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Ayurvedakuren in Europa

Immer mehr Menschen fragen ganzheitliche Entgiftungs- und Entschlackungskuren nach – ein Feld, das bislang mit den Lehren des „Wasserpfarrers“ Sebastian Kneipp, mit Heilfasten und Mayrkuren abgedeckt wurde. Doch Ayurveda erfreut sich steigender Beliebtheit, liegt im Trend: Das „Wissen vom Leben“ ist mehr als 5.000 Jahre alt und gleichzeitig die älteste überlieferte Heilkunde der Menschheit.

Während sie im Stammland Indien trotz Unterdrückung durch die britischen Kolonialherren noch heute in zahlreichen Spitälern höchst erfolgreich zur Therapie von akuten wie chronischen Erkrankungen und zur Rehabilitation eingesetzt wird, war sie in Europa bis vor etwa 20 Jahren praktisch unbekannt. Erst der Boom der Wellnesshotellerie hat das geändert. Heute wird Ayurveda bereits in 210 von insgesamt 989 österreichischen sowie in 490 von insgesamt 1.327 deutschen Hotels verkauft, in den allermeisten Fällen hat dies mit echtem Ayurveda aber gar nichts zu tun. Zum einen, weil Ölmassagen nur ein winziger Teilbereich von Ayurveda sind, zum anderen, weil es sich dabei häufig nur um mehr oder weniger stümperhaft durchgeführte „Ölstreicheleien“ handelt, die zu allem Überfluss nicht selten mit billigen oder sogar völlig ungeeigneten Ölen durchgeführt werden. Im besten Fall erhält man davon einen gewissen verwöhnenden Effekt, physiologisch wirksam sind derartige Anwendungen natürlich nicht. Wie ähnlich gelagerte Fälle aus dem Nicht-Ayurveda-Bereich, zählen sie zu den Nonsense-Treatments, über die Sie im RELAX Guide öfters lesen.

Ayurveda boomt

Vielleicht erinnern Sie sich: Unser Interesse am Thema führte uns vor drei Jahren nach Indien, für das Extra im RELAX Guide 2007 besuchten wir damals alle einschlägigen Hotels auf dem Subkontinent. In der Zwischenzeit ist es nun nicht mehr nötig, die zumeist erheblichen Strapazen – und Kosten – einer Fernreise auf sich zu nehmen, um eine Ayurvedakur zu machen. Denn auch in Europa gibt es mittlerweile zahlreiche Ayurvedazentren, deren Leistungen jenen von Indien um nichts nachstehen. Im Gegenteil: Im Allgemeinen, so lautet das Ergebnis unserer Recherchen, wird in Europa mit mehr Seriosität gearbeitet, wenngleich auch einheitliche Standards fehlen und daher so mancher „Hausbrauch“ zu Recht irritieren kann.

Alle 21 Ayurvedakurhotels im Test

Nach wochenlangen Recherchen fanden wir jedenfalls rund fünf Dutzend Zentren, von denen die Mehrzahl allerdings nur ambulant behandelt, also keine Unterbringungsmöglichkeiten bieten kann. Dagegen umfassten unsere Auswahlkriterien erstens stationär buchbare Leistungen, zweitens ein möglichst ganzjähriges Angebot sowie drittens die Durchführung von sogenanntem Panchakarma, das sind medizinische Entgiftungskuren mit ausleitenden Therapien.

