Eins zu einer Million

Durch die Ausbeutung von so genannten fossilen Primärenergieträgern (Kohle, Gas, Erdöl) verbrauchen wir Menschen in einem Jahr das, was die Erde in rund einer Million von Jahren gespeichert hat. Gegenwärtig werden dadurch weltweit alljährlich etwa 10 Milliarden Tonnen CO2 durch Verbrennung erzeugt.
Seriöse Wissenschaftler warnten schon in den 1970er Jahren, dass nur eine wesentlich kleinere Energiemenge pro Jahr umgesetzt werden darf, wenn man Veränderungen des Wärmegleichgewichtes unseres Planeten, die katastrophalen Auswirkungen haben werden, vermeiden will. Genützt hat’s nicht viel: Elf der zwölf zurückliegenden Jahre zählen zu den wärmsten seit Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen.

Wo liegt Tirol?

Globalisierungs-News oder: Piefke-Saga – die Zweite. Authentische Tagebuchnotizen einer (noch) österreichischen Hoteltesterin.

Tirol. Ich denke an die Schulschikurse von ehedem, an Tobias Moretti und seinen nicht minder erotischen Bruder Gregor Bloéb. Und ich freue mich auf den Anblick g’standener Männer. Sie haben von der Bergsonne gegerbte Haut, von unzählbaren durchzechten Nächten geraute Stimmen, den Andreas Hofer und den Enzianschnaps im Blut. Sie begegnen uns urbanen weiblichen Wesen mit diesem erdigen Hochmut, der unser innerstes Inneres trifft und unsere Knie weich werden lässt.
Wen aber sehe ich als ersten Mann in der ersten Hotelhalle? Einen spindeldürren, blassen Dresdner, dem sogar die an den Leib geschneiderte Lohndienerhose vom brettlflachen Hintern rutscht. Dirk fährt mit mir „im Fahrstuhl hoch“ und fragt mich „ob ich ‘ne gute Anreise“ hatte. Nein, denke ich, ich stecke noch immer im Stau, und überhaupt heißt das bei uns Aufzug. Er zeigt mir Lichtschalter und TV-Gerät. Ich heuchle verhaltene Begeisterung und frage, wann das Nachtmahl beginnt, worauf Dirk sagt, dass „ab 19 Uhr Abendbrot serviert wird“.

Auf der Terrasse sitzen ein paar muskulöse, gutgekleidete und braungebrannte Moretti-Bloébs beim Bier. Sie schweigen, und ihre verspiegelten Sonnenbrillen weisen ebenso wortlos in den blauen Himmel. Bis einer gähnt und etwas auf Russisch sagt. Alle Russen pflichten ihm lautstark bei.
Bei so viel unverfälschter Alpinromantik brauche ich Wein. Ein Blick in die Karte: Ein Achterl um 8,90 Euro muss ja am Nachmittag nicht unbedingt sein, also nehme ich ein simples Soda-Zitron um immerhin eh schon 4,80 Euro. Das Wiener Schnitzel ohne Salat würde übrigens 19 Euro kosten – was machen eigentlich die Gäste, die nicht aus Russland kommen, holen die das Essen aus dem Supermarkt?
„Schon jewääählt, die Dame?“ – Haben die Sattmanns (aus der Piefke-Saga) ihre Kinder jetzt zum Jobben nach Tirol geschickt? Wegen Wirtschaftskrise oder so?
Beim „Abendbrot“ wollen meine zwei Schweizer Tischnachbarinnen – das heißt, sie haben einen Tisch, ich als Alleinreisende sitze an deren Beistelltisch – einen österreichischen Wein probieren und bitten Jens aus Potsdam um eine Empfehlung. Er doziert, dass „die Östreicher nun auch schon ganz passable Weine anzubieten haben“, kredenzt einen „schönen Zweigelt aus der Wachau“ und bietet mir den einzigen offenen Roten an, den er hat – das Achterl um 9,80 Euro!

Zweiter Tag

Ute und Kai vom Restaurant verstehen sich prächtig mit den deutschen Gästen, zumal diese ausführlich über ihre Anreise berichten können. Mich verstehen weder die einen noch die anderen. Ob ich „ein Kännchen Kaffe“ möchte? Nein, lieber ein Häferl Kaffeee mit Milchschaum. Ich kriege ein verständnisloses Grinsen sowie ein „Kännchen Kaffe“, der weder nach „Kaffe“ noch nach Kaffee schmeckt.

