Date mit mir selbst

Alleinsein ist zu einer Kulturtechnik geworden, die von einigen beherrscht wird, ihrerseits aber andere beherrscht. Wer das Potential des Alleinseins erkennt, braucht die Einsamkeit nicht zu fürchten.

Abends in einem kleinen Innenstadtkino, knapp vor Beginn eines neuen Films von zwei jungen alternativen Filmemachern. Eine Gruppe Studenten umringt ihren Professor, der die gekauften Karten austeilt. Zwei ältere Damen stecken die Köpfe über einem Programmheft zusammen. Ein verliebtes Paar turtelt vor dem Saaleingang. Und eine Frau lehnt allein an der Wand und blättert in einer Kinozeitschrift. Sie scheint auf niemanden zu warten.
Könnten Sie diese Frau sein? Oder kommt Ihnen die Vorstellung, allein ins Kino zu gehen, so fremd vor wie der Gedanke, plötzlich flüssig Suaheli reden zu können?

Die Kraft der Einsamkeit

Nicht nur ist die Zahl der Singles hoch, sondern auch die Arbeitszeiten bei Paaren sind flexibel und möglicherweise völlig unterschiedlich. Dies führt dazu, dass immer mehr Zeit allein verbracht wird. Manche Menschen haben das Gold in diesen Stunden, die ganz einem selbst gehören, schon entdeckt, manche müssen dazu erst angeleitet werden. Erstere sind meist mit sich selbst zufrieden, spüren keine Abhängigkeit zu irgendjemandem, haben einfach Kontakt mit sich selbst. Die, die sich vor bevorstehenden unverplanten Stunden fürchten, haben möglicherweise ihre Bedürfnisse noch nicht erkannt und haben keine echten Wünsche.

Date mit unseren Interessen

Manchmal wollen wir unbedingt zu einer Lesung einer spannenden Autorin oder zu einem Vortrag über zeitgenössische Kunst gehen, denn wir brauchen ganz einfach etwas Kultur. Sollen wir nun auf die Veranstaltung und somit die Befriedigung unserer Interessen verzichten, nur weil wir niemanden finden, der uns begleitet? Nein! Ziehen wir uns schön an und verabreden wir uns mit uns selbst. Gönnen wir uns in der Pause ein Glas Sekt und beobachten wir mit einem kleinen souveränen Lächeln die anderen Besucher. Niemand wird mit dem Finger auf uns zeigen, eher wird man unseren Mut und unsere Selbständigkeit bewundern.

Alleinsein als Luxus

Wer zu den Menschen gehört, die Momente des Alleinseins noch nicht richtig zu nutzen wissen, fängt am besten mit einem durchgeplanten Abend zuhause an. Es ist nicht notwendig, sofort in die Königsdisziplin einzusteigen, den Urlaub allein. Auch ein Restaurantbesuch ohne Begleitung gehört zu den Übungen für Fortgeschrittene. Aber der Gedanke an einen entspannten Abend zu Hause, an dem nicht hastiges Wäscheaufhängen und dann das Hetzen zur Firmenfeier auf dem Plan stehen, hat doch etwas für sich.
Nähe zu sich selbst lautet stattdessen das Programm des Abends. Planen Sie ihn, wie Sie auch andere Feste planen. Kochen Sie sich bewusst etwas, das sich laut Kochbuch „für eine Person nicht lohnt”, etwa einen Risotto, und vergessen Sie nicht auf ein sündiges Dessert! Oder Sie lassen sich eine luxuriöse Sushiplatte liefern. Hauptsache, Sie gönnen sich etwas. Ebenfalls im „Menü” dieses Abends: Ein Film, den sich keiner Ihrer Freunde ansehen wollte, ein exklusiver Badezusatz, ein Bildband mit Modefotografien, den Sie sich pünktlich für den Abend zugelegt haben.
Solche Abende oder auch ganze Sonntage können als eine Tankstelle fungieren, von der man sich Kraft für die nächsten Tage besorgt. Sie müssen allerdings durchgeplant werden, um nicht wie ein Ersatzprogramm für Einsame daherzukommen. Genießen Sie das Gefühl, selbst darüber bestimmen zu können, wann und ob Sie jemanden sehen wollen. Und bedenken Sie:
Die Wertschätzung unserer selbst und unserer Wünsche ist der Schlüssel zu glücklichem Sein. Und Alleinsein ist ein Teil davon.

Mariela Sartorius:
Die hohe Schule der Einsamkeit

Gütersloher Verlagshaus, 207 Seiten
17,95 Euro


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Dieses Buch korrigiert den schlechten Ruf der Einsamkeit und hilft, das Alleinsein bewusst zu planen.

Christine Weiner und
Carola Kupfer:
Das Pippilotta-Prinzip

Campus, 208 Seiten
16,90 Euro


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Die Autorinnen ermuntern uns am Beispiel des vielbeneideten Singles Pippi Langstrumpf, ein wenig unbeschwerter durchs Leben zu gehen. Eine Anleitung dafür, unseren spontanen Wünschen, auch den richtig kindischen, im Alltag mehr Beachtung zu schenken.

Kochen nach Jahreszeiten

Stellen Sie sich folgendes Suchbild vor und finden Sie die Fehler: Es ist Dezember, wir sehen die Gemüseabteilung eines Supermarkts: Links eine Palette knackiger Äpfel, daneben eine Reihe knallroter Erdbeeren mit einem penetranten Gummibärchenaroma, darüber eine Steige argentinischer Pfirsiche, rechts davon ein Berg von intensiv riechender Orangen. Weiter geht es zum Gemüse: Krautköpfe in falscher Einträchtigkeit mit Tomaten, Kartoffeln neben jungem Spinat in seinem Sarg aus Plastikfolie.

Es wird Ihnen nicht allzu schwer gefallen sein, die Fremdkörper zu entlarven. Oder vielleicht doch?

Im Überangebot der Supermärkte ist uns der Rhythmus der Saisonen abhanden gekommen. Sybil Kapoors „Jahreszeitenküche” kämpft dagegen an und vermittelt, dass saisonale Produkte im Grunde etwas Luxuriöses sind, nach dem Motto „limitierte Auflage”.

Den Frühling begrüßt sie mit einer Spargelsuppe mit Kerbel oder einem Rhabarber-Cobbler, einer Art Fruchtpastete. Im Sommer lässt sie die puren Zutaten ihre Verführungskünste ausspielen, was den Windbeuteln mit Beerensahne perfekt gelingt. Im Kapitel Herbst zeugen allein die Farben Nussbraun, Orange und ein edles Violett von dem geduldig ertragenen Reifeprozess, der die Rohstoffe dieser Jahreszeit auszeichnet. Crêpes mit Pilzen oder eine Kürbistorte in kraftvollem Gelb – wer braucht da noch die zu der Zeit wahrhaft unerotischen Tomaten? Die Wintergerichte schließlich vermitteln Behaglichkeit und Wärme: Scharfes Schweinefleisch nach Sichuan-Art etwa oder Macadamianuss-Schnitten mit Ahornsirup.

Rezepte (im PDF Format):
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Sybil Kapoor:
Jahreszeitenküche

Dorling Kindersley, 224 Seiten
19,90 Euro


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