Italiens schönste Versuchung

Der hügelige Landstrich rund um Florenz hat die Renaissance hervorgebracht und den besten Rotwein Italiens. Die Toskana ist eine Verführung zu schönen Tagen und zu großartigen Urlaubsrefugien. Ein Besuch in drei toskanischen Traumhotels. Von Karl Riffert

Die Schätze der Toskana

Die Toskana hat eine magische Anziehungskraft: für Weinliebhaber, die es zur Heimat des Chianti Classico oder des berühmten Brunello di Montalcino zieht, für Gourmets, die die köstliche toskanische Cucina contadina (wörtlich: Bauernküche) genießen wollen, und natürlich für Kunstliebhaber, die von der Schönheit florentinischer Kunstschätze überwältigt werden. Und dann gibt es noch die vielen betuchten Deutschen, Amerikaner, Russen und Briten, die mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche in „Chiantishire“ gerne zum Notar pilgern, um sich ein Häuschen, einen Weingarten oder eine Burg zu kaufen. Das Ehepaar Sandy und David Burden aus Florida zum Beispiel entdeckte 2005 auf einem Hügel zwischen Weinreben und Olivenbäumen im Val d’Elsa, eine gute halbe Autostunde von Siena entfernt, das Castello di Casole: eine prächtige Burg auf einem Hügel, deren Grundsteine vor tausend Jahren gelegt wurden, dazu ein kleiner Weiler inmitten eines der größten privaten Grundstücke Italiens. Die 1.700 Hektar Land, also 1,7 Millionen Quadratmeter, gehörten früher dem Bruder des berühmten italienischen Filmemachers Luchino Visconti, ein Kultregisseur und Salonsozialist aus reichem adligen Haus. Die Burdens, im Hauptberuf Immobilienentwickler, erwarben das toskanische Juwel und restaurierten es sieben Jahre lang, ehe sie es an Hotelprofis verkauften.

Die Visconti-Bar mit Terrasse. Hier feierte Regisseur Luchino Visconti mit Stars wie Romy Schneider oder Burt Lancaster.

Castello di Casole: Filmstars und der schönste Mann der Welt

Und so bringt mich jetzt eine elegante Mercedes-Limousine mit Chauffeur vom Flughafen Florenz zum neuesten italienischen Ableger der Ultraluxus-Hotelkette Belmond. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde und führt schließlich auf einer von herrlichen Zypressen gesäumten kleinen Straße den Hügel hinauf zum Castello. Dort wird der Gast mit einem Glas Prosecco erwartet und in eine der Suiten geführt, die im eleganten Landhausstil mit hochwertigen Matratzen, maßgefertigter Bettwäsche und freistehenden, eleganten Badewannen aufwarten. Belmond hat die Renovierung der Burdens noch einmal mit viel Geld verfeinert. Zum Beispiel erfreut jetzt ein riesiger beheizter Infinity-Pool mit teuren Mosaiksteinen von Edelausstatter Bisazza die Gäste. Aus dem alten Weinkeller machte man ein luxuriöses Spa, wo man so lange mit Trauben- und Olivenöl massiert wird, dass man freiwillig nicht mehr gehen will. Und wer es lieber modern hat und gerne auf 90 Quadratmetern mit eigener Terrasse wohnt, findet neun neue Oliveto-Suiten auf dem Schlosshügel, die vom Mailän- der Architekten Alessandro Mendini entworfen wurden.

Ich ziehe aber meine Turmsuite vor, von der man weit in die toskanische Landschaft blicken kann. Alle touristischen Höhepunkte der Toskana sind vom Castello aus mit dem Auto innerhalb von 30 bis 60 Minuten erreichbar: Florenz, Siena, Volterra, das berühmte Turmstädtchen St. Gimignano und auch ein kleines Dörfchen namens Montalcino, von dem es heißt, dort mache man den besten Rotwein Italiens: den Brunello di Montalcino. Der Brunello wird zu 100 Prozent aus den für die Toskana typischen Sangiovese-Trauben gemacht, allerdings nur solchen, die auf den Böden rund um Montalcino wachsen. Auch der berühmte toskanische Chianti Classico basiert zu 80 Prozent auf feinen Sangiovese-Reben.

In der Visconti Bar des Castello di Casole versuche ich schließlich ein verwegenes Experiment mit den beiden Diven des italienischen Rotweins. Was schmeckt besser: der toskanische Brunello oder die nicht minder berühmte Konkurrenz aus dem Piemont, der Barolo aus der Nebbiolo-Traube. So eine beinharte Recherche mit Top-Jahrgängen verführt zum Träumen an diesem besonderen Ort. Hier saßen einst Filmstars wie Romy Schneider, Sophia Loren oder Burt Lancaster. Und Regisseur Luchino Visconti feierte auf dem Schloss märchenhafte Feste, übrigens auch mit seinem letzten Lebensgefährten, dem Salzburger Helmut Berger, der in den 60er-Jahren als schönster Mann der Welt galt. Was den Wein betrifft, konnte ich mich übrigens nicht entscheiden. Barolo oder Brunello, das erfordert mehr Recherche, die ich auf meine nächste Station verschiebe: Florenz, die Wiege der Renaissance.

Castello di Casole im Herzen der Toskana. Der einstige Herrschaftssitz der Viscontis ist jetzt ein wunderbares Fünfsternehotel der Luxuskette Belmond.

Florenz: Wie skrupellose Banker und die Pest der Schönheit und Lebenslust zum Sieg verhalfen

Das Erste, was man sich in dieser herrlichen Stadt anschauen sollte, ist ein Mann, der nackt fünf Tonnen wiegt. Das Zweite ist ein ehemaliges Kloster auf den Hügeln von Fiesole, wo einem die Stadt zu Füßen liegt, aber dazu kommen wir gleich. Die meisten Touristen begegnen der weltberühmten David-Figur auf der Piazza della Signoria vor dem Palazzo Vecchio. Eigentlich ein Irrtum, denn es gibt nicht nur „fake news“, sondern auch „fake statues“. Der echte David steht zum Schutz vor der Witterung und den noch gefährlicheren Touristen in der Galleria dell’Accademia. Der echte David ist tatsächlich ein Wunder. Man stelle sich vor: ein tonnenschwerer, quadratischer Block aus hartem Carrara-Marmor, 5,5 Meter hoch, und die Aufgabe, daraus einen riesigen, nackten Mann zu schlagen von gottgleicher Schönheit. Ein falscher Hammerschlag und alles könnte vergeblich gewesen sein. Michelangelo Buonarroti übernahm 1501 diese Aufgabe, hämmerte drei Jahre lang wie ein Besessener vor sich hin, und am Ende entstand das Ideal des modernen Menschen: schön, selbstbewusst, sinnenfreudig, ein Wesen, das nicht so sehr auf das Jenseits hofft, sondern das Leben vor dem Tod genießen will. Der Geist der Renaissance eben. „Ich sah den Engel im Marmor und habe gemeißelt, bis ich ihn befreit hatte“, notierte Michelangelo in seinem Tagebuch.

Doch am Anfang dieses Aufbruchs stand ein anderer. Es war ein skrupelloser, aber kunstfreudiger Banker, der im 15. Jahrhundert als einer der reichsten Männer der Welt galt: Cosimo Medici. Man schätzt, dass er auf heutige Verhältnisse umgerechnet rund eine Viertelmilliarde Euro für Kunst und Architektur ausgegeben hat. Cosimo war die finanzielle Trägerrakete der Renaissance. Der Medici-Clan, familiär weit verstreut in Europa, hatte den Travellerscheck erfunden, verlieh Geld an Kaiser, Könige und Päpste, war steinreich geworden und kontrollierte auch das politische Geschehen in Florenz. Aber es war nicht nur Geld, das die Kunst, die Architektur, die Wissenschaften beflügelte, sondern auch der Zeitgeist. Die Pest, die in Florenz schrecklich gewütet und 80 Prozent der Einwohner dahingerafft hatte, führte zur Konzentration von Vermögen auf die Überlebenden. Und weil die Pest über lange Zeit eine ständige Bedrohung bleiben sollte, wollte man das kurze Leben genießen. Die Reichen investierten in Schönheit und Genuss, in Paläste und Kunst, aber auch als Rückversicherung für ihr Seelenheil in Gottgefälliges. Das Motto: Think big! So entstand in Florenz die Kathedrale Santa Maria del Fiore, zur Zeit Cosimos im 15. Jahrhundert die größte Kirche der Welt, deren Kirchenschiff bis zu 30.000 Menschen fassen kann.

Auch die reiche Florentiner Familie Davanzati investierte nicht nur in Lebensfreude, sondern auch in gute Karten für das Jüngste Gericht. 1411 schenkte man dem Franziskanerorden ein Stück Land an den Hängen der Fiesole-Hügel vor Florenz und die Mittel für einen Klosterbau. 200 Jahre später waren die Davanzatis immer noch steinreich und ließen das
Kloster prächtig renovieren mit einer Fassade, die auf Zeichnungen von Michelangelo basiert, und zahlreichen Kunstwerken wie etwa einem großen Wandfresko des Letzten Abendmahls von Ferrucci, das seit 1642 im ehemaligen Refektorium des Klosters zu sehen ist. Dieses Kloster ist heute eine Luxusherberge mit Aussicht und wartet jetzt auf mich.

Die Piazza della Signoria in Florenz. Sie ist das Herz der Stadt mit dem berühmten Palazzo Vecchio und einer Kopie der beeindruckenden David-Statue von Michelangelo. Im Sommer herrscht hier pulsierendes Touristenleben. Italien zum Verlieben.

Belmond Villa San Michele: ein Kloster für James Bond

Schon die Auffahrt zur Villa San Michele fühlt sich ein wenig an wie ein Abenteuer in einem James-Bond-Film. Das Fünfsternehotel, das vom Luxusspezialisten Belmond geführt wird, der mittlerweile zum Imperium von LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) gehört, ist ein wunderbares Refugium, ein Mix aus modernem Luxus und einer Zeitreise in die Renaissance. Wer hier an einem warmen Sommerabend in den Arkaden des Restaurants La Loggia sitzt und auf das nächtlich glitzernde Florenz schaut, kann sich tatsächlich wie James Bond fühlen. Die Küche ist große italienische Oper: tyrrhenischer Hummer mit Wildfenchel und dünn geschnittenem Chianina-Rindfleisch zum Beispiel. Chianina-Rinder sind übrigens die älteste Rinderrasse Italiens und wurden schon vor 2.300 Jahren von den Etruskern gezüchtet, die einst in Fiesole das Urflorenz gegründet hatten.

Jetzt kommen mein Glas Barolo und das Glas Brunello für den ultimativen Weintest. Die Historie von Florenz kennt man übrigens deshalb so genau, weil Niccolò Machiavelli sie 1520 im Auftrag der Medici aufgeschrieben hat. Aus der Geschichte der Antike und jener von Florenz zog der schlaue Machiavelli den Schluss, dass sich Geschichte wiederhole und die Menschen einem kalkulierbaren Mechanismus folgten. Ob er recht hat? Ich bin mir da nicht so sicher, wie ich auch bei der Barolo-Brunello-Frage noch immer unschlüssig bin. Bei wirklich guten Hotels geht es nicht ums Bett und die Verpflegung, sondern um eine perfekte, detailreiche Theaterinszenierung. „In einem guten Hotel“, schrieb Bert Brecht völlig zu Recht, „kann man leben wie in einem Roman.“ Es sind Details, die zählen, ein natürliches Lächeln, eine gefühlte Großzügigkeit, Personal, das nicht jedes Jahr wechselt, die Qualität der Küche, der Geruch im Hotelzimmer oder im Lift. Und ein guter Concierge, der Außergewöhnliches organisieren kann, und wir meinen hier nicht langbeinige Damen auf Highheels. Für die Gäste der Villa San Michele werden zum Beispiel exklusive Führungen in den größten Privatgarten Europas innerhalb einer Innenstadt organisiert. Er liegt, sieben Hektar groß, mitten in Florenz am südlichen Ufer des Arno in der Nähe der Porta Romana. Eine versteckte und von den Massen verschonte Schönheit hinter hohen Mauern.

Die Villa San Michele in Fiesole hoch über Florenz, der Geburtsstätte der Renaissance. Das ehemalige Franziskanerkloster ist heute eines der schönsten Hotels Italiens. Von den Tischen des Gourmetrestaurants La Loggia aus kann man abends auf die Lichter der Stadt blicken und dabei köstlichen tyrrhenischen Hummer genießen. Und wenn man mit dem gratis Shuttlebus von den Wundern der Stadt zurückkehrt, werden Pool und Garten zu einer herrlichen Oase der Ruhe. Selbstverständlich mit aufmerksamer Bedienung. Mit 45 Zimmern und 25 Suiten hält sich auch die Zahl der Gäste in Grenzen.

Giardino Torrigiani: der geheime und größte private Stadtgarten Europas

Tatsächlich empfängt mich am nächsten Morgen ein echter florentinischer Adeliger: Marchese Vieri Torrigiani Malaspina ist ein Mann, den man gleich mögen muss. Rote Hose, gelbes Hemd, blaues Sakko, weißer Bart und eine Riesenportion Enthusiasmus für sein Pflanzenreich, das im 16. Jahrhundert als botanischer Garten entstand und im 19. Jahrhundert kräftig erweitert wurde. „Damals hat man das natürlich nach der englischen Mode gemacht, also romantisch und mit vielen Follies, vielen Narreteien, wie zum Beispiel einem sinnlosen Turm“, erzählt der Marchese. Einer seiner Lieblinge ist ein 400 Jahre alter Ginkgobaum. Ginkgos können tausend Jahre alt werden und sind so zäh, dass ein Exemplar sogar den Atombombenabwurf über Hiroshima überlebte. Für Goethe war das Ginkgoblatt, das im Frühling noch eine Kerbe hat und im Herbst zusammengewachsen ist, das Symbol für Liebende. „Mein Vorfahr wollte einen unendlichen Garten“, erzählt Marchese Torrigiani, „und deshalb hat der Architekt Luigi de Cambray Digny damals künstliche Hügel angelegt, um die dahinterliegenden Mauern und Häuser zu verstecken.“ Eine solche Schönheit zu erhalten ist übrigens nicht einfach. Der herrliche Park gehört heute dem Marchese, seiner Schwester und seinem Cousin, mit Partnern und Kindern insgesamt 32 Familienmitglieder. Nicht nur die Kosten für die ständige Pflege eines solchen Besitzes, sondern auch hohe Erbschafts- und Vermögenssteuern sind eine ständige Herausforderung. Deshalb werden die Villa und der Park auch für Fotoshootings, Feste und eben private Führungen geöffnet. Glück gehabt also.

Marchese Vieri Torrigiani vor der magischen Pforte, die in ein von außen unsichtbares Paradies mitten in Florenz führt. Die Familie der Torrigianis besitzt den größten Privatgarten innerhalb von Stadtgrenzen in Europa.