Besuch in der venezianischen Badelandschaft: kardinalrote Vorhänge, Goldquasten, schwarze Gondeln vor Felsenattrappen, Plastikföhren und ausgestopften Gämsen. Ich werde von der blassen Jessica bearbeitet, die mich fragt, ob „der Druck nich zu doll“ ist. Nee, isser nich!

Am dritten Tag, im Nachbarhotel

Endlich einen Tiroler gesichtet! Aber nur kurz. Er droht mit 25 Euro Strafe, falls er mich noch einmal mit dem Auto hier erwischt. Dann hat er nach meinem Geburtsdatum gefragt und war sofort verschwunden – ob da ein kausaler Zusammenhang besteht? Immerhin hat er mir nicht die Gute-Anreise-Frage gestellt.

Ganz anders da die Burschen aus dem Sauerland, die heute die Bedienung im Restaurant übernommen haben. Die Weinempfehlung lautet: „Lenz Moser, ein schöner, satter Wein aus Östreich“. Dirk trägt den Russen die Koffer in ihre Mercedes – wer hätte mir das vor 20 Jahren geglaubt?

Nach Heikes Stirnguss aus dem Alpen-Ayurvedaprogramm schwimmt mein Gesicht millimeterdick in Öl. Ich atme noch; durch eine winzige Öffnung am linken Mundwinkel. Der Leipziger Restaurantchef geleitet mich zum obligaten Katzentisch für Singles und stellt die Frage zum Tage: „Hatten Sie ‘ne gute Anreise?“

Dann, ob ich „als Aperitiv ‘n schönes Bierchen“ möchte oder „ein‘ schön‘ Wein“ und wünscht mir „viel Spass beim schön‘ Dessert“. Warum schimpft man immer auf die Piefke als Urlauber? Das sind doch längst ganz nett – als Urlauber.

Das pochierte Atlantikzungenröllchen auf rahmigen Austernpilzen mit Pommes Risolées liegt mir im oberen Magen und touchiert leicht mit der unteren Herzklappe. Ich überlege, ob ich noch einen Digestiv um 12,90 Euro nachleeren soll, mache dann aber lieber einen Spaziergang durch das Dorf. In der Volksschule probt die Dorfmusikkapelle: „ I’m a virgin“ und „Advertising space“ …

Der einzige Ort, wo man sich von Authentizität umgeben fühlt, ist der Friedhof. Das dürfte sich schon herumgesprochen haben, denn das Tor bleibt mit mehreren Ketten und Schlössern vor nicht zahlenden Besuchern verschlossen.

Fünfter Tag, nächstes Hotel

Mein müdes Lächeln lässt Thorsten vermuten, ich hätte eine beschwerliche Anreise gehabt. Dabei war es doch nur das Achterl Rotwein aus der Steiermark um 9,80 Euro. Helmut Qualtinger, das Wiener Genie, hätte wohl gesagt: „Für des Göd, wos i do ausgib, hoitn’s mi im Burgenland fia den Bill Gates.“

Unter dem Servicepersonal entdecke ich einen weiteren Einheimischen: einen etwas zerzausten jungen Tollpatsch, dem das Hemd aus der Hose und die Eierspeise vom Teller rutscht. Es muss der Sohn des Bürgermeisters oder des Sparkassenvorstandes sein – eine saubere Kompromisslösung à la Don Corleone, nach dem Motto: „Oba oans sog i dir, wandu dia Genehmigung fir’s Schwimmbod hobn willsch, nochant stellsch ma den Toni ein!“

Auf der Karte steht das „original Tiroler Hüttenabend“-Menü. Mit Käse-Fondue, Dosen-Antipasti und Meeresfrüchte-Pizza. Auch das Frühstück am nächsten Tag enthält alles, was man halt am Berg so isst: Rollmöpse, Räucherlachs, Makrele, Aal und Shrimps. Ich entscheide mich für den frisch zubereiteten Obstsalat. Die Größe der Apfel- und Ananashappen lässt darauf schließen, dass der Koch des ehemaligen Ostberliner Tiergartens am Zubereiten war.

