Herdentrieb im Internet

Dass man Produkte (auch Hotels) auf Einkaufs- und Bewertungsportalen selbst bewerten kann, ist hinlänglich ebenso bekannt wie der Umstand, dass damit viel Schindluder getrieben wird: vielfach werden die Bewertungen getürkt, ein ganzer Industriezweig widmet sich mittlerweile dem Thema – Agenturen, die gegen Entgelt das Produkt des Auftraggebers „pushen“.

Nicht bekannt ist dagegen, dass solche Fake-Rankings auch auf die Einstufung seriöser Bewertungen einen Einfluss haben. Wissenschafter aus Israel und den USA haben das jetzt untersucht und im Magazin Science darüber berichtet: Auf einer (nicht genannten) Bewertungsplattform wurden 100.000 Kommentare gesetzt, ein Drittel der Manipulationen waren negativ, ein Drittel positiv, das letzte Drittel diente als neutrale Kontrollgruppe.

Es zeigt sich, dass gute Bewertungen die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste (echte) Bewertung wiederum positiv war, um 25 Prozent ansteigen ließ, die Wahrscheinlichkeit für Höchstbewertungen erhöhte sich (im Beobachtungszeitraum von fünf Monaten) gar um ein Drittel. Aus negativen Bewertungen ergaben sich hingegen keine dauerhaften Effekte.

Energie-Küche

Ihren Namen braucht man nicht mehr zu erklären: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich (und Korea) ist die quirlige Köchin Sohyi Kim alias kurz Kim bekannt, nicht zuletzt dank diverser erfrischender TV-Auftritte inmitten älterer schnauzbärtiger Herren mit ebensolchen Witzen. In ihrem kleinen Lokal hinter der Wiener Volksoper erkochte sich Kim mit ihrer fleischlosen, aber ganz und gar nicht fischlosen Fusionsküche sogar einmal drei Hauben. Einen weiteren Standort gibt es im Gourmet-Supermarkt Merkur am Hohen Markt in der Wiener Innenstadt, von vielen anfangs belächelt. Neuerdings ist Kim nach einem Wasserschaden im Stammhaus ganz in die Innenstadt übersiedelt. Und etwa zeitgleich brachte sie ein weiteres Kochbuch heraus: „Kim kocht leicht – meine Energieküche“.

Wer Kims Küche von einem Besuch ihres Restaurants kennt, weiß: Sie kann einen tatsächlich aufrichten. Kim fragt so weit wie möglich persönlich nach dem aktuellen Befinden, wählt danach die richtigen Zutaten, die richtige Schärfe, die richtige Hitze. Sie selbst schreibt etwa im Vorwort nicht nur „Kochen ist für mich das Weitergeben und der Austausch von Energie“, sondern gibt auch Einblicke in die Wirkung von Lebensmitteln: „Wenn ich wirklich müde bin, esse ich scharf.“ Ihren Rezepten kann man jedenfalls getrost folgen.

Pfirsichgazpacho mit Tempeh etwa führt Kim als kühlend und entgiftend an, den Gartensalat mit – wiederum – Pfirsichen und Pilzen empfiehlt sie aus Wohlfühlgründen ganz undogmatisch mit Reis und Kürbiskernöl in der Sonne zu essen. Rotbarben-Sashimi mit Grapefruit und Koriander soll hitzige Temperamente kühlen. Auch die Farben sind für Kim wichtig: „Die Fülle an Grün-, Rot- und Gelbtönen bei Obst und Gemüse auf einem Markt symbolisiert für mich das pralle Leben. Und diese Energie wandert beim Zubereiten auch in die Gerichte.“ Das spürt man unter anderem bei einem ihrer Signature Dishes, dem Salat mit rohem Thunfisch, oder auch bei der gebratenen Wassermelone mit Tunasteak und Currycouscous – einer Farbbombe in Rottönen von Gelb bis Pink.

Einen sehr brauchbaren Tipp, den man nicht nur in der Küche, sondern prinzipiell im Alltag beherzigen sollte, hat Kim zum Schluss noch: „Ich zähle nicht die Arbeitsstunden, sondern genieße das Ergebnis.“

Wermutstropfen für die Leser aus Kims Wahlheimat Österreich: die vielen bundesdeutschen Ausdrücke. Gegen die sich Kim aber offenbar ein bisserl gewehrt hat: Ein Apropos-Sternchen bei den „Pfifferlingen“ besagt: „Bei mir heißen sie Eierschwammerl“.