Nach diesen Einschränkungen sind 21 Häuser verblieben, die wir alle in den vergangenen acht Monaten besucht haben. Gleich vorweg: Nicht immer ist uns die Bewertung leicht gefallen, manchmal hatten wir das Gefühl, sprichwörtlich Äpfel und Birnen miteinander zu vergleichen, zu unterschiedlich waren die einzelnen Teilbereiche. Virtuosen diagnostischen oder therapeutischen Leistungen standen beispielsweise höchst spartanische Ausstattungen gegenüber, andererseits war ein luxuriöses Ambiente oder ein saftiger Preis noch lange kein Garant für eine ausgezeichnete Küche oder für die Verwendung hochwertiger Öle. Zu den Bewertungskritierien zählten jedenfalls Lage und Umgebung, Ambiente und Sauberkeit, Qualität des Yoga-Angebots, diagnostische und therapeutische Kompetenz, Qualität der verwendeten Öle, Geschmack und (ayurvedische) Qualität der Diätküche sowie das Preis-Leistungs-Verhältnis. Abhängig von Lebensstil und persönlichen Vorlieben kann man einzelne Leistungen natürlich unterschiedlich gewichten; wir haben uns jedenfalls bemüht, an alle Häuser den gleichen Maßstab anzulegen – einen, der den Ansprüchen der Mehrheit unserer Leser am ehesten entspricht. Und, weil diese Kuren nicht gerade billig sind, so viel wie möglich zu beschreiben, damit Sie zusätzlich zu unserer Lilien-Bewertung eine möglichst klare Entscheidungsgrundlage erhalten.

Ältestes Medizinsystem

Hinter dem Trendbegriff Ayurveda verbirgt sich ein unglaublich vielfältig gestaltetes System – eine Kombination aus Erfahrungslehre und Philosophie, die praktisch alle Lebensbereiche abdeckt und beispielsweise selbst Kunst und Architektur einschließt. Dazu gehört auch ein vollständiges medizinisches System, das von Chirurgie über Gynäkologie und Augenheilkunde bis hin zu HNO und Psychiatrie alles kennt, was auch in der modernen Zivilisationsgesellschaft zur Medizin gehört. Allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass es auch vorbeugend wirkt. Zentrale Elemente sind Reinigungs- bzw. Ausleitungstechniken, eine überaus fundierte Ernährungslehre, eine hoch entwickelte Pflanzenheilkunde sowie Yoga. Letzteres stellt übrigens in mehr als der Hälfte der getesteten Häuser einen eindeutigen Schwachpunkt dar.

Nach der ayurvedischen Lehre besteht jede Form von Materie aus einer Kombination von fünf grundlegenden Elementen – Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther. Im menschlichen Körper zeigen sie sich als drei für das Auge nicht sichtbare, subtile Energien (Vata, Pitta, Kapha), die Doshas genannt werden und alle Funktionen des Körpers, des Verstandes und des Bewusstseins regeln. So steuert Vata beispielsweise die Bewegung, die Lebensfreude und die Angst, während Pitta unter anderem für den Stoffwechsel, für Verständnis oder Ärger verantwortlich ist. Kapha ist das Strukturprinzip, welches das Gerüst der Materie bildet und unter anderem Flüssigkeitshaushalt, Abwehrkräfte, Ausdauer und Sexualtrieb regelt.

Die drei Doshas wirken auf allen Ebenen des Menschen zusammen. In jeder Zelle, aber genauso auch im gesamten Organismus erzeugen sie Strukturen und Funktionen. Nur das ausgewogene Gleichgewicht von Vata, Pitta und Kapha schafft Gesundheit. Geht es verloren, entsteht Krankheit: Viren und Bakterien können sich nur aufgrund dieser Störung ausbreiten.

Dieses für einen gesunden Menschen unbedingt nötige Gleichgewicht der Doshas bedeutet aber nicht, dass sie exakt gleich verteilt sein müssen. Vielmehr verfügt jeder über eine sehr individuelle Konstellation dieser drei Regelkreise, die seine Konstitution – seine Veranlagung oder innerste Natur – festlegt.