Besuch bei Stefano Ricci: eine Krawatte für 60.000 Euro

Florenz wird nicht nur wegen seiner zahllosen Kunstschätze, Kirchen, Paläste und Museen wie der Uffizien besucht, sondern natürlich auch wegen der vielen Edelboutiquen, die man hier findet. Und manch ein edles Stück wird auch hier produziert.
Nur einen Steinwurf entfernt von meinem schönen Fünfsternekloster, der Villa San Michele, in Fiesole hat zum Beispiel ein gewisser Stefano Ricci seine Luxuszelte aufgeschlagen. Und von Zeit zu Zeit dürfen Gäste der Villa Michele sie auch besuchen, sehr limitiert freilich. Ricci, der mit seiner Frau Claudia 1972 in der Via dei Niccoli in der Innenstadt von Florenz klein begonnen hatte, wurde von der New York Times als „ein Schneider für die obersten 0,001 Prozent der Weltbevölkerung“ bezeichnet. Heute wird das Unternehmen, das von Miami bis New Delhi 60 eigene Boutiquen besitzt, von den Söhnen der Gründer geführt. Filippo Ricci fungiert als Kreativdirektor, und Niccolò Ricci führt den Laden. Tatsächlich zeigt mir der Firmenchef bald eine schöne Krawatte, die ich dann aber doch nicht kaufe. Sie ist mit 100 Diamanten bestückt und kostet 60.000 Euro.

Mich begeistert mehr das Büro von Signore Ricci, das voller ausgestopfter Großtiere ist, die er selbst geschossen hat. Die darf man aber nicht fotografieren, und ich habe sie auch nicht erwähnt, denn so was kann heute dem Geschäft schaden. Praktischerweise hat Herr Ricci gleich neben seinem Büro eine kleine Sammlung seiner Lieblingsautos, während einen Stock tiefer kunstfertige Schneiderinnen und Handwerker emsig Luxusware für Milliardäre produzieren. Statt der Krawatte hätte ich lieber ein Auto von Herrn Ricci mitgenommen, zum Beispiel einen Aston Martin DB4, den vorher Julia Roberts fuhr, oder einen herrlichen Jaguar E-Type.

Stefano Ricci, der Schneider für die obersten 0,001 Prozent der Weltbevölkerung, mit einem seiner Oldtimer gleich neben seinem Büro. Gäste der Villa San Michele dürfen das Luxusgüter-Imperium zuweilen besuchen.

Terme di Saturnia: Mach es wie die Etrusker!

Auch ein Besuch in der Villa Michele hat einmal ein Ende, und ich mache mich auf den Weg, um etwas zu tun, das schon die Urväter der Toskana, die Etrusker, vor über zwei Jahrtausenden machten. Sie hockten gerne entspannt im warmen Wasser der Toskana, obwohl es etwas nach Hölle riecht, nach Schwefel also. Ich bin in den Terme di Saturnia gelandet. Sie sind seit 3.000 Jahren die berühmteste Thermalquelle Italiens, auch wenn es damals Italien noch gar nicht gab. Das Wasser sickert an den Hängen des Monte Amiata tief in die Erde, sucht sich einen Weg durch Mikrospalten im Gestein und kommt 40 Jahre später wieder hoch, mit einer Fließgeschwindigkeit von 500 Litern pro Sekunde und 37,5 Grad warm. Wie gut, dass gerade an dieser Stelle, zwei Kilometer vom mittelalterlichen Dorf Saturnia entfernt, ein Fünfsterne-Luxushotel steht. Das Thermenresort liegt im südlichen Teil der Toskana, der Maremma also, und hat ein besonderes Flair. Vielleicht weil es aus malerischen Travertin-Steinen gebaut ist. Es gibt einen 18-Loch-Golfplatz und feinen Luxus in den Zimmern, schließlich gehört das Haus zu den Leading Hotels of the World. Gourmets werden im Michelin-Hauben-gekrönten All’Acquacotta-Restaurant verwöhnt, zum Beispiel mit Risotto mit Zitrone, Kapern und einem Flusskrebs-Carpaccio. Das Öl dafür kommt aus der preisgekrönten nahen Olivenölproduktion La Maliosa von Antonella Manuli, einer Italienerin, die in Kalifornien Business studiert hat.

Ich mache es jetzt aber genauso wie die Etrusker tausend Jahre vor mir: Ich plätschere im warmen Thermalwasser der Terme di Saturnia, schaue auf die malerischen Hügel der Toskana und bin ganz zufrieden, denn die Toskana ist einfach wunderschön, und außerdem habe ich mein Barolo-Brunello-Rätsel gerade gelöst. Welcher Wein nun besser schmeckt? Sage ich nicht, das müssen Sie selbst herausfinden, und zwar am besten in der Toskana.

In der südlichen Toskana, der Maremma, liegen vor den Toren eines mittelalterlichen Dorfes die berühmten Terme di Saturnia. Sie gehören zu Recht zur Gruppe der Leading Hotels of the World. Das angenehm warme Thermalwasser erfreut Badegenießer schon seit über 2.000 Jahren.


Infos und Preise:

Castello di Casole: Richtpreis DZ inkl. Frühstück ab rund 700 Euro, www.belmond.com

Belmond Villa San Michele: DZ inkl. Frühstück und gratis Shuttle in die Innenstadt ab rund 650 Euro, www.belmond.com

Terme di Saturnia: DZ inkl. Frühstück ab rund 400 Euro, www.termedisaturnia.it/de

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Barfußluxus und fliegende Kellner

Für alle Thailand-Fans, die einfach nach dem Besten suchen: Unsere beiden Lieblingshotels in der Fünfstern-Liga in Bangkok und am Meer sind das Okura Prestige mit dem coolsten Pool der Welt und das Barfuß-Luxusresort Soneva Kiri auf der Insel Koh Kood. Von Karl Riffert

Im besten Hotel Bangkoks

Jeden Morgen macht der holländische Hotelmanager Niek Hammer eine seltsame Reise. Er fährt durch den Bangkoker Bezirk Pathum Wan, was so viel heißt wie „Land beim Tempel am Lotuswald“. Die vielen Lotusblüten von einst sind freilich lange schon verschwunden. Auch wenn Bangkoks größte Grünfläche, der Lumpini Park, hier zu finden ist, so ist Pathum Wan heute eine der feinsten Business-Adressen der Stadt. Hier entstanden die erste Universität, die erste Bibliothek und das erste Einkaufszentrum Bangkoks. Das Ziel von Mr. Hammer, dessen Name an einen Action-Helden denken lässt, ist ein wundersamer Lift. Im Erdgeschoß ist man noch im lauten, quirligen Bangkok, dann drückt man die Taste für den 24. Stock, die Tür öffnet sich leise, und man steht plötzlich in Japan. Eine Dame in Geisha-Kleidung verbeugt sich höflich. Alles sieht einfach und puristisch aus, ist aber verschwenderisch teuer. Eine andere Welt, und der Lärm und die Hektik der Sechs-Millionen-Stadt bleiben draußen. Aber zurück zu Niek Hammer. Der 43-jährige Holländer und Vater von drei Kindern, der zuvor schon in Amsterdam und Macau Luxushotels geführt hat, managt das derzeit beste Hotel Bangkoks, das Okura Prestige Hotel. Keine leichte Aufgabe, denn es gibt in Bangkok eine Menge guter Hotels.

Das Okura Prestige Hotel hat nicht nur den spektakulären Pool an der Außenwand, sondern auch ein beeindruckendes Terrassenrestaurat „Up & Above“.

Einer der spektakulärsten Pools der Welt

Das Okura Prestige Hotel liegt an der Kreuzung der Wireless Road, die man in Bangkok wegen der vielen ausländischen Botschaften auch Embassy Row nennt, und der Ploenchit Road, über die wiederum Bangkoks berühmter Skytrain rollt. Gleich gegenüber befindet sich das architektonisch und auch sonst spektakuläre Central Embassy, Thailands luxuriöseste Shoppingmall. Das Okura erstreckt sich vom 23. bis zum 34. Stock. Weltweit hat es wegen seines spektakulären, 25 Meter langen und beheizten Infinitypools an der Außenwand des Hochhauses im 25. Stock Furore gemacht. Tatsächlich schwimmt man selten so spektakulär zwischen Himmel und Erde wie hier. So kühn ragt der wie angeklebt scheinende Wunderpool ins Nichts.

Aber das Okura Prestige auf das luftige Schwimmbecken zu reduzieren wäre ganz falsch. Man kann in diesem zu den Leading Hotels of the World zählenden Haus auch kulinarisch im siebten Himmel schweben. Es gibt drei Restaurants. Das Up & Above steht für den schnellen Hunger und für eines der besten Sonntagsbrunch-Angebote der Stadt, vor allem, wenn man Seafood liebt – insbesondere kanadischen Hummer – und wenn man von französischer Gänseleber nicht genug bekommen kann. Das Yamazoto offeriert feine japanische Küche, und dann wäre da noch das Gourmetrestaurant Elements, wo man sowohl innen als auch auf der Terrasse im Freien schwer definierbare Köstlichkeiten genießen kann. Chef im Elements ist Hans Zahner, ein Franzose mit deutschem Namen, der unter anderem im Four Seasons und im Plaza Athénée in Paris arbeitete und 2015 nach Asien ins Nobelrestaurant Sir Elly’s im Peninsula Shanghai kam. Mit seiner französischen Küche mit asiatischem Einschlag erkochte sich Zahner im Okura eine Michelin-Stern. Das thailändische Tatler-Magazin wählte das Elements sogar mehrmals zum besten Restaurant Thailands.

Die Club-Lounge bietet einen herrlichen Ausblick über die Dächer Bangkoks.

Mit Liebe zum Detail

Bangkok, die angebliche Stadt der Engel, ist faszinierend vielschichtig und berauschend und irgendwie genauso wie die verführerische Thai-Küche, die man an jeder Straßenecke für wenig Geld bekommt und die westliche Gaumen wie ein Hurrikan überfällt: sehr scharf, süß, sauer und salzig zugleich. Aber wohin auch immer man sich treiben lässt, zum Königspalast oder zum legendären Jim-Thompson-Haus, zu einer Bootsfahrt auf den Klongs oder durch die engen Gassen von Chinatown, irgendwann wird man müde und freut sich auf ein schönes Hotelzimmer. Im Okura Prestige misst das kleinste 45 Quadratmeter, das größte, die Imperial Suite, 302 Quadratmeter. Sherlock Holmes pflegte zu Dr. Watson zu sagen: Traue niemals dem allgemeinen Eindruck, achte immer auf Details. Das gilt ganz besonders für Hotels. Die Zimmer hier riechen gut und strahlen einen fernöstlichen Zauber aus, im Marmorbad findet man eine Wanne und eine große Dusche und eine japanische High-Tech-Toilette. Es gibt westliche Morgenmäntel, aber auch japanische, mit denen man aussieht wie Tom Cruise in „The Last Samurai“. Die alkoholfreien Drinks in der Minibar sind gratis wie auch Video on Demand, und abends wird man mit kleinen Naschereien und zauberhaften Papier-Origamis verwöhnt. Durchs riesige Fenster glitzern nachts die Lichter der Großstadt wie eine Verheißung, die man allerdings per Knopfdruck mit automatischen Vorhängen wegblenden kann. Keine schlechte Idee vielleicht, denn morgen warten neue Abenteuer.

Aus dem einfachsten Zimmer in der Deluxe-Kategorie hat man einen grandiosen Ausblick auf die Skyline.


Die Privatmaschine wartet schon

Bangkok ist spannend, aber uns lockt ein Traumurlaub unter Palmen, und der beginnt am Don-Mueang-Flughafen im Norden Bangkoks, wo schon eine achtsitzige Cessna Grand Caravan und zwei Piloten auf uns warten. Wir sind nur eine Handvoll Passagiere, die „Lucky Few“, die nun 80 Minuten lang über das strahlend blaue Meer des Golfs von Thailand zu einer Trauminsel nahe der kambodschanischen Grenze fliegen werden. Die Insel heißt Koh Kood und ist die viertgrößte Thailands. Nur 5.000 Menschen leben auf dem kleinen Eiland, auf dem es weder eine Stadt noch große Hotelkästen gibt, dafür aber Traumstrände, Wasserfälle und einen üppigen Dschungel. Man landet auf einer sehr kurzen, privaten Landebahn auf einem winzigen Neben-Inselchen namens Mai Si und hofft, dass die 760 Meter holprige Rollbahn reichen werden, denn am anderen Ende winkt schon das Meer. Eine kleine Hütte ist das Flughafengebäude, ein Golfbuggy bringt die verwöhnten Ankömmlinge im Dschungelparadies zu einer kleinen, weißen Yacht, und bald schon ist man zuhause in einer der 36 Villen mit Private-Pool und Meerblick.

Es gibt ja diesen Zauber des Anfangs, und diese Landung ist schon ein großartiger Moment. Man darf sich wie ein britischer Lord fühlen, der in einem Thailand wie vor 30 Jahren ankommt. Es wartet auch schon ein Butler, der hier Mr. Friday genannt wird, weil sich die meisten Ankömmlinge echte thailändische Namen nicht merken können. In unserem Fall ist es eine lächelnde Miss Friday, die vieles weiß, zum Beispiel auch, dass die kleine Landebahn auch für Ausflüge zu einem Weltwunder genützt werden kann. Angkor Wat, die größte Tempelanlage der Welt, ist von hier nur 235 Kilometer entfernt, ein Katzensprung für privilegierte Jetsetter mit Privatmaschine. Der Flug vom Traumstrand unter Palmen zu den magischen Tempeln in Angkor ist für 650 Dollar zu haben.

Beeindruckende Anreise zum Soneva Kiri Resort mit einer Cessna Grand Caravan. Die Gäste landen auf einer privaten Rollbahn auf einer Mini-Insel. Der Traumurlaub unter Palmen kann beginnen.

No news, no shoes

Wir sind in einem der besten Strandresorts Asiens und einem der ungewöhnlichsten. Wenn man im Soneva Kiri keine Lust auf ein normales Frühstück in der eigenen Villa oder im Restaurant hat, kann man sich in einer ovalen, an starken Seilen befestigten „Nussschale“ samt feinem Gedeck zu den Baumwipfeln hochziehen lassen. Kaum ist man oben, rauscht ein auf einem Drahtseil befestigter „fliegender“ Kellner vorbei und serviert ein feines Frühstück ganz nach Gusto. Den Spiderman-Kellner hat man sich aus dem Film „Matrix“ abgeschaut. Abends kann man in einer tropischen Dschungellichtung auf einer großen Leinwand unter Sternenhimmel „Cinema Paradiso“ erleben. Und was den Sternenhimmel betrifft, es gibt auch ein eigenes High-Tech-Observatorium, und wenn man will, kommt das Universum zum Greifen nah.

Treepod Dining nennt sich ein besonderes Erlebnis auf Soneva Kiri: Man wird in einer Bambus-Kapsel zu tropischen Baumwipfeln hochgezogen, die Kellner schweben vogelgleich an einem Drahtseil herbei.

Intelligenter Barfußluxus

Aber natürlich sind es die Badefreuden, die uns in ein tropisches Resort ziehen. Zum Resort gehört exklusiv einer der schönsten Strände der Welt, der North Beach. Und auch die harte Währung jedes wirklichen Luxusresorts – Privatsphäre und Platz – stimmt: Die kleinste Villa misst 270 Quadratmeter, die größte über 1.000, immer gibt es einen schönen Private-Pool, und immer ist man in seiner Villa auf Zeit diskret vor fremden Blicken geschützt.

