Arbeiten ohne Nachdenken

Wir kommunizieren. So wie TV-Filme an den spannendsten Stellen von Werbeeinschaltungen unterbrochen werden, zerschneidet eine Flut von E-Mails, SMS-Nachrichten und Rückrufbitten unseren Arbeitstag. US-Forscher haben vor kurzem beobachtet, dass man sich im Büro maximal 11 Minuten mit einem Thema beschäftigt, bevor man unterbrochen wird.

Und weil Unterbrechungen meist zeitaufwendigen Folgeaktionen nach sich ziehen, braucht der modern-vernetzte Mensch im Schnitt etwa 25 Minuten, bis er wieder zu seiner ursprünglichen Tätigkeit zurückkehren kann. Danach benötigt er rund acht Minuten, um sich wieder voll auf die frühere Aufgabe zu konzentrieren. Damit verbleiben exakt drei Minuten Arbeitszeit bis zur nächsten Unterbrechung. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb wir nicht mehr zum Nachdenken über uns und die Welt kommen.

Noch zwei Planeten, bitte

Bereits heute vernichtet die Weltbevölkerung bereits 25 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde nachhaltig liefern kann. Footprint zeigt: Wollten alle 6,4 Milliarden Menschen so leben wie wir, dann brauchen wir sofort noch zwei weitere Planeten.

Footprint – der ökologische Fußabdruck – ermittelt, welche Fläche pro Jahr benötigt wird, um jene Rohstoffe zur Verfügung zu stellen, die jeder Mensch für Ernährung, Konsum, Verkehr etc. verbraucht. Dazu zählen etwa die gigantischen Flächen in Brasilien, denen riesige Wälder zum Opfer fallen, weil sie benötigt werden, um jenes Soja anzupflanzen, mit dem die Schweine in Europa gemästet werden. Allein unser Fleischkonsum nimmt also unvorstellbare Flächen in Anspruch. Auch die im Frustkaufwahn unbedacht gefüllte H&M-Tragtasche lässt kaum erahnen, wie viel an Energie und Rohstoffen dafür verbraucht wurde. Doppelt tragisch ist, dass drei Viertel der Weltbevölkerung von diesem Raubbau keinen Nutzen ziehen, da er überwiegend dem Konsum in den Industrieländern dient. Die Folgen – Übernutzung von Boden, Wasser und Luft sowie Zerstörung der Pflanzen- und Tierwelt – werden zwar für alle spürbar, doch die Armen trifft es am stärksten.

Das Konzept Footprint hat das Ziel, uns unsere Ressourcenverschwendung vor Augen zu führen und mit eindrücklicher Bildhaftigkeit zum Nachdenken zu bewegen. Der ökologische Fußabdruck der Europäer, also die Fläche, die jeder von uns für seinen Lebensstil „besetzt“, beträgt im Durchschnitt 4,8 Hektar pro Jahr, der von US-Amerikanern 9,4. Zum Vergleich: Die Menschen in Somalia müssen mit 0,5 Hektar pro Person und Jahr auskommen. Von der Natur verkraftbar wären für jeden Erdenbürger 1,8 Hektar pro Jahr. Wir leben also weit über unsere Verhältnisse!

Für die Berechnung des Footprints werden übrigens nicht nur jene Bodenflächen herangezogen, die direkt für die Energie- oder die Futtermittelproduktion aufgewendet werden, sondern auch die Flächen, die notwendig wären, um das durch Verbrennung (Verkehr, Heizung usw.) freigesetzte CO2 wieder zu absorbieren. Doch diese Fläche reicht nicht aus: Schon jetzt ist der Ausstoß von Kohlendioxid weltweit höher, als die Natur verkraften kann. Der globale Klimawandel ist die Folge.
In Österreich alleine würden übrigens 14 Millionen Hektar zusätzliche Waldfläche benötigt, um den CO2-Ausstoß zu binden – bei insgesamt nur 8,4 Millionen Hektar Landesfläche leider völlig unmöglich.