Rezepte im PDF Format:
Bibimbab
Linguine
Maki

Sohyi Kim:
Kim kocht leicht. Meine Energieküche.

160 Seiten, 29,90 Euro


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Gen-Mais-Desaster in Brasilien

Der als Saatgut wesentlich teurere Genmais 1507 wird in Brasilien zum Desaster. Die Bauern müssen mit Missernten und erheblichem Zusatzaufwand für Spritzmittel rechnen, da das gentechnisch veränderte Saatgut einen wesentlichen Mangel aufweist. Das Getreide sollte, wie der Hersteller, die US-Firma Pioneer Dupont verspricht, selbst ein Gift gegen Schädlinge produzieren. Doch die Schädlinge werden bereits nach drei Jahren resistent. Traditionelles Saatgut, das deutlich billiger ist, ist mittlerweile in Brasilien kaum mehr erhältlich.

In der EU steht der gentechnisch manipulierte Mais 1507 vor einer Anbau-Zulassung, vor allem auch deshalb, weil die deutsche Regierung nicht gegen ein Verbot gestimmt hat.

Als Lebens- und Futtermittel darf Genmais 1507 bereits seit 2006 in die EU importiert werden. Zuchtfische sowie Eier, Milch, Käse und Fleisch von Tieren, die genetisch verändertes Futter gefressen haben, müssen nicht deklariert werden.

In den USA werden die meisten Softdrinks mit Maissirup hergestellt, US-Bier wird aus Mais gebraut, in knapp einem Viertel aller amerikanischen Nahrungsmittel ist Mais enthalten.

Geldsorgen blockieren den Kopf

Geldsorgen beeinträchtigen die geistige Kapazität so stark wie schwerer Schlafentzug, das fanden ein Harvard-Ökonom und der Princeton-Psychologe Eldar Shafir heraus. Unter anderem am Beispiel von indischen Zuckerrohrbauern: Waren sie vor der Ernte arm, dann schnitten sie in der Denkleistung signifikant schlechter ab als nach der Ernte, die ihnen zu Geld verhalf. Das bedeutet, dass die geistige Kapazität – also die Fähigkeit, aufmerksam zu sein, richtig zu entscheiden und Ablenkungen zu widerstehen – keine konstante, sondern vielmehr eine veränderbare Größe ist.

Steigende Armut bedeutet demnach, dass die geistige Kapazität sinkt. Finanzielle Sorgen reduzieren, genauso übrigens wie Ohnmachtserfahrungen (durch eingeschränkte Handlungsspielräume), zwar nicht grundsätzlich die Denkfähigkeit, doch sie bestimmen, wie viele dieser Ressourcen momentan verfügbar sind.

Zum Weiterlesen:
Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir: Knappheit – Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus, 25,70 Euro.

Sozialmissbrauch als TV-Spitzenreiter

Im britischen Sender Channel 4 lief vor kurzem die TV-Reality-Serie „Benefits Street“. Sie spielte in einer Straße in Birmingham, in der 90 Prozent der Bewohner von Sozialhilfe („Benefits“) leben. Ein Jahr wurde gedreht, die Szenen zeigen Afrikaner, Jamaikaner und englische Loser. Menschen, die ihr Leben auf dem Sofa verbringen. Man sieht, wie eine 12-köpfige Romafamilie aus Rumänien einzieht und es zu Streit mit den alteingesessenen Bewohnern kommt. Wie Ladendieb Danny gestohlene Waren präpariert, um aus dem Kaufhaus zu gelangen, ohne den Alarm auszulösen. Die Kamera ist auch dabei, wenn Drogenabhängige Autos aufbrechen, um das Navi zu stehlen, wenn Alkoholiker stolz erklären, wie man sich Sozialleistungen erschummelt.

„Benefits Street“ brachte Channel 4 die höchsten Einschaltquoten seit 18 Monaten – und führte zu heftigen Reaktionen: Twitter-Nutzer forderten, den „Abschaum“ zu verbrennen oder zu erschießen, die Polizei erhielt empörte Aufforderungen, „diese Asozialen“ zu verhaften. Ein Kommentator schrieb in der Daily Mail, dass die Serie die „zerstörerische Sozialstaatskultur“, die keinen Ehrgeiz vom Einzelnen einfordere, beleuchte. Ein konservativer Parlamentarier wies darauf hin, dass es so eine Straße in jedem Wahlkreis gibt – tatsächlich zahlte England im vergangenen Jahr umgerechnet 190 Milliarden Euro an Sozialhilfe aus.