Was es nicht gibt, sind goldene Wasserhähne und Zeitungen, die morgens an der Tür hängen. Das Soneva Kiri soll so etwas wie ein 100-Millionen-Dollar-Fünfsterne-Robinson-Crusoe-Resort sein, wo eine kleine Schar wohlhabender Gäste „intelligenten Barfußluxus“ zelebriert. Nachhaltig, natürlich, umweltbewusst: Kein abgefülltes Wässerchen aus Frankreich oder von den Fidschi-Inseln kommt auf den Tisch, dafür aber Biogemüse aus der Resort-eigenen Gärtnerei. Und wenn man schon nicht zu Fuß geht, darf man mit flinken Elektro-Golfbuggys durch den Dschungel brausen, das macht echt Spaß. Besser freilich, man geht gleich zu Fuß, und zwar ohne Schuhe. Denn Barfußluxus ist die Devise. „Ich hasse es, wenn ich in tropischen Ländern auf kalten Steinfußböden in Lederschuhen frühstücken muss“, sagt Sonu Shivdasani lächelnd. Wir treffen den asketisch wirkenden Soneva-Gründer am frühen Abend bei einem Tässchen grünem Tee. Und während die Sonne im Meer hollywoodreif untergeht, erfahren wir, wie ein partyversessener Oxford-Student, der sich in ein schwedisches Vogue-Model verliebte, zu einem Star in der globalen Luxushotellerie wurde.

Restaurant mit Aussicht: Das „View“ verspricht nicht zu viel und offeriert europäische Küche mit asiatischem Touch. Rechts: Das Schlafzimmer in einer Private Villa mit Blick auf den Golf von Thailand.

Eine Schwedin veränderte sein ganzes Leben

Der heute 55-jährige Brite mit indischer Abstammung kommt aus reichem Haus und studierte an Top-Adressen der britischen Oberschicht: in Eton, im Schweizer Elite-Internat Le Rosey, das als die teuerste Schule der Schweiz gilt (130.000 Franken pro Schuljahr), und im berühmten Oxford. Die Shivdasanis betreiben ein multinationales großes Handelshaus und besitzen Beteiligungen an Brauereien, Weingütern, Teeplantagen im indischen Nilgiri und sogar eine riesige Farm in Afrika. Der Vater starb, als Sonu 13 war, und seine Studienwahl in Oxford ließ auf keine Karriere als erfolgreicher Kaufmann schließen. Englische Literatur ist nicht unbedingt das Wunschfach von Unternehmereltern. Und auch Sonus Lotterleben als reicher Sprössling – er liebte Partys und kaufte zum Beispiel nur zum Spaß ein Feuerwehrauto, um seine Freunde in Oxford zu beeindrucken – machte der Familie Sorgen. Nach dem Studium musste er allerdings in der von der Mutter geführten eigenen Firma das Handwerk von der Pieke auf drei Jahre lang erlernen.

Schließlich schlug die Liebe ein wie ein Blitz. 1988 lernte der junge Mann bei einem Grand-Prix-Rennen in Monte Carlo das damals berühmte Model Eva Malmström kennen. Die grünbewegte Schwedin träumte von einem Fünfsterne-Ökoresort. „Als Eva und ich heirateten, nutzten wir unseren Honeymoon dazu, uns Luxushotels auf der ganzen Welt anzuschauen“, erinnert sich Sonu Shivdasani. Inspiriert von der künftigen Konkurrenz gründeten die beiden nach mehreren vergeblichen Anläufen ihr erstes Resort auf den Malediven und nannten es „Soneva Fushi“. Es war eine schwierige Geburt, denn die maledivische Regierung wollte zu jener Zeit keinen Luxustourismus, sondern möglichst viele Touristen auf einer Insel und dazu Verträge mit europäischen Massentourismus-Veranstaltern. Erst einmal verheiratet, überließ Sonu die Führung des elterlichen Betriebs seinem älteren Bruder und begann, unter dem Namen „Six Senses“ und mit fremdem Kapital ein Resort nach dem anderen zu eröffnen. 2012 verkaufte er seine Kette mit 26 Resorts um kolportierte 175 Millionen Dollar an Finanzhaie von Pegasus Capital. Der amerikanische Hedgefund hat sich übrigens acht Jahre später wieder von Six Senses getrennt: für 300 Millionen Dollar. Sonu und seine Frau Eva machten hingegen mit genügend Kapital ausgestattet und unter dem aus beider Vornamen hergeleiteten Firmennamen Soneva weiter. Heute besitzt das Paar drei Resorts. Eines davon ist eben das Soneva Kiri auf Koh Kood, das von dem jungen Schweden Elias Pertoft gemanagt wird.

Zeit eigentlich, den schönen Private-Pool in der Villa zu nutzen und ein wenig mit unserer jungen Butlerin zu plaudern. „Friday“ stammt aus einem Dorf auf Koh Kood und heißt in Wirklichkeit Nisarat Kaphon. Nisarat bedeutet auf Deutsch „Geschenk“, und sie ist tatsächlich die beste Betreuerin, die man sich vorstellen kann. Ihr berühmtester Gast war bislang der US-Schauspieler Woody Harrelson. Wie verhalten sich verschiedene Nationalitäten in einem Barfuß-Luxusresort, möchte ich wissen. „Europäer wollen immer selbst entscheiden“, sagt Nisarat lachend, „und Inder brauchen ständig etwas. Araber möchten am liebsten ihre Villa umhüllen. Am einfachsten ist es mit den Chinesen: Die machen, was man ihnen sagt.“ Wenn das so ist, wollen wir sogleich selbst entscheiden. Morgen fahren wir zum nahen Yai-Kee-Wasserfall, wo man auch schwimmen kann, und abends werden wir im Freiluftrestaurant „The View“ sehnsuchtsvoll aufs Meer schauen. Wir werden von fliegenden Kellnern und vom überwältigenden Sternenhimmel im tropischen Dschungel träumen und auf eine Sternschnuppe warten, die den Aufenthalt im Barfußparadies verlängert.

Eva und Sonu Shivdasani: Der britische Unternehmer indischer Abstammung heiratete das schwedische Model Eva Malmström. Zusammen gründeten sie die Soneva Luxusresorts.


Infos und Preise:

Okura Prestige Bangkok: DZ ab 170 Euro, www.okurabangkok.com

Soneva Kiri Resort: Villa mit Private-Pool ab 1.200 Euro, www.soneva.com

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Die Loyalitätsfalle

Loyalität hat ein positives Image. Zu Unrecht. Denn sie steht der Freiheit entgegen, blockiert Veränderungen und fördert Betrug. Ein Plädoyer für die befreiende Kraft des Widerspruchs oder warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen. Von Rainer Hank

Eine neue Art der Gleichschaltung

Seit geraumer Zeit müssen Journalisten in China eine Prüfung machen, bevor sie einen Presseausweis erhalten. Wer bestehen will, sollte mit den Lehren und Gedanken von Xi Jinping, dem chinesischen Präsidenten, gut vertraut sein. Wer dessen Lehren noch nicht beherrscht, muss unbedingt die Xi-App auf sein Mobilgerät laden. Richtige Antworten sind solche, die von Xi stammen. Früher wurde in den Prüfungen die Qualifikation der Journalisten getestet, heute geht es um den Nachweis ihrer Linientreue. Zensur oder Gleichschaltung will Xi das nicht nennen. Er spricht lieber von Loyalität, die er von allen seinen Bürgern erwartet und die in der Prüfung unter Beweis gestellt wird. Loyalität gilt der chinesischen Führung als Gebot von Patriotismus. Sich täglich auf der Xi-App einzuloggen ist inzwischen erste Bürgerpflicht.

Der immerwährende Wert der Gesellschaft

Loyalität ist ein positiver Begriff. Loyal zu sein gilt als moralisch gut: Sie ist eine Tugend. Nicht nur in China. Und nicht erst heute. Man muss zueinanderhalten. Für seine Freunde steht man ein. Loyalität ist ein Wert an sich: Er muss nicht gelernt oder anerzogen werden. Er ist mit uns auf die Welt gekommen. Das fängt schon in der Familie an: Wir stehen zusammen, weil wir zusammengehören. Familie bedeutet Zugehörigkeit, über die Generationen hinweg. Loyal zu den Eltern sind wir auch dann, wenn wir uns über sie ärgern oder – etwa in der Pubertät – sie uns peinlich sind und wir am liebsten wegrennen würden. Wir tun es nicht oder kommen gleich wieder zurück. Loyalität ist eine Form der Treue zu anderen. Schließlich bekommen wir auch etwas dafür: Ich halte zu meiner Familie, weil meine Familie zu mir hält. Wir gehen zusammen durch dick und dünn, meistens jedenfalls.

Loyalität, so nennen wir das starke und warme Band einer Zugehörigkeit. Dieses Band hat einen verpflichtenden Charakter, der in beide Richtungen wirksam ist. Ohne Loyalität gäbe es kein Zusammenleben. Eine Gesellschaft, der das Gefühl verpflichtender Zugehörigkeit abgeht, könnte nicht überleben. Sie müsste zerfallen. Zumindest in der abendländischen Tradition ist das Versprechen der Treue zwischen Mann und Frau Voraussetzung für Liebe, Ehe und Aufzucht der Nachkommen. Wer das Gebot, loyal zu sein, verletzt, gilt nicht nur als illoyal – „das tut man nicht!“ –, sondern wird nicht selten von der Gruppe geächtet, die er verlässt. Er oder sie ist ein „schwarzes Schaf“, ein Dissident. Kommt es noch schlimmer, wird man zum Verräter. Wie weit geht die Pflicht zur Loyalität? Sehr weit. Sie würde den Regisseur Roman Polánski immer noch kompromisslos lieben, bekennt die französische Filmschauspielerin Fanny Ardant, auch wenn erwiesen wäre, dass er eine Minderjährige vergewaltigt habe. Polanski sei für sie „ein Teil meiner Familie“. Auch wenn eine ihrer drei Töchter jemanden umgebracht hätte, so Fanny Ardant, würde sie sie vor der Polizei verstecken: „Ich würde immer meine Familie verteidigen – auch wenn das ein moralisches Dilemma ist.“

Loyalität wird überschätzt

Offenbar rührt Loyalität an etwas in unserem Inneren, das der Entstehung von Sittlichkeit, Moral und Recht vorgelagert ist. In den linken Kreisen, in denen ich groß geworden bin, gab es in den siebziger Jahren eine Debatte darüber, ob wir einem zum Terroristen gewordenen Freund aus der RAF Unterschlupf gewähren würden. Warum zeigten viele sich dazu bereit? Weil die frühere Verbindung gebietet, den Freund zu schützen? Weil wir möglicherweise immer noch gemeinsame Ziele haben, auch wenn wir uns in der Wahl der erlaubten Mittel unterscheiden? Die These: Loyalität wird überschätzt. Illoyalität hingegen wird zu Unrecht moralisch verunglimpft. Dies hat auch mit der Begrifflichkeit zu tun: Illoyal klingt verwerflich, aufrührerisch, negativ. Könnte es positive Begriffe geben? Souveränität, Mündigkeit, Resilienz, Dissidenz? Vielleicht auch Befreiung, Integrität, Selbstbestimmung, Autonomie. Dies alles wären geeignete Kandidaten, die freilich in ihrem Begriff unterschlagen, dass man nichts geschenkt bekommt, gerade die Souveränität und auch die Freiheit nicht, denn ihr gehen schmerzhafte Ablösungsprozesse – Illoyalitätserfahrungen – voran. Es gilt deshalb, die Dissidenz, den Mut zur Selbstbefreiung zu stärken und zugleich die Gefahren der Loyalität aufzuzeigen.

Populismus in der heutigen Zeit

Soziale Bewegungen sind Gruppen starker Loyalität. In jüngster Zeit sind viele davon auf die Welt gekommen. Die staatlich verordnete Solidaritätszumutung in den Monaten des Corona-Shutdowns provozierte als Gegenschlag eine bürgerlich-populistische Protestbewegung, die den individuellen Freiheitsdrang im gesellschaftlichen Ausnahmezustand zur Sprache brachte, zugleich aber nach innen einen Loyalitätsdruck aufzubauen vermochte, dessen Konformitätserwartung sich aus allerlei kruden Verschwörungstheorien speiste. Sie nennen sich „Querdenker“, ohne sich bewusst zu sein, wie uniform die Opposition dieser Sozialbewegung daherkommt. Die Bedeutung von Bewegungen nimmt zu. Ständig sind wir gezwungen, Stellung zu beziehen. Mir sind all diese Oppositionsbewegungen nicht geheuer, die Querdenker nicht, Fridays For Future (FFF) nicht und Pegida erst recht nicht. Pegida kann man rechtspopulistisch nennen, FFF kann man grünpopulistisch nennen. Der Corona-Protest ist weder links noch rechts, dafür aber umso mehr populistisch. Der Begriff des Populismus soll hier neutral gebraucht werden. Populismus bekennt sich zu einer Emotionalisierung des Politischen (das ist sowohl von rechts wie von links möglich). Populisten verstehen sich als Anwälte des Volkes, dem sie Stimme und politischen Einfluss verleihen wollen. Die Gegner der Populisten sind in der Regel die Eliten, die Mächtigen, die tonangebenden Schichten, denen vorgeworfen wird, sie hätten das Volk alleingelassen.

Typisch für sozialpopulistische Bewegungen ist ihre sehr offene Organisationsform. Man muss nicht formal beitreten, schon gar nicht gewählt werden. Es reicht, dabei zu sein. Viele haben einen charismatischen Führer oder eine charismatische Führerin an der Spitze. Ihnen wird Gefolgschaft geleistet. Es gibt einen gemeinsamen Glauben in der Bewegung, der sich relativ einfach formulieren lässt: Das Ende der Welt ist nahe. Jetzt ist Zeit zum Handeln, es ist fünf vor zwölf. Die neuen Bewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie für sich absolute Gewissheit in Anspruch nehmen und ihnen jede Form von Mehrdeutigkeit – Ambiguitätstoleranz – zuwider ist. Mehrdeutigkeit ist es, was sie an der herrschenden Politik hassen. Es geht ihnen um Eindeutigkeit. Authentizität und Identität werden hoch aufgeladen, Ambiguität trägt dagegen den Makel der lauen Unentschiedenheit, ja Feigheit in sich. Wir helfen lieber den Mitgliedern der eigenen Gruppe als den Mitgliedern anderer Gruppen.

In-group favorism: evolutionäre Loyalität

Die heutige Evolutionsbiologie ist der Überzeugung, dass der Mensch nicht als isolierter „Homo oeconomicus“ auf die Welt gekommen ist, sondern als soziales Wesen, das sich immer schon in einer Gruppe vorfindet: Das monadische Ich ist evolutionsgeschichtlich eine Fiktion. Wir haben in der Gruppe gemeinsam mit anderen unser Leben begonnen. Das hat enorme Konsequenzen. Wir neigen dazu, die eigene Gruppe zu begünstigen und zu bevorzugen. „In-group favoritism“ nennen die Evolutionsbiologen dieses Verhalten. Es ist ein anderes Wort für Loyalität. Es wird von der Gruppe belohnt mit einem „warmen Zugehörigkeitsgefühl“. Genau dieses Geschäft zum beiderseitigen Vorteil gilt inzwischen als zentraler Trieb menschlichen Gemeinschaftsverhaltens: Wir helfen lieber den Mitgliedern der eigenen Gruppe als den Mitgliedern anderer Gruppen.