Die Ursache von Krankheit

Weil er sich dabei am wohlsten fühlt, strebt jeder Körper von sich aus die für ihn ideale Dosha-Konstellation an, was in Indien Prakriti genannt wird. Ist die innerste Natur durch falsche Ernährung, ungünstigen Lebensstil oder äußere Ereignisse verzerrt, geraten die Doshas aus ihrer Balance. Vikriti tritt ein: eine gestörte Funktion von Vata, Pitta und Kapha. Die Aufgabe der Ayurvedakur besteht nun darin, das momentan gestörte und Krankheit verursachende Ungleichgewicht zu finden und den Organismus wieder in einen Zustand des Gleichwichts zu bringen.

Nach der ayurvedischen Auffassung sind die Ursachen von Krankheit auch falsch getroffene Entscheidungen – beim Essen, bei der Arbeit, in sozialen Beziehungen. Da der Verstand unsere Entscheidungen steuert, beschreiben die alten Schriften den Irrtum des Intellekts – Pragya Aparadh – als letzte Ursache von Krankheit. Darum zielt Ayurveda darauf ab, die Fehler des Intellekts auszumerzen. Ein Mensch, der im Gleichgewicht ist, dessen Doshas in einem für ihn ausgewogenen Verhältnis schwingen, steht in Kontakt mit sich selbst. Er entscheidet spontan im Sinne seiner Gesundheit, im Einklang mit seiner Natur. So, wie es Goethe sagte: „Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust, ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an, was zu ergreifen ist und was zu fliehn.“

Panchakarma & Light-Kuren: Heilen, Entgiften, Regenerieren

Panchakarma ist eine Ausleitungskur, ihre Aufgabe ist es, Stoffwechselschlacken und Gifte aus dem Körper zu schleusen und so das Gleichgewicht der Doshas zu stärken. Nur ein relativ kleiner Teil des Panchakarmakonzepts, das aus fünf zweiphasigen Behandlungszyklen besteht, liegt in verschiedenartigen, jeweils auf die Bedürfnisse des Gastes abgestimmten Ölmassagen. Breiten Raum nehmen dagegen Behandlungen wie Wärmetherapie, Ölbäder für die Augen, medizinische Einläufe und manchmal sogar die Reinigung des Verdauungstraktes durch Erbrechen sowie Aderlass ein. Zur Therapie von chronischen Krankheiten wie etwa Rheuma, Asthma, Bluthochdruck oder Schuppenflechte hat sich Panchakarma jedenfalls bestens bewährt. Die Gäste in vielen der beschriebenen Hotels sind jedoch im schulmedizinischen Sinne gesund. Sie kommen zumindest ohne schwerwiegende körperliche Probleme, allerdings sehr häufig mit den für die westliche Zivilisation so typischen Folgen von Stress, falscher Lebensweise und ungesunder Ernährung: Antriebslosigkeit, unerklärliche Müdigkeit, Konzentrationsschwäche – um nur einige zu nennen. In diesen Fällen wird die Ausleitung milder ausfallen und werden in der Regel Ölmassagen verstärkt zum Einsatz kommen, dagegen entfällt bei sogenannten „Light“-Kuren die Ausleitung zur Gänze.

Ayurveda wirkt

Ayurveda wirkt: Im Körper angesammelte Gifte und Schlacken werden ausgeleitet, und je mehr Zeit dafür zur Verfügung steht, desto besser. Ähnlich wie bei einer Fasten- oder Mayrkur kehrt ein solcher Reinigungsprozess auch psychisch das Unterste zuoberst: Ein Trauma aus der Vergangenheit, Schattenanteile der Seele, verdrängte Emotionen, aber auch unterdrückte Stärken können hochkommen. In guten Kurhäusern wird man in diesem Fall einfühlsam begleitet.

Wer einmal erlebt hat, wie das duftende, warme Öl eines Shirodara (Stirnguss) quälende Kopfschmerzen fortzaubert oder wie ein Pizzichilli („Königsguss“) allmählich vom Burn-out zurück zu innerer Kraft führt, wird erahnen können, welche Schatzkammer dieses fernöstliche „Wissen vom Leben“ für uns Zivilisationsmenschen bereithält.