben Sie einfach alles auf, was Ihnen zu dem Traum einfällt. Lassen Sie Ihren Gedanken und Einfällen freien Lauf. Ihre Eindrücke müssen auf den ersten Blick auch nicht mit den Szenen in Verbindung stehen. Beachten Sie, dass die Träume eher symbolisch zu deuten sind. Wenn sich eine Lösung richtig anfühlt, dann ist sie das meist.
Wie überall gilt auch hier, dass mit Übung alles immer besser gelingt. Wenn Sie Ihren Träumen mehr Aufmerksamkeit schenken, dann wird Ihr Inneres dieses Angebot nur zu gerne nützen und vermehrt mit Ihnen auf diesem Weg kommunizieren. Die Botschaften werden so immer besser verständlich.

Und wenn Sie Glück haben, erkennen Sie während eines Traumes, dass Sie träumen. Kaufen Sie sich dann ein Schloss und verbringen Sie darin eine Nacht, mit wem immer Sie wollen. An diesen Traum werden Sie sich sicher erinnern.


Zum Weiterlesen: Günther Feyler „Träume, Suchbilder der Seele“, Hermann-Bauer-Verlag; Dylan Tuccillo und Jared Zeizel „Klarträumen: Träume bewusst steuern, die Kreativität beflügeln, Probleme lösen“, Goldmann-Verlag; Brigitte Holzinger „Der luzide Traum: Forschung und Praxis“, Facultas.