Nicholas Christakis, ein an der Universität Yale lehrender Professor für Evolutionsbiologie, demonstriert es sehr anschaulich: In einem Experiment gab man Fünfjährigen T-Shirts mit unterschiedlichen Farben (Rot, Blau, Grün und Orange), dann zeigte man ihnen Fotos von Kindern, die T-Shirts in ebendiesen Farben trugen. Den Kindern war bewusst, dass sie ihre T- Shirts nach dem Zufallsprinzip erhalten hatten und dass die Kinder auf den Fotos sich in nichts unterschieden außer eben der Farbe des T-Shirts. Trotzdem bevorzugten die Teilnehmer an dem Experiment die Kinder mit denselben Hemdfarben, sie gaben ihnen mehr von einer knappen Ressource (Spielzeugmünzen) ab und hatten eine positivere Meinung von ihnen. Außerdem hielten sie die Kinder ihrer eigenen Farbgruppe für freundlicher und glaubten, dass sie eher bereit sein würden, Spielsachen mit ihnen zu teilen. Und schließlich erinnerten sie sich eher an positive Handlungen ihrer Farbgruppe und gaben in Beschreibungen von ihresgleichen eher positive Informationen weiter. „Und alles nur, weil sie zufällig ein T-Shirt mit einer bestimmten Farbe erhalten hatten“, schließt Christakis seinen Bericht über das Experiment, das man bei jedem Fußballspiel im Stadion selbst überprüfen kann. Christakis nennt das universale Prinzip der Begünstigung der eigenen Gruppe ein „eher deprimierendes Phänomen“ der Evolution. Irgendwie passt die selbstverständlich sich einstellende, die Mitglieder der eigenen Gruppe privilegierende Loyalität, die mit der ebenso selbstverständlichen Diskriminierung der Mitglieder anderer Gruppen einhergeht, nicht so ganz in das von vielen propagierte, idealistische Konzept der Urgruppe, in der das Gute einer altruistischen Gemeinschaft entstanden sein soll. Als ob die Freund-Feind-Dichotomie angeboren wäre oder, sagen wir vorsichtiger, die Loyalität zur In-group und Abgrenzung von den anderen sich wie von allein einstellen würde.

Das Ergebnis des Kinderspiels ist kein Zufall, sondern hat System: Gruppen teilen einen gemeinsamen Glauben, spezielle Verhaltensnormen und Verhaltenserwartungen, worin sie sich von anderen Gruppen unterscheiden. Solche Normen sind ungeschriebene Regeln. Deshalb brauchen alle Gruppen sogenannte „ethnische Zeichen“; im genannten Beispiel etwa die T-Shirts einer bestimmten Farbe. Neben Kleidungsstücken und Gruppenbewegungen kommen auch direkte Körperveränderungen (Tattoos) oder „Gruppensprech“ (Dialekte, Slang) als Erkennungszeichen infrage.

Radikalisierung durch Bestätigung

Der Jurist und Verhaltenswissenschaftler Cass Sunstein hat untersucht, was aus Einzelmeinungen innerhalb einer Gruppe wird. Das Ergebnis gibt zu denken: In der Gruppe urteilen wir alle extremer, als es jeder Einzelne ohne die Gruppe täte. Die Gruppe polarisiert und radikalisiert ihre Mitglieder – in welche politische Richtung auch immer. Woran das liegt? Menschen hungern nach Bestätigung, sagt Sunstein. Wenn zwei einander recht geben, fühlen sich beide sicherer. Schließt sich ein Dritter an, wird es noch besser. Man nennt das eine Bestätigungskaskade, die wiederum bei allen zur Verfestigung ihrer Meinung führt. Jetzt hauen wir auf den Putz. Am Ende kann es passieren, dass einige die Gruppe verlassen, weil ihnen die Radikalisierung der anderen nicht geheuer ist. Die Gruppe wird dadurch zwar kleiner, aber noch radikaler, weil nur die Allerloyalsten bis zum Schluss bleiben, die sich untereinander bis ins Extrem anfeuern. Cass Sunstein, der amerikanische Forscher, bezieht diese Erkenntnisse aus Experimenten im Labor. Er hat damit unwissentlich, aber präzise den Radikalisierungsprozess der deutschen AfD beschrieben, quasi ein Experiment im realdemokratischen Staat.

Wir leben in einer Zeit des neuen Tribalismus: Der „Ruf der Horde“ (Karl Popper) hat Verführungskraft. Was neu ist: Der einfache Gegensatz von globalisierten, urbanisierten, aufgeklärten, intellektuellen Eliten und provinziellen Stammesgruppen stimmt nicht wirklich. Denn auch die Eliten weisen Stammesstrukturen auf. Der „tribal instinct“ ist nicht nur ein Instinkt, zur Gruppe zu gehören. Er ist auch ein Instinkt der Exklusion. Es geht stets darum, dass die mit den roten Trikots zusammenhalten und die mit den gelben oder grünen Trikots die anderen sind, von denen man sich abgrenzt. Auch Eliten verhalten sich nicht anders als die Kinder im T-Shirt-Experiment. Im Stamm herrscht ein Druck zu Konformität, den wir – beschönigend – Loyalität nennen. Dies alles kann nur bedeuten, dass Geschichte eben keine teleologische Fortschrittsgeschichte ist, die sich vom Schlechten zum Guten, vom Clan- und Stammesdenken zum kritisch-universalen Rationalismus, vom Loyalitätsgebot im Nahbereich zur Solidaritätspflicht der Weltgemeinschaft („Alle Menschen werden Brüder“) fortentwickelt. Ein Trauma äußert sich in einem Wiederholungszwang, das Verdrängte kehrt zurück. Könnte es sein, dass der kosmopolitische Liberalismus diesen notwendigen Heimatbezug vergessen hat? Der Schock über die neuen Vergemeinschaftungen in unserer Zeit wäre dann das Erschrecken über die Wiederkehr des „Rufs der Horde“.


Zum Autor: Rainer Hank ist Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main. Der Text ist ein überarbeiteter Auszug aus Hanks neuem Buch: Die Loyalitätsfalle. Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen. Penguin Verlag München 2021, ISBN 978-3-328-60140-1. www.rainer-hank.de

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Die Handwerker von Kamalaya

Wenn sie nicht mehr weiterwissen, flüchten Ausgebrannte, Übermüdete und Verkrampfte in diese Anlage auf der Insel Koh Samui. Und begeben sich im Kamalaya-Resort in die Obhut von ganz besonderen Handwerkern. Von Julia Prosinger

Karina Stewart, 58, Gründerin und Heilpraktikerin

Sie wird gleich von ihrer Kindheit in den mexikanischen Urwäldern erzählen, von ihrer krebskranken Mutter, durch die sie zur Meditation kam, von ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin in Princeton und China und wie sie ihren Mann John kennenlernte – eine wahnsinnige Liebesgeschichte, ohne die es diesen Ort, das Kamalaya, ein Luxus-Resort auf der thailändischen Insel Koh Samui, nie gegeben hätte. Aber vorher schwärmt Karina Stewart, die immer ein wenig zu spät kommt, weil sie immer ein wenig zu lange fragt, zuhört und lacht, erst ausgiebig von einer Sünde und sagt: „Sie müssen die Schokoterrine probieren.“ Ausgerechnet die Gründerin eines Detox-Resorts empfiehlt ein reichhaltiges Dessert. 2005 haben Karina und John Stewart dieses Hotel geschaffen, in dem Ausgebrannte Linderung finden. Der Regisseur Oliver Stone, Topmanager und andere Workaholics erholen sich hier. Über die Jahre sind die Stewarts zu Experten für den Zustand der westlichen Seele geworden, weltweit halten sie Vorträge über den Zusammenhang von Stress und Magenproblemen, über Schlafstörungen und die richtige Entgiftung.

„Es ist nicht so schlimm“, sagt Karina Stewart nun, den Blick aufs ruhige Meer in der Bucht gerichtet, und meint den Nachtisch, „halb Kokos, halb Bitterkakao. Kein Zucker, keine Milch.“ Verzichten, rät sie, solle man besser auf den Kaffee am Morgen. „Dem Magen nach acht Stunden Schlaf als Erstes Koffein reinknallen?“ Nein. Außerdem torpediere Kaffee das, was sie ihren nervösen Gästen am dringlichsten beibringen will: langsamer machen. In jeder Hinsicht. Wer langsamer isst, wählt besser aus. Nimmt Wasser statt Saft. Deshalb servieren die Kellner den Gästen lieber einen Espresso-Ersatz aus Kräutern oder gleich einen Tee. Auch Handys oder Tablets sollen die Besucher nur in der Bibliothek und im Zimmer nutzen, wo das W-Lan auf eine Stunde täglich begrenzt ist.

Gründerin Karina Steward (links) und San Bao, Teezeremonienmeister und Lehrer für Qigong (rechts)

Eine unglaubliche Entstehungsgeschichte

Mit Verzicht kennt sich Karina Stewart aus. Den Kanadier John traf sie 1982 auf einer spirituellen Reise in einem indischen Ashram, wo er als „weißer Mönch“ – so nannte man ihn im asiatischen Raum – lebte. Elf Jahre schrieben sie sich Briefe, bis er sein Kloster verließ und, ohne Geld oder Ausbildung, in Amerika um ihre Hand anhielt. Karinas Eltern schickten den Langhaarigen fort. Der aber handelte mit Kunst, konnte den Kuratoren des Metropolitan Museum die Rituale auf den Bildern besser vermitteln als andere und am Ende auch Karinas Eltern überzeugen. Jahrelang leiteten die Stewarts dann eine Klinik im nepalesischen Kathmandu. Er wurde krank, sie behandelte ihn mit Traditioneller Chinesischer Medizin. Das Kraut, das am besten half, wuchs auf Koh Samui. John Stewart zog für ein paar Monate auf die Insel und stieß bei einem Spaziergang auf eine Höhle: Dort hatten einst Mönche gebetet, überall lagen Räucherstäbchen, standen Gaben für die guten Geister. Die Höhle erinnerte ihn an sein Ashram. An diesem magischen Ort wollten sie ihr Resort gründen.

Sie hatten schon lange beobachtet, wie die Menschen auf der Suche nach Trost gen Fernost reisten, hatten es ja selbst getan. Indien kommerzialisierte seine Spiritualität zu sehr, fanden sie. „In Nepal, Thailand, Sri Lanka sind die sozialen Strukturen noch intakt. Der Westen hat sie zugunsten des ökonomischen Fortschritts verloren. Er hat sich zu viel auf das Außen konzentriert“, sagt Karina Stewart und schlürft einen großen Schluck Kokoswasser. Vom Meer weht jetzt eine leichte Brise. Sie wischt sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Million um Million überzeugten die Stewarts Freunde und Bekannte, in ihre Heilanstalt zu investieren. Die Höhle wurde zum Zentrum des Kamalaya, das übersetzt „Reich des Lotus“ heißt. Auch heute kann man hineingehen, die Augen an die Dunkelheit gewöhnen und sich der Zufälle gewahr werden, die einen hergebracht haben. Das Gründer-Ehepaar setzte Elefantenohrpflanzen neben Lilien, baute Häuschen mit weitläufigen Terrassen und Marmorböden an den Hang, hängte eine riesige Schaukel an den Seemandelbaum am Strand.

Karina Stewart stimmte die Anwendungen aufeinander ab: erst die knackende thailändische Handmassage, dann die Bauchmassage, die sich anfühlt, als würden einem die Organe neu angeordnet. Am nächsten Tag die indische Kopfmassage, später den ayurvedischen Stirnguss, der einen noch Stunden später benebelt lächeln lässt. Sie entschied, dass im Fußbad Limetten schwimmen und nach der Behandlung Maulbeertee aus kleinen Tontöpfchen gereicht wird. Dass die Spa-Mitarbeiter Sonnengelb tragen und die Liegen mit Sarongs bedeckt sind. Dass nirgends Musik läuft, weil die Natur bereits singt. Wenn abends vom Nachbarstrand Beats herüberschallen, kommt einem das, nach Tagen der Ruhe, fremd vor. Und Karina Stewart entscheidet, dass jetzt, zum Ende dieses Mittagessens, endlich eine Schokoterrine bestellt wird. Auch wenn sie dann zu ihrem nächsten Termin schon wieder zu spät ist.

Die Chi-Nei-Tsang-Massage verbindet chinesische und thailändische Heiltraditionen. Dabei wird der gesamte Bauch massiert, die taoistische Massage soll entgiftend und energiefördernd wirken.

San Bao, 61, Teezeremonienmeister und Lehrer für Qigong

Auf einem Hügel über dem Meer stehen Menschen und tun so, als wären sie Bäume. Die Arme von sich gestreckt wie Äste, die Augen geschlossen, fünf Minuten. Die Ersten beginnen zu zittern. Zehn Minuten. Zehen und Hände kribbeln, Schweiß rinnt. Nach 15 Minuten haben alle aufgegeben. Nur einer könnte noch viel länger. San Bao, Glatze, weißer Ziegenbart, Armbänder aus Holzperlen, auf seinen Kaftan sind Drachen gedruckt. Jürgen Horst Josef Veith, so heißt der Chinese im bayerischen Körper, ruft die baumgewordenen Menschen nun dazu auf, sich auf Schultern, Schenkel und Brust zu klopfen. Das ist Qigong und regt die Durchblutung an. Anschließend bittet er seine Teilnehmer, sich bei ihren Nieren zu bedanken. Dann entlässt er sie in den Tag. Nachmittags wird er sie wiedersehen. Am runden Holztisch führt er sie in die Kunst des Oolong-Teetrinkens ein. Aus den Boxen schallt chinesische Harfe, jeder Gast soll ein Set aus feinstem Porzellan wählen, zitronenfaltergelb, mit Bambus bemalt. San Bao kocht Wasser, wäscht die Teeblätter bei 90 Grad. Sie wurden handgerollt getrocknet und entfalten sich unter der Hitze wieder zur Gänze. Erst füllt er den Tee in schmale Kelche, zum Schnüffeln. Getrunken wird aus den breiteren Tassen, die so klein sind, dass niemand auf die Idee kommt, Zucker oder Milch beizugeben.

„Schon als Kind“, erzählt San Bao, „hatte ich den Eindruck, mich riefen Leute aus Japan oder China.“ Sobald er konnte, sei er dem Ruf gefolgt. Für seine Tees fährt er zweimal im Jahr zur Ernte auf 1.900 taiwanesische Höhenmeter, dort ist das Wasser klarer und die Umwelt nicht so verschmutzt wie durch Chinas Industrie. Im Flugzeug trinkt er Kaffee. „Ich bin euer Tealer“, sagt San Bao und serviert zum Einstieg Golden Lilly, der an Vanillesauce erinnert, und den stark gerösteten Honey Mountain Dew für alle, die auf Kaffeeentzug sind, sich die pochenden Schläfen reiben. Langsam fangen seine Gäste an, sich zu unterhalten. Viele von ihnen sind allein hier, sitzen abends vor einem Buch, notieren die Erlebnisse des Tages. Lesen Ratgeber aus der Bibliothek, schauen gemeinsam Dokumentarfilme, weil es auf den Zimmern keine Fernseher gibt. Eine Finnin erzählt, dass sie ihren Job in der Bank hinschmeißen will, ein Yogastudio gründen. Zwei Inderinnen empfehlen einem Briten mit Blutergüssen vom Schröpfen die besten Retreats. San Bao unterbricht das Gemurmel nur mit dem Hinweis auf einen zweiten Aufguss.