Kritiker hingegen schäumten: Skandal! Sie sammelten Unterschriften, sprachen von nichtrepräsentativem „Armutsporno“ und davon, dass man schwache Menschen wie in einem Zoo präsentiere und als dumm hinstelle.

Doch der wahre Skandal ist ein anderer. Dass nämlich die zur Schau gestellten Personen nicht dumm sind, sondern durchaus rational handeln, weil es das System zulässt. Würden sie arbeiten, wären sie schlechter dran. Am Beispiel von Frau Dee aus „Benefits Street“: Arbeitete sie als Putzfrau, so blieben ihr im Monat nur etwa 100 Euro mehr. Und selbst wenn sie einen guten Job bekäme (28.000 Euro Jahreslohn), hätte sie pro Monat nur knapp 600 Euro mehr als jetzt. Wozu also arbeiten?

Die Dilettanten-Küche

„Es gibt kaum eine Branche, die so von Selbstverwirklichung und mangelnder Professionalität geprägt ist, wie die Gastronomie“, sagte unlängst ein Erfolgsgastronom im Gespräch mit dem RELAX Guide. Und tatsächlich – bisweilen hat man das Gefühl, dass jeder Zweite ein Lokal eröffnen möchte, als der Lebenstraum schlechthin. Wie viel Arbeit dahinter steckt, wie viel finanzielles und persönliches Risiko, wird gern ausgeblendet. Man möchte doch so gern Gastgeber sein, Möbel für sein Lokal aussuchen, Geschirr, Musik und Blumenschmuck, und täglich mit Kreide die aktuellen Gerichte auf eine schicke schwarze Schiefertafel schreiben. Vor einem Jahrzehnt noch waren Quereinsteiger als Gastronomen die Ausnahme. Heute scheint es fast umgekehrt: Wer weiß, wie diese Branche funktioniert, lässt meistens die Finger davon.

Auch der Kochbuchmarkt ist ein Abbild des Dilettantismus geworden: Foodblogger-Bücher überschwemmen den Markt. Man ist jung, kocht gern, schreibt gern launige Textchen und weiß, wie der Auslöser einer kleinen Kamera funktioniert. Man weiß, was ein Blog ist, und hat genügend Facebook-Freunde, um für die Verbreitung der eigenen Textchen zu sorgen. Also wird die kleine Küche in der Zweizimmerwohnung zum semiberuflichen Experimentierfeld umfunktioniert – und schon darf man sich Foodblogger nennen. Und ehrgeizige Foodblogger werden irgendwann – fast wie das Amen im Gebet – zu Kochbuchautoren.

Um fortan alles andere als selbst entwickelte „Rezepte“ wie Datteln im Speckmantel (gibt es wirklich irgendjemanden, der nicht weiß, wie man diese macht?) oder Toastbrotstreifen, belegt mit Räucherlachs, unters Volk zu bringen. Urheberrechtlich mag sich niemand zuständig fühlen, wenn eine Anleitung für Pizza mit schwarzen Oliven veröffentlicht wird, dieses Gericht gehört niemandem, der Einspruch erheben könnte. Die Frage ist vielmehr: Wer braucht solche Rezepte in Buchform? Wer eine derart stinknormale Pizza selbst backen will, ist mit drei Google-Klicks genauso gut bedient. Dass man Rezepte für den privaten Gebrauch archiviert, ist normal. Aber nicht alles, was ich selbst gerne nach der Arbeit koche, interessiert die Öffentlichkeit.

Man könnte aus dem nagelneuen, typisch persönlich und im Ikea-Du-Stil kommentierten Foodblogger-Kochbuch „Because you are hungry“ auch andere Rezepte herausgreifen, allein: Man kennt sie schon alle. Risotto mit Pilzen, kleine Quiches oder Spaghetti mit Tomaten, Käse und Basilikum. Nur: Wollen wir dafür wirklich ein Kochbuch kaufen?

Rezepte im PDF Format:
Rezepte

Antonia Kögl, Benedikt Steinle:
Because you are hungry

Edition Styria, 176 Seiten,
19,99 Euro

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