Langfristig ist ein Umdenken in der Energiefrage der wichtigste Beitrag zur Verkleinerung des Footprints. Einsparen von Heizungsenergie durch alternative Bauweise, Tempolimits oder der forcierte Ausbau des öffentlichen Verkehrs, all das ist realistisch und auch erträglich. Unsere Bequemlichkeit ist nämlich mit ein Hauptgrund für die Energieverschwendung im Verkehr. Anstatt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, steigen wir auch für kurze Strecken in Riesenkarossen. Billigfliegerangebote locken uns, die Strecke Berlin-Wien mit einem Footprint zurückzulegen, der 26 mal so hoch ist wie eine Fahrt mit der Bahn.
Besonders einfach können wir beim Essen mithelfen, unseren Footprint zu verkleinern.
Pflanzliche Bio-Produkte haben aufgrund des geringeren Energieeinsatzes einen um 20 Prozent kleineren ökologischen Fußabdruck als solche aus konventioneller Produktion. Ein Kilo Weintrauben aus Südafrika sorgt für über 10 kg CO2-Emission aus Flugbenzin, was wiederum Fläche braucht, um den Schadstoff zu absorbieren. Eine Tomate von den Kanarischen Inseln verschwendet auf dem Luftweg das Hundertfache an Energie im Vergleich zu einer heimischen. Allein mit dem Kauf von regionalen Produkten trägt man also leicht zu einem kleineren Footprint bei. Notwendig ist einzig und allein die Bewusstseinsbildung. Mit dem Footprint-Rechner kann sich übrigens jeder ansehen, wie zukunftsfähig sein Lebensstil ist: www.footprint.at, www.fussabdruck.at

Vier Schritte zu einem kleineren Footprint:
Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel – Bahn statt Flugzeug, Straßenbahn statt Auto
Klimaschonender Energieeinsatz – Wärmedämmung, Solaranlage, Ökostrom
Bewusstes Einkaufen – weniger Fleisch, mehr Bioprodukte, Unnützes vermeiden
Vorrang für Recycling-Produkte, Müllvermeidung – Verzicht auf Reklamematerial, Reparatur statt Neukauf

Zum Weiterlesen:
Hans Holzinger:
Nachhaltig leben – 25 Vorschläge für einen verantwortungsvollen Lebensstil

Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
12,– Euro

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Kochen mit Knalleffekt

Gleich vorweg: Fischverächter werden mit dem neuen Buch von Steffen Henssler nicht viel anfangen können, wendet sich der Fernsehkoch wohl zwar nicht explizit, aber doch ganz unverkennbar an Fischliebhaber, und im Speziellen an die Anhänger der rohen Exemplare.
Der umtriebige Hamburger besuchte die renommierte „California Sushi Academy“ in Los Angeles und lernte dort, dass Sushi nicht gleichbedeutend sein muss mit jenen phantasielosen Reisklumpen mit „Fischdeckel“, die man hierzulande vorgesetzt bekommt. Für Henssler war kalifornisches Sushi eine wunderbare Entdeckung, die seine Welt veränderte. Kontraste zwischen heiß und kalt oder scharf und mild gehören für ihn zu den wichtigsten Elementen einer Küche mit Knalleffekt – und eine solche ist sein erklärtes Ziel.

Henssler ist überzeugt, dass alles lernbar ist. Und konsequenterweise vermittelt er auch das nötige Handwerk gleich zu Beginn des Buches. Mittels anschaulicher Fotos zeigt der Koch die einzelnen Arbeitsschritte bei der Herstellung von Sushireis, beim Rollen von Maki oder beim Braten in Tempurateig.
Was Henssler mit Fisch anstellt, geht nun tatsächlich über die üblichen Reisröllchen und den abgedroschenen „Thunfisch kurz angebraten“ hinaus. Er verarbeitet gewisse Fische auf durchaus überraschende Art, etwa wenn er Sashimi von der Forelle macht, oder setzt seine geliebte Crème fraîche für Sushi ein. Ganz einfach deshalb, weil sie „den Mund so schön glatt spült“. Den festfleischigen Seeteufel packt er in Speck und Salbei und variiert so das Thema Saltimbocca, dem robusten Fisch bekommt diese Behandlung übrigens durchaus wohl.

Das Buch würde freilich noch stimmiger kommen, wenn sich Henssler auf Fischrezepte beschränkte oder aber mehr Rezepte ohne asiatischen Einschlag versammelt hätte. So ist hingegen das Verhältnis ein recht unausgewogenes – nach dem Motto „Das packen wir halt auch noch mit rein, wenn wir schon ein Buch machen“. Die Desserts etwa zeigen wenig Profil, neben „Omas Zwetschgenklößen“ finden sich eine einfache Vanillecreme oder ein weißes Schokoladenmousse, alles Rezepte, die in ihrer Bravheit ein bisschen verloren wirken neben denen, die tatsächlich für Überraschungshöhepunkte sorgen.
Fazit: Für Anhänger von Fisch mit einer deutlichen Affinität für japanische Zutaten ein durchaus erfrischendes Buch, für Desserts werden wir hier allerdings eher nicht nachschlagen.

Rezepte (im PDF Format):
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Steffen Henssler:
Hensslers Küche

Verlag Zabert Sandmann, 152 Seiten
19,95 Euro


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