Für die Gäste des Kamalaya stehen unter anderem zwei Pools, zwei Dampfbäder und verschiedene Tauchbecken zur Verfügung. Einen traumhaften Ausblick genießt man im „Leisure Pool“. Reichlich Privatsphäre und Möglichkeiten zum Entspannen bietet die 215 Quadratmeter große Strandvilla, die umgeben von Bäumen und tropischer Vegetation ist. Ein kleiner Pfad führt direkt zu einem ganz privaten Strand.

Smitha Jayakumar, 41, Mentorin und Atemtrainerin

Das Rauschen des Meeres unter dem Granitfelsen wird leiser, der tropische Regen hat innegehalten. Allein Smitha Jayakumars samtene Stimme, den indischen Singsang in ihrem Englisch, dringt noch zu einem durch, während man auf einem Sessel, die Beine zum Himmel gekippt, langsam in die Hypnose wegsackt. Man solle sich an einen freudigen Moment in der Kindheit erinnern, sagt die Stimme. Die Leichtigkeit und Stabilität von damals spüren. Das hätten viele ihrer Gäste vor lauter Deadlines und Meetings verlernt. Im Versuch durchzuhalten würden sie sich die unangenehmen Emotionen verbieten und auch die positiven nicht mehr erleben, sagt Smitha Jayakumar, Schneidersitz im weißen Leinenanzug, riesige braune Augen. Sie soll einem beibringen, wie man sein Leben besser lebt. Neben ihr steht eine Packung mit Taschentüchern. Die meisten greifen danach. Vor ihr sitzen Menschen, die sich getrennt, ein Kind verloren, einen Job hingeschmissen haben. Weil die Heiler im Kamalaya überzeugt sind, dass chronischer Stress zu Schaden führt – anders als kurzfristiger, der dazu da ist, einen anzutreiben oder zu schützen –, üben sie mit den Gästen, ihn loszuwerden.

Smitha Jayakumar braucht nur drei Fragen, um dahin zu gelangen, wo andere Therapeuten nach Wochen sind: Sie erörtert die Beziehungen zu Eltern, Geschwistern. Wo kommt der Druck her, sich beweisen zu müssen? Sie sagt dabei oft „wir“, als teile sie den Schmerz. Manch einer fühlt sich so wohl, dass er zu Hause Skype-Termine mit ihr vereinbart. Eigentlich wollte sie Innenarchitektin werden, doch dann öffnete sich das indische Kloster, bei dem sie in die spirituelle Lehre gegangen war, für Frauen. 15 Jahre lebte sie dort. Warum sie nun hier verwöhnte Westler betreut, wenn andere ihre Fürsorge vielleicht nötiger hätten? „Leid ist Leid“, sagt sie und blinzelt nicht. Heute bringt sie Gästen bei, wie sie schlechte Angewohnheiten durch gute ersetzen. Routinen, sagt sie, geben dem Gehirn das Gefühl von Kontrolle. Es könne dabei nicht zwischen schädlich und harmlos unterscheiden. Ihre eigene Kaffeesucht beispielsweise sei nur der Wunsch nach einer Belohnung am Arbeitstag gewesen. Seit sie das weiß, kann sie das gleiche Ritual mit heißem Wasser vollziehen. Jayakumar lehrt auch Pranayama, die Kunst des Atmens. Eine kühlende Technik, bei der durch die eingerollte Zunge inhaliert wird, für hitzige Momente, eine beruhigende für die Schlaflosen. Auf dem Weg aus ihrer Praxis erzählt sie vom einfachen Leben eines Hirten im Himalaya. Bei ihr wirkt sogar Small Talk weise.

Smitha Jayakumar, Mentorin und Atemtrainerin

Suchada Yangyuen, 42, genannt Chompoo, Köchin

Morgens sollen sich die Gäste auf dem Zimmer eine Limette in heißes Wasser quetschen, abends beruhigenden Lavendeltee trinken. Dazwischen ist alles Kokosnuss.
Das Wasser der jungen Früchte ähnelt angeblich unserem Blutplasma, die Milch macht Saucen sämig. Anders als in ähnlichen Resorts weltweit bedeutet Detox im Kamalaya nicht, aufs Essen zu verzichten oder die Nährstoffe mit Brühen und Einläufen aus dem Körper zu schwemmen. Es stehen auch nirgends Zahlen von Kalorien.

Alle verlassen sich auf Suchada Yangyuen, genannt Chompoo, wie der thailändische Rosenapfel. Denn sie beherrscht das Handwerk des Ersatzkochens. Rohem Kohlsalat fügt sie Ananas hinzu, statt Eiernudeln stellt sie welche aus Teufelszunge her, auch Konjakwurzel genannt. Gästen, die auf Milch verzichten wollen, rät sie zunächst, Kuh mit Ziege zu ersetzen. Jegliche Milch, davon sind die Heilpraktiker hier überzeugt, begünstige Entzündungen im Körper. Zum Frühstück lässt Chompoo zwischen Hirse-, Mandel-, Soja-, Reis- und Sesammilch wählen. Statt Schwein oder Rind kocht sie Huhn oder Fisch. Sie reduziert das Salz, würzt mit Thaibasilikum, Kaffirblättern, Ingwer und Kurkuma. Chompoo, schwarze Schleife im Haar und ihr Sternzeichen Skorpion auf den Hals tätowiert, mörserte das erste Mal als junges Mädchen für ihren Opa Chilipaste, weil die Oma zum Tempel musste. Da merkte sie, dass sie gut war.
Heute sieht ein Gruß aus der Küche bei ihr so aus: eine eingelegte Scheibe Ingwer, darauf Meersalz, ein Chutney aus grüner Mango, Apfel, Zwiebel, dazu natürlich ein paar Kokosflocken. Wenn sie nach Hause kommt, kocht sie für ihren fünfjährigen Sohn. Spaghetti, Spaghetti und – Kentucky Fried Chicken.

Suchada Yangyuen, genannt Chompoo, Köchin im Kamalaya, die dem Begriff Detox eine neue Bedeutung gibt.

Bernie Schulte, 53, Akupunkteur und Traditioneller Chinesischer Mediziner

Herr Schulte hat gekifft. So riecht es zumindest, wenn man sich über die steilen Stufen der obersten Hütte des Wellnessbereichs nähert. Eine Flugeidechse landet im Baum. Verschwitzt betritt man den mit chinesischen Antiquitäten möblierten Raum. Bernie Schulte fragt erst nach kalten Füßen und Verdauung, nach Tagesabläufen, Menstruationsschmerzen und Operationen. Nach Ernährung und Schlaf. „Stellen Sie sich vor, ich sei eine gute Fee. Welchen Wunsch darf ich Ihnen heute erfüllen?“, so beginnt er seine Patientengespräche. Dann geht es auf die Liege. Mit zwei Fingern tastet er den Bauch ab. Seine hellblauen Augen blicken dabei in die Ferne. Er könnte sie auch schließen. Schulte hat seine besondere Technik bei blinden Akupunkteuren in Tokio gelernt – setzt er eine Nadel, spürt man es kaum.

Es ist viele Jahrzehnte her, dass Bernd Schulte Lippstadt verlassen hat, den Wunsch seines Vaters, Banker zu werden, begrub, in Australien zu Bernie Schulte wurde, eine Thailänderin heiratete. Die Idee der asiatischen Medizin hatte ihn fasziniert: dass der Körper sich durch ein bisschen Unterstützung selbst helfen kann, beispielsweise mit Kräutern in Pillen oder Tees und Stimulation des Immunsystems durch kleine Verletzungen an den richtigen Stellen, also Akupunktur. Wenn Schulte heilt, lässt er seine Sinne sprechen: Wie riecht ein Körper, welche Farbe hat die Zunge, ist die Haut rau, sind die Hände kalt? Zucken die Muskeln unvermittelt, sind die Nägel spröde? Schulte verbindet nun leise tänzelnd vier Nadeln mit Kabeln, so soll die Energie zwischen den einzelnen Punkten geleitet werden. Auf die andere Seite der Nadeln steckt er kleine Päckchen aus getrocknetem Beifuß und – zündet sie an. Man muss ihm vertrauen, um jetzt nicht von der Liege zu springen, während Flammen auf einem lodern. Deshalb riecht es hier so! Moxibustion heißt diese Technik, die Hitze soll über die Nadeln in den Körper dringen, die Durchblutung anregen, beleben. Also doch – ein bisschen wie Kiffen.

Bernie Schulte, Akupunkteur und Traditioneller Chinesischer Mediziner


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Zu hässlich für den Supermarkt

Weltweit landet ein Drittel aller Lebensmittel ungenützt im Müll. Eine Reihe von Initiativen hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Food Waste“ zu verhindern.

„Unverschwendet“ rettet Lebensmittel

Rund 100 verschiedene Gründe wurden beim Wiener Label „Unverschwendet“ mittlerweile gezählt, warum erntefrisches Gemüse es nicht in die Supermärkte schafft. Eine absurd hohe Zahl. Eine Zahl, die wütend machen muss. Die Geschwister Cornelia und Andreas Diesenreiter haben „Unverschwendet“ mit dem Ziel gegründet, Lebensmittel zu retten, die von den großen Handelsketten nach der Ernte abgelehnt werden, um so einen Beitrag im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung („Food Waste“) zu leisten. Denn oft bleiben Bauern gerade einmal 24 Stunden vor der vereinbarten Abnahme auf ihrer frischen Ware sitzen. Weil ihre Zucchini geringfügig zu groß sind, Tomaten zu perfekt gereift oder weil Kartoffeln kleine Dellen haben. Weil die Kirschen zum „falschen“ Zeitpunkt reif sind, eine Supermarktkette falsch kalkuliert hat oder weil doch ein anderes Gemüse für die Rabattwochen auserkoren wurde.

„Unverschwendet“ kauft Bauern solche landwirtschaftlichen Überschüsse zu fairen Preisen ab und verarbeitet sie einerseits zu Delikatessen im Glas, wie etwa Tomaten-Brotaufstrich, Wassermelonensirup mit Pfeffer oder Gin aus geretteten Kirschen. Andererseits wird das einwandfreie Obst und Gemüse an die Gastronomie und andere Weiterverarbeiter vermittelt.

Die Geschwister Cornelia und Andreas Diesenreiter von „Unverschwendet“ kaufen Bauern landwirtschaftliche Überschüsse, die von großen Handelsketten abgelehnt werden, zu fairen Preisen ab. Zu finden sind sie am Schwendermarkt im 15. Bezirk in Wien.

Erschreckende Zahlen

Bis zu 160 Prozent der für den Markt benötigten Menge müssen von Landwirten produziert werden – 60 Prozent mehr, nur weil die Bauern einkalkulieren müssen, dass ein Teil ihrer Produkte aus rein ästhetischen Gründen abgelehnt wird. Schon bei kleinen Betrieben sind das 500 Kilo pro Tag. Dabei sind die Abfälle aus der Landwirtschaft nicht einmal das größte Problem. Insgesamt werden laut einer Studie des WWF 760.000 Tonnen Lebensmittel jährlich allein in Österreich verschwendet. Für mehr als die Hälfte davon sind private Haushalte verantwortlich, ein Viertel der gekauften Lebensmittel wird – teils sogar ungeöffnet – im Müll entsorgt. Sonderangebote, Mengenrabatte und Großpackungen führen zu einem Überschuss an Lebensmitteln in der eigenen Küche. Der Konsument kann und will aus verschiedenen Gründen die großen Mengen dann doch nicht verarbeiten, und vieles landet letztendlich im Müll. Zudem müssen auch Singles zu unnötig großen Packungen greifen, weil keine kleineren Gebinde verfügbar sind. Was noch dazukommt: Supermarktkunden wollen bis Ladenschluss noch das volle Angebot. Die Folge: Supermärkte führen deutlich mehr, als tatsächlich gekauft wird.

Eine gute Alternative sind Märkte oder verpackungsfreie Geschäfte, die sich einer immer größeren Beliebtheit erfreuen: etwa „Lieber Ohne“ in Wien, „Das Gramm“ in Graz, „Flinse & Co“ in Düsseldorf oder „Die Auffüllerei“ in Frankfurt am Main, um nur ein paar Beispiele zu nennen. In solchen Läden wird nur die benötigte Menge an Pasta, Müsli, Gemüse und Co in mitgebrachte Gefäße gefüllt und somit nicht nur Verpackungs-, sondern auch Lebensmittelmüll vermieden.

Verena Kassar betreibt mit ihrem 15-köpfigen Team die verpackungsfreie Greißlerei „Das Gramm“ in der Grazer Innenstadt (links). „Die Auffüllerei“ ist die Adresse in Frankfurt-Nordend, wo bedarfsgerechte Mengen an regionalen, vorwiegend biologischen Lebensmitteln ohne Verpackung abgefüllt werden können (rechts).

Zero Waste in Gastronomie und Hotellerie

„Food Waste“ ist seit geraumer Zeit auch für die Gastronomie eines der brennendsten Themen. Immer mehr Köche von Weltrang, wie der Italiener Massimo Bottura, rufen wegweisende Initiativen ins Leben, um gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Werden doch jährlich weltweit 1,3 Milliarden Tonnen weggeworfen, was einem Drittel aller Lebensmittel entspricht. In den USA landen sogar 40 Prozent aller Lebensmittel im Müll, wie der Kochexzentriker Anthony Bourdain für seinen sehenswerten Film „Wasted! The Story of Food Waste“ recherchiert hat. Spitzenkoch Bottura ließ im Rahmen der EXPO 2015 in Mailand prominente Kochkollegen einfliegen, die im „Refettorio Ambrosiano“ mit essbaren Überschüssen aus der EXPO-Verpflegung Bedürftige bekochten. Mittlerweile gibt es vier Refettori weltweit, die mit nicht verkauften frischen Lebensmitteln arbeiten.

In der Filiale in London – Großbritannien ist in Sachen „Food Waste“ zweifellos Vorreiter – geschieht das mithilfe von „The Felix Project“: Dieses Vorzeigeprojekt verteilt nicht genützte Lebensmittel, teilweise direkt von den Produzenten, an Hilfsorganisationen um. Ein Kernsatz der „Zero Waste“-Bewegung lautet schließlich: Der Abfall des einen ist die Ressource des anderen. Ein inspirierendes Beispiel ist der amerikanische Kochintellektuelle Dan Barber, der mit seinen Gastro-Pop-ups namens „Wasted“ in New York und London zeigte, dass man auch aus Grünkohlstielen einen köstlichen Eintopf kochen kann. Oder wie sich die Flüssigkeit aus Kichererbsendosen zu steifem Schaum schlagen lässt und man Rote-Rüben-Tresterrückstände aus Saftbars als Fleischersatz für vegane Burger einsetzen kann. Bei diversen Symposien wie „Care’s – The Ethical Chef Days“ in Südtirol thematisieren Köche Fragen zu Lebensmittelverschwendung. Etwa jene, ob man Gästen nicht öfter zumuten könne, ein bestimmtes Gericht nicht mehr bestellen zu können, anstatt zu viel bereitzuhalten, damit jeder Gast die volle Auswahl hat.