Siebenter Tag, nächstes Hotel

Nach einer kurvenreichen Bergstraße erklärt mir die sprödeste Stimme Norddeutschlands (mein Navigationssystem), dass ich mein Ziel erreicht habe. Ich bin jetzt dort, wo amerikanische Durchschnittsmillionenerbinnen mit ihren Silikonbrüsten auf betrunkene Snowboarder prallen und aus ihren mit Seidenblumen geschmückten Suiten nach Schnee Ausschau halten. Schwarz-blank polierte Stretch-Riesen-SUVs mit Chauffeuren vom Kiez dominieren das Ortsbild.
Meine Ganzkörperbehandlung beginnt auf dem Bauch liegend. Durch das Guckloch sehe ich, was in der Woche so gelaufen ist: Kokos-Peeling, Schokoladewickel, Gurkenmaske; die Putzfrau ist krank und der Nagellack der Masseurin orangerot.

Nach einer Pause auf dem Bauernbett aus weißem Schleiflack mit Headset, Wassermatratze und Ausblick auf den Parkplatz ziehe mich auf mein Zimmer zurück, wo mich ein ohrenbetäubender Live-Krach aus dem Après-Ski-Zelt vor dem Hotel auf das Abendessen einstimmt.

Hinter Plastikblumensträußen läutet das Telefon. Als ich abhebe, übertönt der DJ-Ötzi-Verschnitt meine verzweifelten Versuche, meinem Chef zu versichern, dass ich arbeite und mich nicht in der Disco herumtreibe.
„Hey, baby“ dröhnt es noch beim Einschlafen. Schweißgebadet fahre ich wieder hoch. Mir träumte, dass ich Plastikblumen an Tiroler Wellnesshotels verkaufe und mit der Lieferung nicht nachkomme …

© RELAX Guide & Magazin 2007

So schmeckt das Leben!

Unter leiblichem Wohl kann man zweierlei Dinge verstehen: einerseits das bekannte wohlige Gefühl der Zufriedenheit nach einem ausgiebigen Mahl und andererseits jenes uneingeschränkte körperliche Wohlbefinden, das nur die kennen, die auf Ersteres öfters verzichten. Beides zu vereinen versucht nun ein neues Kochbuch, das in Zusammenarbeit von zwei renommierten Ärzten und einem nicht minder erfolgreichen Koch, dem Küchenvirtuosen Johann Lafer, entstand.
Prof. Robert Gasser und Prof. Helmut Brussee vergleichen den Körper mit einer Baustelle: Ständig muss irgendwo etwas erneuert und ersetzt werden – und das Baumaterial dafür stammt aus unserer täglichen Nahrung. Der erste Teil des Buches „So schmeckt das Leben!“ ist konsequenterweise auch gleich einer ausführlichen „Baumaterialkunde“ gewidmet. So werden neben bekannten Ernährungs-Bestandteilen wie den Ballaststoffen zum Beispiel Phytochemicals vorgestellt: Wirkstoffe, die von Pflanzen produziert werden, um selbst gesund zu bleiben.
Die Rezepte in diesem Buch sind nun in Hinblick auf ein ausgewogenes Verhältnis dieser Inhaltsstoffe konzipiert – dafür, dass es auch schmeckt, sorgt Johann Lafer. Einige der Gerichte muten zwar kulinarisch nicht besonders einfallsreich an, wie etwa die Gurken-Joghurt-Suppe mit Olivenöl, aber auch eifrige Kochbuchsammler finden noch neue Rezepte, vielleicht das warme Schokoladen-Sabayon mit eisigem Kokosschnee oder die klare Tomatenessenz mit Ricotta-Bärlauch-Gnocchi. Zwischen die Rezepte wurden übrigens noch medizinisch interessante Anmerkungen zu den verwendeten Nahrungsmitteln wie Tofu oder Kresse eingestreut.
Fazit: Ein Kochbuch für die gesundheitsbewussten Phasen des Lebens, in denen man nicht auf genussvolles Kochen und Essen verzichten will.

Rezepte (im PDF Format):
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Johann Lafer
Univ.-Prof. Dr. Helmut Brussee
Univ.-Prof. DDr. Robert Gasser:
So schmeckt das Leben!

Gesunde Küche für Genießer
Verlagshaus der Ärzte, 160 Seiten
19,90 Euro


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