Der RELAX Guide ist schon längst dazu übergegangen, in der Wellnesshotellerie jene Frühstücksangebote höher zu bewerten, die auf Qualität anstatt Quantität am Buffet setzen: Wenn möglich, Bioprodukte von regionalen Erzeugern – und davon lieber geringere Mengen. Der renommierte Wellness-Guide plädiert vor allem auch für Frühstück à la carte, das für jeden Gast individuell zubereitet wird. Denn dadurch können erhebliche Mengen an Lebensmitteln eingespart werden.

Das „Frea“ in Berlin-Mitte hat sich nicht nur dem Zero-Waste-Konzept, sondern auch dem kleinstmöglichen ökologischen Fußabdruck verschrieben und bietet rein pflanzliche, saisonale Gerichte aus der Region. Im ersten Zero-Waste-Lokal „Silo“ werden Lebensmittelreste kompostiert und Möbel aus Recyclingmaterialien hergestellt.

Innovative Ideen im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung

Um fertig gekochte Speisen aus Hotels, Restaurants und Supermärkten, die trotz einwandfreien Zustands entsorgt werden müssten, geht es den Gründern von „Too Good To Go“, einer App, die mittlerweile zu den am schnellsten wachsenden in Europa zählt. Das Konzept dieser Plattform: Übrig gebliebene Speisen können vor Geschäftsschluss zu einem deutlich geringeren Preis abgeholt werden. Eine Win-Win-Situation – der Kunde spart Geld, der Anbieter verdient noch etwas und gewinnt womöglich neue Kunden, die Umwelt profitiert.

Gegen Lebensmittelverschwendung richten sich nicht nur die „Zero Waste“-Bars, die etwa in London aus dem Boden schießen. Es gibt mittlerweile auch Esslokale, in denen ohne „Food Waste“ gekocht wird. Das weltweit erste war 2014 das „Silo“ in Brighton, das mittlerweile nach East London übersiedelt ist. In Helsinki findet man das „Nolla“, und in Deutschland ist das vegane „Frea“ in Berlin-Mitte ein Beispiel für ein Lokal ohne Mülltonnen. In Kooperation mit gleichgesinnten Lieferanten wird weder Verpackungs- noch Lebensmittelabfall produziert. Herzstück des „Frea“ ist ein Gerät namens „Gersi“: Was an essbarem Abfall anfällt, wird innerhalb von 24 Stunden in dieser hauseigenen Kompostiermaschine zu einem Bodenersatzstoff umgewandelt. Und geht zurück an die Produzenten. Womit sich der Kreis schließt.


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Über Aufreißer und Aufschneider

Man kann es schon länger schmecken. In der Gastronomie werden die Köche reihenweise abserviert. Im einstigen Königreich des Gastes regieren Maschinen und Convenience Food. Besonders betroffen ist die Hotellerie. Sogar die gehobene.

Exklusive Spezialitäten aus der Fertigpackung

Nach jahrzehntelanger Erfahrung in Hotels gibt man es irgendwie auf: Die Chance, wirklich gut zu essen, ist selbst in den besten Häusern oft gering. Da kann man auch gar nicht böse sein. Das liegt in der Natur der Sache. Die besten Restaurants in freier Wildbahn bewirten durchschnittlich zwischen 40 und 50 Personen pro Sitzung. Und in der Küche stehen da mindestens zehn sehr gut ausgebildete Köche. Wie soll das in Hotels für eine Anzahl von bis zu 200 Gästen gelingen? Noch dazu in einer Zeit, in der im Großhandel so viele Halbfertig- und Fertiggerichte erhältlich sind, dass in der Gastronomie die Köche regelrecht abserviert oder neue erst gar nicht aufgenommen werden. Stichwort Fachkräftemangel.

Wobei die Begriffe Halbfertig- und Fertiggerichte jetzt bitte nicht negativ rüberkommen sollen. Sie werden nicht glauben, welch exklusive Angebote von Spezialisten heutzutage schon erstellt werden. Ein Angebot, das wie maßgeschneidert ist für Aufschneider und Aufreißer, die nur auftauen und portionieren müssen. Nehmen wir nur einmal ein Gericht, das zweifellos auf Haubenniveau ist: eine Felice-Gänseleber und Confit vom Duroc-Schwein. Die Anleitung wird vom Produzenten mitgeliefert: Der Felice-Riegel lässt sich je nach Anwendungsbereich als Quader, Würfel oder dreieckiges Tortenstück portionieren. Oder wie wäre es mit einer Roulade vom Hirschkalb mit Cranberry im Spitzkohlmantel? Hier ist der Schwierigkeitsgrad schon etwas gestiegen: Die 200 g schweren Rouladen werden zu 40 Stück tiefgekühlt geliefert, müssen nur noch gewürzt und im vorgeheizten Kombidämpfer für 35 bis 40 Minuten gegart werden. Achten Sie also immer auf Wörter wie „ofenfrisch“ und „hausgemacht“. Diese bedeuten nicht mehr und nicht weniger, als dass Ihr Gericht aus dem Ofen kommt und in einem Haus und nicht im Freien gemacht worden ist.

Delikates aus den Labors der Nahrungsmittelindustrie: Stangeneier, Rührei im Tetrapack, Kartoffelsalat im Großkübel, Texturmasse für die Molekularküche und knapp 30 Tage haltbares Vollei im Kanister.

Jede Menge faule Eier

Auch dem Herausgeber des RELAX Guide, Christian Werner, kamen ähnliche Methoden bereits vor einigen Jahren spanisch vor. Ihm fiel auf, dass in der Hotellerie die Wahrscheinlichkeit, ein einwandfrei produziertes Frühstücksei serviert zu bekommen, immer geringer wird, je luxuriöser der Betrieb ist. Das war – kurz zusammengefasst – das Ergebnis seiner Recherche, die er in seinem Guide veröffentlichte. Nach Veröffentlichung dieses Ergebnisses dürften die Hotelmanager in diesen Häusern so aufgeschreckt gewesen sein wie – entschuldigen Sie bitte den Kalauer – Hühner. Was Werner nämlich am allermeisten gestört hat, ist die offensichtlich absichtlich gestreute Desinformation in manchen dieser Häuser. „Die Herrschaften gehen sogar davon aus, dass ihre Gäste keine Ahnung haben“, sagte er den Salzburger Nachrichten. Wie sonst sei es zu erklären, dass sogar der paradoxe Hinweis „Qualitätseier aus Bodenhaltung“ zu finden war. Was entlarvend ist: Denn in der Luxuskategorie dürfe sich der Gast bei bisweilen astronomischen Frühstückspreisen zumindest Eier aus Freilandhaltung oder im Optimalfall aus der biologischen Landwirtschaft erwarten.

Dass in der Gastrobranche aber noch jede Menge fauler Eier zu finden sind, darüber besteht laut Werner nicht der geringste Zweifel. „Wir haben nur Frühstückseier getestet. Nicht aber die Eier, die vielfach in Hotelküchen eingesetzt werden.“ Dort komme natürlich – auch das ist kein großes Geheimnis – häufig Flüssigei aus Kanistern zum Einsatz. Das werde bei Fertiggerichten, Backwaren oder Nudeln verwendet. Flüssigei hat keine Kennzeichnungspflicht.

Von Tetrapack bis Großkübel

Wer sich im Gastrogroßhandel umsieht, der weiß dann auch, wie das Essen in vielen vornehmen Hotels aussieht. Da finden sich in mit Gasen in Plastiksäcken verpackte geschälte und vorgegarte Erdäpfel, Ardenner Birnenpastete vakuumverpackt, Hummerschwänze in Plastik, aus Eiermasse geformte „Stangeneier“, Kartoffelsalat im Großkübel, fixfertige Preiselbeeren-Leberpâté oder Rührei aus dem Tetrapack. Sollten Sie am Wort „Stangeneier“ hängen geblieben sein: Dabei handelt es sich um zylinderförmig pochierte und neu zusammengebaute Frankenstein-Eier mit einer Länge von 30 Zentimetern. Diese werden in asiatischen und deutschen Betrieben produziert. Der – sagen wir einmal – wenig ambitionierte Koch schätzt laut Erzeuger dieses Produkt wegen seiner „langen Haltbarkeit“ von 30 Tagen, des „natürlichen Eigengeschmacks“, des „hohen Convenience-Grades“, der „gleichmäßigen Form“, der „Ersparnis des Eierschälens“ sowie der „gleichmäßigen Dottergröße“ und „der gleichbleibenden Farbe“. Ich würde dieses seltsame Produkt nicht erwähnen, hätte ich nicht selbst einen Koch in einem Wellnesshotel in seiner Schauküche damit hantieren sehen. Wohlgemerkt: in einer Schauküche. Da vergeht einem zwar der Appetit, aber man hat daheim immerhin etwas zu erzählen.

Wer sich im Gastrogroßhandel umsieht, der weiß dann auch, wie das Essen in vielen vornehmen Hotels aussieht.

Die Inszinierung macht’s!

Da war jetzt allerhand Unappetitliches dabei, nicht wahr? Hier soll aber nicht nur gemosert werden, ein paar Ratschläge erteilen wir auch noch gern. In Hotels kann man sich gegen Essen, dessen Zutaten eigentlich wegen Körperverletzung angezeigt werden müssten, nicht wehren. Aber Wellnesshotels sollten Mindeststandards erfüllen. Da geht es gar nicht um Sterneküche oder Ähnliches. Im Urlaub mögen es die Menschen eh gern unkompliziert. Oft ist auch die Inszenierung wichtiger als das Essen selbst. Soll heißen: Über dem Lagerfeuer gebratene Käsekrainer oder Bratäpfel bereiten meistens mehr Freude als ein Hummerhäppchen beim Galaabend.

Oder ist es unvergesslich, wenn man ein bescheidenes Mahl mit einem besonderen Menschen teilen kann? „Das kommt schon eher hin“, sagt auch Walter Eselböck. Er gilt – obwohl seit Jahren im Ruhestand – noch immer als der große Lebenskünstler unter Österreichs Köchen. Eselböck meint, man müsse bei der Auswahl des Ortes, wo gegessen wird, einfach viel kreativer werden. Mit Luxus hätten die perfekten Orte nur in den seltensten Fällen zu tun. Zu dieser Theorie gibt es auch ein zauberhaftes Beispiel, von dem der Gourmetkritiker Maurice- Edmond Sailland (1872–1956) berichtet. Er veröffentlichte unter seinem Künstlernamen Curnonsky legendäre Gourmetreportagen. Weiters war er Mitbegründer des Mythos, der den „Guide Michelin“ bis heute umweht. Einmal erinnerte er sich daran, wie er Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Maler und in der Begleitung zweier Damen aus der Pariser Varietészene mit der Kutsche an die Küste der Normandie reiste. Sie hatten handverlesenen Proviant dabei, eine Kiste Wein und – einen Kormoran. Diesen Vogel hatte Henri de Toulouse-Lautrec, so hieß der Maler, zum Fischfang abgerichtet. Am Strand wurde mit Porzellan ein Tisch eingedeckt, während der Kormoran lautlos über dem Meer seine Runden zog. Schon ein paar Minuten später habe er Lautrec einen Fisch vor die Füße gelegt. Der Fisch wurde ausgenommen, gesäubert, mit Meeresalgen gewürzt und über offenem Feuer gegrillt. So etwas vergisst man nie.


Zum Autor: Peter S. Gnaiger leitet bei den Salzburger Nachrichten das Ressort Kulinarik, zu seinen Kolumnen zählt die „Teufelsküche“, der er 2019 ein gleichnamiges Buch gewidmet hat. Das Entzaubern gängiger Praktiken mit bissigem Humor und Lügengebäude zum Einsturz zu bringen gelten als Markenzeichen des Autors. Wieser Verlag, ISBN 978-3-99029-369-0

Ei aus dem Kanister? Nein danke! Mit seinen Kolumnen ist Peter S. Gnaiger bei den Salzburger Nachrichten im Ressort Kulinarik bekannt, sein gleichnamiges Buch erschien 2019 (rechts).

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Ehe ohne Sex

Ehe ohne Sex

Jede fünfte Ehe gilt als sexlos. Für Partnerschaften kann das eine enorme Belastung darstellen – besonders wenn das Problem nicht offen angesprochen wird. Es gibt aber durchaus Wege, um wieder Feuer ins Schlafzimmer zu bekommen.

Hinter geschlossenen Schlafzimmerfenstern

Von außen betrachtet war Alice’ Leben perfekt: Mit Anfang 40 hatte sie Karriere gemacht, herzige Kinder geboren, viele nette Freunde gewonnen und einen charmanten Mann geheiratet. Diese Fassade bröckelte allerdings, als sie eines Tages von ihrer Freundin Maureen McGrath, einer führenden Sexualexpertin Kanadas, nach einem Frauenabend nach Hause gefahren wurde. „Als wir uns ihrem Haus näherten, sah sie zu ihrem Schlafzimmerfenster und bemerkte, dass das Licht im Schlafzimmer noch an war. Sie sagte dann: ‚Oh nein, mein Mann wartet auf mich. Tu mir einen Gefallen, fahr ein paar Mal um den Block, bis das Licht ausgeht‘“, erzählte McGrath bei einer berühmt gewordenen Rede bei einer Ted-Konferenz. Bei den folgenden Extrarunden enthüllte die Freundin ihr Geheimnis. „Wir hatten seit einem Monat keinen Sex mehr, eigentlich war es vergangenes Jahr das letzte Mal“, gestand sie. Und sie wollte, dass das auch so bleibt. Diese Frau ist mit ihrem Schicksal alles andere als alleine. Das Phänomen „sexlose Ehe“ ist hinter den geschlossenen Schlafzimmerfenstern verbreiteter, als viele zugeben. Die Wissenschaft spricht von einer sexlosen Beziehung, wenn ein Paar weniger als zehn Mal im Jahr Sex hat. Und dies betrifft, wie gleich mehrere Umfragen – die größte davon durch die Universität Chicago in den USA – ergaben, etwa jedes fünfte. Rund zwei Prozent werden überhaupt nicht mehr intim.

Dass Paare – auch über längeren Zeitraum hinweg – keinen Sex haben, ist eigentlich normal, solange die körperliche Liebe wieder zurückkehrt. Jungeltern etwa, die trotz frisch geborenem Nachwuchs noch regelmäßig miteinander schlafen, sind wohl eher die Ausnahme als die Regel. Aber auch Stress oder Krankheit können zeitweise jede Lust rauben. Außerdem kann eine Beziehung theoretisch auch ohne Sex funktionieren, wenn beide Beteiligten dies wirklich wünschen. Das ist Sexualtherapeuten zufolge aber so gut wie nie der Fall. Meist ist ein Partner mit dem Intimleben unzufrieden und wendet sich ab. „Häufig haben Partner unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Häufigkeit sexueller Kontakte. Und natürlich gibt es kein Richtig oder Falsch. Problematisch wird es erst, wenn Sexualpartner ganz verschiedene Bedürfnisse haben und diese Bedürfnisse nicht thematisiert werden können“, so die Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum. Während ein Partner sich zurückgewiesen fühlt, fühlt sich der andere bedrängt. Und daraus entsteht meist eine äußerst problematische Dynamik.

Lebenslüge Monogamie?

Eine harmonische monogame Beziehung gilt – besonders in der westlichen Welt – als Ideal schlechthin. Bei einer repräsentativen GfK-Umfrage betonten etwa zwei Drittel, dass Treue ein zentrales Element ihrer Beziehung ist. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Egal in welcher Epoche oder in welchem noch so rigiden politischen System, die Menschen sind immer fremdgegangen und werden es wohl auch künftig tun. Kann die Flaute, die sich in vielen Ehebetten breit macht, also vielleicht nicht auch daran liegen, dass wir in Beziehungsmustern leben, für die wir einfach nicht geschaffen sind?

In der Natur ist Monogamie jedenfalls eine absolute Ausnahme, die meistens nur durch das Fehlen von geeigneten Sexpartnern erklärt werden kann. Inzwischen weiß man auch, dass sogar der Schwan, der lange Zeit das Sinnbild für Treue schlechthin war, in Wahrheit kein Kostverächter ist. Ganz besonders gilt dies auch für unsere nächsten Verwandten im Tierreich: die Menschenaffen, deren DNA zu 98 Prozent mit unserer übereinstimmt. Neue Forschungsergebnisse gehen davon aus, dass wir innerhalb dieser Gattung die größte Ähnlichkeit mit den Bonobo-Äffchen haben – und es gibt kaum eine Spezies, die es wilder treibt. Allerdings ist Sex hier mehr als bloßer Lustgewinn, er ist der Kitt des sozialen Lebens. Die Bonobos regeln ihre Konflikte durchwegs gewaltfrei und haben dafür täglich durchschnittlich alle 90 Minuten Sex in allen erdenklichen Variationen. Auch beim Menschen ist die Monogamie keineswegs gottgegeben, sondern entstand erst mit der Ausbreitung des Ackerbaus vor etwa 10.000 Jahren. Davor zogen wir Millionen von Jahren als Jäger und Sammler in Stämmen von 120 bis 150 Personen durch die Wildnis, die nach derzeitigem Wissensstand ihre Beute ebenso freigiebig teilten wie ihre Sexualpartner.

Ehe ohne Sex

Brüderchen und Schwesterchen

Auch wenn wir es bewusst nicht wahrnehmen, unsere gegenwärtigen Beziehungen werden von diesem inneren Jäger und Sammler noch immer entscheidend beeinflusst. Und seine archaische Programmierung widerspricht leider dem moralischen Anspruch diametral, unser Leben mit einem einzigen Partner zu teilen, bis dass der Tod uns scheidet. Vielmehr durchlaufen wir immer wieder ein uraltes Muster, mit dem die Natur dafür sorgt, dass Nachwuchs gezeugt und beschützt wird. Die „rosarote Brille“, mit der wir am Anfang einer neuen Beziehung lächelnd durch die Welt laufen, ist etwa einem Mix von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin nebst Testosteron und Östrogen geschuldet. Da bei Frauen nicht klar erkennbar ist, wann sie gerade ihre fruchtbaren Tage haben, sorgt die Natur mit diesen Botenstoffen dafür, dass das Paar die Finger nicht voneinander lassen kann, um so den richtigen Zeitpunkt für die Zeugung von Nachkommen zu erwischen. Nach etwa einem Jahr geht Mutter Natur davon aus, dass die Zeugungsphase erfolgreich war. Nun lässt sie das Gehirn ruhige Kuschelhormone wie Oxytocin und Vasopressin produzieren, die dafür sorgen, dass das Paar eine tiefe Verbundenheit verspürt. Diese soll verhindern, dass der Mann die ungeschützte Frau samt Kind umgehend sitzen lässt, um gleich wieder Jagd auf neue Eroberungen zu machen. Nach vier Jahren ist aber auch damit Schluss: Für die Natur ist der Nachwuchs nun überlebensfähig, das Paar hat seine Schuldigkeit getan. Aus evolutionsbiologischer Perspektive hat ein Zusammenbleiben der Eltern keinerlei Sinn mehr. Es wäre nun eigentlich Zeit, sich einen neuen Partner zu suchen, um eine möglichst große genetische Vielfalt zu erreichen. Tatsächlich beginnen in langen Beziehungen hier auch die Probleme: Aus dem ehemaligen Sexrausch werden Routinenummern eines eingespielten Teams. Die wohl oft ziemlich langweilig sind – so checkt laut einer Umfrage des Mobilfunkunternehmens SureCall jeder Zehnte während des Akts sein Handy. Viele Paare schalten nun in einen „Brüderchen und Schwesterchen“-Modus, wo es zwar eine tiefe Verbundenheit, aber keine sexuelle Anziehung mehr gibt. Es schlägt die Stunde der Beziehungsratgeber und Paartherapeuten.

Fuck-Dates

Wir stecken mit unseren Beziehungen also in einem großen Dilemma: Unsere Wertvorstellungen lassen uns nach dem Ideal der Monogamie streben, während unsere Biologie auf Hallodri getrimmt ist. Oder wie der berühmte Psychoanalytiker Erich Fromm in dem Buch „Die Kunst des Liebens“ schrieb: „Es gibt kaum ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Erwartungen begonnen wurde und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt, wie die Liebe.“ Allerdings – und das ist wohl der entscheidende Punkt – muss sich der Mensch in seinen Beziehungen nicht der Biologie unterwerfen, sondern kann sich bewusst gegen sie entscheiden. Wir können wählen, mit einer geliebten Person zusammenzubleiben, wohlwissend, dass unser Sexleben nie wieder so feurig sein wird wie am Anfang.

Es muss aber auch nicht vollkommen einschlafen. Ein erster Schritt, um zur Intimität zurückzufinden, wäre einmal, sich von der Vorstellung zu verabschieden, Sex könne nur dann stattfinden, wenn beide Partner Lust darauf haben. Stattdessen sollten regelmäßige „Fuck-Dates“ genauso eingeplant werden wie Besuche im Fitnessstudio. „Das Warten auf den perfekten Zeitpunkt, an dem die Lust zwei Menschen übermannt, ist nichts anderes als eine heimliche Vermeidungsstrategie. Sobald Sie sich das eingestanden haben, eröffnen sich jede Menge neuer Möglichkeiten für ein erfülltes Sexualleben“, so die Paarpsychologin Felicitas Heyne. Wobei man sich tunlichst von einer Vorstellung über perfekten Sex verabschieden sollte, da dieser ein weltfremdes Konstrukt von Pornografie, Werbung und Ratgebern ist. „Wichtig ist, Sex wieder als etwas Spielerisches, Vergnügliches zu betrachten: Ziehen Sie Lose, die darüber entscheiden, wer heute Abend wem zu Diensten ist oder welche Praktik Sie heute einmal ausprobieren wollen. Besuchen Sie gemeinsam eine Burlesque-Show oder experimentieren Sie mit wechselnden Sexspielzeugen. Und streichen Sie die Gleichung Sex ist gleich Geschlechtsverkehr ein für alle Mal aus Ihrem Kopf – Sie haben doch so viel mehr Möglichkeiten, Spaß mit- und aneinander zu haben“, so Heyne.

Von einer Variante, das Sexleben aufzupeppen, raten Sexualtherapeuten unisono ab – und zwar, eine weitere Person hinzuzunehmen. „Wenn wirklich beide einverstanden sind, dann kann man sich in einer Beziehung auf alles einigen. Aber auch da ist es so, dass der Wunsch meist mehr von einem ausgeht und der andere zwangsläufig mitmacht, weil er Angst hat, den Partner sonst ganz zu verlieren – und es sozusagen zähneknirschend aushält. Ich habe wenige Erfahrungen gemacht, dass das wirklich funktioniert“, sagte die Sexualtherapeutin Alexandra Hartmann etwa dem „Focus“. Dann gibt es natürlich eine weitere Variante: Ein Paar, das sich über Jahre hinweg innig liebt, kann tatsächlich eines Tages beschließen, keinen Sex mehr zu haben und dennoch das Leben weiter zu teilen. Und vielleicht kehrt ohne Druck die Lust auch von selbst wieder zurück.


Zum Weiterlesen: Christopher Ryan, Cacilda Jethá: „Sex: Die wahre Geschichte“, Klett-Cotta Verlag; Daniel Bergner: „Die versteckte Lust der Frauen: Ein Forschungsbericht“, Albrecht Knaus Verlag; Felicitas Heyne: „Fremdenverkehr: Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben“, Goldmann Verlag

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Schlammschlachten im Namen der Liebe

Schlammschlachten

Nicht in allem, wo Wellness draufsteht, steckt tatsächlich Entspannung drin. Und so gerät ein gemeinsames Relax-Wochenende mitunter zum heiklen Parcours zwischen Stutenmilchbad, Saunatemperatur und Sole-Anwendungen.

Sie.

An sehr guten Tagen gibt sich der Mann an meiner Seite romantisch, dann sagt er Sätze wie: „Nichts schmeichelt einem Mann so sehr wie das Glück seiner Frau.“ Dazu gibt es manchmal Blumen – oder, zu besonderen Anlässen, ein W-Wo. Was das ist? Nun, mit dieser Abkürzung wird im Hause Kuhn/Hufnagl der Begriff „Wellness-Wochenende“ so entschärft, dass am Ende jeder daraus machen kann, was er sich persönlich darunter vorstellt. Weil er „ganz sicher nie mehr irgendwas macht, wo Wellness draufsteht“.

Zugegeben, er ist da etwas traumatisiert. Seit damals, als wir im Rahmen von drei Paar-Wellness-Tagen dazu angeleitet wurden, uns gegenseitig in einer engen, dampfigen Kabine mit farbigem Gatsch die Chakren (oder so) einzuschmieren. Irgendwann saßen wir da und starrten einander an – er mein orangefarbenes Dekolleté und die beigegrünen Oberschenkel, ich seinen goldigen Nabel und die roten Tupfen rund um die Augen, in denen ein einziger Hilferuf abzulesen war: Hol mich hier raus! Die für den nächsten Tag geplante „Vegane Schoko-Massage“ für zwei sagten wir ebenso ab wie das Stutenmilchbad-Tête-à-Tête an Klangschalensymphonie. Seit damals muss ich sehr behutsam mit dem Thema „Erholung“ umgehen, zumal sich unsere Vorstellungen, wie diese auszusehen hat, sowieso grundlegend unterscheiden.

Zwei unterschiedliche Welten

Entspannungsurlaub lässt sich aus seiner Sicht vor allem an folgenden drei Dingen festmachen: Viel und gut essen. Fein trinken. Sowie den ganzen Tag auf einem Golfplatz darüber sinnieren, wie man die Flugbahn des Balls optimieren könnte. Eine mathematische Parabel, übrigens, die wenig Kommunikation mit der Ehefrau zulässt, die ihn dann mit überflüssigen Bemerkungen wie, Herrliche Luft, stimmt’s? aus der Fassung bringt. Dazu kommt: Das Wasser, in dem er zu planschen gedenkt, darf auf keinen Fall warm sein, weil: „Wäh!“ Hingegen sollte die Sauna, in der er Entspannung sucht, so heiß sein, dass man auf seinem Popsch Spiegeleier braten könnte. Sehr viel Öl bei der Massage? Geht gar nicht, das würde ihn an das Mayonnaisesalat-Trauma seiner Kindheit erinnern, besser, man fragt nicht. Auch der Idee eines Fastenwochenendes kann er wenig abgewinnen: „Bitte, warum soll ich Geld für nichts ausgeben und einen Abend lang in drei Erbsen herumstochern?“ Also fühlt er sich belästigt, wenn ich ihm mit warmem Getreidebrei und dampfendem Kräutertee gegenübersitze, während er sich bereits das zweite Omelett, „aber bitte mit doppelt Käse und dreifach Speck“ bestellt, zum Erstaunen des Personals.

Und dennoch wagen wir alle Jahre wieder den Versuch, in getrennten Welten gemeinsame Tage zu verbringen. Während er über den Rasen rast, kleinen, weißen Bällen beim Fliegen zuschaut, liege ich im wohltemperierten Wasser, transpiriere in einer mäßig warmen Sauna, bade in Öl und freue mich beim mittäglichen Stochern in Erbsen auf das abendliche Viergangmenü mit ihm. Wo wir einander zuprosten (ich mit Karottensaft, er mit kräftigem Veltliner) und darüber plaudern, was wir tagsüber erlebt haben. Ja, das Leben ist, was man daraus macht – das gilt auch für wunderbar gemeinsame W-Wos.

Er.

„Ich bin doch nicht deppert“, habe ich gesagt. „Sei nicht so fad, das ist vielleicht lustig“, hat sie gesagt. Darauf ich: „Wellness mit Motto? Mit mir fix nicht.“ Darauf sie: „Aber du bist bei Erotikthemen doch sonst nicht so ablehnend.“ An diesen Dialog musste ich später denken, als meine Frau und ich Hand in Hand auf einer Scheibe lagen. Nackt. Und sich plötzlich aus Deckendüsen ein Schlammregen über uns ergoss. Dann begann sich die Scheibe langsam zu drehen, stellte sich einmal links auf, einmal rechts auf, einmal oben, einmal unten, wieder links, rechts, oben, unten. Mit dem Effekt, dass sich die Liebste und ich fühlten wie in einer Pfanne geschwenkte Schlammkoteletts. Die vermeintlich innovative Idee: Wir sollten einander unter kaum kontrollierbaren Umständen wahrnehmen, berühren und zu fassen versuchen. In Wahrheit rutschten und kugelten wir hilflos wie betäubte Seelöwen umher und hielten unsere glitschigen Körper nur deshalb fest, um nicht von der Scheibe zu plumpsen. Erotik also. Oder doch eher ein Erlebnis so sinnlich wie Schüttelfrost am Bärenfell vor dem Kaminfeuer. Das einzig Prickelnde dieses Miteinanders war das Bier danach, verbunden mit dem Kuhn’schen Eingeständnis, dass wir dem Ungeheuer von Wellness ins Auge geblickt haben. Da wussten wir allerdings nicht, was dem Schlamassel noch alles im Namen der Paar-Belebung folgen sollte.

Gemeinsam getrennte Wege gehen

Das Konzept „Wälze dich in den zweiten Ehefrühling“ hat sich jedenfalls nicht durchgesetzt, weil sich das Spa-Rad eben nicht neu erfinden lässt und die Erde auch in Wohlfühloasen keine Scheibe ist. Daher bleibt mein Credo: Für mich bitte eine Runde Golf, eine Sauna, eine Nackenmassage, ein Schnitzerl und ein Achterl Veltliner – schon bin ich glücklich. Ein Gefühl, das allerdings stark beeinträchtigt wird, wenn gnä Kuhn mit einem sonderbar verklärten Blick von der gefühlt siebenstündigen Lomi-Lomi-Nui-Behandlung zurückkehrt und aussieht, als hätte sie am Grund einer Ölwanne nach dem Sinn des Lebens gesucht. Und das mir, der schon aus der seelisch-geistigen Balance kippt, wenn vom Frühstückssemmerl ein Honigtropfen auf dem Finger landet. Sie jedoch verbucht ihr lominöses Dasein nach dem Motto „Glanz oder gar nicht“ ernsthaft als Genuss. Wie das Liegen im überheizten Sprudelbecken, das Sitzen im unterheizten Dampfbad und das Herumstehen im Yogastudio (oder was auch immer sie dort tut). Und sie hat komischerweise auch nichts dagegen, sich mit zig anderen Bademantelmenschen und Schwitzfiguren in Ruheräumen zu versammeln, um dort bei einer geschätzten Raumtemperatur von 45 Grad zu dösen, angeblich entspannt. Während in mir an so einem Ort lediglich das Verlangen wächst, die Produzenten von Wellnesstempelmusik einen ganzen Tag lang einzusperren, wo sie ihren eigenen Klavier-Harfe-Panflöte-Arrangements lauschen müssen – bis sie verzweifelt nach Bäumen rufen, die sie in ihrem Wahnsinn am liebsten fällen wollen, statt sie zu umarmen. Aber was tut ein Mann nicht alles für die Liebe? Und so werden wir sicher schon bald wieder durch ein Relax-Refugium spazieren, um dort gemeinsam getrennte Wege zu gehen. Ganz ohne Schlammschlacht.


Zu den Autoren: Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl sind tatsächlich verheiratet – und schreiben jeden Sonntag die SIE/ER-Kolumne „Paaradox“ in der Tageszeitung KURIER. Daraus entwickelten sie im Jahr 2014 ein Lese-Kabarett. Das aktuelle Programm „Schatzi, geht’s noch?“ ist – sofern es die Lage erlaubt – im Wiener Rabenhof Theater zu sehen.

Schlammschlachten

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Rundum nachhaltig

Schindelbruch Naturresort ****s

Klimaneutral und nachhaltig – dieser Strategie hat sich ein ganz besonderes Naturresort im Harz voll und ganz verschrieben. Ein bald noch großzügigeres Spa und der angrenzende Wald sind ein Garant für genügend Freiraum und Entschleunigung.

Verbunden mit der Natur

Den schönsten Platz im Hotel zu definieren ist nicht einfach. Der Eigentümer und Geschäftsführer des Naturresort Schindelbruch, Dr. Clemens Ritter von Kempski, erklärt dies so: „Für mich ist es die Möglichkeit, aus jeder Tür hinaus- und sofort in die Natur der wunderbaren Mischwälder des Südharz eintreten zu können. Es gibt endlos viele Plätze zum Atmen, Riechen, Sehen, Reden oder auch Schweigen. Vollgetankt geht es von dort wieder zurück, um einen Sundowner an der Bar und das Hotel mit allen Vorzügen zu genießen.“ Und Vorzüge gibt es zur Genüge in dem Viersterne-superior-Resort mit 98 Zimmern und Suiten, drei Restaurants auf hohem Niveau, einem Tagungsbereich und einem 2.500 Quadratmeter großen Wellnessbereich.

Schindelbruch Naturresort ****sIm lichtdurchfluteten Wintergarten sitzt man so elegant wie behaglich mit Blick in die Natur.

Nachhaltigkeit ist keine Modeerscheinung

Die Natur wird aber nicht als selbstverständlich hingenommen, und daher ist das Thema Nachhaltigkeit für den Chef des Resorts im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt keine Modeerscheinung. Bereits vor 12 Jahren wurde ein strategisches Zukunftskonzept entwickelt, um das Hotel in allen Bereichen auf Klimaneutralität umzustellen: Das beinhaltet die Reduktion von CO2-Emissionen, die Verbesserung der Energie- und Umweltbilanz durch regenerative Energien und Kompensation der Rest-Emissionen durch Investitionen in Klimaschutzprojekte. Dazu gehören etwa eine Photovoltaikanlage für das Hotel, Ökostrom aus Wasserkraft, Erdwärme, Wärmerückgewinnung, eigene Wasseraufbereitung, 100 Prozent Recyclingpapier, eigene E-Tankstellen und vieles mehr. „Wir haben über die Zeit schon viel verbessert, aber es ist immer noch Work in Progress“, kommentiert von Kempski seine Ambitionen. Wichtig dabei: Nachhaltigkeit bedeutet für das Team keinen Verzicht, sondern den bewussten Umgang mit den Ressourcen – und der wird auch von den Gästen immer mehr geschätzt.

Schindelbruch Naturresort ****sDie Küche verarbeitet regionale, saisonale und biologische Zutaten zu köstlichen Gerichten.

Neues im Schindelbruch

Auch in den kommenden Jahren sollen Nachhaltigkeit, Sicherheit und Exklusivität die Schwerpunkte des Resorts, das vom RELAX Guide mit drei Lilien bedacht wurde, sein. Die Entwicklungen im Jahr 2020 machten aber unerwartete Änderungen notwendig. So wurden die 40 geplanten Zimmer und Suiten im neuen Gästehaus (Eröffnung April 2021) kurzerhand auf 26, darunter vier Spa-Suiten, reduziert. Die Zimmer sind nun nicht nur größer, sondern haben auch jeweils einen eigenen geschützten Außeneingang, Terrasse oder Balkon. Viel Platz und Privatatmosphäre ist für die Gäste somit gesichert. Die Alleinlage im Wald und die ungewöhnlich großen Fenster und Terrassentüren gewährleisten außerdem viel natürliches Licht. Bewusst hat man sich für regionale Bauunternehmer und Einrichter entschieden, die ebenso nachhaltige Konzepte verfolgen. Viel Holz und Erdtöne unterstreichen die natürliche Ausrichtung. Neue Entscheidungen sind im Kulinarikbereich gefallen: Die sehr gute Küche der Restaurants ist weiterhin regional, saisonal und biologisch, eines davon wird künftig als exklusives Gourmetrestaurant positioniert und in führenden Restaurant-Guides gelistet. Veränderungen auch im Spa: Der Fitnessbereich wird vergrößert und ab Sommer vor allem Familien mit Kindern noch mehr Freiraum mit neuen Liegeflächen im Wintergarten bieten. Ein komplett neuer Saunabereich ist noch in Planung, wobei sich die Gäste dann nicht nur auf neue Anwendungsräume, sondern auch auf ein neues Spa-Bistro, das mit der Hauptküche verbunden wird, freuen dürfen. „Die Gäste können dann ganztägig im Bademantel unsere Kulinarik genießen“, erzählt von Kempski mit einem Schmunzeln.

Schindelbruch Naturresort ****sMit einem detaillierten Konzept wird das Naturresort Schindelbruch auf Klimaneutralität umgestellt, die Gäste bekommen von diesem „Work in Progress“ wenig mit, schätzen aber den bewussten Umgang mit Ressourcen.

Regionalität auch im Spa

Für die Zufriedenheit der Gäste im Wellnessbereich ist Spa-Managerin Christel Reininghaus verantwortlich. „Wir haben hier so viele Möglichkeiten, was Anwendungen, Bewegung, Schönheit und Wohlbefinden betrifft. Alles spielt zusammen.“ Demnächst wird es noch mehr Anwendungsräume mit viel Tageslicht und Frischluft sowie Fenster und Türen in Richtung Park geben. Die Ruheräume, ob mit Wasserbetten, Schaukelliegen oder gemütlichen Sesseln, ermöglichen Ausblicke auf den Wald. „Das ist zu jeder Jahreszeit schön, auch im Winter, wenn die Bäume kahl sind. Man hat das Gefühl, mitten in der Natur zu sein.“ Großen Wert legt Reininghaus auch auf bestens geschulte Mitarbeiter und eine klare Linie bei den Produkten für die Anwendungen. „Wir verwenden für die Region typische, jedoch moderne, an die Bedürfnisse der Zeit angepasste Produkte.“ Für sie ist wichtig, Nachhaltigkeit in allem zu bewahren, und das bedeutet für sie auch, dass die Gäste „glücklich und gesund“ durch die nächsten Jahre kommen.

Schindelbruch Naturresort ****sDer Wellnessbereich bietet ab Sommer mit neuen Liegeflächen noch mehr Freiraum für Familien mit Kindern, ein neuer Saunabereich ist bereits in Planung.


Den kritischen Kommentar zu diesem Wellnesshotel in Sachsen-Anhalt lesen Sie hier: RELAX Guide – Schindelbruch Naturresort ****s

Weitere Informationen: Schindelbruch Naturresort ****s

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Und Ruhe!

Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****s

Nehmen wir an, Sie suchen das beste Wellnesshotel Deutschlands: ein Schloss, das ein Milliardär einem Fürsten abgekauft hat; ein Refugium, das Mick Jagger und Anna Netrebko gewählt haben; ein Hotel, das elfmal mit vier Lilien bewertet wurde.

Ein Schlosshotel mitten im Grünen

Es gibt Hotels, wo man bereits bei der Anfahrt ahnt: Es wird alles gut. Das Wald und Schlosshotel Friedrichsruhe, im Hohenloher Land gelegen, der deutschen Toskana, wie manche sagen, ist so eines. Schon das bisschen Grün, das man durchfährt, bis man zum Hauptgebäude kommt, beeindruckt: 44.000 Quadratmeter Park und Wald mit bis zu 300 Jahre alten Bäumen, sorgfältig von vier Gärtnern gepflegt. Das Fünfsterne-superior-Hotel besteht aus fünf Gebäuden, das älteste ist das 1712 errichtete Jagdschloss. Einen Moment lang fühlt man sich wie ein Fürst. Das Gefühl trügt nicht. Tatsächlich gehörte das Jagdschloss samt Nebengebäuden bis 2005 dem Fürsten zu Hohenlohe-Oehringen. Dann kaufte es ein schwäbischer Selfmade-Milliardär, dessen Aufsteigergeschichte aus einem Roman von Thomas Mann stammen könnte. Reinhold Würth übernahm in den 50er Jahren als 23-Jähriger die von seinen Eltern gegründete Schraubenhandlung und machte daraus einen Konzern mit heute 77.000 Beschäftigten, der zum Weltmarktführer wurde. Würth, dessen Vermögen auf über sieben Milliarden Euro geschätzt wird, sammelte im Laufe seines Lebens auch mehr als 15.000 Kunstwerke, darunter die zweitteuerste Madonna der Welt, ein Gemälde von Hans Holbein um 50 Millionen Euro. Der Schraubenkönig aus Künzelsau leistete sich zudem ein paar Hotels in seiner Heimat Baden-Württemberg, darunter eben auch das schöne Schlossensemble Friedrichsruhe. Wir erzählen diese Geschichte, weil sie vielleicht erklärt, warum Geld in diesem feinen Grandhotel offenbar nicht so eine Rolle spielte und immer alles besser ist, als man denkt. Gleich nebenan gibt es zum Beispiel einen Golfplatz. Hotels mit 18-Loch-Golfplätzen findet man viele, diese großzügige Anlage aber hat gleich 27 Löcher und ist Mitglied der Leading Golfclubs Germany.

Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****s

Spa und Golfplatz im Fünfsterne-Schlosshotel Friedrichsruhe: Klasse statt Masse. 4.400 Quadratmeter Luxus-Spa für nur 66 Zimmer und für ambitionierte Golfer 27 statt wie üblich nur 18 Löcher.

Großzügigkeit und Authentizität

Fine Dining gibt es auch in anderen Hotels, aber ein Gourmetrestaurant – hier unter Leitung des jungen Spitzenkochs Boris Rommel – mit gleich zwei Michelin-Sternen haben nur wenige. Mit schönen Spas warten auch andere Häuser auf, vielleicht sogar mit größeren, modischeren, aber in Friedrichsruhe stehen 4.400 Quadratmeter Spa-Fläche nur 66 Zimmern gegenüber. Viel Platz für jeden Gast. Und der Außenpool ist auch im strengsten Winter beheizt. Da wird bei der Konkurrenz die Luft schon dünn. Die Freundlichkeit des Personals, das perfekte Service, die Liebe zum Detail merkt man in Friedrichsruhe schnell, aber manches fällt nur den Anspruchsvollen auf. Zum Beispiel die hochwertigen Vollholzmöbel in den Zimmern oder dass aus den Wasserleitungen kein Chlorwasser rinnt, sondern frisches Quellwasser aus drei eigenen Brunnen. „Wir verstehen Wellness als Wohlfühlen in allen Bereichen“, sagt Jürgen Wegmann, der seit 2015 Friedrichsruhe führt. „Unsere größte Stärke ist Großzügigkeit und Authentizität. Eine aufgesetzte Freundlichkeit zum Beispiel würden unsere Gäste sofort erkennen.“

Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****sIm Schlosshotel Friedrichsruhe versteht man Wellness als Wohlfühlen in allen Bereichen. Auf 4.400 Quadratmeter steht eine herrliche Spa-Fläche für alle Ruhesuchenden zur Verfügung.

Da ist für jeden was dabei!

Wegmann ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs, im Dezember 2020, wie ein Fürst in einem herrlichen Schloss mit viel Personal, aber ohne Gäste. Die Corona-Lockdowns werden genützt, um einen Teil der Zimmer zu modernisieren und die Technik auf den neuesten Stand zu bringen. Den Gästen stehen übrigens acht Zimmerkategorien zwischen 28 und 185 Quadratmetern in fünf Gebäuden zur Verfügung. Romantikern empfehlen wir das Jagdschloss mit langen, alten Gängen und edlen Antiquitäten. Laura-Ashley-Fans bevorzugen das Torhaus oder das elegant-moderne Spa-Haus. Die meisten Gäste – 75 Prozent kommen privat, 25 Prozent sind Business-Leute – bevorzugen das Haupthaus, wo man auch die Präsidentensuite (185 Quadratmeter, 1.400 Euro/ Nacht) buchen kann. Unsere Lieblingssuite ist übrigens die mit der Nummer 212: deutlich kleiner (60 Quadratmeter), aber mit Terrasse und herrlichem Blick auf den Schlosspark. Bleibt noch die Frage zu klären, wo und was man am Abend dinieren sollte. Ein Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren in der einfacheren Jägerstube, ein Cordon bleu vom Bauernkalb in der urigen, mit Geweihen geschmückten Waldschenke oder ein fünfgängiges Menü im Sternerestaurant „Le Cerf“ für 164 Euro mit Königskrabbe, Gänseleber, Rochenflügel und so weiter. Ach, immer diese Entscheidungen im Leben.

Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****sFriedrichsruhe ist ein deutscher Klassiker. Die Einrichtung ist hochwertig, aber nichts für Menschen, die Design-Experimente suchen. Links: Das Feinschmecker-Lokal „Le Cerf“ unter Sternekoch Boris Rommel verwöhnt auf allerhöchstem Niveau. Im diskreten Chef’s Table Room saßen schon viele Vorstände deutscher Top-Unternehmen.


Den kritischen Kommentar zu diesem Wellnesshotel in der Baden-Württemberg lesen Sie hier: RELAX Guide – Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****s

Weitere Informationen: Friedrichsruhe Wald & Schlosshotel *****s

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